This article is also available in English: Read this article in English.
Die Gegenwart speist sich immer auch aus der Vergangenheit. Erst recht, wenn die Vergangenheit zu einem paradiesischen Ort verklärt wird und das Gefühl sich breitmacht, dass unsere Welt gerade den Bach runtergeht. Untergangsstimmung dominiert die Netzwerke. Und viele Gespräche am Küchentisch. Das beeinflusst auch Wahlen. Denn von der Untergangsstimmung profitieren faschistische Parteien. Nicht nur in Deutschland oder Ostdeutschland. Das hat Gründe, denen Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem neuen Buch nachspürt.
Er weiß, dass Vergangenheit nicht einfach verschwindet, wenn man eine Regierung abwählt oder ein ganzes Land. „Vergangenheit ist immer auch ein Schlachtfeld“, stellt er fest. Und: „Die Sehnsucht nach Sicherheit führt viele Menschen zu einer Verklärung des eigenen Raums, der einzigen Erfahrung, die als sicher gilt: der Vergangenheit.“
Das trifft nicht nur auf viele Ostdeutsche zu. Oder besser: „Ostdeutsche“, denn den homogenen Stamm der Ostdeutschen gibt es nicht, nur in den Köpfen analysefauler westdeutscher Kommentatoren und in den Parolen einer rechtsradikalen Partei, die mit ihren simplen (und falschen) Rezepten gerade drei ostdeutsche Wahlen zu gewinnen droht.
Ein drohender Erfolg, der von Bildern des Untergangs getragen wird. Und das ist nicht neu. So haben Faschisten schon immer Stimmung für sich gemacht. Das bekannteste Beispiel ist Oswald Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes“. Ein in den 1920er Jahren viel diskutiertes Buch, das 1918 und 1922 in zwei Teilen erschien – und heute praktisch unlesbar ist.
Heile Vergangenheit?
Aber der Grundgedanke ist längst ins Repertoire der modernen Faschisten gewandert. Nicht nur in Deutschland. Überall im Westen scheinen sie auf dem Vormarsch. Aber Ilko-Sascha Kowalczuk sorgt sich vor allem um die Menschen im Osten, wo die Wahlergebnisse für die AfD schon hoch waren, als man im Westen noch glaubte, das würde dort nicht so passieren. Ist aber in den letzten Wahlen auch dort passiert. Denn natürlich gibt es auch dort die Menschen, die anfällig sind für die Panikbilder der Rechtsextremen. Denn Krisen machen natürlich Angst. Da ist egal, wo man wohnt.
Und Krisen gibt es genug. Und dass sie jahrzehntelang ausgesessen und ignoriert wurden, macht die Sache nicht besser. Auch dann nicht, wenn – wie Kowalczuk feststellt – auch die Ostdeutschen zu jenen 5 Prozent privilegierter Menschen gehören, die im weltweiten Vergleich im Wohlstand leben. Die Zahlen sprechen dafür.
Aber so funktionieren Wshlentscheidungen nun einmal nicht. Denn natürlich erzeugen Krisen das Gefühl der Hilflosigkeit. Übrigens genauso wie – die Freiheit. Weshalb Kowalczuk ja in seinem letzten Buch vom „Freiheitsschock“ erzählte. Auch das mit Zahlen untersetzt, die er immer wieder auf den Tisch packt. Denn Revolutionen – so auch die Friedliche Revolution – werden von Minderheiten gemacht. Sie bringen die Dinge in Bewegung, lassen die Verhältnisse tanzen. Doch was ist mit all den Menschen, die nur zuschauen? Die hinter den Gardinen stehen und abwarten, was kommt?
Die eigentlich nur eines wollen: ungestört und unbehelligt ihren Alltag zu leben? Oft sogar froh, wenn sie nichts entscheiden müssen, weil das andere für sie tun?
Herausforderung Freiheit
Kowalczuk weiß, dass diese Mentalitäten nicht mit der DDR verschwunden sind. Im Gegenteil. Sie wurden sogar nach 1990 noch weiter bedient – von „Landesvätern“ wie Kurt Biedenkopf, Bernhard Vogel oder Manfred Stolpe, die ihren Wählerinnen und Wählern einredeten, sie müssten sich um nichts kümmern, das würde ihre Regierung schon alles machen. Das funktionierte in den ersten zehn Jahren nach der „Wende“ prima und sorgte für gigantische Wahlerfolge. Es holte viele Menschen genau da ab, wo Freiheit eigentlich anspruchsvoll unds herausfordernd ist.
