Kirchenbauwerke gehören zu vielen Ortschaften. Sie sind bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke. Die Gotteshäuser haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Diesmal geht es um ein Gotteshaus in Pirna im Landkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge im Freistaat Sachsen.

Dieses Gotteshaus ist eine der größten Hallenkirchen Mitteldeutschlands, es hat eine beeindruckende Deckengestaltung, und es ist mit seinem 7-Glocken-Geläut wohl einzigartig in Sachsen: Die Anfang des 16. Jahrhunderts errichtete Marienkirche zu Pirna ist die evangelisch-lutherische Hauptkirche der Stadt und eine der größten spätgotischen Hallenkirchen in Sachsen. Die Kirche am Kirchplatz 14 in der Altstadt steht unter Denkmalschutz.

Bauwerk

Reste eines Vorgängerbaus aus dem 13. Jahrhundert wurden bei Erdarbeiten 1889/90 im Inneren der heutigen Kirche gefunden. Der Kirchturm an der Südwest-Ecke wurde 1466 bis 1479 errichtet. Schon bald mussten aber seine beiden oberen Geschosse wieder abgetragen werden, und er erhielt später die heutige Haube.

Die spätgotische, dreischiffige Hallenkirche wurde ab 1502 unter der Leitung des Werkmeisters Peter Ulrich – genannt Peter von Pirna – errichtet: Man begann im Westen und nutzte die ältere Kirche in ihren östlichen Teilen weiter. 1510 wurde das Dachwerk über dreieinhalb Jochen im Westen aufgeschlagen.

Der Dachstuhl, der beim Traufgesims in einer Höhe von etwa 18 Meter beginnt, erhebt sich in eine Höhe von 19,50 Meter. Er ist selbsttragend und lastet laut Konstruktionszeichnung auf den Seitenwänden und den Pfeilern auf. Wahrscheinlich erhielten unmittelbar anschließend die drei westlichen Joche ihr steinernes Gewölbe mit den Netzfiguren.

1513/14 starb Peter Ulrich, der Werkmeister Markus Ribisch übernahm den Bau. Wegen einer Planänderung wurden die östlichen Joche etwas verkürzt, sodass Fundamente der Vorgängerkirche integriert werden konnten.

Altar. Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56919660
Altar. Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56919660

Bis 1523 wurden die Außenwände der Ostteile nach dem neuen Plan hochgezogen und Werksteine für die Gewölbe angefertigt. Wahrscheinlich entwarf Ribisch die komplizierteren Rippenfiguren auf gekurvten Grundrissen. Eingebaut wurde das östliche Gewölbe aber noch nicht, als 1523 die Mittel für den Bau versiegten.

Erst ab 1537 wurde weiter gebaut und damals der Dachstuhl auf den östlichen Jochen errichtet. Geleitet wurden diese Arbeiten, die vermutlich weitgehend den alten Plänen aus der Zeit um 1520 folgten, von Wolf Blechschmidt. Nun wurden die fehlenden Pfeiler aufgemauert und bis 1544/45 das Gewölbe auch im Osten geschlossen.

1570/71 wurden auf der West- und Nordseite von Bildhauer Christoph Kramer, einem Schüler von Hans Walther, steinerne Emporen mit umfangreichem Bildprogramm gestaltet.

1888–90 erhielt der Kircheninnenraum eine einheitliche Fassung von Friedrich Wilhelm Otto Dögel, vollendet von Theodor Quentin. Damals wurde auch die südliche Empore errichtet und ähnlich wie jene aus der Renaissancezeit auf der West- und Nordseite gestaltet. 2005 wurde die jüngste Renovierung abgeschlossen.

Gewölbe und Ausmalung

Das Gewölbe der Pirnaer Hallenkirche mit ihren drei gleich hohen Schiffen wird von acht schlanken, achteckigen Pfeilern getragen. Es zeigt in seinem Ostteil waghalsige und verspielte Elemente wie die in den Raum ragende Spiralrippen (Schleifenrippen), Hobelspanrippen und zwei Astrippen.

