Artikel aus der Rubrik Zeitreise

Ein letztes Wort zu Diederich Heßling

Das Untertan-Projekt: Das zähe Leben eines rücksichtslosen Karrieristen

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserBevor wir das nun noch weiter zerlesene Reclam-Buch wieder ins Regal stellen – vielleicht noch ein paar Gedanken zum „Untertan“. Denn natürlich liest man das Buch nach Jahrzehnten anders. Aufmerksamer, weil man natürlich auch mehr Zeit hatte, diverse Spielarten des Diederich Heßling in der Wirklichkeit kennenzulernen. Und dabei eine recht beunruhigende Entdeckung zu machen: Die Diederiche sind keine Kleinbürger und keine armen Schweine. Also keine Untertanen im historischen Sinn. Weiterlesen

Seiten 426 bis 433

Das Untertan-Projekt: Das Jüngste Gericht, der Teufel und Diederichs Entweichen

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserUnd wer es nicht glaubt, kann es hier einfach nachlesen. Wie oft muss Heinrich Mann eigentlich die Zeitung des Tages fluchend zusammengefaltet und in den Papierkorb geschmissen haben, wenn wieder neuer Kaiser-Schmarrn darin stand? Denn auch die Kriegsstimmung im Wilhelminischen Kaiserreich wurde mit Frames geschaffen. Und die Worte, die diese „Rahmen“ für das Denken der Leser bilden, kommen einem vertraut vor. Die heutigen rechtsradikalen Frames stammen genau aus diesem Vokabular. Weiterlesen

Seiten 419 bis 426

Das Untertan-Projekt: Diederichs Lobeshymne auf die angebetete Macht

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserNun ist es gekommen, das große Ereignis, auf das Diederich nun seit vier Jahren hingearbeitet hat. Die Stadt Netzig hatte es zwar ein stolze Million gekostet, aber das Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist fertig und wird natürlich so zünftig eingeweiht, wie es sich das für diese biedere Kaiserzeit gehört – mit Militärkapelle, Bühne für die Honoratioren und einigem Ärger für Diederich und seine Guste. Weiterlesen

Seiten 415 bis 419

Das Untertan-Projekt: Diederich wagt die Machtprobe mit der Macht

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserDu sollst was lernen, sprach der Autor, und ließ einen Künstler auftreten. Längst ist Heinrich Mann über jeglichen Pardon für diesen schauspielernden Kaiserdarsteller Wilhelm Nr. Zwo hinweg. „Der Untertan“ ist längst zu einer Abrechnung mit einer peinlichen Zeit geworden und auch deshalb ein zutiefst deutscher Roman. Denn mit der Theatralik deutschen Heldenschwulstes trifft er ins Mark des heiligen Patriotismus. Weiterlesen

Mehr Kinder- und Frauenrechte aus der Not heraus

Zeitreise 1918: Abwehrschlacht an allen Fronten (2)

Foto: The War Budget Magazin, gemeinfrei

Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 5721. Juli 1918: Es werden die kleinen Erfolge in der Presse gefeiert. Die Worte „Offensive“ oder „Sieg“, sind schon lange nicht mehr aufgetaucht. Nun erfreut man sich an einem eigenen „Abwehrerfolg“. Denn unter Feldmarschall Ferdinand Foch führt der „Erbfeind“ Frankreich eine Gegenoffensive. Unterdessen vollzieht sich an der "Heimatfront" ein langsamer Wechsel in der Sicht auf Frauenarbeit und Rechte von Kindern, schuld daran auch der Krieg. Weiterlesen

Seiten 410 bis 415

Das Untertan-Projekt: Warum Politik ohne Geist und Güte so eine Angst vor der Zukunft hat

Oh finster sieht sie aus,oh finster ... Foto: Ralf Julke

Für alle LeserAlles wird immer schlimmer? Es braucht Große Männer, um „die Sache“ zu retten? Ein wenig melancholisch mutet schon an, wie Heinrich Mann nun das Ende seines Romans vorbereitet. Er hat einfach mal die Tonart gewechselt. „Der Untertan“ ist eigentlich eine Symphonie. Oder so etwas Ähnliches wie später Brechts „Dreigroschenoper“. Mit Huren, Helden, Lügnern, Patrioten und einem Helden, der auch zum Dreigroschen-Johnny taugt. Aber wie passen die beiden Bucks da rein? Weiterlesen

Ein grausamer Feind steht vor den Toren der Stadt Leipzig

Zeitreise 1918: Abwehrschlacht an allen Fronten (1)