Denn das hatten sie gelernt und verinnerlicht: dass man in einem autoritären Staat ganz gut leben kann, wo man seine Verantwortung einfach abgibt. Andere entscheiden. Andere sind – wenn es nicht klappt – dann an allem schuld.
Und fast erstaunt stellt Kowalczuk fest: „Niemand bemerkte, dass die Mehrheit der Ostdeutschen nach 1990 genau dieses paternalistische Staatsverständnis weiter pflegte.“
Man merkt es schnell: Eigentlich ist sein Buch eine Streitschrift, mit der er die wesentlichen Selbstbilder vieler Ostdeutscher und großer Teile der Politik demontiert. Aber auch die riesigen blinden Flecken der Geschichtswissenschaft, die eine tiefere Beschäftigung mit der DDR, der SED-Herrschaft und ihren mentalen Folgen praktisch verweigert. Man kann damit keinen Blumentopf gewinnen und auch keine der begehrten Professuren in der Geschichtswissenschaft bekommen. Auch nicht an ostdeutschen Universitäten, wie Kowalczuk kritisiert.
Er kritisiert auch die jüngsten Bücher von Dirk Oschmann und Jana Hensel, weil sie in Vielem die Opferrolle der „Ostdeutschen“ wieder betonen und die landläufigen Opfernarrative duplizieren. Als hätte sich seit 30 Jahren nichts geändert. Eigentlich sei doch alles ausdiskutiert, so Kowalczuk. Der auch darauf verweist, dass es die Verständigung über die ostdeutsche Geschichte doch längst gegeben habe.
Überfordert von der Gegenwart
„Die Wucht, mit der das Oschmann-Buch eine politische Debatte auslöste, die fast alle irritierte, hing damit zusammen, dass die meisten geglaubt hatten, die Debatte sei mittlerweile längst weiter.“ Eine Debatte, so Kowalczuk, die vor allem Ostdeutsche mit Ostdeutschen geführt hatten. Das stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Denn gerade das Echo zeigte, dass diese Debatte ganz und gar nicht die nötige Breitenwirkung entfaltete.
Und Kowalczuk benennt es ja selbst, wenn er auf die fehlenden Forschungen zur DDR-Geschichte an den Historikerlehrstühlen eingeht. Forschungen, die auch längst die Umbrucherfahrungen ab 1990 hätten untersuchen müssen. Denn auch das beeinflusst den Blick auf die heutige Gegenwart. Die Vergangenheit verschwindet nicht. Sie wird nur zu einem anderen Ort, den die Menschen verklären, wenn sie in der Gegenwart verunsichert sind.
„Vieles veränderte sich, manches zu schnell, anderes viel zu langsam“, schreibt Kowalczuk. „Menschen können nur ein gewisses Maß an Änderungen in einer bestimmten Zeit ertragen und verkraften. Überforderung führt zu Entmutigung, Verzweiflung, Wut, Verlustangst. Im Osten waren viele seit 1990 überfordert. Es waren die nicht-materiellen Dinge, die viele überforderten.“
Und so begannen viele Bewohner des Ostens, ihre eigene Vergangenheit und ihr Leben in der DDR zu verklären. Übrigens ein Prozess, der nicht nur für den Osten Deutschlands kennzeichnend ist. Dasselbe ist auch in der amerikanischen MAGA-Bewegung zu erkennen, in den Brexit-Kampagnen und allen anderen rechtspopulistischen Bewegungen des Westens. Überall malen die Populisten Bilder von einer Vergangenheit, die es so nie gab.
Und treffen auf aufnahmebereite Köpfe, die nur zu bereit sind, die Märchen vom Niedergang in der Gegenwart zu glauben und in der Vergangenheit ihr Heil zu suchen. In einer gefakten Vergangenheit, muss hinzugefügt werden.
Verklärte Vergangenheit
Damit aber werden Gefühle angesprochen. Sehr starke Gefühle. Die Vergangenheit wird zu einem imaginierten Ort der Sicherheit, der Ruhe, des Friedens. Anders als die Gegenwart mit all ihren nicht zu leugnenden Krisen. Und genau dieses Reservoir können Populisten mit ihren Parolen anzapfen.
