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Tanners Interview mit Alin Pelikowsky (Vegan News)

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    Tanner ist über 40 Sommer jung und hat gelernt, nicht mehr undifferenziert „Alles doof“ zu finden. Das macht zufriedener, verraucht doch oft Wut beim Versuch zu Verstehen und beim Nachfragen und Zuhören. In Momenten, in denen selbst Tanner traurig wird, weil allerorten dusslige Aufkleber prangen, sucht er die Nähe von Menschen, die er für kompetent hält. Beim Thema gesunde Ernährung, vegane Lebensweise und ressourcenschonendes Menschsein ist dies Alin. Tanner mag sie. Und Tanner spricht gern mit ihr.

    Liebe Alin, schön Dich mal wieder interviewen zu dürfen. Zum Thema „Veganes Leben“ bist Du immer die erste Adresse für mich, schließlich lebst Du so und schreibst unter anderem für die „Vegan News“. Dir und Deinen Freunden weht ja doch des öfteren ein recht lauter und pöbeliger Wind entgegen. Wie gehst Du da persönlich mit solchen Angriffen – die ja doch jeder Logik entgegenschreien – um?

    Zum Glück begegnen mir persönlich solche Anfeindungen ziemlich selten. Wenn, dann stehe ich hinter einem Infostand. Wobei ich die infantile Bockigkeit, mit der uns die Menschen teilweise entgegentreten, recht unterhaltsam finde. Ich meine, was erwarten die Leute, wenn sie bei uns vorbeigehen und sagen „Jetzt erst mal ein Steak!“?

    Meist hören „wir Veganer“ immer dasselbe. Es gibt kaum Neues und die abwehrenden/aggressiven Aussagen sind immer dieselben. „Was ist mit dem Löwen?“, „Pflanzen haben auch Gefühle!“, „Tiere sind zum Essen da.“ usw. Mit der Zeit habe ich gelernt, so etwas mit Humor zu nehmen und habe für das meiste ein paar Standardantworten parat. Hierzu haben ein paar großartige Autoren die meisten stereotypen Aussagen humorvoll und unterhaltsam kommentiert. Für diejenigen, die sich einen Eindruck verschaffen möchten, kann ich „Der Graslutscher“, „Der Artgenosse“ und „Die groteske Weltanschauung“ (Dankeschön 😉 )sehr empfehlen. Zu finden auf Facebook und auf eigenen Blogs.

    Auch das Team von Vegan News hat viele Klischees schon in inhaltsstarken Artikeln widerlegt. Unter www.vegan-news.de findet man sämtliche Artikel.

    Leipzig scheint trotz aller Häme ein gutes Pflaster für nachhaltige und ressourcenschonende Lebensweise zu sein. Siehst Du das auch so? Wo kann mensch denn noch nachjustieren?

    Die vegane Lebensweise ist mittlerweile recht unkompliziert umzusetzen. Da bildet auch Leipzig keine Ausnahme. Auffallend ist hier die hohe Zahl an rein veganen Gastronomieangeboten. Regelmäßig sind auswärtige Besucher neidisch und auch meine Fleischesser-Freunde mögen das vegane Essen hier sehr gern. Besonders freue ich mich im Moment auf die baldige Eröffnung eines eigenen Imbiss von Vood-Kitchen in der Bornaischen Straße. Die Rouladen sind einfach himmlisch – und selbst Cordon Bléu haben wir dank ihnen nun auch als vegane Speise zur Verfügung.

    Verbesserungsbedarf besteht nach wie vor im gastronomischen Bereich. Alternativen wie Sojamilch werden in konventionellen Gaststätten kaum angeboten. Was ich auch unter dem Gesichtspunkt der zunehmenden Zahl an Lebensmittelallergikern nicht ganz verstehen kann.

    Das Veganz hat derzeit als einziger Supermarkt in Leipzig einen „unverpackt“-Bereich. So kann auf unnötigen Plastikmüll und Verpackungen verzichtet werden. Ich meine, eine Biobanane in der Plastikfolie ist an Sarkasmus kaum zu überbieten. Wenn die Supermärkte unverpackte Bereiche einführen und Hersteller auf unnötige Doppel-Dreifachverpackungen verzichten könnten, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung.

