Der Haus Steinstraße e.V. ist vielen Leipzigerinnen und Leipzigern bekannt: Ob im „alten Objekt“ in der Südvorstadt oder im Robert-Koch-Park in Leipzig Grünau, es gibt vielfältige kulturelle und Bildungsangebote. Am 4. Juni informierte sich Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke über den Stand der Dinge und wir durften dabei sein.

Zuerst gab es etwas über eine Aktion zu hören und zu sehen, die besonders benachteiligte Familien mit Kindern, die eingeschult werden, begeistert hat. Ulrike Bernard, die Geschäftsführerin, informierte darüber.

Schulranzenspende – Skadi Jennicke mit Katharina Hebenstreit und André Bogun. Foto: Thomas Köhler

Für einen sorgenfreien Schulstart

Unter diesem Motto hatte das Deutsche Kinderhilfswerk zu einer spendenfinanzierten Schulranzenaktion aufgerufen. Die Spendenaktion war erfolgreich und der Haus Steinstraße e. V. konnte, als Kontaktstelle des Deutschen Kinderhilfswerkes, achtzig hochwertige Schulranzen in Empfang nehmen und an bedürftige Familien ausgeben. Wir haben Ulrike Bernard gefragt wie das abgelaufen ist. Anmerkung: Der Autor und Ulrike Bernard kennen sich schon länger und sind per Du, wir haben das im Gespräch beibehalten.

Ulrike, wie war das mit den Schulranzen, wie seid ihr dazu gekommen?

Das Geld hat das Deutsche Kinderhilfswerk eingesammelt und die Firma, die die Ranzen herstellt, hat das auch unterstützt. Ich bin gefragt worden vom Kinderhilfswerk, ob ich Interesse an so einer Aktion habe. Da habe ich gesagt, unbedingt. Ja, wie viele Ranzen würden wir denn nehmen? Ich fragte, wie viele bekommen wir denn maximal? Achtzig, mehr geht nicht.

Da hast Du gesagt, dann nehme ich achtzig?

Genau, und die werden wir sehr gut los.

Ihr habt das über die Kitas gemacht, wie ist das abgelaufen?

Wir haben Gutscheine angefertigt, weil wir ja nicht wollten, dass sich Leute stigmatisiert fühlen, wenn wir direkt um „arme“ Familien werben. Dann sind die Kolleginnen und Kollegen zu den Kindergärten gegangen, mit denen wir schon kooperieren, auch zu Flüchtlingsunterkünften und zur Caritas, also zu denjenigen, die Kontakt haben und genau wissen, welche Familien wenig Geld haben. Diese haben den Gutschein bekommen und sind mit dem Gutschein zu uns gekommen. Gegen den Gutschein gab es dann einen Ranzen.

Durften die Kinder sich den aussuchen, es waren ja verschiedene?

Die Kinder haben ausgesucht, manchmal auch die Eltern, wenn das Kind noch im Kindergarten war. Manchmal kennen Eltern auch, was ihre Kinder wollen, eine bestimmte Farbe oder bestimmte Figuren. Oder aber sie haben über ihr Mobiltelefon ein Bild zum Kind geschickt, wenn es nicht dabei sein konnte. Aber die meisten sind mit ihren Kindern gekommen.

Es waren noch einige Schulranzen da, diese werden in den nächsten Tagen ihre neuen Besitzer finden. Skadi Jennicke war ebenfalls sehr angetan von der Aktion.

Haus Steinstraße soll erweitert werden

Der Haus Steinstraße e.V. hat einen zweiten Standort aufgebaut: Haus 4 im Robert-Koch-Park in Leipzig-Grünau. Im Haus und auf der zugehörigen Wiese gibt es offene Angebote wie Seniorentreff, interkulturelles Kochen, gestalterische und spielerische Angebote sowie Familienfeste oder Ferienaktionen. Auch das Café + Kreativ ist dort zu finden. Das von Ehrenamtlichen betriebene Café ist dienstags bis donnerstags und jeden 1. Sonntag im Monat geöffnet. Allerdings ist die räumliche Kapazität des Hauses bereits jetzt ausgeschöpft, der Verein braucht dringend erweiterte Kapazitäten.

