Am Montag, 21. Mai, auf dem Leipziger Markt: Jetzt gehen auch die bildenden Künstler auf die Straße

Am Montag, 21. Mai, gehen in Leipzig die Künstler auf die Straße. Unter dem Motto "Kultur gut stärken - Wert der Kreativität" demonstrieren sie ab 12 Uhr auf dem Leipziger Markt. Parallel gehen auch in Dresden die bildenden Künstler auf die Straße, demonstrieren auf dem Wilhelm-Külz-Ring. Auch gegen die sächsische Scheinheiligkeit in Sachen Kreativszene.
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Natürlich hat die sächsische Sicht auf das prekäre Leben der Künstler System. Man freut sich in glorreichen Reden, dass sie da sind, aber man weiß nichts über die Wirtschafts- und Geldkreisläufe in diesem Bereich, der nur ein bestimmter Teilbereich dessen ist, was man so landläufig nach US-amerikanischem Vorbild Kreativwirtschaft nennt. Bei letzterer geht es vor allen um die wissensbasierte Ökonomie in ihrer Grundgesamtheit und um die Innovations-Unternehmen im speziellen.

Meist verwechselt man das mit Kulturwirtschaft. Ohne die würde alles andere zwar auch schnell ausbluten, weil ein ganz wesentlicher Input fehlte. Aber aus der Sicht der liberalen Ökonomie muss es ja irgendwo in diesen ganzen Wirtschaftskreisläufen ein Leck geben, aus dem genug Geld tröpfelt, damit auch die Künstler davon leben können. Wovon sie tatsächlich leben, das hat eine Umfrage des Sächsischen Künstlerbundes 2005 mal ergeben, als die ganze schwammige Diskussion um die Kreativwirtschaft in Sachsen gerade begann. 1.000 Mitglieder wurden angefragt, 650 haben geantwortet. Das Ergebnis: Ein bildender Künstler in Sachsen kam damals mit künstlerischer Arbeit und künstlerischen Nebentätigkeiten im Durchschnitt auf ein Monatseinkommen von 632,87 Euro.

Durchschnitte trügen. Die meisten Künstler – 68 Prozent bei den Frauen und 56 Prozent bei den Männern – schafften weniger als 500 Euro. Von den oft gepriesenen Einkommen der Stars der „Leipziger Schule“ sind die meisten Künstler in Sachsen Lichtjahre weit entfernt.

Nur 6 Prozent der Künstler schafften das, was auch 2005 als Mindestgrenze für ein anständiges Einkommen in Sachsen galt: 1.500 Euro.

Bei solchen Einkommensdimensionen ist verständlich, dass der nächste undurchdachte Vorschlag aus dem Bundessozialministerium geradezu für Panik sorgt. Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) will alle Selbständigen ab Juli 2013 zu Mindestzahlungen für die staatliche Rentenversicherung verdonnern. 400 Euro sind im Gespräch. Und das in einer Zeit, wo die meisten staatlichen Programme, die in der Vergangenheit auch Geld in Projekte der freien Szene gebracht hat, gekürzt oder gar eingedampft wurden.

Oft genug – wie in Sachsen – zugunsten der institutionalisieren Hochkultur. Die Grabenkämpfe, die in Leipzig die so genannte Hochkultur gegen die freie Kulturszene ausspielen, finden in selber Art und Weise auf Landesebene statt.

Der Freistaat Sachsen kann zwar – hinter Berlin – auf die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur in Deutschland verweisen. Man redet auch gern vom Reichtum der hier heimischen kreativen Szene. Doch das Schisma wird schon deutlich, wenn es um die Nutzung der teuer subventionierten Kultureinrichtungen für freie Künstler geht.

„Werden denn Opernhäuser und Theater den dort agierenden Künstlern zur kostenfreien honorarlosen Verfügung angeboten wie Ausstellungsräume bildenden Künstlern?“, fragt Lydia Hempel, Geschäftsführerin des Sächsischen Künstlerbundes. In der Regel nicht. Das wissen auch die Leipziger.