Historische Postkarte von Fischer & Wittig Verlag Leipzig. Foto: Marko Hofmann

Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 57Es ist der 20. Juli vor 100 Jahren. Das Kriegsgeschehen an der Westfront spielt sich dort ab, wo schon 1914 Geschichte geschrieben wurde. „Das Wunder von der Marne“, wie es die Franzosen nannten, verhinderte das Gelingen des deutschen Schlieffen-Plans. Die erste deutsche Großoffensive war gescheitert. Fast vier Jahre später kämpfen die Kriegsparteien im Westen immer noch. Zu Hause, in Leipzig, schreiben die Zeitungen nun von einer "Sommerdefensive". Weiterlesen

Seiten 405 bis 410

Das Untertan-Projekt: Ein Blick in Diederichs sexuelle Konto-Führung

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDa haben wir nun gerade erlebt, wie Guste ihren redenschwingenden Diederich mit einem herrischen Fingerzeig zur Raison gebracht hat – da entfleucht er. Und er entpuppt sich als das, was die meisten ehrbaren Herren Bürger seines Standes sind: als ein Heuchler, ein verlogener Moralapostel. Immer deutlicher wird, dass dieses Nest Netzig im Grunde für ganz Deutschland steht, das ganze Wilhelminische Reich. Hinter den geforderten „Werten“ steckt nichts als Heuchelei. Weiterlesen

Seiten 401 bis 405

Das Untertan-Projekt: Guste dreht den Spieß um

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDer Übergang von der irgendwie abmoderierten Obszöne-Brief-Affäre ist ein kleiner Absatz. So ein Zeilenpäuschen, bei dem man als Leser Luft holt und sich auf eine Rückkehr zu geordneten Verhältnissen gefasst macht. So etwas wie „Rückkehr zur Normalität“, wie es die Verkünder von „Ordnung und Sicherheit“ so mögen. Diederich ist ja auch so einer. Und dann öffnet Heinrich Mann die Tür in sein Allerheiligstes: „Mein Haus ist meine Burg“. Weiterlesen

Seiten 396 bis 401

Das Untertan-Projekt: Die obszöne Brief-Affäre von Netzig

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserViel Rücksicht auf seinen Helden nimmt Heinrich Mann am Ende nicht mehr. Er lässt ihn nicht melodramatisch scheitern, wie das miese Kino-Spektakel mit ihren „negativen“ Helden gern machen. Nichts ist so verlogen wie die übliche Hollywood-Dramaturgie. Denn die Realität macht Typen wie Diederich Heßling nicht zu überraschten Gunfightern, wenn sie von der Kugel des Sheriffs weggepustet werden. Dazu sind die Diederiche viel zu schlau und viel zu feige. Weiterlesen

Seiten 392 bis 396

Das Untertan-Projekt: Diederich erfindet „Weltmacht“

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEr rast – und der Leser merkt es kaum. Mit Augenzwinkern erhöht Heinrich Mann immer mehr das Tempo, rafft die Ereignisse. Aber weil das so beiläufig und mit leicht ironischem Unterton geschieht, muss der Leser aufpassen, dass er auf den letzen Metern des Romans nicht aus der Bahn gekegelt wird. Wobei Diederich Heßlings Karriere natürlich geradezu atemberaubend ist. Weiterlesen

Seiten 385 bis 392

Das Untertan-Projekt: Die erstaunlichen Parallelen zum Hochstapler Felix Krull

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserMenschen leben, wie es aussieht, immer in einer Blase. Und dadurch sind sie manipulierbar. Denn was wir mit diesem „gereiften“ Diederich erleben, ist im Grunde die Karriere eines Hochstaplers. Das Thema muss in der Familie gelegen haben. Oder die beiden konkurrierenden Brüder Heinrich und Thomas Mann beschäftigten sich eben doch fast gleichzeitig mit einem ähnlichen Typus. Denn während Heinrich ab 1906 am „Untertan“-Stoff arbeitete, begann Thomas 1905 mit der Konzeption für den Hochstaplerroman, der erst ein halbes Jahrhundert später fertig werden sollte: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Weiterlesen

Seiten 379 bis 385

Das Untertan-Projekt: Ein Ort, den man lieber mit gepackten Koffern verlässt

Foto: Patrick Kulow

Für alle LeserHeinrich Mann ist als Romanautor ein Meister seines Faches. Er beherrscht alle Tricks, auch jene, die die Dicken-Wälzer-Schreiber von heute oft nicht mehr beherrschen. Fast spielerisch geht er mit der Zeit um. Hat er eben noch in immer dichter gepackten Szenen alles auf die Reichstagswahl von 1893 zugetrieben, genügt ihm ein hingeworfener Satz, um einfach mal den stillen Sommer hinter sich zu lassen: „Tatsächlich besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen Papiere.“ Weiterlesen

