Die Elbe kommt auch drin vor. Ganz friedlich. Noch recht schmal hier am Oberlauf in den Sudeten, wo das Städtchen Hostinné liegt. Dass Hostinné etwas mit Ninas Zusammenbruch nach dem Tod ihrer Mutter Irma zu tun haben könnte, ahnt sie noch nicht, als sie auf der Bühne ihre Stimme verliert. Ausgerechnet in den Proben zu „Macbeth“. Endlich hat sie wieder eine große Rolle. Selbst der Regisseur ist überzeugt von ihr und ihrem Können. Und dann das. Und es kommt einem so vertraut vor. So holt einen die eigene Familiengeschichte ein, wenn man nicht damit rechnet.

Claudia Rikl gelingt es mit ihrem Roman, etwas zu schildern, was viel Fingerspitzengefühl braucht. Nur wenige Autoren schaffen es tatsächlich, so bildhaft zu erzählen, was passiert, wenn sich das Trauma einer Familie auf einmal mitten im Alltag meldet, mit voller Wucht und heftigen seelischen und körperlichen Folgen. Meist in Situationen, in denen man gar nicht glaubt, dass jetzt noch etwas Schlimmes passieren könnte.

Etwas, was im Hintergrund ununterbrochen rumort hat. Und nun – als hätte es drauf gewartet – schlägt es zu. Verschlägt es Nina nicht nur die Stimme.

Dabei wäre sie doch jetzt endlich frei. Denn jahrelang hat sie sich um Irma gekümmert, hat ihr jeden Tag eine Stunde gewidmet. Versucht, mit ihr zu sprechen. Doch Irma erzählte nichts. Schon gar nicht von der Vergangenheit. Und das dürften viele Familien so kennen. Wir sind alle „Gefühlserben“, wie Sven Rhode in seinem gleichnamigen Buch gezeigt hat.

In uns wirken die traumatischen Erlebnisse unserer Eltern und selbst Großeltern fort. Gerade dann, wenn diese von dem Schrecklichen, das sie erlebt haben, nie erzählt haben. Nicht erzählen konnten. So wie Irma. Die damit vielleicht auch ihre Kinder schützen wollte.

Das Schweigen

Nein, es ist keiner dieser oberflächlichen Romane, die von den Verlagen angepriesen werden mit „Familiengeheimnis“ und „unerwarteten Entdeckungen“. Das ist ja das Beklemmende an diesen tief versteckten Geschichten: Alle spüren, dass sie da sind. Auch Ninas Vater, der lange ausgeharrt hat an der Seite Irmas. Bis er dieses Schweigen nicht mehr aushielt. Denn es zerstört auch die Partner. Die Kinder ohnehin, die oft selbst nicht begreifen, warum sie in ihrem Leben immer wieder irrational handeln. Oder warum sie derart unfähig sind, eine Partnerschaft fürs Leben zu finden.

Und dabei wird Nina von dem viel jüngeren Kai umworben. Eigentlich ist sie nicht nur der Star am Theater, sie ist ein Mensch, der Liebe und Zuneigung bekommt – und diese trotzdem abwehrt. Sich regelrecht einkapselt, weil sie die tief sitzende Angst hat, die anderen zu enttäuschen, wenn sie sich auf sie einlässt. Und das betrifft nicht nur die Kollegen am Theater und Kai. Das betrifft auch ihre Schwester Katja, mit der sie seit Jahren im Clinch liegt. Auch wenn der Clinch keinen konkreten Auslöser hat. Außer vielleicht Katjas unverhofftes Verlassen der Familie, damals, als sie kurz davor stand, ihr Abitur zu versemmeln.

Seitdem ist ein Gefühl bei Katja besonders präsent, auch wenn sie es nicht wirklich zu benennen weiß. Das kann sie erst, als sie nach den heftigen Tagen, die sie nach Irmas Beerdigung erlebt, einfach beschließt, dahin zu fahren, wo möglicherweise alles begann. In Irmas Geburtsstadt Hostinné, das damals noch Arnau hieß, als Irma dort ihre behütete Kindheit in der Villa des Fabrikanten Winkler verlebte, glücklich über ihren kleinen Bruder Lutz, wenn auch besorgt.

Denn noch im letzten Kriegsjahr wurde ihr Vater zur Wehrmacht eingezogen. Nachrichten von ihm bleiben aus. Tag für Tag läuft Irmas Mutter zum Marktplatz, auf dem die Namen der als „gefallen“ gemeldeten Söhne der Stadt ausgehängt sind. Doch der Name des Vaters ist nicht dasbei.

Splitter einer Kindheit

Er wird auch später nicht auftauchen. Der Krieg verschlingt die Männer, die Söhne, die Väter. Und Irma ist – das erfährt Nina dann von Irmas einstiger Kindheitsfreundin – ein Vaterkind. Schon das ist etwas, was ein Leben für immer verändern, verzerren und überschatten kann, wenn der Vater einfach in der Dunkelheit des Krieges verschwindet. Und es kam noch schlimmer. Was Nina bis dahin nur spüren konnte, wird konkret, als sie in Hostinné nicht nur Irmas Kindheitsfreundin trifft, sondern auch einen hilfsbereiten Museumsdirektor, der ihr hilft, Spuren ihrer Vergangenheit und ihrer Familie zu finden.

Und zumindest in Bruchstücken wird nicht nur sichtbar, sondern spürbar, was Irma als Kind erlebt hat. Eine Geschichte, die ein wenig an ihre eigene Familiengeschichte angelehnt ist, wie Claudia Rikl in der Danksagung berichtet. Denn auch ihre Großmutter Helene musste im Juni 1945 binnen einer Stunde ihre Sachen packen und mit den drei kleinen Kindern ihr Zuhause verlassen, um im Kohlewaggon nach Deutschland verfrachtet zu werden. In diesem Fall nach Sachsen. In ein zerstörtes Land.