„Nicht etwa mangelnder Bedarf oder ein zu großes Angebot an künstlerischen ‚Leistungen‘ bedingen die meist missliche und kaum die Existenz sichernde Lage der berufstätigen Künstler“, stellt Hempel fest. „Im Gegenteil: Das öffentliche Interesse und der Bedarf an ‚Produkten‘ wie Kunstausstellungen und Beiträgen zur Belebung der ‚Aufenthaltsqualität‘ in Stadträumen ist groß. Gründe für die materielle Unsicherheit liegen vielmehr in einer nicht ernst genommenen künstlerischen Fachlichkeit, die eine angemessene Honorierung der künstlerischen Arbeit und ihrer Aufführung vermissen lassen.“Doch wenn es um die freien Künstler geht, knickern und knausern Verwaltungen und Politiker oft mit seltsamen Argumenten, führen Wirtschaftslichkeitserwägungen ins Feld, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben. Man erwartet geradezu, das sich die „Freien“ selbst ausbeuten und dabei trotzdem eine reiche Kunst-, Musik- und Theaterlandschaft vorhalten, die Städten wie Dresden und Leipzig erst ihr lebendiges Image geben.

Immerhin sind Leipzigs Politiker in den letzten Jahren so weit gekommen, dass sie sich ein verkniffenes „Ja“ zur Finanzierung der Freien Szene abgerungen haben. Doch wenn der Kulturbürgermeister die Zahlen vorlegt, wie man das machen will, zeigt sich, dass man Vorstellungen über die wirtschaftliche Dimension dieser Investition gar nicht hat. Selbst nach der zehnten Rate-Runde um das mysteriöse Konglomerat Kreativwirtschaft weiß man in Leipzig über dieses gepriesene Wirtschaftscluster nichts bis gar nichts, mengt alles durcheinander und begreift sich nicht einmal als Auftraggeber.

In Deutschland ist mit dem neoliberalen Gedöns auch eine beklemmende Grundhaltung eingezogen: Kümmern sollen sich mal die anderen. Irgendwo wird sich doch wohl ein reicher Mäzen finden. Schaut doch nach Amerika! – Verschämt nennt man das überall, wo man kürzt: Drittmittelgeber.

„Wie in der Forschung unhinterfragt, muss im Interesse der Gesellschaft ein Vorschuss auch für die bildkünstlerische Arbeit und Investigation obligat sein, gerade auch für die Entwicklung innovativer Kunst, die in den Markt (noch) nicht passt und wo die Verkaufsbilanz nichts über die künstlerische und historische Bestandsqualität sagt“, sagt Lydia Hempel dazu. „Bei einem nachweisbaren gesellschaftlichen Bedarf an Kunst, aber fehlenden zahlenden Kunden, kann es nicht heißen, diese insgesamt aufzugeben.“

Womit sie das nächste Thema anspricht: den „Kunden“. Der natürlich ausfällt, wenn das Lohnniveau im Land seit zehn Jahren stagniert, ablesbar auch in Leipzig. Und hier heißt Stagnation auch, dass über 30 Prozent der Leipziger sogar als „armutsgefährdet“ geltend. Nicht weil sie nicht arbeiten, sondern weil man selbst in Dresden den Freistaat irgendwie als vor-chinesische Provinz betrachtet und entsprechend auf Dumping-Löhne setzt. Was zusätzlich dafür sorgt, dass kein Geld „im System“ ist, das fließen kann.

Lydia Hempel: „Marktkriterien für ‚Kunstproduktion‘ können nur gelten, wenn Vergütungs-/ und Honorarfestlegungen (Stundensätze) für künstlerische Leistungen getroffen werden, die die Verwässerung von fachlicher Qualität sowie auch Unter-Wert-Verkäufe und Dumpingpreise für Kunst vermeiden können.“Und sie spricht auch den nächsten Selbstbetrug all der Gnadenbrotgeber an, die sich gar noch als Wohltäter gerieren, wenn sie sich bei Aufführungen und Ausstellungen für ihre mageren Zuschüsse als „Sponsoren“ feiern lassen. Hempel: „Ausstellungen und die Inanspruchnahme von Leistungen bildender Künstler sollten nicht vornehmlich als Möglichkeiten der Verkaufsförderung und damit ‚geldwerter Vorteil‘ für Künstler gesehen werden. Die auch nichtmusealen Präsentationen vieler moderner Kunstformen wie mediale, performative und partizipatorische Projekte sind nicht einfach verkäuflich wie das klassische Tafelbild.“

Die Hoffnung, mit der Analyse der Kreativwirtschaft im mitteldeutschen Raum würde auch auf Entscheiderebene so langsam ein Bild vom wirtschaftlichen Funktionieren der unterschiedlichen kreativen Sparten entstehen, sind nicht aufgegangen. Selbst die paar oberflächlichen Studien, in denen die Selbstausbeutung vieler dieser Selbstständigen sichtbar wurden, sind kommentarlos in den Schubladen verschwunden. Weiterdenken ist einfach zu schwer, scheint es.

