Was bleibt von einem Autor? Seine Bücher? Welche Bücher? Oder doch eher seine politischen Einsprüche? Ist Literatur denn keine Politik? Thomas Mann gehört – nachdem er Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in der alten Bundesrepublik geradezu ignoriert wurde – inzwischen (wieder) zum Klassikerkanon der deutschen Literatur. Schon das ist ein Politikum, das der Historiker Hans Woller natürlich auch streift, nachdem er den politischen Thomas Mann regelrecht ausgegraben hat.

Denn der spielt in der Rezeption des 1875 geborenen Schriftstellers bis heute eher eine untergeordnete Rolle. Auch wenn sich die Zahl der fundierten Arbeiten zu Thomas Mann in den letzten Jahren deutlich vermehrt hat. Erst recht aufs Jahr 2025 hin, als der 150. Geburtstag Thomas Manns anstand. Ein Jubiläum, das Hans Woller – trotz allen Drängens seines Lektors – nicht geschafft hat.

Denn dazu war das Material, das mittlerweile zum Leben und Schreiben des Nobelpreisträgers zur Verfügung steht, fast unüberschaubar. Denn Thomas Mann ist nicht grundlos zu zu jenem „Klassiker“ geworden, der zeitweilig geradezu das moralische Gewissen der Deutschen gewesen zu sein schien.

Denn spätestens in der Weimarer Republik begann er, sich mit Essays, Streitschriften, Artikeln zur politischen Lage zu Wort zu melden, sich immer wieder einzumischen und damit nach und nach zu einer Instanz zu werden, die respektiert und angefeindet wurde. Ein Aspekt seines Schreibens, der in den meisten Biografien bestenfalls Randthema ist. Doch gerade die Fülle des Materials, das Hans Woller durchgearbeitet hat, zeigt, dass es den unpolitischen Thomas Mann eigentlich nie gegeben hat.

Ein Unpolitischer wird politisch

Auch wenn er mit den im Ersten Weltkrieg geschrieben und 1918 veröffentlichten „Betrachtungen eines Unpolitischen“ eine auffallend falsche Spur gelegt hatte. Selbst diese „Betrachtungen“ sind hochpolitisch, wie Woller feststellt. Wenn auch auf eine Weise, die man mit dem späteren Thomas Mann nicht in Deckung zu bringen vermag. Denn genauso wie seine anderen Kriegsschriften war es ein – sehr voluminöser – „Kreuzzug gegen die Demokratie“, insbesondere die der westlichen „Feindstaaten“. Verbunden mit einer Verklärung der (deutschen) Monarchie.

Aber der 600-Seiten-Wälzer war auch noch etwas anderes und damit typisch für Thomas Mann: Es war die in Schrift gegossene Suche nach einer Erklärung für den Zustand der Welt. Typisch auch deshalb, weil der Autor vor Überspitzungen, Mythen und Oberflächlichkeiten nicht zurückschreckte. Die ihn in diesem Fall geradezu zum Kriegsbefürworter auf deutscher Seite machten und zum Stichwortgeber der rechten Radikalen. Die ihn auch nach dem Krieg nur zu gern vereinnahmt hätten. Doch da orientierte sich Thomas Mann wieder neu, auch wenn er mit der Weimarer Republik bis zu deren tragischem Ende haderte.

Woller zeichnet diese Irrungen und Wirrungen des berühmten Autors akribisch nach, versucht auch die Motive hinter Manns politischen Einmischungen zu enträtseln. Und es gab so einige. Unter anderen seinen Bruder Heinrich Mann, der in den frühen Jahren der Weimarer Republik wesentlich präsenter und klarer linke Positionen vertrat.

Ganz zu schweigen von seinem 1918 als Buch veröffentlichten Erfolgsroman „Der Untertan“, mit dem Heinrich Mann den opportunistischen Kleinbürger porträtiert hatte, der für „Kaiser und Vaterland“ jubelnd in den Krieg zog. War also diese Position des überzeugten Kritikers der Autokratie schon besetzt? Ausgerechnet durch seinen Bruder?

