Wenn ein Buch mit 45 Jahren Verspätung erscheint, dann steckt eine Geschichte dahinter. Eine Geschichte, die 1981 nicht in den Zeitungen stand. Weil solche Geschichten nicht in den Zeitungen der DDR landeten. Bestenfalls mündlich erzählt wurden. Nur dass hinter Gerti Tetzners zweitem Roman noch etwas anderes steckte, nicht nur der „gewöhnliche“ Fall von zensierten und verbotenen Büchern in der DDR. Denn es war nicht nur ein arroganter Lektor, der der Autorin ihr Manuskript auf den Tisch knallte und es für undruckbar erklärte.

Dabei war Gerti Tetzner da längst eine bekannte Autorin, hatte 1974 mit „Karen W.“ einen Bestseller vorgelegt, der viele Leser/-innen in der DDR ansprach, weil das Buch von einer selbstbewussten Frau erzählte, „die im Konflikt zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und persönlichem Glück und den Ansprüchen der DDR-Gesellschaft steht“ (Wikipedia) und am Ende aufgibt. Sich all die Zumutungen nicht mehr antun will.

Die Resonanz bei den Leser/-innen spricht für sich. Denn diese Erfahrungen machten hunderttausende Frauen. Der streng verwaltete Staat wollte sie zwar einspannen – auch in verantwortlichen Positionen. Aber da mussten sie – wie die Männer – die „Erwartungen“ erfüllen, sich den Regeln fügen. Und einer strengen Hierarchie, die das ganze Land durchwaltete. Und Menschen, die ein selbstbestimmtes, kreatives Leben führen wollten, maßregelte, aussortierte oder mit den etablierten Methoden domestizierte. Wenn sie sich denn domestizieren ließen.

Das ist Gerti Tetzners Grundmotiv. Gewesen. Denn nicht nur der arrogante Lektor knallte ihr das Manuskript, das damals noch „Oase“ hieß, auf den Tisch. Just an dem Tag, an dem Gerti Tetzner einen Vertrag für eine Veröffentlichung des Buches im westdeutschen Luchterhand Verlag unterzeichnen sollte, erschien ein wildfremder Mann in ihrer Berliner Hinterhofwohnung und drohte ihr ganz offen damit, dass sie – wenn das Buch im Westen erscheint – selbst das Land verlassen müsste. Im Interview mit dem Literaturwissenschaftler Carsten Gansel erzählt die Autorin darüber.

Woher wusste die Stasi davon?

Hinrichs Perspektive

Und – die Frage stellt man sich als Leser: Warum drohte der staatliche Geheimdienst der Autorin so unverhohlen mit dem Rausschmiss aus der DDR? Denn das war – auch in Anbetracht der vielen in der DDR verhinderten Bücher – ungewöhnlich. Da hatte Gerti Tetzner ganz offensichtlich eine Linie überschritten, auf die die staatlichen Überwachungsorgane ganz allergisch reagierten.

Die übrigens mit ihrer Spitzelarbeit auch in dieser Geschichte vorkommen, die Gerti Tetzner aus der Perspektive eines Mannes erzählt. Hinrich heißt er, in seiner Jugend Leistungsschwimmer, von seiner Mutter zu Höchstleistungen getrieben, bis ein Muskelfaserriss seiner Sportlaufbahn ein Ende bereitete und er auch alle anderen Karrierepläne seiner Mutter ignorierte und kein Studium antrat. Stattdessen lieber das Malerhandwerk erlernte. Nur um sich dann von seiner späteren Ex-Frau vorwerfen zu lassen, er wäre ein Versager.

Gansel meint zwar im Interview, das Buch sei mit Motiven und Themen überfrachtet. Aber da irrt der emeritierte Literaturwissenschaftler. Er kann sich auch in diesen Hinrich nicht hineinversetzen, der sich in den Malerberuf auch deshalb geflüchtet hatte, um den ganzen staatlichen Nötigungen zu entgehen, die mit einem der Intelligenzberufe verbunden warn. Ein Unangepasster. Aber auch ein zutiefst Verunsicherter. Mit diesem Erzähler ist Gerti Tetzner etwas geglückt, was man auch in der von Männern geschriebenen Literatur der DDR so gut wie nie findet.

