Connewitzer Kreuz: Verschlossenes SB-Center der Sparkasse sorgte kurzzeitig für Ärger

Burkhard H. hatte die Nase voll. Am 19. November schrieb er einen langen Brief an Dr. Harald Langenfeld, den Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Leipzig. Die bewirbt sich gern als die Nr. 1 im Leipziger Banken-Test, auch wenn es nur der "Focus Money CityContest" von "Focus Money" ist. Aber wann trifft man schon mal einen Kundenberater? 99 von 100 Begegnungen mit seinem Geldinstitut finden ohne Kundenberater statt.
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Eher selten bucht man als gewöhnlicher Sterblicher einen solchen Termin, um mit einem gut gekleideten Herrn seine Anlagestrategien zu besprechen. Aber genau in den Welten lebt und testet man bei „Focus Money“. Der Testfall, wie er 2011 beschrieben wurde: „Der Testkunde gab an, ein monatliches Bruttoeinkommen in Höhe von 3.000 Euro zu beziehen. Zudem informierte er den Bankberater, über 5000 Euro auf einem Tagesgeldkonto und über ein Depot in Höhe von 25.000 Euro zu verfügen. Stets suchten die Tester nach einem neuen Girokonto vor Ort und interessierten sich ausdrücklich für die Altersvorsorge.“

Das ist zumindest eine Welt, in der die meisten Leipziger nicht leben. Freudestrahlend wirbt Leipzigs Olympiasiegerin Tina Dietze für den Sieg im „Focus Money“-Test.

In Leipzig verdienen – so auch das Ergebnis der letzten Bürgerumfrage – nur 11 Prozent der Einwohner monatlich überhaupt mehr als 2.000 Euro. 18 Prozent verdienen zwischen 1.400 und 2.000. Und 71 Prozent müssen mit weniger auskommen.

Ist Leipzigs kommunales Kreditinstitut tatsächlich schon so weit weg von den meisten Einwohnern der Stadt und ihren Bedürfnissen und Lebensumständen? Dafür gibt es immer wieder Ärger mit überhöhten Kontobearbeitungsgebühren bei Überziehungen oder zu hohen Kosten für ein Pfändungsschutzkonto. Da meldet man sich eher nicht für einen Beratungstermin beim Kundenberater an.

Der ganz normale Bankkunde kommuniziert mit seiner Bank meist nur per Tastendruck. So wie Burkhard H., der in Connewitz wohnt und für den die Sparkassen-Filiale an der Ecke Scheffelstraße / Karl-Liebknecht-Straße einfach die nächst gelegene Möglichkeit war, seine Geldgeschäfte abzuwickeln. Dazu gehören ja für normale Leute ohne Anstellung im gehobenen öffentlichen Dienst in der Regel schnelle Abhebungen von Bargeld, das Ausdrucken von Kontoauszügen oder auch mal das Regeln von Geldüberweisungen am Automaten.
Alles möglich im SB-Center am Connewitzer Kreuz. Erst kürzlich wurde der Automatenbestand erneuert. Und wer hier nach dem üblichen Dienstschluss von höheren Beamten oder noch später vorbeikam, der sah drinnen Betriebsamkeit bis spät in die Nacht. Damit war es aber auf einmal vorbei. Die automatische Tür zum SB-Center öffnete sich nicht mehr. Außerhalb der Schalterzeiten blieb auch das SB-Center geschlossen. Dafür hatte die Sparkasse Leipzig fünf Schritte weiter einen Bargeldautomaten in die Wand gesetzt.

Schon das ein Einfall frisch aus Schilda. Denn hier kämpfen die Wartenden nicht nur mit Schnee und Eis und Regen und stehen in einer Pfütze, die hier genauso zum Dauerrepertoire des Fußweges gehört wie die wöchentlich aufgereihten zehn bis zwanzig Mülltonnen, die der Hausmeister des Gebäudes wegversperrend zwischen Tiefgaragenzufahrt und Taxi-Stand aufbaut.

Abend für Abend bildete sich jetzt eine Schlange. Burkhard H. konnte nur vermuten, dass wohl diverse Vorfälle von Vandalismus und Automatenmanipulation in der Vergangenheit zu dieser einsamen Entscheidung geführt haben. Mehrere verärgerte Connewitzer, die jüngst wieder einmal Schlange standen, weil sie anders nicht mehr an frisches Geld gekommen wären, vermuteten nach L-IZ-Nachfrage wohl eher einen technischen Versuch, die abendlichen Schläfer, die es sich manche Nacht im warmen SB-Center gemütlich gemacht hatten, auszusperren.

