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Dass es zu diesem Beschlusspunkt am 2. Juli in der Ratsversammlung Lärm geben würde, war zu erwarten. Eingefleischte Patriarchen können halt nicht anders, als dazwischenzurufen und ihren altväterlichen Unmut lautstark kundzutun. Sie haben das Patriarchat verinnerlicht. Und so wurde es dann auch laut im Stadtrat, als die Vorlage „Gestaltungsvorschlag Gedenken an die Opfer von Femiziden in Leipzig“ zum Aufruf kam. Drei Frauen redeten. Und Männer brüllten dazwischen. Typisch. Und symptomatisch.

Das Problem benannte an diesem Tag vor allem die Grünen-Stadträtin Anne Vollerthun, die darauf hinwies, dass das Problem der Femizide tief in patriarchalischen Strukturen verankert ist. Strukturen, die so tief in unserer Gesellschaft stecken, dass viele Männer gar nicht mehr merken, wie sie davon profitieren und geleitet werden. Und wie das auch ihr Frauenbild prägt – mitsamt der verinnerlichten Abwertung und Verachtung von Frauen.

Als Anne Vollerthun am Seitenmikrofon nicht nur die offizielle Definition von Femiziden erläuterte, sondern auch die Zahlen zu den Femiziden deutschlandweit und in Leipzig vortrug, wurde es auf der rechten Seite im Sitzungssaal laut und OBM Burkhard Jung musste dringend zur Mäßigung mahnen.

Dabei sind es dieselben Konstellationen, die die Diskussion um Femizide und ein würdiges Gedenken an die getöteten Frauen in Leipzig schon seit Jahren begleiten. Was eigentlich die Notwendigkeit, einen öffentlichen Erinnerungsort an die getöteten Frauen und Mädchen zu schaffen, umso dringlicher macht. Denn das patriarchale Machtgehabe lebt auch davon, dass Femizide verdrängt werden, dass in Polizeiberichten oft nur von Beziehungstaten die Rede ist. Mantel des Schweigens darüber, dann ist alles in Ordnung? Ist es natürlich nicht.

Beate Ehms (Die Linke/Petitionsausschuss) im Leipziger Stadtrat am 01.07.2026. Foto: Jan Kaefer
Beate Ehms (Die Linke/Petitionsausschuss) im Leipziger Stadtrat am 01.07.2026. Foto: Jan Kaefer

Die Vorgeschichte des Gedenkortes

Schon am 15. Juni 2022 beschloss der Leipziger Stadtrat den von Mandy Gehrt und Beate Ehms (beide Die Linke) gestellten Antrag „Gedenken an die Opfer von Femiziden“. Dieser hatte zum Inhalt, ein Konzept für einen Gedenkort zu entwickeln – in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen wie #KeineMehr.

„Die Stadt beauftragte daraufhin entsprechende Initiativen mit einem Gutachten. Dieses ordnet Femizide in Leipzig ein, vergleicht mögliche Gedenkformen mit anderen Städten und Ländern und prüft geeignete Standorte. Das Gutachten wurde im Juni 2024 vorgelegt“, beschreibt nun das Kulturdezernat den Findungsprozess für den Leipziger Gedenkort.

„Am 12. März 2025 stellte der Stadtrat im Doppelhaushalt 2025/2026 finanzielle Mittel für den Gedenkort bereit (40.000 Euro für 2025, 100.000 Euro für 2026, vgl. VIII-HP-10324-VSP-02). Anschließend beauftragte die Stadt ein konkretes Umsetzungskonzept, das einen realisierbaren Entwurf für einen Standort in Leipzig innerhalb dieses Budgets entwickelt.

Dieses Konzept wurde Ende Juli 2025 vom Verein Phia e.V. vorgelegt. Es wurde im August 2025 innerhalb der Stadtverwaltung abgestimmt und anschließend im Sachverständigenforum für Kunst im öffentlichen Raum und am Bau (18. August 2025) diskutiert. Dabei wurde es positiv bewertet und um Hinweise ergänzt.“

So könnte der Gedenkort im Kolonnadenviertel aussehen. Grafik: Stadt Leipzig
So könnte der Gedenkort im Kolonnadenviertel aussehen. Grafik: Stadt Leipzig

Verwirklicht werden soll der Gedenkort zusammen mit der LWB im Kolonnadenviertel – direkt vor den Gebäuden Kolonnadenstraße 1 und 2. Dazu gehören eine „Installation zart leuchtender Worte an der oberen Fassade (Attika) der LWB-Gebäude Kolonnadenstr. 1 und 2“ und die punktuelle Gestaltung der Glasscheiben der Überdachung der Kolonnaden. Veranstaltungen sind geplant, aber auch eine eigene Website, die zum Thema Femizide und konkret zu den in Leipzig registrierten Femiziden Auskunft gibt.