Lageplan Robert-Koch-Park Grünau, Webseite Haus Steinstraße e.V. Screenshot LZ

Es gibt auf dem Gelände des Robert-Koch-Parks weitere leerstehende Gebäude, die sich teils in einem desolaten baulichen Zustand befinden, der sich mit weiter andauerndem Leerstand verschlechtert.

Die Erweiterung für Haus Steinstraße wird Haus 5 – die Wichmann-Villa und Haus 6 – das Kutscherhaus betreffen.

Ulrike Bernard und Skadi Jennicke vor der Wichmann Villa. Foto: Thomas Köhler

Wir konnten in das Haus 5 hinein und uns ein Bild vom Zustand machen. Bedenklich war, dass hier und in weiteren denkmalgeschützten Häusern Wasser im Keller stand, aber auch innen einen „morbiden Charme des Verfalls“ zeigten. Die Sack’sche Villa (Haus 16), im Volksmund Parkschloss genannt, hatte ein kaputtes Dach, welches in den letzten Jahren denkmalgerecht mit hohem finanziellen Aufwand neu gedeckt wurde. Allerdings ist durch den langen Zeitraum des Defekts inzwischen der „Schwamm“ in den Wänden angekommen.

Treppenaufgang in der Wichmann Villa. Foto: Thomas Köhler

Was will Haus Steinstraße in diesen Objekten unterbringen und wie soll das finanziert werden? Wir haben Ulrike Bernard, nach dem Rundgang mit Skadi Jennicke, danach gefragt.

Ulrike, ihr wollt euch erweitern und habt schon die Zusagen. Was soll als Nächstes passieren?

Prinzipiell möchten wir als ein Team an einem Ort zusammenarbeiten, jetzt sind wir notgedrungen noch an zwei Standorten, also hier in Grünau und in der Südvorstadt. Wir haben hier einfach nicht den Platz für alle Angebote, wobei die Bewohnerschaft der Südvorstadt sehr froh ist, dass wir noch da sind.

Wird das Haus Steinstraße perspektivisch ausschließlich hier im Robert-Koch-Park sein?

Ja, wir haben erst gedacht, dass es kurzfristig wird, es wird aber eher mittel- oder langfristig werden. Wir können in diesem Jahr die Heizungs- und Sanitäranlagen im Kutscherhaus sanieren. Bevor wir hierher nach Grünau gekommen sind, haben wir die Bürgerinnen und Bürger gefragt: Was braucht ihr, was wollt ihr? Viele haben als erstes gesagt: Wir wollen, dass hier im Park wieder ein Café ist. Also wir haben hier ein kleines Projektcafé, ganz bescheiden, aber dort im Kutscherhaus soll das professionell ablaufen und komplett barrierefrei sein. Das wird der Start sein.

Kutscherhaus, Haus 4, im Robert-Koch-Park. Foto: Thomas Köhler

Dann werden wir auch die naturpädagogischen Werkstätten einrichten und die angewandte Kunst unterbringen. Also alles, von dem wir merken, dass wir bei den Grünauern guten Zulauf haben. Auch das Handwerk werden wir hier verstärken, bevor wir hoffentlich mehr Gelder bekommen und dann die anderen Sparten, also bildende und darstellende Kunst, noch herziehen können.

Die große Frage ist immer die nach dem Geld. Habt Ihr Zusagen für Fördermittel und könnt ihr die Eigenmittel aufbringen?

Ich klopfe jetzt mal dreimal auf Holz, wir haben in den letzten Jahren eine hundertprozentige Erfolgsquote mit Fördermitteln gehabt. Das liegt bestimmt auch daran, dass die Idee, das Projekt in einem sozialen Brennpunkt umzuleiten, wie wir es machen, richtig gut ankommt und die Erfordernisse auch gesehen werden.

Ihr macht hier sowohl soziale als auch kulturelle Arbeit?

Sozial meint ja in diesem soziologischen Sinne die Gemeinschaft und alle Menschen. Das heißt, wir sind ja als Mehrgenerationenhaus für alle Menschen da und natürlich muss man sich außer um kulturelle Bildung auch um soziale Unterstützung von Menschen kümmern. Das s ist dazugekommen. Aber wir haben auch immer gesagt, wir bleiben im Kern ein Kulturzentrum, das ist ja eine Richtungsentscheidung. Wir sind seit ein paar Jahren auch Jugendkunstschule. Das heißt, wir befähigen Kinder und Jugendliche, fördern diese, sodass sie sogar oft einen kreativen Beruf ergreifen, weil sie sich das zutrauen, weil sie sich hier ausprobieren können. Wir arbeiten mit professionellen Künstlern zusammen; überhaupt sind alle, die hier arbeiten, Profis. Wir holen uns auch Künstler von außen, sodass die Kinder und Jugendlichen verstehen, wie eigentlich so ein Künstlerleben ist, wie ein Atelier ausschaut und wie künstlerische Arbeit aussieht. Das führen wir ganz pragmatisch durch.