Vielleicht sind es wirklich erst die Enkelinnen, die diese Geschichten erzählen können, die zwar den seelischen Druck in sich spüren und das Gefühl des Nicht-Genügens immer mit sich tragen, die aber auch vielleicht als erste Generation die Kraft haben, die alten Geschichten auszuhalten, sich ihnen zu stellen. Auch wenn die tatsächlichen Ereignisse dann wie ein Schock sind. So wie es Nina passiert. Und nicht nur ihr.

Denn in Hostinné begreift sie, dass auch ihre Schwester Katja die ganze Zeit mit diesem Schweigen zu kämpfen hatte. Und auch ihr Vater, der am Ende auch nur aus der Beziehung fliehen konnte, wenn er nicht kaputtgehen wollte. Ein Familienausflug im Jahr 1987 nach Böhmen scheint da wie ein Knoten zu sein, in dem sich alles verhedderte und heillos verstrickte. Und gleichzeitig war es jener Moment, in dem Nina selbst sah, was da in ihrer Mutter rumorte, aber nicht gesagt werden wollte.

Die Schatten der Vergangenheit

Ninas Gedanken bringen es dann mitten im aufgewühlten Telefonat mit ihrem Vater auf den Punkt: „Ninas Wut zieht sich zurück, macht einer großen Niedergeschlagenheit Platz. Was du verschwiegen hast, Mutti, ist trotzdem da. War immer schon da. Das war Gift.“

Da sind wir schon tief im zweiten Teil des Romans, in dem Nina all ihre Kraft zusammenrafft, um die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Herkunftsfamilie zu entschlüsseln. Der erste Romanteil ist noch viel aufwühlender, weil er scheinbar so friedlich beginnt, auch wenn dann der unverhoffte Tod der Mutter Ninas Leben erst einmal aus der Bahn wirft.

Aber genau das hat sie ja gelernt: immer dann weiterzufunktionieren, wenn Unverhofftes alle Pläne über den Haufen wirft. Sie will sich auch von Katja nicht helfen lassen bei der Auflösung der Wohnung und der Organisation der Beerdigung. Ein paar Spuren aus der Kindheit ihrer Mutter findet sie, Spuren, die in das kleine Städtchen Hostinné verweisen.

Geradezu minutös erzählt Claudia Rikl, wie sich das tief sitzende Trauma in Nina zu Wort meldet, ihr erst die Stimme nimmt und sie dann auf der Beerdigungsfeier regelrecht zusammenbrechen lässt.

Und das dürfte eine Geschichte sein, die sich viele Familien hierzulande erzählen könnten. Vielleicht sogar erlebt und nicht verstanden haben, welche Schatten der Vergangenheit da mitten ins Leben der Kinder eingriffen. Schatten, die meistens nicht passen zu den geschönten Erzählungen der Eltern. Wenn diese denn überhaupt erzählt haben, was sie als Kind erleben mussten. Und nicht – wie Irma – alles in sich hineingefressen haben.

Nicht einmal ahnend, dass genau das der Weg ist, das eigene Trauma auch an die Kinder weiterzugeben: ein Knäuel aus unverstandenen Gefühlen des Ungenügens, des Fremdseins, der Verlorenheit in einer Welt, die nie zu den eigenen Gefühlen zu passen schien.

Fleiß, Disziplin und Pflichterfüllung …

Gerade das macht diesen Roman so aufwühlend. Und vielleicht sogar so aktuell, denn was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, die ihre tief sitzenden Traumata nie behandelt, sondern lieber verschweigt und versteckt und stattdessen einen harten Panzer aus Fleiß, Disziplin und Pflichterfüllung anlegt? So wie es die Deutschen nach dem so desaströs beendeten Krieg ja taten. In Ost wie West. Augen zu und durch und „was Neues hingebaut“. Dieser irre Glaube, man müsse die Vergangenheit nur vergessen und „der Zukunft zugewandt“ einfach ranklotzen und Wohlstand aufbauen. Dann werde alles gut.

Aber solche Geschichten, wie sie Nina erlebt, dürfte es in vielen Familien gegeben haben. Vielleicht ohne den versöhnlichen Ausgang, den Nina findet, weil sie kurz entschlossen nach Hostinné fährt. Wieviele Familien sind daran zerbrochen, zermürbt von Schweigen und Überforderung der Kinder?

Man ahnt es zumindest, wenn man Nina auf der Suche nach der Wahrheit begleitet. Und merkt, wie tief sie all das anrührt, was sie auf dieser Reise ins Ungewisse erfährt. Und wie es vor allem den Panzer durchlässig macht, mit dem sie so lange tapfer durchgehalten hat. In treuer Pflichterfüllung und trotzdem dem lähmenden Gefühl, dass sie nicht nur von ihrer Schwester Katja im Stich gelassen wurde.

Wahrscheinlich ist es allerhöchste Zeit, das Thema derart lebendig und einfühlsam zu erzählen. Und das können dann wohl erst die Enkelinnen, die auch etwas zulasen können, was die überforderten Kinder oft nicht konnten: Mitgefühl für die scheinbar so verschlossenen Großeltern, die glaubten, die Kinder zu schonen, wenn sie die traumatischen Erlebnisse der Vergangenheit tief in ihrem Inneren verschlossen.

Claudia Rikl „Elbland“ Ullstein, Berlin 2026, 23,99 Euro.

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