Seiten 377 bis 379

Das Untertan-Projekt: Ein Haftbefehl für Eugen Richter

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserNicht alle Namen und Personen im „Untertan“ sind erfunden. Und man kann ruhig darüber stolpern, dass Diederich in seiner letzten Rede vor den „Kaisertreuen“ am Abend vor der Stichwahl einen Namen erwähnt, der heute kaum noch jemandem etwas sagt. Zumindest außerhalb der Wissenschaft. Irgendjemand scheint alle seine Bücher immer noch zu lesen. Und dabei ist es nur so ein Einfall von Diederich. Er erfindet ja so gern Kaiser-Wilhelm-Zitate. Weiterlesen

Seiten 368 bis 377

Das Untertan-Projekt: Diederich entdeckt den Donald in sich

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserUnd dann ist die große Wahlveranstaltung der Freisinnigen im größten Saal von Netzig, im Saal der „Walhalla“. Und die Nationalen machen es wie zuvor die Freisinnigen – sie drängeln sich mit hinein. Heute würden Hundertschaften von schwer gerüsteter Polizei dafür sorgen, dass sich die Anhänger der beiden Parteien gar nicht erst nahekommen. Man möchte fast anrufen beim alten Heinrich Mann: War das damals tatsächlich noch normal und möglich? Weiterlesen

Seiten 365 bis 368

Das Untertan-Projekt: Wahlkampf auf die nationale Art

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserAufatmen ist nicht für diesen Diederich. Denn der Wahltag kommt heran. Und augenscheinlich war es auch schon 1893 so, dass dieses Gerammel um Wählerstimmen und Sitze die Parteisoldaten hysterisch machte. Jedenfalls die, die ihre Wahlabsprachen mit lauter faulen Deals hintersetzt haben. Bis keiner mehr wusste, wer eigentlich mit wem alles faule Deals geschlossen hat. Und das prasselt nun alles auf Diederich herein. Sein Maschinenmeister Napoleon Fischer marschiert ihm schnurstracks eines Morgens einfach ins Schlafzimmer. Weiterlesen

Seiten 360 bis 365

Das Untertan-Projekt: Diederich sieht die schäbige Rückseite der Macht

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEben glaubt man noch: Jetzt ist der Groschen bei Horst – sorry: Diederich – gefallen, schon fällt man als Leser in ein tiefes Loch. Aber da bin ich jetzt schon zu weit vorgeprescht – mitten in den Wahlkampf in Netzig. Auch das ist nicht neu, dass sich politische Karrieristen benehmen wie ... da fällt mir jetzt kein Wort zu ein. Eher staune ich, wie Heinrich Mann seinen Untertanen seziert. Denn Untertanen sind zerrissene Menschen. Sie dürfen nicht ganz sein. Weiterlesen

Seiten 352 bis 360

Das Untertan-Projekt: Diederich lernt, was wirklich auf der Seele lastet

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserUnd Diederich hat richtig gefühlt. Das überrascht ihn selbst, dass er auf einmal so viele Gefühle für seine widerborstige Schwester Emmi an den Tag legt. Und dass er auch in Aktion gerät und ihm das gar nicht mehr egal ist, denn Emmi scheint tatsächlich zu leiden darunter, dass der schneidige Leutnant von Brietzen sie jetzt ignoriert. Dabei hat Diederich ja ganz andere Probleme: Er ist erpressbar geworden. Weiterlesen

Seiten 350 bis 352

Das Untertan-Projekt: Diederichs Rüstung bekommt einen Riss

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEben noch war man geneigt, diesen Diederich für einen komplett faschistischen Charakter zu halten. Denn der zeichnet sich durch seine völlige Unfähigkeit zum Mitgefühl aus. Das hat sich nicht geändert, bis heute nicht. Die Typen merken es nicht mal, wenn man es ihnen mit dem Klammerbeutel beibringt. Und Diederich? Von dem wissen wir ja, wie er so wurde. Weiterlesen

Seiten 342 bis 350

Das Untertan-Projekt: Die 40 Jahre Vorgeschichte für den Vogelschiss

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserErst hinterher, als die Nationalsozialisten Deutschland schon mit ihrem Furor überzogen, wurde Heinrich Mann so richtig bewusst, dass er mit seinem Diederich Heßling genau den Typ des Wutbürgers beschrieben hatte, der 1933 dann zur Macht kommen sollte. Und Diederichs erste Wahlveranstaltung für seinen nationalen Kandidaten, den Major Kunze, artet in erstaunlich deutliche Töne aus. Weiterlesen