Ein Garten für die Kinder

Und das zeigt sich gerade in Hinrichs sehr komplizierter Beziehung zu Kristina, für die es – wie Gerti Tetzner erzählt – tatsächlich ein reales Vorbild gab, eine befreundete Kindergärtnerin, die ihre Arbeit als Leiterin einer Kindertagesstätte dazu nutzte, den Erziehungskanon der DDR zu unterlaufen und den Kindern eine offenere, lebendigere Kindheit zu ermöglichen. Sich stets ihrer Grenzen und der Empfindlichkeit der „höheren Ebenen“ bewusst.

Aber solche Menschen gab es. Auch und gerade in der DDR. Frauen, über die auch Gerti Tetzners Freundinnen Christa Wolf und Brigitte Reimann schrieben. Ihre Bücher wurden ja nicht grundlos zum Erfolg. Sie erzählten von etwas Elementarem, etwas, was gerade die Mutigsten, die Lebenshungrigen und Selbstbewussten in Konflikt mit den „staatlichen Organen“ brachte.

Und Kristina ist so ein Mensch, sie greift selbst zu unkonventionellen Methoden, um den Kindern in ihrem Kindergarten tatsächlich eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Ein Kindergarten, der – mitten in einer mit Betonklötzen zugebauten Stadtgegend – tatsächlich den Namen Garten verdient.

Und mit Beate in der zuständigen Verwaltung hat sie auch noch eine Begleitung, die diese Unabhängigkeit auch goutiert und jahrelang ihre Hände schützend über sie hält. Bis die Anzeigen erboster Eltern nicht mehr zu unterdrücken sind und über Kristina Gericht gesessen wird. Gesteht sie ihre Verfehlungen ein? In der Kirche heißt so etwas ja Buße tun. Im sozialistischen Kosmos lief das unter „Kritik und Selbstkritik“, auch wenn es allein die Büßerin ist, die vor dem Kollegium zu Kreuze kriechen, ihre Verfehlungen beichten und ihnen abschwören muss.

Disziplin und Methode

Und das passierte überall in diesem kleinen ummauerten Land. Und spielte sich fast immer genauso gnadenlos, gefühllos und tragisch ab, wie in Kristinas Fall. Nicht zu vergessen: methodisch. Und da steckt auch der Grund, warum am Ende die Stasi aktiv wurde und dieses Buch um jeden Preis verhindern wollte. Nicht nur, weil auch die Stasi-Methoden mitskizziert wurden.

Sondern weil diese Geschichte um Kristina zeigt, wie der Normierungsapparat in der DDR tatsächlich funktionierte. Wie er nicht nur all die Versuche erstickte, das Land ein bisschen lebendiger und offener zu machen, sondern auch Menschen zerbrach. Ganz methodisch. Weshalb auch das System NVA in Tetzners Geschichte vorkommt.

Und nein: Auch das ist keine Überfrachtung. Auch der Erzähler Hinrich hat ja diese Erfahrung gemacht. Und mehr als deutlich erzählt er ja von sich selbst, wie ihn das verunsichert hat, geradezu zum Fluchttier gemacht hat.

Und wer seine manchmal sehr distanzierte Beziehung zu Kristina genauer anschaut, sieht auch, dass ihn diese selbstbewusste Frau mit ihren vielen unabhängigen Freunden nicht nur bezaubert und fasziniert, sondern auch – ja – einschüchtert. Geradezu hilflos macht. Obwohl er sie liebt, fühlt er sich Kristina nicht wirklich gewachsen, immer wieder hilflos gerade in Situationen, in denen Kristina mit ihren Problemen und Gefühlen zu kämpfen hat.

Und das ist eine Stärke. Wie zuvor erwähnt: Das findet man auch in den Romanen der männlichen Autoren aus dieser Zeit nicht. Dieses Zugeständnis, wie sehr einen solche klugen, selbstbewussten und mutigen Frauen eben nicht nur beindrucken konnten, sondern auch sprachlos machen.

Dem fühlt sich Hinrich nicht gewachsen, erst recht nicht, nachdem das Tribunal über Kristina getagt hatte und sie ihren so liebevoll aufgebauten Kindergarten abgeben musste, stattdessen „zur Bewährung“ in einer anderen Tagesstätte wieder ganz unten anfangen sollte, jeden Tag kontrolliert, beobachtet und bewertet, ob sie sich jetzt wieder an die Normen hielt.

