Manchmal muss man alte Glanzbilder zerfetzen. Und unsere Geschichtserzählungen sind voller solcher Glanzbilder. Auch die vom Alten Rom, das sich jetzt der Oldenburger Historiker Michael Sommer einmal vorgeknöpft hat. So weit das möglich ist. Denn für gewöhnlich erzählen die Zeitgenossen nie von den eher anrüchigen Seiten ihrer Welt. Über durchgeknallte Kaiser, Feldherren und Demagogen schon eher. Aber wer erzählt vom Müll, den Abwässern, den Wohnbedingungen der Armen? Von Hunger und Krankheit? Zeit für einen Großabwasch von Dirty Rome.

Naja: So weit das möglich ist. Denn auch Michael Sommer hadert mit den mehr als lückenhaften Überlieferungen der römischen Geschichtsschreiber, die in der Regel zur römischen Elite gehörten. Und für ein elitäres Publikum schrieben. Und selbst wenn sie Schmutz, Smog und Gestank wahrnahmen, war ihnen das in der Regel nicht des Aufschreibens wert. Es war zu normal. Lästiger Alltag.

Da waren Livius, Tacitus und Cicero nicht viel anders als viele heutige Autoren, denen der Abstieg in die Unterwelt einfach nur bäh ist. Nicht lohnenswert, wenn man seine edle Feder doch ganz den Schönen, Reichen und Überkandidelten widmen kann.

Auch der berühmte Antikeforscher Johann Joachim Winckelmann lebte ja in der Vorstellung einer Antike von „edler Einfalt, stiller Größe“. Eine Vorstellung, die ja bekanntlich die ganze deutsche Klassik beeinflusste. Es brauchte seine Zeit, bis auch die Archäologen lernten, dass die eigentliche Geschichte schmutzig ist und man sich intensiver um Kloaken, Latrinen, Suppenküchen, Mietskasernen und Sümpfe kümmern muss. Um Brot und blutige Spiele ohnehin.

Allein über die Lebensbedingungen der eine Million Menschen, die sich in der Kaiserzeit in Rom in schmutzigen und brandgefährlichen Häusern drängten, hätte Sommer ein ganzes Buch schreiben können. Gäbe es denn mehr Quellen dazu und würde die Wirklichkeit der gewöhnlichen Menschen, der Besitzlosen und Sklaven nicht so spärlich als winzige Randnotiz in den großen Historien auftauchen.

Das dunkle Rom

Das war nicht anders als heute, wo ein reiches Bürgertum Politik macht und die Lebenswelten der großen Mehrheit, die eher prekär durchs Leben kommen muss, einfach ignoriert. Oder verhöhnt. Es ist kein Zufall, dass einige der belastbarsten Zitate dazu aus den Werken römischer Satiriker stammen. Satire holt ihren Zunder oft genug direkt aus der Verachtung.

Obwohl auch in Sommers Reise durch das dunkle Rom (und Rom war wirklich finster, denn eine Straßenbeleuchtung gab es nicht) schnell deutlich wird, wie der Prunk der Reichen auf der harten und oft genug tödlichen Arbeit der Sklaven und Tagelöhner beruhte. Menschen, die in unzumutbaren Unterkünften hausen mussten, sich schlecht ernährten und berechtigt rebellierten, wenn es kein Brot gab. Gerade die ersten Kapitel in Sommers Buch sind eine Besichtigung dieser Welt jenseits der großen welthistorischen Dramen. Er begutachtet die hygienischen Bedingungen, die Wohnverhältnisse, die miserable Verpflegung, die billigen Mietshäuser, in denen die Mehrzahl der Römer hauste.

Auch der Lärm der Stadt Rom kommt kurz ins Bild, genauso wie der Smog, der ständig über der Stadt lag, weil gigantische Mengen an Holz verbrannt wurden bzw. Holzkohle. Was Sommer zu der eklatanten Lücke führt, die heute die Klimaforscher beschäftigt. Denn einige der älteren antiken Sagen und Legenden deuten ja darauf hin, dass Griechenland genauso wie Italien einst von dichten Wäldern bedeckt war, in denen der ganze Götterkosmos seinen Platz fand. Doch diese Wälder wurden verheizt oder verbaut – in Häusern, Bergwerken, riesigen Flotten (die dann gelegentlich in Seeschlachten gleich mal komplett untergingen).