Erst am 9. November forderte das Sozialamt die Leipziger dazu auf, augenscheinlich obdachlose Menschen auf die Unterbringungsmöglichkeiten in den Übernachtungshäusern der Stadt hinzuweisen. Aber wer hat schon die Adressen parat? Und was soll der ratlose Bürger tun, wenn sich das Übernachtungshaus für Männer in der Rückmarsdorfer Straße 7 in Lindenau befindet, das ratlose Bündel aber in Connewitz neben dem Bankautomaten liegt – zumeist noch etwas aufgetankt mit wärmendem Alkohol und nicht wirklich ansprechfähig?

Zuweilen kommt einem die in Leipzig gepflegte Sozialpolitik doch sehr undurchdacht vor. Genauso wie der Versuch, ein mögliches Vandalismusproblem zu lösen, indem man auch gleich noch die Kunden aussperrt. Dass man aber die ganz normale Arbeitswirklichkeit der meisten Leipziger ausblendet, ist zumindest frappierend. Denn wenn die staatlichen und kommunalen Angestellten schon längst zu Hause sind, kommen viele Leipziger erst nach einem recht langen Weg von der Arbeit nach Haus und zum täglich zu Erledigenden – oder sie stecken sowieso in Arbeitsprozessen, die eine geregelte Kernarbeitszeit schon lange nicht mehr kennen. Dazu gehören mittlerweile auch die Hochschulen, wo die verfügbaren Räume mittlerweile im Mehrschichtbetrieb genutzt werden, um den Ansturm überhaupt noch aufzufangen.

Was Burkhard H. hinter dem Versuch der Sparkasse sieht, Vandalismus einzudämmen, sieht eher nach einer zunehmenden Entfremdung des Instituts von seinen Kunden aus. Oder der Mehrzahl der Kunden. Denn auch das steckt ja hinter der Dauerwerbung mit dem „Focus Money City Contest“: Man sendet Signale, welche Kundengruppe man eigentlich ansprechen möchte.

„Schlechter Komfort“, nennt Burkhard H. das, was er da am Connewitzer Kreuz erlebte. Der Brief war deutlich. Burkhard H. schrieb auch ohne Umschweife, dass er beim anstehenden Umzug daran dächte, auch gleich das Geldinstitut zu wechseln.

Die L-IZ hat natürlich nachgefragt bei der Sparkasse. Denn am Buß- und Bettag war das SB-Center wieder ohne Probleme zugänglich. Dafür blinkerte der Bargeldautomat draußen einsam an der Wand.

Die Antwort der Sparkasse:

Auf Nachfrage der L-IZ.de teilt Pressesprecherin Andrea Drese im Namen der Stadt- und Kreissparkasse Leipzig mit: „Aufgrund wiederholter starker Verunreinigungen, die vermehrt auch zu Kundenbeschwerden geführt haben, war unsere Selbstbedienungszone in der Filiale Karl-Liebknecht-Straße 153-156 vom 9. bis 19. November 2012 außerhalb der Geschäftszeiten geschlossen.“

Weiter heißt es: „Unser Außenautomat garantiert jedoch rund um die Uhr die Bargeldversorgung sowie das Abholen von Kontoauszügen. Wir haben den Vorgang intensiv geprüft, um für unsere Kunden eine zufriedenstellende und für unser Haus eine umsetzbare Lösung zu finden. Während der Wintermonate wird der SB-Bereich daher bis 22:00 Uhr für unsere Kunden zur Verfügung stehen.“

Und auch mit dem unzufriedenen Kunden möchte man sich offenbar persönlich in Verbindung setzen: „Selbstverständlich erhält Herr Burkhard H. in den nächsten Tagen eine schriftliche Antwort der Sparkasse Leipzig.“ so Andrea Drese.

Übernachtungsangebote für Leipzigs Obdachlose: www.leipzig.de/de/buerger/newsarchiv/2012/Winterprogramm-zur-Notunterbringung-von-Wohnungsnotfaellen-24347.shtml

Die Sparkassen als Contest-Sieger: www.sparkasse-leipzig.de/module/beste_bank/details/index.php?n=%2Fmodule%2Fbeste_bank%2Fdetails%2F&IFLBSERVERID=IF@@043@@IF


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Paulinum der Universität Leipzig. Foto: René Loch

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