Wo kommen denn die Fördermittel und Eigenmittel her?

Das Kulturamt der Stadt Leipzig mit seiner institutionellen Förderung und das Jugendamt sind starke Partner. Dann kommen noch diverse private Sponsoren, zum Beispiel der Lions Club Leipzig Tilia Lipsiensis, die uns seit 2008 die Treue halten und Mittel akquirieren. Dann kommt dazu das Bundesfamilienministerium, das uns als Mehrgenerationenhaus fördert, das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft, Kunst und Tourismus, die uns auf diesen innovativen Wegen seit vielen Jahren begleiten. Ohne die hätten wir nie den Sprung geschafft, inklusiv arbeiten zu können. Die haben uns das Geld gegeben, diese inklusiven Sachen auszuprobieren und immer mehr zu verbessern. Die haben uns auch geholfen, den handwerklichen Zweig aufzubauen und auszubauen.

Villa Wichmann, der morbide Charme des Verfalls. Foto: Thomas Köhler

Die Häuser, die Ihr bekommt, sind, wie wir gesehen haben, stark sanierungsbedürftig. Der Finanzbedarf ist also riesig, könnt Ihr das stemmen?

Der Finanzbedarf ist riesig, aber wir haben Rückstellungen bilden können durch private Spender. Wir haben Unterstützer gehabt, zum Beispiel mehrere Menschen aus dem Lions Club. Eine Familie hat, als der Familienvater gestorben ist, auf der Beerdigung für uns gesammelt, ein anderer auf seiner runden Geburtstagsfeier oder durch Spendenaktionen für uns. Gerade habe ich erfahren, dass das Kuratorium vom Leipziger Lichtfest entschieden hat, uns mit den Einnahmen aus den Kerzenspenden zu unterstützen. Dadurch haben wir einige Mittel zusammenbekommen, die wir einsetzen können, um weitere Mittel einzuwerben. Wir denken da zum Beispiel auch perspektivisch an „Aktion Mensch“. Außerdem erhalten wir eine großartige Unterstützung durch die städtischen Ämter, Bürgermeister und auch die Stadträte. Hier geht es zumeist um Planungs- und Genehmigungsverfahren, um Beschlüsse und sehr viele Entscheidungen. Zudem wirken viele Grünauer/innen ehrenamtlich mit. Das Projekt wird also auf sehr vielen Schultern getragen. Diese enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit sehr verschiedener Akteure ist einzigartig, um dieses große Projekt umzusetzen.

Du bist optimistisch, dass das funktioniert?

Wenn ich nicht daran glauben würde, dass es gelingt, könnte ich keinen Tag aufstehen, um das weiter zu betreiben. Ich bin total optimistisch. Wir haben hier eine Fläche von 15 Hektar. Ich glaube der Leipziger Zoo hat 23. Gut 25 Prozent der Grünauer können es sich nie leisten, in den Urlaub zu fahren. Ganz besonders sie brauchen wohnortnahe, schöne Gebiete, in denen sie verweilen, Sport treiben, Kultur erleben und sich treffen können.

Sack’sche Villa, Haus 16, mit neu gedecktem Dach. Foto: Thomas Köhler

Nehmen wir das als Schlusswort. Ulrike, ich danke Dir und wünsche viel Erfolg.

Grünau ist in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden und der Robert-Koch-Park könnte, wenn die Pläne des Haus Steinstraße e. V. aufgehen, ein kulturelles Zentrum und ein Erholungs- und Freizeitort für den Stadtteil werden. Im drittgrößten Plattenbaugebiet Ostdeutschlands liegt dieser denkmalgeschützte Robert-Koch-Park mit hundert Jahre alten Villen – das ist einzigartig und eine wunderbare Chance für den Stadtteil aufzublühen, magnetisch zu wirken und als Modellprojekt für andere Kommunen mit sozialen Brennpunkten zu dienen.

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