Vorlagen aus der Verwaltung können auch manchmal überfordern, weil sie zwar an die Denkweise von Wirtschaftsprüfern appellieren, aber oft genug vergessen, dass Stadträtinnen und Stadträte in der Regel keine Wirtschaftsprüfer sind, aus ganz gewöhnlichen Berufen kommen und einfach verstehen wollen, wie das Ding funktioniert, das ihnen da mit einer Informationsvorlage präsentiert wird. Am 2. Juli ging es um ein echtes Herzensprojekt der Leipziger: den Kohlrabizirkus.

Das schreibt mittlerweile selbst Leipzigs Verwaltung ohne Gänsefüßchen. Niemand redet mehr von den Großmarkthallen, die es ja eigentlich waren, als hier noch Obst und Gemüse für Leipzig angelandet wurde. Und obwohl hier schon lange keine Kohlrabi mehr verladen werden, hat sich der Name für den Doppelkuppel-Bau etabliert. 2021 hat die Stadt das Objekt gekauft – für auch damals schon beeindruckende 12 Millionen Euro.

Aber da war auch schon klar, dass noch einmal deutlich größere Summen in den 1927 bis 1929 errichteten Kuppelbau fließen müssen, damit er für Kultur, Sport und Freizeitvergnügen nutzbar werden kann. Seither ging die Verwaltung Schritt für Schritt.

Denn wenn der Kohlrabizirkus ein kultureller Attraktor werden soll, muss das ganze Gelände westlich der Alten Messe entwickelt werden. Dafür legte die Stadt 2023 einen Bebauungsplan vor. Und dann verging wieder ein Weilchen, denn jetzt musste die mit der Bewirtschaftung beauftragte stadteigene Entwicklungsgesellschaft LEVG ein tragfähiges Konzept entwickeln.

Außenansicht Kohlrabizirkus.
Außenansicht des Kohlrabizirkus/Eiszirkus mit Süd- (links) und Nordkuppel. Foto: Jan Kaefer

Und gleichzeitig die Sanierung und Anpassung des riesigen Gebäudes mitplanen. Was natürlich nur funktioniert, wenn man so eine vage Ahnung hat, wen man künftig als Mieter und Betreiber ins Gebäude holen will.

Wieviel Gewerbefläche darf’s denn sein?

Und das kann natürlich jetzt noch gar nicht klar sein. Das war am 2. Juli in der Ratsversammlung der große Kummer von Linke-Stadträtin Mandy Gehrt, die beharrlich nachfragte, ob denn nun die Zahl von 8.000 Quadratmetern stimme, der Fläche, auf der man einen gewerbsmäßigen Betreiber platzieren möchte, oder ob es 12.000 Quadratmeter sind. Womit ja dann weniger Fläche für die gewünschten Mieter aus dem Kulturbereich zur Vermietung stünde.

Aber das konnte ihr auch Baubürgermeister Thomas Dienberg nicht beantworten. Dazu wäre es viel zu früh.

Die entsprechenden Punkte aus einem Änderungsantrag der Linksfraktion wurden dann auch am 2. Juli mehrheitlich von der Ratsversammlung abgelehnt.

Basisfinanzierung: 29 Millionen Euro

Aber die Vorlage enthielt erst einmal konkrete Summen, die in den nächsten Jahren in das inzwischen fast 100-jährige Bauensemble investiert werden müssen.

„Der LEVG stehen bisher Denkmalfördermittel in Höhe von 1,45 Mio. € sowie Gesellschaftereinlagen in Höhe von 5,4 Mio. € als Anschubfinanzierung zur Verfügung. Weitere Denkmalmittel in Höhe von 0,85 Mio. € wurden beantragt. Die Prüfung zur Darlehensfinanzierung durch potenzielle Finanzierungspartner findet derzeit statt, eine abschnittsweise Finanzierungstranche (abhängig von Vermietungserfolgen) von bis zu 22 Mio. € wurde in Aussicht gestellt. Damit wäre die Finanzierung des voranstehend dargestellten Basispaketes mit bis zu 29 Mio. € gesichert“, informierte die Vorlage aus dem Baudezernat.

Die ehemalige Großmarkthalle. Foto: Matthias Weidemann
Die ehemalige Großmarkthalle. Foto: Matthias Weidemann

Das Wort Basispaket darf man nicht überlesen, denn dabei wird es bei diesem Riesenbau nicht bleiben.