    Ich erinnere mich an unser letztes Gespräch. Da hattest Du gerade mit Freundinnen ein Aktionswerk zur Aufklärung hinsichtlich veganer Lebensweise aus der Taufe gehoben. Was ist denn mit diesem Projekt geschehen? Wie hat es sich weiter- und entwickelt? Und wo ist es derzeit?

    Das Projekt „V Change Makers“ bestand auch schon vor meiner Zeit. Das damalige Team von V Change Makers hat mir sogar sehr geholfen auf meinem Weg zur veganen Lebensweise. Das Projekt läuft nach wie vor und ist auf Facebook und www.vchangemakers.de zu finden. Weiterhin werden Infos rund um die vegane Lebensweise geteilt und auch eigene Inhalte erstellt. Die Zusammenarbeit zwischen Kassel-Leipzig hat sich als umständlich herausgestellt. Gerade bei kreativen Prozessen sind kurze Entscheidungswege und gemeines Brainstorming unerlässlich, weshalb ich nicht mehr aktiv bei „V Change Makers“ mitwirke.

    Du bist auch liebende und umsorgende Katzenmama. Nun werden einige Schlaumiche gleich instinktiv herausrattern: „He? Vegan sein wollen aber Tiere in Wohnungen halten, das geht ja gaaaaaar nicht!!!“ Und dazu werden sie etwas Geifer verspritzten. Was entgegnest Du ihnen zu diesem Vorwurf?

    In der Tat ist die (Haus-)Tierhaltung auch ein großes Streitthema. Nicht nur, wegen dem Einsperren, sondern auch wegen der Ernährung. Die Meinungen gehen stark auseinander, ob es legitim ist, eine Katze mit Massentierhaltungsfleisch zu füttern. In einer idealen Welt – zumindest meiner Vorstellung nach – wäre es so, dass die Tiere frei wären und sich ihre Menschen selbst aussuchen könnten oder eben den Kontakt meiden. Der Bestand würde sich aufgrund der Nahrungsmittelknappheit selbst regulieren. Eingreifen durch den Menschen wäre nicht nötig.

    Wir leben jedoch nicht in einer idealen Welt. Wir leben in einer Welt mit vollen Tierheimen, vielen Straßenhunden und -katzen. Menschen nehmen entscheidenden Einfluss auf die Natur und den Tierbestand. Also sehe ich auch den Menschen in der Verantwortung den Tieren ein möglichst angenehmes Leben zu verschaffen. Meine Katzen habe ich von der Tierhilfe Leipzig Land und Sieben-Katzenleben e.V. adoptiert. Züchtungen lehne ich aus zwei Gründen ab: Der Eingriff in das Erbgut und die damit verbundene Belastung für die Tiere. Jeder, der sich schon einmal für ein Rassetier interessiert hat, wird sich an die Aufstellung mit erblichen Krankheiten erinnern. Zum anderen gibt so viele Tiere, die ein Zuhause suchen. Es ist einfach unnötig, noch mehr Tiere zu züchten, wenn wir uns nicht einmal um die vorhandenen ausreichend kümmern.

    Bei der Suche nach meiner neuen Wohnung habe ich darauf geachtet, dass meine Katzen raus können. Ich möchte einfach, dass sie glücklich sind. Und ich freue mich sehr darauf, dass sie dieses Jahr ihren ersten Frühling auf der grünen Wiese verbringen können.

    Was machst Du denn eigentlich beruflich? Oder studierend?

    Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung als Rechtsanwaltsfachangestellte und arbeite gerade unter dem formschönen Titel „Sachbearbeiterin“ Vollzeit für einen Wirtschaftsprüfer. Sicherlich ein starker Kontrast zu dem Aktivismus.

    Und in der Familienplanung? Wenn dann kleine Menschen geboren werden? Aus Dir heraus? Da gibt es ja landläufig die Meinung, dass „Veganes Leben“ ungesund ist. Wie händelst Du das?