Zerstörte Träume

Und Hinrich fühlt das alles mit. Er versteht es nur zu gut, denn in seinem eigenen Leben kannte er das ja auch. Und trotzdem fühlt er sich überfordert, hilflos, geht sogar auf Distanz, weil er das Schweigen nicht mehr aushält, mit dem Kristina sich nun verschließt. Und Gerti Tetzner hat recht: So eine Geschichte kann nur tragisch enden. Nicht nur die „Oase“ geht verloren. Auch der Freundeskreis um Kristina, der einst ganze Nächte mit angeregten Gesprächen auf dem Balkon ihrer Wohnung zubrachte, löst sich auf, fällt einfach auseinander.

Auch dieser Freundeskreis hat Vorbilder in Tetzners Leben. Denn solche Kreise gab es überall im Land, kleine Inseln der Offenheit, die sich abseits der Reglements und Bevormundungen bildeten. Für viele Menschen im Land die Orte, an denen sie in vertrauter Runde wieder das Gefühl haben durften, Mensch zu sein. Akzeptiert zu werden mit dem, was sie waren und erzählten. Orte, an denen man sich nicht auf die Zunge beißen musste, immerfort mit den kreisenden Gedanken im Kopf: Darf ich das jetzt sagen? Oder wird das gegen mich verwendet?

Gerti Tetzner kann diesen Zwiespalt gerade deshalb so einfühlsam schildern, weil sie mit Hinrich in eine Beobachterrolle geschlüpft ist, die ihr die Distanz ermöglicht. Aber auch den unabhängigen Blick desjenigen, der keine Angst mehr um seine Karriere haben muss, weil Maler auch im durchregierten Sozialismus immer gebraucht wurden. Er konnte nicht einfach – wie Kristina – „strafversetzt“ werden oder zur „Bewährung in die sozialistische Produktion“ geschickt werden, weil die Bonzen der Meinung waren, Arbeit wäre das ideale Erziehungsinstrument.

Erziehungsmethoden

Und da wird nun einmal deutlicher, warum dieses Buche gerade bei der Stasi solche Bauchschmerzen verursachte. Denn die Genossen mit ihren Aktenbergen verstanden sich ja auch als verlängerter Arm der Partei, als Erziehungsbehörde, die das Recht hatte, die Menschen zu erziehen, die aus der Reihe tanzten. Mit drakonischen Maßnahmen zurück in die gewünschte Ordnung zu zwingen. Und wenn sie nicht parierten, würden die Maßnahmen verschärft.

Und damit ist Gerti Tetzner ein inneres Porträt der DDR gelungen, das es in dieser Stringenz bis dato nicht gab. So deutlich gefühlt und beschrieben, dass sich die selbst ernannten „Erzieher“ ertappt fühlen mussten, beschrieben in ihrer ganzen Gnadenlosigkeit, wenn es um das Brechen eines selbstbewussten Menschen ging. Denn genau das beschreibt Gerti Tetzner.

Und gerade weil sich Hinrich so hilflos fühlt, kann gerade er das Mitgefühl am besten vermitteln. Die ganze Überforderung des Liebenden, der selbst weiß, dass er nicht wirklich helfen kann. Seine Lösung war ja die Flucht aus den staatlichen Gängelungen in das selbstgewählte Leben als Außenseiter. Wände zu bemalen gibt es immer. Wände verraten kein Vertrauen.

Und trotzdem merkt man, wie ihn diese Kristina beeindruckt, ihn selbst motiviert und mutiger macht. Aber gegen das Mahlen der staatlichen Erziehungsmühlen kommt er nicht an. Weiß auch nicht, wie er Kristina tatsächlich den Rücken stärken kann. Vielleicht will sie das auch gar nicht. Oder traut es ihm auch nicht zu. Das alles klingt an.

Fit für die Leistungsgesellschaft?

Genauso wie das Motiv anklingt, das Kristina ermutigt hat, ihren Kindergarten tatsächlich zu einem Garten der Kinder zu machen: ihr Wissen darum, wie die Kinder schon in diesem Alter zu funktionierenden Teilen einer durchreglementierten Gesellschaft erzogen wurden. Und dabei oft genug verbogen, gekrümmt, entmutigt. Zu kleinen Soldaten gemacht in einer Gesellschaft, die sich gerade um 1980 zunehmend militarisierte. Während die Kreativität, die Entdeckerfreude, die Lust am Ausprobieren früh aberzogen wurden. Werden sollten.