Giftige Jobs

Oder die bei den Bergwerken verheizt wurden, wo die Edelmetalle von Sklaven, Tagelöhnern und Kindern aus dem Berg geschabt wurden. Gerade bei der Silbergewinnung wurden enorme Mengen des giftigen Bleis freigesetzt, deren Ablagerungen noch heute in Eisbohrkernen aus der Arktis nachweisbar sind. Die meisten Römer lebten mehr als ungesund, lebten meist ein kurzes, sehr erbärmliches Leben. Und von einer rationalen Medizin, wie wir sie heute kennen, konnte gar keine Rede sein. Die meisten Ärzte waren genauso ahnungslos wie ihre Patienten, von einem gewissen Galen abgesehen, dem berühmtesten Arzt seiner Zeit.

Wenn dann neue Seuchen ins Römische Reich schwappten, waren Ärzte wie Machthaber in der Regel völlig überfordert. Und es gab einige richtig große Epidemien, die Rom im Lauf der Zeit heimsuchten. Auch die Pocken scheinen hier erstmals aufgetreten zu sein.

Und so wie die Hungerzeiten sorgten auch die Epidemien dafür, dass der Koloss Rom ins Wanken geriet. Und da ist Sommer dann schnell bei all den Aufständen, Verfolgungen und Bürgerkriegen, mit denen die römische Geschichte gespickt ist. Und bei den finsteren Begleiterscheinungen von Stigmatisierung, Ausgrenzung und Intoleranz, die es in Rom auch gab.

Da erinnert den Autor so einiges an unsere Gegenwart, in der sich die Politiker der Reichen nur zu gern wieder in „spätrömischer Dekadenz“, Verachtung und Stigmatisierung üben. Da braucht man nicht viel Fantasie, um sich diese snobistischen Politiker in der Toga eines römischen Senators vorzustellen, für den die Leute da draußen nie genug arbeiten, nur lauter faules Gesindel sind.

Gerüchte machen Politik

Es ist nicht die einzige Stele, an der Michael Sommer den nur zu nahe liegenden Vergleich mit der Gegenwart zieht. Einer Gegenwart, die Selbstbereicherung, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch genauso kennt. Da waren nicht nur römische Karrieristen der Meinung, alle und jeder seien käuflich. Man darf auch erschrecken, wie sehr so einiges in unserer Gesellschaft an diese schäbige Seite des Alten Rom erinnert. Bis hin zur Frauenverachtung und der verheerenden Rolle von Gerüchten und Fake News, mit denen die öffentliche Meinung manipuliert wird und finstere Gestalten sich ihrer politischen Konkurrenz entledigen.

Und nicht nur das, denn einige Historien berichten eben auch davon, wie mit Gerüchten Massaker angezettelt wurden und Gewalt gegen Minderheiten und Andersgläubige begründet wurde. Da wird so mancher finstere Typ, den man aus den überlieferten Geschichtswerken kennt, noch unausstehlicher. Auch weil man ahnt, wie diese Verhaltensweisen noch heute das Gerangel um Macht, Einfluss und Money bestimmen. Was auch schiefgehen konnte, denn so manchen ungeliebten Kaiser entsorgten die Römer (bzw. seine Konkurrenten aus der römischen Elite) kurzerhand im Tiber.

Und dieser Tiber war folglich auch kein idyllischer Fluss, sondern eine stinkende Kloake, in die die Abwässer der Stadt Rom auch ungefiltert abflossen. Man bekommt den Geruch nicht aus der Nase, bildlich gesprochen, wenn man mit Sommer zumindest in groben Skizzen das Leben der Römer abseits der Prachtalleen und des Palatin, wo die Reichen und Mächtigen lebten, näher beleuchtet.

Auch wenn nur karge Stellen in den überlieferten Schriften diese Realität andeuten. Manchmal auch alte Rechnungen und die erstaunlich detaillierte römische Gesetzgebung. Denn auch da ging es natürlich um Geld und Haftung. Und so manch heute noch immer Berühmter verdiente sein Geld mit dem Vermieten schäbiger Häuser.

Es ist ein letztlich sehr erhellender Blick in die römischen Zustände, hinter die schönen Kulissen, die noch die Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts aufstellten. Während die moderne Archäologie gelernt hat, auch das Leben der Namen- und Ruhmlosen ernst zu nehmen und dessen Spuren zu suchen. Denn diese Spuren verraten, wie das Römische Reich letztlich tatsächlich funktionierte. Und wie es sich in diesem Riesenreich tatsächlich lebte, wenn man nicht zur Nobilität gehörte. Sondern jeden Tag erneut die Sorge hatte, wo man sich wenigstens ein paar Denare für Suppe und Miete verdienen konnte.

Michael Sommer „Dirty Rome“ C.H. Beck, München 2026, 26 Euro.

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