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Wir leben heute schon in den Dystopien der 1980er Jahre. Manchmal muss es einem erst jemand so deutlich unter die Nase reiben, wie es die französische Politikwissenschaftlerin Asma Mhala in diesem Buch tut, das nicht grundlos „Cyberpunk“ heißt. Denn was wir heute erleben – die Verwandlung der liberalen westlichen Welt in eine Dystopie der Überwachung, der ungelösten Krisen und der demolierten Demokratie –, das kennen Leser der SF der 1980er Jahre schon. Damals sorgte eine völlig neue Science-Fiction-Welle für Aufsehen: der Cyberpunk. Und das nicht ohne Grund.

Denn die Autoren dieses neuen Genres beschrieben eine Welt, die damals schon der feuchte Traum von Programmierern und Tech-Unternehmern war: eine Welt, in der alles vernetzt ist, digitale Plattformen die Menschen kontrollieren und manipulieren und der Staat sich in eine leere Hülle verwandelt hat, weil gigantische Digital-Konzerne ihn schlichtweg gekapert haben.

Die Helden, die begnadete Autoren wie William Gibson in ihren Romanen auftreten ließen, lebten in einer durch und durch von Algorithmen durchherrschten Dystopie. Einer Welt, die eineseits erstaunlich der von Big Brother beherrschten Welt von George Orwells „1984“ ähnelte, durch die komplette Digitalisierung aber erst recht ausweglos erschien. Denn wo digitale Maschinen alles beherrschen, regeln, genehmigen, kontrollieren und bewerten, ist kein Platz mehr für menschliche Eingriffe. Es ist eine gnadenlose Welt.

Und es ist – wie Asma Mhalla in ihrem Essay, der in Frankreich schon für ein gewisses Aufsehen sorgte, sichtbar macht – der elementare Kern eines völlig entfesselten Mega-Kapitalismus, in dem riesige Konzerne den Staat einfach okkupiert haben. Genau das, was vor unseren Augen gerade passiert. Und wir schauen zu und liefern diesen Molochs auch noch unsere Daten frei Haus, mit denen wir manipuliert werden.

Wir stecken schon mittendrin. Möglicherweise so tief, dass wir die Entwicklung nicht mehr aufhalten können, wie Mhalla meint. Denn wer die Köpfe kapert, der formt das Bild, das die Menschen von der Welt haben. Das hat System. Denn wir verlieren die Vorstellung von dem, was real ist, wenn uns die digitalen Welten, in denen wir – süchtig gemacht – unterwegs sind, permanent etwas anderes voraukeln.

Die Realität hacken

Wir haben es mit einer kleinen, stinkreichen Elite zu tun, die endlich die Mittel in der Hand hat, alle unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit, Vernunft, Teilhabe und Freiheit zu zerstören. Ein Wort dafür hat sich längst eingebürgert: Disruption. Wir haben es nur nicht ernst genommen und geglaubt, Leute wie Musk, Thiel, Bezos oder Zuckerberg würden es gar nicht so meinen. Doch sie meinen es genauso.

Oder um Asma Mhalla zu zitieren: „Risikokapitalgeber investieren in diese Ideen so, wie sie auch in Start-ups investieren. Sie setzen auf theoretische, gewaltsame Disruption und ideologische Experimente, die den angestrebten Bruch herbeiführen könnten – nach einer gleichermaßen gewinnbringenden wie messianischen Möglichkeit, die Realität zu hacken.“

Genau das tun sie. Das von Musk verantwortete DOGE-Programm oder das Kettensägenmassaker eines Milei in Argentinien stehen exemplarisch dafür. Der Staat wird nicht nur gekapert, er wird entkernt. Die Regulative, die die Schwächeren schützen, werden sämtlich kaltgestellt, machtlos gemacht. Und die postfaschistische Rhetorik, die in den „Social Media“ als völlig entfesselte Meinungsfreiheit verkauft wird, verändert schon vor der Machtübernahme der Trumps das Denken der Menschen, schürt Hass und Verachtung, teilt die Welt – ein ganz und gar faschistischer Topos – rücksichtslos in Freund und Feind.

Manipulierte Gehirne

Die liberale Demokratie stirbt zuallererst in den Köpfen. Wenn Menschen aufhören, Toleranz und Respekt als Grundwerte friedlichen Zusammenlebens zu akzeptieren, und in Blasen landen, in denen immerfort Hass, Gewalt, Verachtung und Entmenschlichung praktiziert werden. Wie gut sich die sogenannten „Social Media“ dazu eignen, haben zuallererst die rechtsradikalen Parteien erkannt. Sie bedienen die Maschinerie der Hass-Produktion mit jeder Menge Personal und völlig enthemmt.