Ein Olympier über den Wolken

Am älteren Bruder rieb sich Thomas Mann ein Leben lang. Immer wieder. Aber da war ja auch noch Goethe, an dem Thomas Mann sich zeitlebens maß. Und dessen Rolle er durchaus geneigt auszufüllen geneigt war: ein Olympier über den Wolken, der aus der hohen Perspektive des Dichters den ratlosen Deutschen zum moralischen Maßstab werden wollte. Und das auch wurde, spätestens mit seinen kritischen Schriften gegen Hitler und seinen legendären Rundfunkansprachen in der BBC. Die an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen.

Gerade in der Analyse von Thomas Manns Wortmeldungen ab 1936 wird deutlich, dass er nie wirklich der unberührte, über den Wolken schwebende Kommentator des Weltgeschehens war. Er nahm, was da in Deutschland geschah, persönlich. Auch weil er und seine Familie direkt betroffen waren. Die Aberkennung der Ehrendoktorwürde und die spätere Aberkennung der Staatsbürgerschaft trafen ihn genauso wie die erzwungene Flucht, erst nach Frankreich und dann in die Schweiz, die er selbst nicht als Emigration verstehen wollte.

Aber der Furor der Nazis hat ihn zutiefst traumatisiert. Ein Trauma, das in seinen Schriften auch wieder sichtbar werden sollte, als die USA – seine neue Wahlheimat – nach dem Tod von Franklin D. Roosevelt zusehends nach rechts drifteten und – befeuert durch republikanische Politiker wie Joseph McCarthy – eine regelrechte Hysterie über das Land schwappte und Thomas Mann – am Ende berechtigt – befürchtete, selbst vor den von McCarthy dominierten Untersuchungsausschuss für unamerikanische Umtriebe geladen zu werden.

Kein Blatt vor dem Mund

Eine Gefahr, die er selbst damit heraufbeschwor, dass er immer wieder einen heraufkommenden Sozialismus beschwor, auch wenn seine Reden und Schriften deutlich machten, dass er diese politische Richtung und deren tatsächliche Ausformung in Stalins Russland immer wieder verklärte. Trotz besseren Wissens. Denn kaum ein Autor zu seiner Zeit war so gut informiert wie Thomas Mann.

Er muss die Tagespresse geradezu verschlungen haben. Sehr wohl offen für die Wahrheit, die er den Deutschen schon während des Krieges um die Ohren haute. Denn was in den deutschen Lagern passierte und wie systematisch die Nazis an die Vernichtung der Juden gingen, das war scho frühzeitig bekannt. Niemand konnte wirklich behaupten, er hätte nichts davon gewusst.

Nur verband sich selbst dieses Wissen bei Thomas Mann mit tief liegenden Ängsten. Spätestens ab 1938, als Hitlerdeutschland von einem Sieg zum anderen zu marschieren schien und die westlichen Demokratien immer wieder klein beigaben oder reihenweise militärisch in die Knie gingen.

Das war die Zeit, als Thomas Mann in den USA immer lauter und verzweifelter forderte, die USA sollten endlich ihre trügerische Isolation aufgeben und in diesem Krieg wenigstens den Engländern beistehen. Sie wären die einzige Nation, die dem übermächtigen Deutschland noch Paroli bieten könnte. Abgesehen von der Sowjetunion, in der Thomas Mann tatsächlich den Versuch sah, eine menschlichere Gesellschaft aufzubauen. Wenn auch mit scheinbar notwendigen brutalen Methoden. Er wusste um die Stalinschen Verbrechen, verdrängte es aber immer wieder. Was ihm Hans Woller immer wieder ankreidet.

Die leichte Zerstörbarkeit der Demokratie

Aber gerade da wird die Zerrissenheit dieses Schriftstellers sichtbar, genauso wie die Zerrissenheit der Zeit. Wo war eigentlich noch Hoffnung, wenn man – so wie Thomas Mann – miterlebt hat, wie leicht eine Demokratie wie die Weimarer durch gewalttätige rechtsextreme Horden zerstört werden konnte – ohne spürbare Gegenwehr der ach so stolzen bürgerlichen Mitte? Da war er nicht der einzige, der sich mit seinen Warnungen auf verlorenem Posten gefühlt hatte und geradezu entsetzt war, wie selbst einstige Kampfgefährten sich gleich 1933 den Nazis andienten.

