Wir stecken mittendrin: Die „Rekordtemperaturen“ über 40 Grad, die Leipzig Ende Juni erlebte, sind nur der Anfang. Die Klimaerhitzung hat längst Fahrt aufgenommen und wird unsere Erde unaufhaltsam verändern – heißer machen, extremer und katastrophaler für uns Menschen. Mojib Latif, einer der bekanntesten deutschen Klimaforscher, hat zwar schon mehrere Bücher geschrieben, die das thematisieren. Aber noch keines las sich so frustriert und enttäuscht vom Nicht-Handeln der Regierenden. Dass wir mit dem Wasser gerade auch unsere Lebensgrundlagen demolieren, macht es umso brisanter.

Denn beim Klimawandel geht es nicht nur um permanent steigende Temperaturen und den Treibhauseffekt, der sich verstärkt, je mehr CO₂ wir mit dem Verbrennen fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre jagen. Übrigens ein Prozess, den Latif in diesem Buch noch einmal ausführlich erklärt, weil er so langsam das Gefühl hat, immer mehr Menschen wissen das gar nicht oder kapieren es einfach nicht. Manchmal liest sich sein Buch, als ginge er nach all den Jahren nicht mehr davon aus, dass seine Leserinnen und Leser überhaupt noch wissen, wie die elementarsten Dinge auf dieser Erde funktionieren.

Die Verblödung ist ja unübersehbar. In den „Social Media“ bilden sich immer mehr „Experten“ ihre Meinung und bombardieren auch einen erfahrenen Forscher wie Latif mit grimmigen Mails, in denen sie ihm erklären, dass Wissenschaft Bullshit ist und es den Klimawandel gar nicht gibt. Mit dem Gefühl ist Mojib Latif ja nicht allein. Nur dass er als Klimaforscher auch weiß, wie systematisch jede Forschung zur Klimaerhitzung von interessierten Kreisen angegriffen wird.

Die selbsternannten „Experten“ sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Die eigentlichen Kampagnen gegen jede Form von Klimaschutz werden in den Thinktanks der Superreichen und der fossilen Wirtschaft ausgedacht, unterfüttert mit richtig viel Geld. Denn darum geht es letztlich: den Erhalt eines hochprofitablen Geschäftes mit Kohle, Erdöl und Erdgas.

Die Wetterextreme sind längst da

„In mir wachsen die Zweifel, ob die Menschen dazu in der Lage sind, der Umweltzerstörung wirksam zu begegnen“, schreibt er. „Mir scheint das Ego einiger Staatenlenker und auch der mächtigen Menschen, die sie unterstützen, zu denen Tech-Milliardäre und milliardenschwere Oligarchen zählen, zu groß zu sein, um im Sinne eines gesunden Planeten auch nur zu denken, geschweige denn zu handeln.“

Die vielen Klimakonferenzen seit Rio de Janeiro 1992 sehen zwar wie Handeln aus. Aber der Blick auf Fakten, Zahlen und die Temperaturentwicklung zeigt: Sie haben praktisch nichts bewirkt. Die Welt verfeuert immer mehr fossile Brennstoffe. Die so vollmundig beschlossenen Klimaziele werden aufgeweicht oder einfach ignoriert. Und nicht nur in den USA erlebt der Klimaschutz ein regelrechtes Rollback. In Deutschland sieht es nicht viel besser aus.

Und das, obwohl die Extremereignisse längst auch hier zu spüren sind. Und wer es noch eine Nummer härter erleben will, der fährt nach Frankreich, Spanien und Portugal. Das Mittelmeer hat sich längst so sehr aufgeheizt, dass in den Anrainerländern die Extremereignisse immer mehr zum Alltag werden: brennende Wälder, extreme Dürreperioden, bei denen Flüsse wie der Po austrocknen, und dann wieder Starkregenereignisse, die man eigentlich nur noch mit dem Wort Sintflut beschreiben kann.

Alles ganz weit weg, so scheint es. Man kann in Deutschland einfach die Augen davor verschließen und vorgeben, als ginge es nur darum, ein paar heiße Tage zu überstehen. Dass aber in all den Prozessen Wasser die zentrale Rolle spielt, schildert Mojib Latif in diesem Buch. Mahnend, alarmiert. Denn da geht es wirklich um unsere Lebensgrundlagen. Ohne Wasser können wir nicht leben. Allgemein gesagt. Konkreter: ohne Süßwasser, ohne Trinkwasser. Wasser, das wir aus Flüssen, Seen und Grundwasser gewinnen. Und das immer mehr verloren geht durch blindes menschliches Tun. Die Trinkwasservorräte schwinden weltweit.