Deckengewölbe. C. Cossa, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21399692
Deckengewölbe. C. Cossa, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21399692

Über dem Chor befindet sich das kunstvolle Fischblasen-Gewölbe. In der Apsis, unmittelbar unter den Astrippen, befindet sich ein als „Wilder Mann und Wilde Frau“ bezeichnetes Menschenpaar aus Sandstein. Vielleicht wurden diese Eigenheiten schon um 1520 vom damaligen Architekten Markus Ribisch entworfen und später dann ergänzt und eingebaut.

In den von seinem Vorgänger eingewölbten drei westlichen Jochen finden sie sich noch nicht. Es ist aber auch möglich, dass einzelne Besonderheiten wie die Astrippen und ihre Figuren erst in den frühen 1540er Jahren angefertigt wurden.

Die Kirche wurde mit diesem östlichen Gewölbeteil 1546 vollendet. Sie ist mit 65 Meter Länge und 35 Meter Breite nach der Peterskirche von Görlitz und der Annenkirche von Annaberg-Buchholz die drittgrößte Hallenkirche in Sachsen. Das Mittelschiff ist 17,80 Meter hoch, die Seitenschiffe nur 20 Zentimeter niedriger.

Seit der Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen 1539 ist die Gemeinde der Marienkirche evangelisch-lutherisch. Da das Gewölbe erst danach fertiggestellt wurde, konnte der erste evangelische Pastor Anton Lauterbach sich maßgeblich an der Gestaltung des Bildprogramms der Ausmalung beteiligen.

Martin Luther und Philipp Melanchthon sind als Evangelisten Lukas und Markus abgebildet. Die mit lateinischen Erläuterungen versehenen biblischen Szenen unter den Jobst Dorndorff zugeschriebenen, vermutlich von mehreren Malern 1546 ausgeführten Gewölbemalereien sollen als Vorlage für Illustrationen der 1532 in Wittenberg gedruckten Bibelübersetzung Martin Luthers gedient haben.

Blick zur Orgel. Aagenverglaser,  CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stadtkirche_St._Marien_(Pirna),_Orgel.jpg
Blick zur Orgel. Aagenverglaser, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stadtkirche_St._Marien_(Pirna),_Orgel.jpg

Daneben finden sich Darstellungen der sieben Tugenden und von Knaben. Letztere sind teils in die Ornamentik integriert, teilweise gehören sie in mythologische Szenen mit Fabelwesen wie Kentauren.

Aus diesen Szenen stechen zwei Abbildungen heraus, in denen bewaffnete Knaben gegen Störche kämpfen. Störche erscheinen sonst kaum als Symbole. In Parallele zu ebenfalls abgebildeten Wölfen mit Mitren, die Schafe aus der Herde der Gläubigen stehlen – so wie sie sich in Flugblättern der Reformationszeit als Darstellung der Gefährdung der evangelischen Gläubigen durch das Papsttum finden –, können die Störche möglicherweise als Symbole für andere Gegner der lutherischen Reformation – wie etwa die von Nikolaus Storch verkörperten Täufer – gedeutet werden.

Wandmalereien aus der Entstehungszeit, die den Ablasshandel des gebürtigen Pirnaers Johann Tetzel verspotteten, wurden bei der Renovierung 1708 beseitigt und sind nicht erhalten. Die umfangreichen Gewölbemalereien wurden zwar bei verschiedenen Renovierungen ausgebessert und geringfügig verändert, sie sind größtenteils originalgetreu erhalten.

Ausstattung

Um 1520 entstand die Kanzel, deren Reliefs dem Freiberger Bildhauer Franz Maidburg zugeschrieben werden. Ursprünglich stand sie am dritten Pfeiler auf der Südseite von Westen aus und wurde im 19. Jahrhundert versetzt. 1576 erhielt sie ihren Schalldeckel von Christoph Kramer.

1561 wurde der Taufstein mit einem Fuß mit 26 kleinen Kinderfiguren aufgestellt. Sein Fuß stammt noch aus dieser Zeit und wurde vermutlich von Christoph Kramer aus Dresden geschaffen.