Ein Problem gewinnt an Aufmerksamkeit

Und während die AfD-Stadträtin Alexandra Hachmeister meinte, dass es so einen Gedenkort in Leipzig nicht brauche, wurde nicht nur Anne Vollerthun deutlich.

Die gleichstellungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Pia Heine, benannte extra die Leipziger Zahlen: „In den vergangenen 15 Jahren gab es fünfzehn Femizide in Leipzig. Frauen werden getötet, einfach weil sie Frauen sind. Der Täter gesteht dem weiblichen Opfer durch die Tat kein selbstbestimmtes Leben zu. Die Spirale beginnt aber viel früher, oft im eigenen Zuhause. Die steigenden Nutzerinnenzahlen der Beratungsstellen und Schutzeinrichtungen zeigen das. Im Einzugsbereich der Polizeidirektion Leipzig gibt es 300 Hochrisikofälle, bei denen die Polizei davon ausgeht, dass ein Tötungsdelikt geschehen kann.“

Damit der Gedenkort auch finanziert werden kann, hatten die Stadträt/-innen von Grünen, Linken, SPD und Freier Fraktion einen entsprechenden Haushaltsantrag gestellt.

Und dass das Thema Femizide auch bundesweit diskutiert wird, merkte Pia Heine ebenfalls an: „Der geplante Leipziger Gedenkort für die Opfer von Femiziden unterstützt damit auch das bundesweite Vorhaben des Gewalthilfegesetzes, indem er das Thema Gewalt an Frauen gesellschaftlich stärker in unserer Stadt verankert. Ab 2032 gibt es – festgeschrieben durch das Gewalthilfegesetz – einen Rechtsanspruch auf kostenfreie Schutzplätze für alle Frauen, die Gewalt in Beziehungen erleiden und ihr Leben schützen müssen. Patriarchale Gewalt gegen Frauen passiert nicht irgendwo durch irgendwen, sondern auch hier in unserer direkten Nachbarschaft.“

Zu wenige Schutzplätze

Denn noch immer gibt es in Leipzig zu wenige solcher Schutzplätze. Die Eskalation in der Paarbeziehung kündigt sich oft genug an mit Fällen häuslicher Gewalt, die auch von der Polizei registriert werden. Nur können viele Frauen den Bereich dieser Gewalt nicht verlassen, weil es keine ausreichenden Schutzplätze oder verfügbare Wohnungen gibt, die eine Trennung vom gewalttätigen Partner ermöglichen.

Beate Ehms, Sprecherin für Gleichstellung der Linksfraktion, und Mandy Gehrt, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion, brachten das Problem nach der Sitzung so auf den Punkt: „Das Thema Gewalt an Frauen bis hin zu ihrer Tötung muss sichtbar in der Öffentlichkeit sein. Viel zu oft werden Femizide medial abgetan als ‚Familientragödien‘ oder ‚Eifersuchtsdramen‘.

Doch es muss klar und unanfechtbar sein: Es sind keine unglücklichen Einzelfälle, sondern die extreme Zuspitzung einer Reihe von Gewalttaten gegen Frauen, die von physischer und psychischer Herabwürdigung, häuslicher Gewalt und Einsperren über Stalking bis zu sexueller Belästigung und Vergewaltigung reicht. Allein in 2024 sind laut Bundeskriminalamt 132 Frauen in Deutschland durch ihren (Ex-)Partner getötet worden. Die Anzahl frauenfeindlicher Straftaten steigt jährlich.

Am Dorotheenplatz im Leipziger Kolonnadenviertel wird in Zukunft ein Gedenkort Erinnerung und Aufklärung miteinander verbinden. Gleichzeitig soll er Raum für Veranstaltungen und Dialog bieten sowie Impulse für politische Veränderungen setzen. Er soll dazu aufrufen, bei Gewalt gegen Frauen, Kinder und LGBTI nicht wegzusehen, sondern sich couragiert für ein geschlechtergerechtes, friedliches Zusammenleben in Leipzig einzusetzen.

Unser besonderer Dank gilt der Initiative #Keinemehr und den Frauen des Phia e.V. für die engagierte Arbeit an diesem Gedenkort.“

Die Vorlage wurde dann auch am 2. Juli mit großer Mehrheit mit 35 zu 19 Stimmen bei 4 Enthaltungen im Stadtrat beschlossen.

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