Im Kreislauf des Wassers

Ganze Regionen in Mittelasien, Südeuropa oder dem Süden der USA sind längst in den Prozess der Wüstenbildung abgeglitten. Riesige Landflächen, die zuvor noch landwirtschaftlich genutzt werden konnten, veröden und vertrocknen. Und um irgendwie noch mit der wasserschwenderischen Lebensweise weitermachen zu können, werden die Grundwasservorräte angezapft und abgepumpt – wie etwa in Las Vegas, der Wüstenstadt, deren Existenz genau an dem Tag enden wird, an dem die Grundwasserreservoire leergepumpt sind.

Und das ist nicht der einzige Angriff der Menschen auf ihr Wasser. Viele Wasserkörper sind vergiftet. Pestizide und Nitrate aus der industriellen Landwirtschaft belasten sie, winzige Plastikteile, PFAS und Medikamente werden eingetragen und landen über den Umweg als Trinkwasser wieder im Menschen.

Wir sind Teil eines permanenten Wasserkreislaufs. Und wir sind auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass er weiter funktioniert. Mojib Latif schildert auch diesen Wasserkreislauf noch einmal anschaulich. Denn so wie die entfesselten digitalen Medien mit ihren Algorithmen heute all ihre Nutzer systematisch verblöden, kann er nicht einmal davon ausgehen, dass die Leser diese Zusammenhänge noch verstehen, begreifen, dass die Ozeane zwar ein riesiger Klimaregulator sind, der uns seit 10.000 Jahren ein sehr beständiges und erträgliches Klima gebracht hat. Aber was passiert, wenn sich auch die Meere aufheizen, weil sie einen großen Teil der in der Atmosphäre sich aufladenden Wärme aufnehmen?

Latif schildert, wie das ganz zwangsläufig nicht nur zu extremen Wetterereignissen führt, sondern auch das Klima über Land dramatisch verändert. Den Ozeanen hat er natürlich auch ein ganzes Kapitel gewidmet, weil sich dort gerade mehrere dramatische Veränderungen gleichzeitig abspielen – von der zunehmenden Versauerung über die unaufhaltsame Korallenbleiche bis zur Vermüllung mit Milliarden Tonnen Plastik, die über die Flüsse ins Meer gespült werden. Begleitet vom Rückgang wichtiger Fischbestände. Wir verlieren die Meere gerade als Nahrungsquelle. Und trotzdem machen wir immer mit Vermüllung und Überfischung.

Wenn die Lebensadern austrocknen

Während sich im Landesinneren ein anderes unaufhaltsames Drama abspielt: das Abschmelzen der Gletscher. Das klingt erst einmal nur so, als müsste das nur die Bergsteiger und Wintersportler kümmern. Aber die meisten vergessen einfach, dass die Gletscher auch die großen Flüsse speisen, dass ganze Länder – und damit Milliarden Menschen – davon abhängen, dass die Gletscher das ganze Jahr über Wasser spenden.

Längst driften ganze Länder – wie der Iran – in eine unaufhaltsame Wassernot ab. Befeuert noch zusätzlich durch eine Regierung, der die lebendige Zukunft des Landes völlig egal ist. Da nehmen sich die Mullahs in Teheran gar nichts gegenüber dem egomanischen Donald Trump im Weißen Haus.

Und so schält sich so nach und nach eben auch heraus, dass unsere rasende Fahrt in den „Klimakollaps“ vor allem das Ergebnis verheerender Machtstrukturen ist, der unheimlichen Macht von Konzernen, Diktatoren und korrupten Politikern, die auf Teufel komm raus die fossile Geisterfahrt in den Kollaps weitertreiben und dabei ganze Landstriche verwüsten.

Nicht nur im Nigerdelta, wo ein rücksichtsloser Ölkonzern die Verseuchung der ganzen Küste in Kauf genommen hat, sondern auch in strohtrockenen Gegenden von Texas, wo das knappe Wasser auch noch eingesetzt wird, um beim Fracking das Öl und das Gas aus den Gesteinsschichten zu pressen. (Ein Punkt, an dem Mojib Latif daran erinnert, dass das seit 2022 nach Deutschland importierte Flüssiggas zum allergrößten Teil aus amerikanischem Fracking-Gas besteht.)

Fast überall wird das so wertvolle Trinkwasser behandelt, als hätten wir es in unendlichen Mengen und könnten damit umgehen, als wär es nichts wert.

Während gleichzeitig stinkreiche Konzerne sich die Wasserrechte in bedrohten Regionen sichern oder gleich ganze Quellen aufkaufen, um das abgepumpte Quellwasser dann überteuert in Flaschen zu verkaufen. Auch in Deutschland ist längst der Kampf ums Grundwasser entbrannt, während ein Vorbild droht, das sich Latif für Deutschland eigentlich nicht ausmalen möchte: dass die Kommunen ihre Wasserwerke privatisieren wie in den USA oder England, sodass selbst das Wasser aus der Leitung für viele Menschen unbezahlbar wird. Zum Luxusgut also.