    Achtsamkeit statt Wegsehmentalität. Foto: Alin privat
    Achtsamkeit statt Wegsehmentalität. Foto: Alin privat

    Bisher habe ich keine Kinder. Sollte sich das ändern, werde ich selbstverständlich verantwortungsvoll und zum Kindeswohl handeln. Aus diesem Grund bekommt es dann solange wie möglich die Nahrung, die für Menschenkinder gedacht ist: menschliche Muttermilch. Nach der Stillphase werde ich auf einen ausgewogenen und reichhaltigen Speiseplan achten. Die putzmunteren und gesunden Kids von befreundeten Eltern beweisen, dass die vegane Lebensweise alles andere als ungesund ist. Dies ist nur ein weiteres Vorurteil.

    Genauso ist es bei bei der landläufigen Meinung, es wäre Instinkt Fleisch zu essen und daher notwendig. Jedoch habe ich noch nie ein Kind gesehen, dass den Hasen im Kinderzimmer auffrisst. Denn Instinkt zeigt sich ohne erzieherische Einflüsse. Uns wird erst beigebracht, dass der Hase auch zum Essen da ist. Und dass die Kuh nicht nur muhend auf der Wiese steht, sondern wir aus dem Euter trinken sollen. Die ausgewogene, abwechslungsreiche pflanzliche Ernährung ist sogar sehr gesund. Einige ungesunde Nahrungsbestandteile sind in pflanzlicher Kost einfach nicht enthalten, z.B. Cholesterin, Medikamentenbelastung.

    Genauso ist es bei Milch. Zudem ist Kuhmilch von der Zusammensetzung völlig anders als menschliche Muttermilch. Es ist ja auch logisch. Die Kuhmilch ist die Muttermilch für das Kalb, mit entsprechenden Hormonen und Fetten für das Wachstum. Nach der Logik, dass Muttermilch anderer Tierarten für den Menschen gut sein sollen, könnte genauso gut Katzenmilch, Hundemilch oder Hasenmilch im Supermarktregal stehen. Diejenigen, die nun denken: „Und was ist mit Calcium“ kann ich beruhigen. Calcium, welches zweifelsohne wichtig für Kinder ist, ist auch in einigen Pflanzensorten enthalten wie z.B. Brokkoli, Nüssen, Spargel, Grünkohl, so dass bei einer ausgewogenen und abwechslungsreichen veganen Ernährung die Versorgung mit allen Nährstoffen gegeben ist.

    Hier hast Du noch Platz für Weisheit! Gibt es eine Weisheit, die Du gern verteilen möchtest? Hier ist die Möglichkeit:

    „Achtsamkeit statt Wegsehmentalität.“

    Das ist sicherlich keine Weisheit, aber gewissermaßen mein Mantra geworden. Während meiner Zeit im Aktivismus kam sehr oft die Aussage: „Das ist nun einmal so in der Gesellschaft/Tradition/kulturell(Kultur).“ Aber am Ende bilden doch wir einzelnen Menschen die große Gesellschaft. Viele schimpfen und meckern über „die da oben“, über die aktuelle Situation. Nur sind es wir, die zulassen, was „da oben“ passiert. Dass Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden. Dass Sachwerte über Menschenleben stehen. Dass wir uns nur noch selbst der Nächste sind, nicht auf andere achten und am Ende selbst allein dastehen.

    Aktuell gehen ja viele Menschen auf die Straße, jedoch leider aus dem falschen Grund. Wir können keine Minderheiten für unsere Missstände verantwortlich machen. Wir können unsere Verantwortung, die wir als Mitglieder der Gesellschaft tragen, nicht auf andere abwälzen und Schuld zuweisen. Wir müssen selbst unser Denken und Handeln verändern. Erst dann wird sich auch die Gesellschaft verändern und folglich die Politik und Wirtschaft.

    Wir haben nur diese eine Erde, diese eine Welt. Also lasst uns lieber das Beste daraus machen.

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