Kirchenbauwerke gehören zu vielen Ortschaften. Sie sind bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke. Die Gotteshäuser haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Heute geht es um eine sogenannte Bartning-Kirche in Rostock. Die St.-Johannis-Kirche zu Rostock ist das Gotteshaus der Kirchgemeinde St. Johannis in der Propstei Rostock im Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.

Sie steht als eine der Bartning-Notkirchen aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg unter Denkmalschutz.

Bauwerk und Geschichte

Die Kirchgemeinde entstand am 20. Juni 1946 aus zwei Gemeindebezirken der Heiligen-Geist-Gemeinde und einem Bereich der Jakobi-Gemeinde. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem damit verbundenen sprunghaften Anwachsen der Bevölkerung in Rostock aufgrund des Zustroms von Flüchtlingen und Vertriebenen sowie wegen der Zerstörung der Jakobikirche Rostock wurde es notwendig, eine Kirche im Südwesten der Stadt zu bauen.

Am 11. Februar 1948 beantragte Pastor Hans-Detlof Galley beim Rat der Stadt Rostock die Überlassung eines Bauplatzes in Erbbaurecht zur Errichtung einer Notkirche. Schließlich konnte die Gemeinde im Barnstorfer Wald Baugrund erwerben – im Tausch gegen Ländereien aus dem Besitz der Kirchenökonomie Rostock.

Der Architekt Otto Bartning hatte für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland einen Typenentwurf ausgearbeitet, der es Kirchgemeinden, deren Gotteshäuser im Krieg zerstört worden waren, ermöglichte, trotz schwieriger Finanz- und Versorgungslage der Nachkriegszeit sogenannte Notkirchen zu bauen.

In Mecklenburg wurde in Wismar als auch in Rostock im Barnstorfer Wald ein solcher Bau errichtet. Eine Besonderheit waren in Rostock der angebaute Turm und das Gemeindehaus – solche individuellen Ergänzungen waren bei Bartnings Typenentwurf möglich.

Nachdem Mecklenburgs Landesregierung eine Bau-Ausnahmegenehmigung erteilt hatte, führte Rostocks Baugenossenschaft den Bartningschen Entwurf aus. Detailplanung und Bauleitung verantwortete der Architekt und Baumeister Wilhelm Oemigk aus Rostock gemeinsam mit dem Leiter der Bauverwaltung des Oberkirchenrates in Schwerin, Oberkonsistorialrat Lorenz.

Alle grundsätzlichen Fragen von Materialverwendung, Gestaltung und Bauausführung wurden direkt mit Otto Bartning abgestimmt. Die Backsteine im sogenannten Klosterformat für die Außenmauern stammten aus der Jakobikirche und der Kapelle der Katholisch-Apostolischen Gemeinde Rostock.

Blick auf die Kirche im Jahr 1952. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-15578-0001, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5340403
Die Kirche im Jahr 1952. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-15578-0001, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5340403

Grundsteinlegung des „Typs B, Form 3 mit Sakristei und Turm“ war am 12. Juni 1949, die das Dach tragenden Holzbinder wurden in Thüringen gefertigt. Die Außenwände wurden aus Backsteinen im Klosterformat erbaut, die aus den Trümmern der Jakobikirche stammten. Möglich wurde das Bauvorhaben dank zahlreicher unbezahlter Arbeitsstunden vieler Gemeindeglieder, Theologiestudenten und Hochschullehrer. Finanzielle Unterstützung kam vom kirchlichen Hilfswerk. Die Weihe der Kirche war am 17. September 1950.

Am 1. Juli 1951 läuteten im Turm erstmals die drei Glocken mit den Schlagtönen d – f – g. 1959 wurde auf der Empore eine Orgel der Firma Schuke in Potsdam geweiht.

Bartning-Kirchen

Die Bartning-Notkirchen entstanden aufgrund des Kirchbauprogramms des Evangelischen Hilfswerks, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Architekt Otto Bartning (1883–1959) entwickelte. Das Programm hatte zum Ziel, den Mangel an gottesdienstlichen Räumen zu lindern. Ursachen waren die Zerstörung vieler Kirchen im Zweiten Weltkrieg und der Zuzug von Millionen christlichen Flüchtlingen aufgrund der Vertreibung aus deren Heimat.

Finanziert haben diese Gotteshäuser der Weltrat der Kirchen in Genf, die Lutheran World Federation, die Evangelical and Reformed Church, die Presbyterian Church und das Schweizer Hilfswerk – die Kosten pro Gotteshaus betrugen jeweils 10.000 US-Dollar.

Otto Bartning entwarf einen Modellraum in Leichtbauweise aus vorgefertigten, genormten Einzelteilen. Die Notkirchen, für die er auf einen Entwurf von 1922 zurückgriff, haben als Besonderheiten ein sogenanntes Fensterband im Obergaden und das an einen Schiffsbauch erinnernde Kirchenschiff.

