Wenn von der DDR-Großwohnsiedlung Leipzig-Grünau die Rede ist hört man manchmal etwas von einem „Arbeiterwohnregal“, einige redeten nach der Wende auch von einem Ghetto. Oft wird vergessen, wie Menschen noch in den 1970ern in Leipzig wohnten. Marode Altbauten, oft ohne Bad und mit der Toilette auf halber Treppe. Junge Familien bekamen oft eine „Ausbauwohnung“ als erste Wohnung, die sie mit viel Fleiß, Mühe und wechselndem Erfolg herrichteten.

So auch die zwei Familien und die alleinstehende Frau, die Karla Voigt auf ihrem Weg von der Kuchengartenstraße in Reudnitz nach Grünau begleitete. In der Ausstellung „Aus der Kuchengartenstraße nach Grünau“ im Stadtteilladen Grünau sieht man zuerst den Ausgangspunkt Kuchengartenstraße 8, in der vollen Tristesse des Verfalls im Jahre 1979. Einfühlsam begleitet die Fotografin die drei Parteien bis nach ihrem Umzug. Bei der Vernissage am 3. Juni sprachen wir mit Karla Voigt über die Entstehung der Fotografischen Dokumentation.

Das Gespräch
Frau Voigt, wie kam diese Dokumentation zustande?
Ich habe von 1976 bis 1981 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst im Fernstudium Fotografie studiert, die Dokumentation ist meine Diplomarbeit.
Im Vergleich zur Ausstellung „Als Grünau noch „Schlammhausen“ hieß“ in der Harald Kirschner den Bau von Grünau zeigt, sieht man bei Ihnen die Menschen im Vordergrund. War das Absicht?
Es ist eine soziologische Dokumentation über einen bestimmten Zeitabschnitt. Sie zeigt Familien, die aus dem maroden für den Abriss vorgesehenen Gebiet kamen, in dem es noch Kriegsschäden oder keine Reparaturmöglichkeiten gab. Dann begann man 1976 mit dem Bau von Grünau. Der erste Wohnkomplex war der WK 1, die Familien, die ich porträtiert habe, sind in den WK 4 gezogen. Das heißt, ich hatte die ganze Bauphase der Wohnkomplexe mitverfolgt und habe über das Amt des Chefarchitekten der Stadt Leipzig, Professor Horst Siegel, Zugang zu der Abteilung bekommen, die für die Wohnungsvergabe zuständig war.

Er hat mir auch geholfen, viele Genehmigungen zu bekommen. Es war ja damals nicht möglich, einfach auf Baustellen, in Häusern oder in Betrieben zu fotografieren. Ich habe ja auch in den Baubetrieben fotografiert, hier sehen Sie nur eine Auswahl, die zu dem Thema passt. Diese Wohnungsleute vermittelten mir dann freundlicherweise Familien, die für den Umzug vorgesehen waren, weil ihre Häuser abgerissen wurden. Diese Häuser waren, Sie sehen es ja, in einem elenden Zustand. Ich habe mehrere Familien angefragt, viele waren nicht dafür. Es war ja auch peinlich und schambehaftet, wie man so wohnte. Dann habe ich aber Glück gehabt, weil ich in der Kuchengartenstraße 8 ein Haus fand, in dem drei Familien wohnten. Also eine einzelne Dame, Kriegswitwe und zwei junge Familien, die diese Wohnung ein paar Jahre vorher als Ausbauwohnung bekommen hatten und noch das Beste aus diesem maroden Zustand gemacht haben. Die waren sehr aufgeschlossen und haben mich in jeder Weise unterstützt.
Wie war Ihre Erfahrung mit diesen Menschen? Es hieß ja oft, diese wären zwangsweise nach Grünau umgezogen. Meine eigene Erfahrung war aber, dass viele froh waren endlich fließend warmes Wasser und ein Bad zu haben.