„Für den nutzungsspezifischen Mieter-Um- und Ausbau wird mit Gesamtkosten von ca. 60 Mio. € gerechnet. Diese Kosten sind maßgeblich abhängig von den zu vereinbarenden Ausbaustandards der einzelnen Mieter und können somit auch niedriger ausfallen, diese spiegeln sich in den jeweiligen Um- und Ausbauzuschlägen zur Basismiete wider“, so die Vorlage aus dem Baudezernat.

„Zusätzlich sind zukünftig noch einmal grundlegende Maßnahmen der Gebäudetrockenlegung (Ringdrainage um das gesamte Gebäude) und eine Medienneuerschließung im Rahmen eines Medienrings erforderlich. Diese belaufen sich auf weitere ca. 10 – 15 Mio. €. Die Darlehnsaufnahme erfolgt maßnahmenbezogen, jeweils nach Abschluss der zur Refinanzierung notwendigen Mietverträge. Die Maßnahmen werden durch die LEVG in die Wirtschaftsplanung eingeordnet und ggf. weiter erforderlichen Beschlusserfordernisse des Aufsichtsgremien der Gesellschaft berücksichtigt.“

Wer fördert die künftigen Mieter aus dem Kulturbereich?

Es wird also nicht in einem Rutsch saniert und umgebaut, sondern immer parallel zur Entwicklung der Gewinnung von Mietern. Letztlich soll das Ganze sich ja über die Vermietung rechnen.

Ein Punkt, der auch Thomas Kumbernuß aus der Freien Fraktion etwas rätseln ließ. Denn die LEVG geht ja von marktgängigen Mieten für die gewerblichen Nutzer aus und gleichzeitig von deutlich niedrigeren Mieten für die gewünschten kulturellen Nutzer. Aber wer zahlt eigentlich die Differenz?

Auch das ist eine offene Frage, die am 2. Juli noch nicht beantwortet werden konnte.

Schluss mit Ölheizung

Klar ist zumindest, dass das riesige Gebäude künftig etwas klimafreundlicher werden soll: „Im Zuge der Sanierung wird durch Optimierung der Wärmeversorgung und Beheizung sowie der Gebäudehülle ein Beitrag zur Minimierung der Treibhausgasemissionen geleistet. Die mit Öl betriebene provisorische Heizungsanlage soll durch Fernwärme ersetzt werden.

Weiterhin soll die Abwärme der Kälteerzeugung im Zuge der Ertüchtigung des Eissportzentrums genutzt werden. Sofern statisch und denkmalschutzrechtlich möglich, werden im Rahmen der Sanierung Teilbereiche des Daches der Westhalle für Photovoltaik genutzt. Im Bereich der Freianlagen sollen Flächen, wo möglich, entsiegelt und im Zuge der Neuordnung der Grundstücksentwässerungsanlage Regenrückhaltebereiche geschaffen werden.“

Investieren in Etappen

Eine wichtige Beruhigung für den Stadtrat, der ja nun mit immer schwierigeren Haushaltssituationen umgehen muss, war in der Vorlage auch zu lesen: „Über die bereits zur Verfügung stehenden Zuschüsse der Stadt Leipzig werden zur Umsetzung des Konzeptes seitens der LEVG keine weiteren Zuschüsse benötigt.“

Blieb nur noch die Frage: Wann geht es eigentlich los?

Einige Investitionen hat die LEVG ja schon getätigt, um die Weiternutzung des Gebäudes zu sichern. Auch 2026 fließen 5 Millionen Euro in das Objekt. Die nächsten größeren Investitionen sind ab 2027 geplant, da stehen für die LEVG 7,2 Millionen Euro im Plan, im Folgejahr 6,5 Millionen Euro und 2029 und 2030 zusammen noch einmal rund 6 Millionen Euro. Das Kuppelgebäude wird also Stück für Stück nutzbar gemacht, während man gleichzeitig entsprechende Nutzungen und Mieter versucht zu binden.

Die Vorlage informierte den Stadtrat über diesen Prozess. Die vielen Fragen, die Mandy Gehrt beschäftigen, werden sich wohl erst in den nächsten Jahren klären, wenn die LEVG weiß, welche Fläche sie tatsächlich für eine gewerbliche Nutzung am Markt platzieren kann.

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Interessanter Artikel! Ich habe vor kurzem einen Beitrag auf https://rulevid.com gelesen, der sich auch mit Stadtentwicklung beschäftigt hat. Kann ich nur empfehlen.

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