„Erst als Wut, Frust, Enttäuschungen sich nicht nur nicht legten, sondern auch auf die nächste Generation übertragen wurden und antidemokratische politische Einstellungen in die Mitte der ostdeutschen Gesellschaft vorrückten, wurde auch mir klar, dass die überwunden geglaubte Vergangenheit gar nicht vegangen war, sondern höchst lebendig in allen Subtexten öffentlicher Diskurse waberte“, so Kowalczuk.
Tja, bleibt die Frage: Was tun? Was tun gegen diese offenkundige Sehnsucht nach einem autoritären Staat? Denn Fakt ist ja auch: Gefallen lassen müssen wir uns das nicht. Dazu ist viel zu wertvoll, was wir uns 1989 erstritten haben. Kowalczuk stellt seinem Buch deshalb „Zehn Grundsätze“ voran, die vor allem die verlogenen Narrative der Rechtspopulisten geraderücken.
Denn anders als es die Großredner in Blau behaupten, leben wir „nicht in einer Konsensgesellschaft, sondern in einer Kompromissgesellschaft“. Wir müssen nicht alle einer Meinung sein. Widerspruch gehört zur Demokratie. Und Konflikte und Probleme werden in Kompromissen gelöst.
Das setzt aber nun einmal die Bereitschaft zu Kompromissen voraus. Und damit ein etwas stärkeres Selbstbewusstsein. Denn da muss man mit anderen um Lösungen ringen. Das ist – eigentlich muss es Kowalczuk gar nicht extra betonen – das nicht ganz einfache Feld der Freiheit. Und um die Freiheit geht es die ganze Zeit.
Ging es auch 1989. Woran Kowalczuk im Anhang erinnert, wo er seinen eigenen Werdegang zu einem der bekanntesten und kritischsten Historiker aus dem Osten schildert. Auch seine Zeit vor 1989 und wie er gelernt hat, die seinerzeit in der DDR gültige Geschichtssicht zu hinterfragen, selbst die „Klassiker“ wie Marx selbst zu lesen und dabei festzustellen, dass Karl Marx sich in der DDR wohl wie im falschen Film vorgekommen wäre.
Falsche Narrative
Aber es stimmt eben auch, dass viele der falschen Erzählungen, die den Bürgern der DDR schon in der Schule beigebracht wurden, bis heute ihren Nachhall haben und auch den Blick vieler Ostdeutscher auf die Geschichte verklären.
Wie repariert man das eigentlich, wenn die DDR heute selbst im Schulunterricht nur am Rande behandelt wird? Und Historiker das Forschungsfeld lieber meiden, weil es keine Lorbeeren einbringt?
Gute Frage. Die noch virulenter wurde, seit der russische Präsident 2022 die Ukraine überfallen ließ und nun seine deutschen Nachplapperer russische Narrative verbreiten, die gerade im Osten auf fruchtbaren Boden fallen. Fundiert durch eine ziemlich allumfassende Unkenntnis der Geschichte der Ukraine. Viele Ostdeutsche glauben bis heute die imperialen Behauptungen des Kremls und verwechseln das Russland von heute mit der Sowjetunion.
Logisch, dass Kowalczuk genau das in einem eigenen Kapitel „Entscheidung in der Ukraine“ behandelt. In dem er freilich auch auf die Ignoranz westlicher Politiker eingeht, die oft noch viel blauäugiger mit dem Potentaten im Kreml verhandelten.
Demokratie unter Beschuss
Das schwingt eigentlich die ganze Zeit mit in Kowalczuks Buch: Dass der Osten ganz und gar nicht das alleinige Schmuddelkind ist, auf das jetzt alle zeigen können, frei nach dem Motto: Ihr habt die Demokratie nicht verstanden. Was dann wieder mal in die alten Muster des Othering passt, aber völlig negiert, dass der gesamte Westen mittlerweile das Problem hat. Befeuert von stinkreichen Oligarchen, denen der demokratische Staat mit all seinen Regeln des Ausgleichs schon immer ein Dorn im Auge war.