Die waren auf alle Fälle froh, das zeigen ja auch die Fotos, unter welchen Bedingungen die Familien ihre Kinder groß gekriegt haben. Mit Badewanne auf dem Tisch, also das war schon nicht so einfach. Die haben aber mich in jeder Weise unterstützt, haben mich in ihre Wohnung gelassen. Sie wissen, wie es im Fernstudium war, man hatte im Monat einen Studientag, den habe ich voll für die Dokumentation genutzt, in den Familien und hier im Neubaugebiet, also damals noch in Schlammhausen. Natürlich auch Wochenenden, sodass wir uns als näher gekommen sind. Ich bin ja auch in ziemlich intime Bereiche bei denen dann gekommen. Dann haben die den Umzug und den Einzug in Grünau organisiert. Sie hatten das Glück, wieder gemeinsam in einem Haus drei Wohnungen zu bekommen. Die alte Dame eine Einraumwohnung, die eine Familie eine Dreiraum- und die mit den zwei Kindern eine Vierraumwohnung.
Die alte Hausgemeinschaft wurde so quasi wieder hergestellt?

Ja, durch meine Arbeit hat das Wohnungsamt das ein bisschen befördert, dass die wieder in ein Haus kamen.
Waren die Wohnungen, in die die gezogen sind, schon komplett fertig, oder waren die Wände noch roh und man musste selber malern?
Es war was vorbereitet, aber die haben das dann so nach ihrem Empfinden selbst gemalert, beziehungsweise tapeziert. Es war ein relativ roher Zustand, aber es war schon so eine Art Linoleum drin.
Haben Sie noch Kontakt zu den Familien?

Ich habe später noch Kontakt mit den Familien gehabt. Die haben mir gesagt, dass die Kinder hier richtig aufgeblüht sind, wobei der Schulweg gefährlich war. Wir haben uns auch bei der Ausstellung der Originale, das hier sind ja Faksimiles, gesehen. Das Stadtgeschichtliche Museum hat die Bilder und die Diplomarbeit aufgekauft, nachdem ich 2019 die Arbeit im Museum vorgestellt hatte.
Sind Sie noch aktiv als Fotografin?
Nein, ich bin ich Rentnerin, bin aber noch in einem Fotoclub.
Frau Voigt, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche viel Erfolg für die Ausstellung.
Ausstellungseröffnung
Die Ausstellung wurde von Maria Habre (Quartiermanagement Grünau) und Tim Rood (Stadtgeschichtliches Museum) eröffnet. Tim Rood würdigte nochmals die Bedeutung der soziologischen Dokumentation für die Betrachtung der neueren Geschichte Leipzigs. Anschließend sprach Klara Voigt über die Arbeit an der Dokumentation und bedankte sich bei den Akteuren, die diese Ausstellung ermöglicht haben.
Wir trafen inzwischen eine ehemalige Studentin von Klara Voigt, die Fotografin Antje Stumpe. Frau Stumpe hat 2014 bei „Pro Leipzig“ ein Buch über das neuere Grünau, mit dem Titel „Paradise lost?“ herausgegeben. Wir sprachen mit ihr darüber.
Frau Stumpe, der Titel „Paradise lost“ erinnert an das gleichnamige Poem, allerdings ohne Fragezeichen, von John Milton. Hier geht es wohl um Grünau und das kleine Paradies einiger Menschen, war das Ihre Intention?

Ja, die Intention war auch folgende, ich bin hier in Grünau aufgewachsen und habe später das Problem gehabt, dass Leute gesagt haben: Was, Du kommst aus dem Ghetto? Ich dann so: Nee, komme ich nicht, ich komme aus dem Paradies. Zu DDR-Zeiten, war das einfach für die Menschen so, wir haben ja jetzt gerade gehört unter welchen prekären Bedingungen einige gelebt haben. Dann ist man hierhergekommen und hat quasi paradiesisch Bedingungen vorgefunden. Für mich war das so eine Art Zurückkommen in die Heimat, gucken was passiert ist mit dem Stadtteil. Einige Häuser und meine Schule sind verschwunden, die gibt es nicht mehr. Und diese Leerstellen, die entstanden sind, sind als Brachflächen oder Nachnutzungsflächen wieder aufgewertet worden.
Das Buch soll also dieses Gefühl ausdrücken?
Das Buch drückt das persönliche Paradies aus. Es wurde so viel Negatives über Grünau berichtet, das wollte ich im Gegenteil dazu nicht. Ich wollte zeigen, dass man sich hier durchaus eingerichtet hat und dass man sich auch wohlfühlt und auch mit seinem Stadtteil identifiziert.
Ich bedanke mich für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin.
Fazit: Die Ausstellung im Stadtteilladen ist sehenswert, nicht nur für die Generation, die das miterlebt hat. Bis zum 22. September 2026 ist die Ausstellung zu sehen.
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