Eine Innenansicht. Foto: Schiwago, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6625339
Innenansicht. Foto: Schiwago, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6625339

Dank der Fertigbauteile und der Mitarbeit der Gemeinde kostete der Bau einer Bartning-Kirche nur etwa die Hälfte dessen, was damals ein Kirchenbau in Massivbauweise gekostet hätte. In einer solchen Kirche finden zwischen 350 und 500 Gottesdienstbesucher Platz. Integriert waren meist eine Sakristei und ein abtrennbarer Gemeinderaum unter der Empore.

Das benötigte Holz für das zeltförmige Tragwerk, die Einbauten und das Gestühl stifteten überwiegend Gemeinden in Skandinavien oder den USA. Das tragende Gerüst aus sieben hölzernen Dreigelenkbindern wurde in wenigen Tagen auf dem von der Kirchgemeinde zu errichtetem Fundament aufgestellt. Von da an organisierte die Kirchgemeinde alles Weitere selbst.

Das Grundmodell ließ sich leicht lokalen Bedürfnissen anpassen. Für die nichttragenden Wände wurden oft Trümmersteine verwendet. Der Kirchturm wurde häufig seitlich an der symmetrischen Westfassade angesetzt.

Es gab zwei Typen dieses Kirchenbaus: Typ A mit Spitztonnengewölbe und gemauertem Altarraum – er wurde wegen der aufwendigeren Dachkonstruktion nur zweimal errichtet. Den Typ B als „Saalkirche mit Satteldach“ gab es mit drei verschiedenen Chorabschlüssen: mit polygonalem Altarraum, mit angemauertem Altarraum oder ohne gesonderten Altarraum.

Entstanden sind 41 Gotteshäuser vom Typ B, zwei davon wurden später an einen anderen Ort umgesetzt. Zwei der Bartning-Kirchen – die in Aachen und in Düsseldorf – wurden später abgebrochen; von der Notkirche in Hannover-List wurden die Binder in einer anderen Kirche wiederverwendet.

Bartning-Kirchen galten – anders als es die Bezeichnung „Notkirche“ vermuten lässt – von Anfang an keineswegs als Provisorien. Das zeigt sich auch daran, dass in den vergangenen Jahrzehnten Denkmalschutzbehörden in einigen Fällen den Abriss einer solchen Notkirche wie auch den Bau eines Nachfolge-Gotteshauses verhindert haben.

Bartning-Kirchen in der DDR

Auf dem damaligen Gebiet der DDR entstanden als Bartning-Notkirchen folgende Gotteshäuser: Gnadenkirche Chemnitz-Borna, Friedenskirche Dresden-Löbtau, Trinitatiskirche Leipzig-Reudnitz, Justus-Jonas-Kirche Nordhausen-Salza, Johann-Sebastian-Bach-Kirche Forst, Offenbarungskirche Berlin, Friedenskirche Stralsund, Neue Kirche Wismar sowie diese Kirche. Hinzu kam im Jahr 1950 als Bartning-Diasporakapelle die Cyriakkapelle Erfurt.

Jüngere Vergangenheit und Gegenwart

Ab Herbst 2015 wurde westlich neben der Kirche ein Chorhaus errichtet, die Grundsteinlegung war am 8. Januar 2016. Die Baukosten betrugen rund 1,6 Millionen Euro. Die Gemeindemitglieder haben mit mehreren Aktionen 250.000 Euro beigesteuert, der Kirchenkreis Mecklenburg gab 650.000 Euro dazu. Auch beteiligten sich die Hansestadt Rostock, das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Hermann-Reemtsma-Stiftung an der Finanzierung.

Nach einem Wettbewerb wurde das Architekturbüro Johannsen und Partner aus Hamburg mit dem Entwurf beauftragt. Auf etwa 480 Quadratmetern entstand ein großer Saal, ein Büro, eine Küche, Garderoben, Toiletten und Lagerräume.

Am 9. Oktober 2016 erlebte das Chorhaus mit dem Festgottesdienst seine Einweihung, Ehrengast war der damalige Bundespräsident Joachim Gauck. Die Predigt hielt Bischof Andreas von Maltzahn.

Kantorei

Die Kantorei der Johanniskirche ist mit etwa 350 Sängerinnen und Sängern eine der größten des Landes. Die Kleine und die Große Kurrende (Kinderchor), der Choralchor (Jugendchor), der Figuralchor (Oratorienchor) und der Rostocker Motettenchor wirken jährlich bei mehr als 50 Konzerten mit – zusätzlich zur musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten. Gründer der Kantorei war Kirchenmusikdirektor Hartwig Eschenburg, jetziger Kantor ist Markus Johannes Langer.

Koordinaten: 54° 4′ 48,1″ N, 12° 5′ 55,5″ O

Die Johannis-Kirche auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Johanniskirche_(Rostock)

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