Denn natürlich gab es auch die Beispiele von Erzieherinnen und Lehrerinnen, die es anders machten, die Freiräume öffneten. Die Kinder ermutigten, ihre Talente, ihre Neugier, ihre Lebenslust zu entfalten. Die nicht glaubten, dass man Kinder mit Drill und Disziplin zu gehorsamen Staatsbürgern machen musste.

Und es gibt auch eine Stelle, an der Gerti Tetzner ahnen lässt, dass dieses Problem ganz und gar nicht mit der DDR untergegangen ist, auch wenn es ihre Funktionäre bis zum Erbrechen praktiziert haben. Denn diese Typen von Erziehern gibt es auch heute noch. Bis in die trockene Politik hinein.

Kristinas Vorstellungen, wie man Kinder auf das Leben vorbereitet, kämen aus dem Märchen, sagt Beate in einer Szene, in der sie sich mit Hinrich geradezu konspirativ getroffen hat. „Nach ihrem Konzept Erzogene würden für eine Leistungsgesellschaft untauglich. Übrigens hätten sie darüber bereits mehr als hundertmal gestritten … Warum sie Kristina dennoch förderte und schützte? Weil sie, Beate, die Welt und die Kinder, wie Kristina sie machen wollte, auch wünschenswert fand.“

Ideal und Bevormundung

Da muss man sich nur anhören, wie bornierte Politiker heute über die Generation Y und ihre „Leistungsverweigerung“ reden. Die Typen sind alle noch da, nur halt in anderen Parteien. Aber ihr Denken über Kindheit, Disziplin und Verfügbarkeit ist genau dasselbe. Da unterscheiden sie sich in nichts von den Funktionären der DDR.

Und damit wird der nächste Bruch deutlich, den Tetzner ja in ihrer Geschichte miterzählt: Der Bruch mit den gepriesenen Idealen der Gesellschaft, die da in der DDR aufgebaut werden sollte, während die grauen Funktionäre ein System der permanenten Bevormundung installiert hatten, einen „vormundschaftlichen Staat“, wie es Rolf Henrich in seinem gleichnamigen Buch formulierte.

Und so ist Gerti Tetzners Roman im Grunde die Geschichte einer gescheiterten Utopie. Und damit auch ein Sinnbild für die gescheiterten Ideale der DDR. Organisiert in Mechanismen der Disziplinierung, die gerade Menschen wie Kristina entmutigen sollten. Und gerade Hinrich, der ihren Mut und ihren Tatendrang so bewundert, kennt die Angst vor diesen Mechanismen nur zu gut.

Genau diese Angst wird wieder wachgerufen, als er sieht, wie „die da oben“ mit Kristina umspringen. Das darf man nicht überlesen. Selbst diese männliche Erzählerrolle ist komplex und zutiefst menschlich. Gerade weil dieser Hinrich auch über seine Schwächen spricht, sein Ungenügen.

Denn da schließt sich ja der Kreis: Er hat ja diese Art der Disziplinierung als Kind selbst erlebt. Und zutiefst verinnerlicht. Und eben auch gelernt, dass man alles „Verbotene“ nur im Dunkeln tun kann. Heimlich. Und seine Versagung beim Sprechen hat auch damit zu tun. Er hat verinnerlicht, dass man sein Innerstes nicht preisgeben darf. Dass man nicht einfach fröhlich drauflosredet, gar selbstbewusst. Das Misstrauen sitzt tief in den Knochen. Er kennt diese Gesellschaft. Und gerade deshalb ist sein Zusehen beim Scheitern von Kristina an diesen Bedingungen so erschütternd. Auch heute noch.

Zum Glück hat ein Manuskript im Schreibtisch eines Freundes von Gerti Tetzner überdauert, sodass der Aufbau Verlag jetzt mit Verspätung nachholen konnte, was sich der Mitteldeutsche Verlag 1981 nicht trauen durfte.

Gerti Tetzner „Gegenwind“ Aufbau Verlag, Berlin 2026, 24 Euro.

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