Man nimmt gern, freut sich wie ein Schneekönig, dass Sachsen so reich an „Kultur“ ist. Nur bezahlen will man dafür nichts. Selbst wenn all diese Studien den Verdacht nahe legen, dass es sich hier um ein wichtiges Schmierfett für eine innovative Wirtschaft und einen attraktiven „Standort“ handelt.

Böse Zwischenfrage: Warum ist Sachsen eigentlich attraktiv?

Bei zunehmender Anerkennung der Bedeutung von Kunst und Kultur als Wirtschaftsfaktor und als langfristiger Standort- und Bildungsvorteil müssten die Bedingungen der wirtschaftlichen Fördermöglichkeiten an die Spezifika von Künstler-Unternehmen und ihren beruflichen Wettbewerb hinsichtlich Berufseinstieg, Arbeitsmarkt und Produktvermarktung besser angepasst werden, fordert Lydia Hempel. Und benennt als Beispiel zwei Label, mit denen Sachsen auch überregional protzt und für sich wirbt: die „Neue Leipziger Schule“ und „Dresden-Pop“. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Lydia Hempel: „Da Künstler bei sehr begrenzten Kulturförderungsmöglichkeiten und ohne die Gegebenheiten spezifischer Honorarfestlegungen und Unternehmensförderungsmöglichkeiten oft nur mit Hilfe steuerlicher Vergünstigungen existieren und arbeiten können und auf der Seite des Kunstmarktes die Käuferschicht und Kaufkraft nur sehr gering ist, handelt es sich bei Steuervergünstigungen (Bsp. ermäßigte Mehrwertsteuer für Kunstgegenstände), Künstlersozialversicherung etc. um lebenserhaltende Maßnahmen für das Kulturschaffen und Kunstleben und Tragpfeiler kultureller Arbeit. Sie sind als komplementäre Instrumente der Kulturförderung unbedingt zu erhalten.“

Doch diese Szenerie ist auch von der drohenden Mehrwertsteuererhöhung für künstlerische Leistungen bedroht. Für Unternehmen anderer Branchen eher nicht das Problem – die Mehrwertsteuer wird ja durchgereicht an den Kunden. Doch genau das wird für Künstler, die gar keinen sehr solventen Kundenstamm haben, zur Existenzbedrohung. Ihre Kunstwerke verteuern sich ja trotzdem. Oder sie üben sich gleich als Hungerkünstler. Kafka lässt grüßen.

„Der Preis für das der sächsischen Verfassung zu Grunde liegende Leitbild Kultur ist auf Dauer für die ausführenden Künstler zu hoch, indem sie ihn zum großen Teil selbst zahlen müssen“, stellt Lydia Hempel fest. „Die Aufrechterhaltung des künstlerischen Lebens sowie das Einstehen für kulturelle Inhalte darf nicht den Künstlern und Kulturträgern allein überlassen bleiben. Sie können es sich nicht mehr leisten.“

Und wem das alles aktuell vorkommt, weil sich ja nichts geändert hat, dem sei verraten: Alle Zitate von Lydia Hempel stammen von 2010. Da war der letzte Kulturwirtschaftsbericht der vorigen sächsischen Landesregierung von 2008 noch recht aktuell. Die aktuelle Landesregierung hat sich bei diesem Thema noch gar nicht gerührt. Doch mit jedem Jahr, mit dem die Kürzungs- und Austrockungspolitik auf Bundes- und Landesebene weiter geht, verschlechtert sich logischerweise die Situation der freien Künstler weiter. Und dass die zuständige Ministerin sie jetzt auch noch behandeln will wie reiche Rechtsanwälte und Stararchitekten, macht die Sache nicht besser.

Die Forderung Lydia Hempels vom Mai 2012: „Es geht um die Wertschätzung künstlerischer Arbeit als zentraler Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. Wir wollen nicht länger im Regen stehen!“

Aktionstag: Montag, 21. Mai, 12 Uhr, Leipzig, Marktplatz, vor dem Alten Rathaus.

Der sächsische Kulturwirtschaftsbericht von 2008: www.smwa.sachsen.de/set/431/KWB2008.pdf

Hintergrund sind die prekären Entwicklungen und die Änderungen der Gesetzeslage durch die Bundesregierung hinsichtlich:

Abschaffung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für Kunstproduktionen (Pos. 53 auf der Liste): www.gesetze-im-internet.de/ustg_1980

Angekündigte Zwangsverpflichtung für Selbständige und Freiberufler mit Pauschalbeiträgen von bis zu 400 Euro in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen: www.deskmag.com/

https://epetitionen.bundestag.de

www.saechsischer-kuenstlerbund.de


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