Eine Furcht, die uns heute durchaus vertraut vorkommen darf, wo die scheinbar so stabile Demokratie geradezu ins Rutschen zu kommen scheint, weil Millionen Wähler ihr Heil bei einer rechtsextremen Partei suchen, die sogar schon lautstark ankündigt, wie sie das demokratische Gefüge demolieren will. Auch die Nazis in der Weimarer Republik hatten lautstark angekündigt, was sie vorhatten.

Und 1933 zeigten sie ja dann, wie schnell man alle demokratischen Institutionen schleifen und gleichschalten kann. Da war die Hoffnung Thomas Manns, die amerikanische Demokratie wäre viel robuster als die damalige deutsche, nur zu berechtigt. Die antikommunistische Hysterie nach dem Krieg musste ihn zutiefst erschrecken und ängstigen.

Und genau das wird an den Wortmeldungen Thomas Manns immer wieder deutlich. Anders als in seinen großen Romanen nahm er hier kein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil: Er ließ seinen Gefühlen freien Lauf, wandte sein brillantes sprachliches Können immer wieder auch dazu an, scharf zu formulieren, politische Gegenspieler frontal anzugreifen und dabei auch vor bissigen Übertreibungen nicht zurückzuschrecken. Gefundenes Fressen natürlich auch für die Presse der Zeit, die sich auch damals schon daran erfreute, wenn sie scheinbar unantastbare Berühmtheiten anprangern und zerstören konnte.

Gefeiert und angegriffen

Die letzten Jahre von Thomas Mann in den USA scheinen von diesen Angriffen und der zunehmenden Ausgrenzung des zuvor noch gefeierten Autors geprägt gewesen zu sein. Wenigstens in Manns Selbstwahrnehmung, die Hans Woller direkt aus seinen Briefen und Tagebucheinträgen zitieren kann. Vielleicht braucht es zur Biografie des politischen Autors auch noch die des traumatisierten Autors.

Denn spätestens seit den späten 1920er Jahren ist gerade dieser Aspekt in den öffentlichen Wortmeldungen Thomas Manns unübersehbar. Er zeigte sich nicht nur zutiefst verletzt, er griff auch zu schwerem verbalen Geschütz, wurde so heftig in seinen Formulierungen, dass ihn am Ende seine Frau Katja und Tochter Erika immer wieder bremsen und die Texte entschärfen mussten. Als wenn Thomas Mann nicht mehr selbst überschaute, wie er sich damit selbst gefährdete und zum Ziel neuer Angriffe machte.

Aber er konnte nicht anders. Und in gewisser Weise versteht man das sogar. Wie reagiert ein weltberühmter Autor, dessen tief sitzende Ängste erneut getriggert wurden. Teilweise ganz gezielt, denn etliche der Kampagnen gegen ihn (manche direkt vom FBI gesteuert) zielten gerade gegen die Position, die er sich über Jahre erarbeitet hatte, stellten seine Loyalität und seine Unabhängigkeit infrage, machten ihn geradezu zum verkappten Kommunisten.

Wo ist das bessere Deutschland?

Und in Deutschland erging es ihm nicht viel besser. Gerade in Westdeutschland begegnete er einer Atmosphäre, die ihn zutiefst daran zweifeln ließ, dass die Deutschen ihren Nazi-Geist je verlieren und verlässliche Demokraten werden würden. Und das war nicht ganz unberechtigt, denn auch Thomas Mann bekam zu spüren, mit welcher Verachtung man gerade in Westdeutschland den Emigranten begegnete, die die Nazi-Zeit „nur“ im Exil erlebt hatten.

Es war kein Zufall, dass namhafte Autoren wie Arnold Zweig, Bert Brecht oder Anna Seghers lieber in den Ostteil des Landes gingen und andere namhafte Schriftsteller lieber in ihren Gastländern blieben, als sich der durchaus giftigen Atmosphäre im Westteil auszusetzen.

Und auch Thomas Mann kehrte aus den USA nicht nach Deutschland zurück, sondern wählte wieder die Schweiz als Zufluchtsort. Auch wenn er den Traum eines wiedervereinten Deutschland durchaus träumte, was bei seinen Gastauftritten in West- und Ostdeutschland zum Goethe-Jubiläum 1949 und zum Schillerjubiläum 1955 deutlich wurde. Und ihm neue Anfeindungen eintrug. Hätte er da die Auftritte in Weimar nicht nutzen können, die Regierenden in Ostberlin anzuprangern? Auch Hans Woller vertritt diese Meinung.