Flüsse in Not

Während auch deutsche Flüsse längst unter Wassernot leiden. Mal ist es die Oder, die bei Niedrigwasserstand ein riesiges Fischsterben erlebt, mal ist es die Elbe, auf der für Monate jegliche Schifffahrt eingestellt werden muss, weil aus den Bergen schlicht nicht mehr genug Wasser herabströmt. In Berlin und Brandenburg geht längst schon die Panik um, wenn man dort an das Jahr 2038 denkt, wenn im Lausitzer Kohlerevier die Pumpen abgestellt werden und sich die Spree in ein Rinnsal verwandelt. Dann wird sich die Lausitz in eine der trockensten Landschaften in Deutschland verwandeln und Berlin bekommt ein massives Trinkwasserproblem.

Wir müssen uns ändern. Alle. Wir können uns auch ändern. Das geht meist unter, wenn die Schreihälse der Fossil-Lobby Klima- und Umweltschutz zum wirtschaftlichen Hemmnis erklären und wichtige Gesetze und Behörden abschaffen wollen, weil sie glauben, nur eine völlig deregulierte Wirtschaft würde Amerika oder irgendwen anders stark machen. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist das letzte Feuerwerk, während vor unseren Augen unsere Lebensgrundlagen kaputtgehen, immer mehr Landstriche verwüstet werden und gleichzeitig die Konflikte zunehmen.

Denn längst werden Kriege nicht nur um Erdöl geführt, sondern auch um das so wichtige Wasser. Statt alles dafür zu tun, dass die so kostbaren Lebensbedingungen auch für künftige Generationen erhalten bleiben und der Menschheit ein Überleben möglich bleibt, schüren die Verantwortlichen das Feuer.

„Die Weltwirtschaft entledigt sich ihrer Regeln, angetrieben von Tech-Milliardären, denen eine regelbasierte Welt zuwider ist und denen Politiker zur Seite stehen, die nur sich selbst bereichern wollen und für die menschliche oder moralische Werte nicht zählen“, stellt Mojib Latif fest. Sichtlich frustriert von einer Entwicklung, die sichtlich in die falsche Richtung fährt.

Während wir eigentlich alle Mittel haben, unser erdzerstörendes Handeln zu ändern. Und da geht es eben zuallererst um den schnellstmöglichen Ausstieg aus allen fossilen Energietechnologien. Aber es geht auch um den anderen Umgang mit unserem Wasser, mit Wäldern, Landwirtschaft und Städten, die an Hitzetagen zum Heißofen werden, weil alles zubetoniert und versiegelt ist. Das Thema Schwammstadt tippt Latif kurz an.

Eine Welt voller Fake News

Aber er merkt auch deutlich an, wie die zunehmende Verrohung der Gesellschaft ein Klima schürt, in dem es für sinnvolle Korrekturen auf einmal keinen Platz mehr gibt, in dem auf einmal auch die Wissenschaft brachial angegriffen wird. „Beleidigungen und Hasskommentare scheinen gesellschaftsfähig zu werden“, schreibt Latif. „Ich weiß, wovon ich spreche. Auch die Wissenschaft gerät unter Druck. Auf einmal wissen so viele Leute, dass wir in der Wissenschaft keine Ahnung haben. Sie wüssten es besser und ließen sich nicht mehr für dumm verkaufen.“

Nur ist das dann eben auch der schnellste Weg  in die Zerstörung all dessen, was unser Dasein auf Erden überhaupt erst ermöglicht. Mojib Latif erzählt diese Grundlagen ja auch deshalb so ausführlich, weil man all das wissen sollte, bevor man den Klimaschutz verteufelt und sich von Lobbyisten einreden lässt, es wären gerade die Klimaschutzgesetze, die unseren Wohlstand bedrohen.

Die Welt ist voller Fake News, gezielt platziert und verstärkt, damit die Menschen verlernen, sich mit den Fakten und wissenschaftlichen Grundlagen unseres Lebens zu beschäftigen. Und damit auch vergessen, dass wir um diesen wunderbaren Wasserplaneten und unsere unter Beschuss geratenen Lebensgrundlagen kämpfen müssen. Das ist die Aufgabe der Zeit.

Wir hätten eigentlich genug zu tun und täten gut daran, lassen uns aber von Bullshit und gezielter Desinformation ablenken, aufregen und zum Narren machen. Höchste Zeit, sich um das Eigentliche – unser Überleben auf diesem Planeten – zu kümmern. Egal, ob im Großen oder im Kleinen. Und dass auch die Sorge um das so kostbare Trinkwasser dazu gehört, das macht Mojib Latif mit seinem Buch mehr als deutlich.

Mojib Latif „Wasser. Das bedrohte Element“ Herder Verlag, Freiburg 2026, 22 Euro.

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