Kirchenbauwerke gehören zu vielen Ortschaften. Sie sind bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke. Die Gotteshäuser haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Heute geht es um eine sogenannte Bartning-Kirche in Wismar. Die Neue Kirche ist das denkmalgeschützte Gotteshaus auf dem St.-Marien-Kirchhof in Wismar im Landkreis Nordwestmecklenburg in Mecklenburg-Vorpommern.

Entstanden ist es, da das Kirchenschiff der benachbarten, jahrhundertealten, eindrucksvollen Marienkirche wegen Kriegsschäden nicht mehr benutzbar war. Entstanden als sogenannte Notkirche für die Gemeindemitglieder der Marienkirche und der ebenfalls schwer beschädigten Georgenkirche, galt es zunächst als Übergangslösung. Bis die altehrwürdige Marienkirche wieder genutzt werden könne. Diese Übergangslösung hat jedoch bis heute Bestand.

Der Sakralbau gehört zur Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Wismar St. Marien/St. Georgen in der Propstei Wismar, Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.

Geschichte und Architektur

Die evangelische Pfarrkirche wurde 1950/1951 nach dem Notkirchen-Entwurf Typ B mit polygonalem Altarraum von Otto Bartning errichtet und von Landesbischof Niklot Beste geweiht. Als Baumaterial fanden zum Teil Trümmerziegel des Pfarrhauses und der nach schweren Bombenschäden stark beschädigten Marienkirche Verwendung.

Die Neue Kirche sollte ursprünglich als Provisorium bis zum Wiederaufbau von St. Marien dienen. Jedoch wurden 1960 Langhaus und Chor von St. Marien aus politischen Gründen gesprengt.

Der einschiffige Backsteinbau der Notkirche mit einem fünfseitigen Chorschluss wurde als letzte der Notkirchen des ersten Kirchbauprogrammes des Hilfswerks der Evangelischen Kirche Deutschlands (HEKD) gebaut; er ist mit einem Satteldach gedeckt.

Als tragende Serienelemente im Innenraum dienen Dreigelenkbinder aus Holz. Das umlaufende Fensterband unter dem Hauptdach ist an der Holzkonstruktion befestigt. Über dem im Westteil abteilbaren Gemeindesaal steht die Orgelempore.

Die Innenansicht. Foto: Siegfried von Brilon, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wismar,_Neue_Kirche,_Blick_durch_den_Kirchenraum_auf_den_Altarraum_2.JPG
Innenansicht. Foto: Siegfried von Brilon, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wismar,_Neue_Kirche,_Blick_durch_den_Kirchenraum_auf_den_Altarraum_2.JPG

Bartning-Kirchen

Die Bartning-Notkirchen entstanden aufgrund des Kirchbauprogramms des Evangelischen Hilfswerks, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Architekt Otto Bartning (1883–1959) entwickelte. Das Programm hatte zum Ziel, den Mangel an gottesdienstlichen Räumen zu lindern. Ursachen waren die Zerstörung vieler Kirchen im Zweiten Weltkrieg und der Zuzug von Millionen christlichen Flüchtlingen aufgrund der Vertreibung aus deren Heimat.

Finanziert haben diese Gotteshäuser der Weltrat der Kirchen in Genf, die Lutheran World Federation, die Evangelical and Reformed Church, die Presbyterian Church und das Schweizer Hilfswerk – die Kosten pro Gotteshaus betrugen jeweils 10.000 US-Dollar.

Otto Bartning entwarf einen Modellraum in Leichtbauweise aus vorgefertigten, genormten Einzelteilen. Die Notkirchen, für die er auf einen Entwurf von 1922 zurückgriff, haben als Besonderheiten ein sogenanntes Fensterband im Obergaden und das an einen Schiffsbauch erinnernde Kirchenschiff.

Dank der Fertigbauteile und der Mitarbeit der Gemeinde kostete der Bau einer Bartning-Kirche nur etwa die Hälfte dessen, was damals ein Kirchenbau in Massivbauweise gekostet hätte. In einer solchen Kirche finden zwischen 350 und 500 Gottesdienstbesucher Platz. Integriert waren meist eine Sakristei und ein abtrennbarer Gemeinderaum unter der Empore.

Das benötigte Holz für das zeltförmige Tragwerk, die Einbauten und das Gestühl stifteten größtenteils Gemeinden in Skandinavien oder den USA. Das tragende Gerüst aus sieben hölzernen Dreigelenkbindern wurde in wenigen Tagen auf dem von der Kirchgemeinde zu errichtetem Fundament aufgestellt. Von da an organisierte die Kirchgemeinde alles Weitere selbst.