Und es ist wieder so ein Moment, in dem man sich fragt: Wird da von einem gealterten Autor nicht zu viel erwartet? Mitten in einer Zeit, in der sich die Stimmung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs verschärfte? Während Thomas Mann von Johannes R. Becher und Walter Janka im Osten geradezu mit offenen Armen empfangen wurde. Was tut man da als eingeladener Gast, der auch noch ganz gewöhnliche wirtschaftliche Sorgen hatte und auch in der DDR verlegt werden wollte?

Von wegen Olymp

Gerade weil Hans Woller immer wieder auch die Zweifel und Bedenken des berühmten Autors aus Briefen und Tagebüchern zitiert, wird deutlich, dass Thomas Mann nicht so einfach in die Erwartungsraster passt. Auch nicht in die in Ost und West gezeichneten Bilder seines Auftretens. Woller zeigt im Grunde die ganze Unsicherheit, das Suchen, Irren und Ausweichen eines Manns, der sehr wohl politisch wirksam werden wollte, aber seinen latenten Ängsten und tief sitzenden Traumata nicht entkommen konnte. Gerade wenn die Angriffe heftig wurden, versank Thomas Mann oft in tagelanges Brüten, quälte sich ewig mit Erwiderungen, die geradezu strotzten von verbalen Überspitzungen.

Da mussten ihn Katia und Erika immer wieder bremsen, um ihn vor noch schlimmeren Folgen zu bewahren. Und so zerbricht natürlich das Bild des über allem schwebenden Dichters, der aus olympischer Position seinen Zeitgenossen ins Gewissen redet. Im Gegenteil: Dieser Thomas Mann zeigt sich zutiefst verletzt und verletzlich. Und gleichzeitig als ein Idealist, der sich seine ganz eigenen Vorstellungen von Demokratie und Sozialismus machte, die dem Vergleich mit der Wirklichkeit oft nicht standhalten konnten.

Aber dieses „Leiden“ befällt ja nicht nur Schriftsteller, die sich in den Medien als moralische Instanz positionieren möchten. Nur kreidet man es ihnen deutlicher an als etwa Politikern, denen Übertreibung und Irreführung oft geradezu goutiert wird.

Ein ganz schwieriges Feld. Und es ist auch kein Zufall, dass es heute im Grunde keinen deutschen Autor mehr gibt, der diesen schwierigen Spagat probiert. Ein Spagat, der auch zeit- und kräftezehrend ist, wie auch Thomas Mann erfahren musste, den solche öffentlichen Kampagnen oft wochenlang in Anspruch nahmen.

Dichter im Zwiespalt

Bleibt noch die Frage: Ist davon auch etwas in seinen Romanen zu finden? Lassen sich diese politisch lesen? Spuren, dass sie große literarische Statements zu einer irre gewordenen Zeit sein könnten, gibt es genug. Auch wenn Thomas Mann in seinen Romanen nie so deutlich und direkt wurde wie sein Bruder Heinrich. Auch weil er im Schreiben nach wie vor eine goethesche Vorstellung vom Wirken als Dichter für die Nation vertrat.

Werden die Romane dadurch unlesbar? Oder sollte man sie auch mit politischer Neugier lesen – als Bücher mit doppeltem Boden, die auch die Auseinandersetzung des Autors mit seiner eigenen Gespaltenheit spüren lassen? Eine Gespaltenheit, die Thomas Mann selbst auch formulierte, etwa wenn er in Hitler etwas entdeckte, was ihm selbst nur zu vertraut war.

Verständlich, dass er mit der oft rabiaten Selbstgerechtigkeit seiner Zeit immer wieder in Konflikt geriet. Und damit letztlich auch wieder bewies, dass nicht einmal ein gefeierter Nobelpreisträger über den Dingen schwebt, sondern selbst verstrickt ist in Irrtümer, Fehldeutungen, aber auch Ängste und Verzweiflung, die dann oft den Ton seiner Äußerungen bestimmten. Von den Überspitzungen ganz zu schweigen. Die Alternative wäre dann nur noch Verstummen gewesen. Doch genau das war nicht die Sache Thomas Manns.

Hans Woller „Thomas Mann. Biografie eines Politischen“ C.H. Beck, München 2026, 34 Euro.

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