Da behalte mal einer den Kopf oben. Und den Mut, den falschen Behauptungen zu widersprechen. Denn wir sind weder wehr- noch hilflos, kann Kowalczuk feststellen. Auch Freiheit braucht ein starkes Rückgrat. „Freiheit bedeutet, sich in seine eigenen Angelegenheiten einzumischen, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren, soziale Verantwortung zu übernehmen“, lautet einer von Kowalczuks Grundsätzen.
Und Demokratie ist auch nicht das Regiment der Mehrheit, das nun über die Minderheiten bestimmt, auch wenn es die autoritären Parteien so erzählen. Sie bindet auch die „Interessen der Schwachen, der Ränder, der Minderheiten“ ein. Nicht immer gut und verlässlich. Aber Faschismus lebt nun einmal davon, dass er die Interessen all dieser Minderheiten mit Stiefeln tritt. Und die Verführung zu diesem, gnadenlosen Denken ist immer da, stellt Kowalczuk am Ende fest, wo er auch Wolfgang Mattheuers Plastik „Der Jahrhundertschritt“ Raum gibt.
Die Plastik steht in Leipzig direkt vor dem Zeitgeschichtlichen Forum, Mahnung daran, wie leicht eine Gesellschaft den Verführungen von Faust und Stiefel und staatlicher Verantwortungslosigkeit verfällt, wenn wir uns nicht wehren gegen die militante Selbstgerechtigkeit der Autoritären.
Ilko-Sascha Kowalczuk „Faschismus ist keine Meinung“ C. H. Beck, München 2026, 23 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:
















Es gibt 3 Kommentare
Die Definition von Faschismus, die mit der Überschrift dem Buche zugrunde liegt, würde mich auch mal interessieren, zumal der Autor ja, so scheint es, eine politischen Rundumschlag bewerkstelligen wollte. Also ist seine Base zum Thema Faschismus nun klar oder schwurbelt er nur rum ? Ich habe das Buch ja nicht gelesen, wenn es aber keine Definition des Faschismus enthält, dann kann man es auch bleiben lassen.
Am Anfang steht immer erst einmal eine Meinung. Das Faschismus keine Meinung ist, ist hier auch erst einmal eine Meinung. Dabei fängt es erst mal damit an genau zu definieren was Faschismus ist, oder ist das so ein Überbegriff für alles wann man so nicht mag. Dabei sollte man den Faschismus nicht mit den Nationalsozialismus verwechseln. Denn das würde die ungeheuerlichen Gräueltaten des Nationalsozialismus verharmlosen. Was die aktuelle Politik angeht, erinnert es mich in einigen Facetten doch an die DDR und die soll ja der Grund allen Übels in Ostdeutschland sein.
Auch ich denke, dass der „Westen“ nicht das leuchtende Vorbild ist. Jahrzehntelanger Wohlstand (auf Kosten globaler Ungleichheit, späterer Krisen und dem Anschluss Ostdeutschlands) hat viele bräsig gemacht.
Man hat(te) sich an eine bequeme, delegierte Demokratie gewöhnt, mit der Erwartung, dass „die da oben“ schon alles regeln.
Das Problem ist gesamtdeutsch, es nervt mich, ständig auf das „Ostdeutsche“ reduziert zu werden.
Und das tiefe Unbehagen mit der Gegenwart und ihrer Politik, nicht zuletzt durch dilettantische Agieren mehrerer „Volks-„Parteien, fördert die Entmutigung zum Handeln oder Mittun; dabei benötigt Freiheit Anstrengung.
Sind die Deutschen doch zu faul, wie Herr Merz konstatiert hat?
Wobei: Mittun und sich Gedanken machen, so habe ich das Gefühl, würden viele – und tatsächlich mit ernstem Antrieb. Nur in den derzeitigen bundespolitisierten Parteien kommt man da nicht weit.
Vielleicht braucht es doch – z.B. wie die Bürgerräte – mehr direkte Möglichkeiten, sich an der Demokratie wirkungsvoll (!) beteiligen zu können?
Im übrigen finde ich auch, dass nach über 35 Jahren eigentlich alles erzählt und geklärt sein müsste. Dass die junge Generation vor allem Ränder wählt, kann ja nicht an ihrer Vergangenheit liegen. Das hängt vielleicht doch mit der derzeitigen politischen Wahrnehmung und aktueller Bildung zusammen. Man hat ihr also eher einen „schlechten Boden bereitet“.