Das Grundmodell ließ sich leicht lokalen Bedürfnissen anpassen. Für die nichttragenden Wände wurden oft Trümmersteine verwendet. Der Kirchturm wurde häufig seitlich an der symmetrischen Westfassade angesetzt.

Es gab zwei Typen dieses Kirchenbaus: Typ A mit Spitztonnengewölbe und gemauertem Altarraum – er wurde wegen der aufwendigeren Dachkonstruktion nur zweimal errichtet. Den Typ B als „Saalkirche mit Satteldach“ gab es mit drei verschiedenen Chorabschlüssen: mit polygonalem Altarraum, mit angemauertem Altarraum oder ohne gesonderten Altarraum.

Entstanden sind 41 Gotteshäuser vom Typ B, zwei davon wurden später an einen anderen Ort umgesetzt. Zwei der Bartning-Kirchen – die in Aachen und in Düsseldorf – wurden später abgebrochen; von der Notkirche in Hannover-List wurden die Binder in einer anderen Kirche wiederverwendet.

Die Neue Kirche Wismar, Foto: Wikswat, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9901063
Neue Kirche Wismar, Foto: Wikswat, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9901063

Bartning-Kirchen galten – anders als es die Bezeichnung „Notkirche“ vermuten lässt – von Anfang an keineswegs als Provisorien. Das zeigt sich auch daran, dass in den vergangenen Jahrzehnten Denkmalschutzbehörden in einigen Fällen den Abriss einer solchen Notkirche wie auch den Bau eines Nachfolge-Gotteshauses verhindert haben.

Bartning-Kirchen in der DDR

Auf dem damaligen Gebiet der DDR entstanden als Bartning-Notkirchen folgende Gotteshäuser: Gnadenkirche Chemnitz-Borna, Friedenskirche Dresden-Löbtau, Trinitatiskirche Leipzig-Reudnitz, Justus-Jonas-Kirche Nordhausen-Salza, Johann-Sebastian-Bach-Kirche Forst, Offenbarungskirche Berlin, Friedenskirche Stralsund, St.-Johannis-Kirche Rostock sowie diese Kirche. Hinzu kam im Jahr 1950 als Bartning-Diasporakapelle die Cyriakkapelle Erfurt.

Passionsaltar aus St. Georgen

Der Passionsaltar vom Anfang des 15. Jahrhunderts stand ursprünglich in der Georgenkirche und gehört zu dem geretteten Kunstgut. Das gemalte Triptychon entstand in der Werkstatt des Meisters des Tempziner Altares und zeigt Szenen aus der Passion.

Er wurde vermutlich während Ende des Zweiten Weltkrieges nach Bützow ausgelagert. Erste Konservierungsarbeiten gab es 1949, seit 1999 wurde der Altar umfangreich renoviert.

Ausstattung

Das Geläut hängt nebenan im erhaltenen Kirchturm von St. Marien, seine neun mittelalterlichen Glocken gehören zu den bedeutenden Läutwerken in Norddeutschland.

Die Orgel schuf 1966 die Orgelbaufirma Sauer aus Frankfurt/Oder. Zwischen 1951 und 1965 stand die Friese-Orgel aus der Dorfkirche Müsselmow in der Kirche.

Das bronzene Taufbecken ist mit Löwenmasken verziert. Es wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts geschaffen. Ebenso wie der Passionsaltar stand es vorher in St. Georgen. Die Kronleuchter und die beiden Wandleuchter aus Messing stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Jüngere Vergangenheit

Von der historischen Marienkirche Wismar hat nur der 80 Meter hohe Kirchturm überdauert, es gibt inzwischen als sichtbare Erinnerung an das Gotteshaus den aufgemauerten Grundriss des gesprengten Kirchenschiffs.

Der von Protestanten in Wismar erhoffte Wiederaufbau blieb ein frommer Wunsch. Nach jahrelanger Diskussion wurde die Rekonstruktion im Jahr 2017 aufgegeben, und der Förderverein löste sich auf.

Damit endete auch der jahrzehntelange Status der Neuen Kirche Wismar als Notkirche und Übergangs-Gotteshaus. Sie ist damit faktisch die Nachfolgerin der Marienkirche.

Koordinaten: 53° 53′ 25,8″ N, 11° 27′ 48,8″ O

Siehe dazu auch Sonntagskirche 82: Die Marienkirche in Wismar
Die Neue Kirche auf Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Neue_Kirche_(Wismar)
Die Marienkirche auf Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Marienkirche_(Wismar)

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