1889/90 wurde die Kuppa mit Darstellungen von Sintflut, Zug durchs Rote Meer, Jesu Taufe durch Johannes den Täufer und die Fußwaschung im Stil der (Neo-)Renaissance geschaffen. Die vier Szenen symbolisieren die Sündenvergebung und Wiedergeburt durch die Taufe.

Den aufwändigen Renaissance-Sandsteinaltar gestalteten zwischen 1609 und 1612 die Brüder Michael Schwenke und David Schwenke. Die Reliefs zeigen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, in der Mitte die Auferstehung Christi.

Orgel

Die Orgel der Marienkirche schuf im Jahr 1842 Friedrich Nikolaus Jahn aus Dresden. Das Instrument hatte zunächst 44 Register auf zwei Manualen und Pedal.

In den Jahren 1889 bis 1891 wurde das Instrument von Julius Jahn überholt und erhielt ein neues Orgelgehäuse. In den 1920er Jahren baute Johannes Jahn ein drittes Manual, erweiterte die Disposition auf 56 Register und stattete das Instrument mit pneumatischen Ton- und Registertrakturen aus.

Orgel. Paulis, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118147484
Orgel. Paulis, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118147484

Von 1978 bis 1979 wurde das Instrument von der Orgelbaufirma Herman Eule aus Bautzen überholt. Damals wurden auch die Tontrakturen wieder als mechanische Trakturen angelegt und ein neuer Spieltisch gefertigt.
Bei der Generalüberholung im Jahr 2005 wurde das Instrument gereinigt, die Schleifladen erneuert und neue Prospektpfeifen aus Zinn gefertigt.

Kirchturm und Geläut

Der 60 Meter hohe Kirchturm ist älter als die jetzige Hallenkirche. Er wurde 1466–1479 an den Vorgängerbau angebaut. Wegen Planänderungen befinden sich Teile des Turmes, die eigentlich außen sichtbar sein sollten, innerhalb der heutigen Kirche. Ein Turmfenster im Treppenhaus links neben der Orgel ermöglicht so einen Blick vom Inneren des Turmtreppenhauses in die Kirche.

Gekrönt wird der mehrstöckige Dachstuhl von einer barocken Turmhaube, die das Geläut beherbergt.
Bis in das frühe 20. Jahrhundert wohnte über dem Geläut der Glöckner/Türmer, der auch die Glocken zu betätigen hatte. Die spartanischen Wohnräume sind noch heute zu besichtigen.

Die Marienkirche zu Pirna hat seit 1994 das einzige siebenstimmige Geläut in der Sächsischen Landeskirche. Das Geläut besteht aus diesen sieben Bronze-Glocken:

1. aus dem Jahr 1669, gegossen von A. Herold, Schlagton des’ + 5,5, unterer Durchmesser 1.471 mm, Gewicht 1.920 kg,
2. aus dem Jahr 1950, gegossen von Glockengießerfamilie Schilling in Apolda, Schlagton f’ + 4, unterer Durchmesser 1.151 mm, Gewicht 950 kg,
3. aus dem Jahr 1964, gegossen von Schilling, Schlagton as’ + 11, unterer Durchmesser 945 mm, Gewicht 550 kg,
4. aus dem 15. Jahrhundert, Gießer unbekannt, Schlagton c” + 10,5, unterer Durchmesser 851 mm, Gewicht 450 kg,
5. aus dem Jahr 1994, gegossen von A. Bachert, Schlagton es” + 8, unterer Durchmesser 678 mm, Gewicht 213 kg,
6. aus dem Jahr 1994, gegossen von A. Bachert, Schlagton f” + 5,5, unterer Durchmesser 602 mm, Gewicht 148 kg,
7. aus dem Jahr 1670, gegossen von A. Herold, Schlagton as” + 11,5, unterer Durchmesser 472 mm, Gewicht 58 kg

Es ist das offenbar einzige siebenglockige Geläut der Sächsischen Landeskirche – und damit in Sachsen etwas ganz Besonderes.

Koordinaten: 50° 57′ 44″ N, 13° 56′ 37″ O

Die Pirnaer Marienkirche auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marienkirche_(Pirna)

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