Und das Chaos, das Leute wie Trump mit ihren widersprüchlichen Show-Einlagen anrichten, gehört einfach dazu, wie Mhala feststellt. Denn wenn die Wirklichkeit verschwindet, weil jeden Tag immer neue Lügen, Prahlereien, Drohungen und Jammertiraden in den Kosmos geblasen werden, dann entsteht so etwas wie das „Zwiedenk“ aus „1984“. Die Wirklichkeit verschwindet nicht ganz – aber die so Manipulierten beginnen, die wilde Welt der Lügen und Behauptungen ernst zu nehmen. Sie lernen, beides parallel zu denken. Der neue Faschismus etabliert sich direkt in den Köpfen.

Für Mhalla entsteht so ein doppelter Leviathan. Das Bild des übermächtigen Leviathan stammt von Thomas Hobbes, der damit den (übermächtigen) Staat beschrieb. Doch wenn Megakonzerne wie die milliardenschweren amerikanischen Big-Tech-Konzerne den Staat kapern, wird das ein zweiköpfiges Ungeheuer – ein Dileviathan.

„Der Dileviathan ist von Natur aus ein Cyberpunk“, schreibt Mhalla. „Er verkörpert die dystopische Fusion des zersetzten und neu zusammengesetzten Staats und der Megakonzerne.“

Erwartet uns also – so Mhalla – der „totale kybernetische Staat“? Es ist der feuchte Traum der Tech-Bros. Und es ist der Albtraum, in dem wir zum Teil schon leben. Jeder merkt es – in privaten und in politischen Diskussionen. Immer mehr Menschen argumentieren postfaktisch, stellen Vernunft, Wissenschaft und freie Presse in Frage, erklären sie gar zu Feinden. Das sprengt die Grundfesten unserer Demokratie. Und das hat System. Es lähmt sämtliche politischen Entscheidungen. Der Staat erscheint als machtloses, überfüttertes Ungeheuer. Die Rufe nach Kürzungen, Streichungen, Verschlankungen werden immer lauter.

Big State

Rufe, hinter denen die – postfaschistische – Idee vom „Big State“ wabert, einem Staat, der letztlich von Big Tech übernommen wird. Mit der Hypertechnologie übernehmen dann allein die Privatinteressen der Konzernbosse die Macht. Der Staat wird selbst zum Konzern, der seine Bürger – digital – verwaltet wie Angestellte. „Die totale Technologie ist mehr als ein komplexes technisches System“, stellt Mhalla fest, „sie hat ein einziges Ziel: die Kontrolle von x- und y-Achse, von Zeit und Raum. Die radikalisierte Beschleunigung der Totalen Technologie eröffnet den Weg zu neuen Grenzen. Wenn niemand ihr den Weg versperrt, wird unsere Zukunft ihr gehören.“

Und das alles lag schon 1984 als Keimzelle vor. Von dieser total kontrollierten digitalen Welt träumten die Digital-Junkies schon damals. William Gibson gestaltete diese „neue schöne Welt“ damals in seinem Roman „Neuromancer“, den Asma Mhalla am Ende als Lektüre-Tipp mitgibt für alle, die geistiges Futter brauchen, um sich gegen die Überwältigungspraktiken der heutigen Manipulationsnetzwerke zu wehren. Wer sich schon immer mit der großen Frage, was denn nun wirklich menschliche Freiheit ist, beschäftigt hat, trifft hier Orwells „1984“ genauso wie Camus‘ „Der Mensch in der Revolte“ und Thoreaus „Ziviler Ungehorsam“.

Mhalla gibt sogar eine reine kleine Handreichung: kleine Übungen für Freidenker. Was aber nichts mit den Narreteien der sogenannten Querdenker zu tun hat, die den Irrsinn der wild gewordenen Bubbles ja in den letzten Jahren auch noch auf die Straße getragen haben. Denn in den „Social Media“ verstärkt und verfestigt sich jeder Blödsinn, wenn sich nur genug Narren zusammensetzen, die sich gegenseitig bestätigen. Ein wirkliches Korrektiv gibt es dort nicht.

Der Code und die Macht

Da helfen eher die richtigen Bücher. Und es lohnt sich, die prägenden Romane des Cyberpunk wieder zu lesen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, in was für einer Welt wir landen, wenn wir die Macht tatsächlich den Tech-Konzernen überlassen und uns nicht wehren. Und unsere Freiheit verteidigen – und zwar gerade gegen das, was uns die Konzerne als ihre Version von „Freiheit“ jeden Tag aufzudrängen versuchen. Einer Freiheit, in der am Ende Algorithmen bestimmen, was wir denken, tun und wer wir sind. Wer den Code hat, hat die Macht, stellt Mhalla fest.

Die mit diesem Buch nicht nur ihren Landsleuten erklär hat, wie der Postfaschismus heute eigentlich funktioniert und wie er mit der schleichenden Übernahme der Kontrolle durch Big Tech zusammenhängt, durch Konzerne, denen der einzelne Mensch völlig egal ist. Genauso egal übrigens wie unsere Lebensgrundlagen und unsere Zukunft.

Auch das ist schon bei Gibson nachzulesen: dieses lähmende Gefühl, in einer unveränderlichen Gegenwart festzustecken und nichts, aber auch gar nichts daran ändern zu können. Ein Gefühl, das tatsächlich lähmt. Selbst Mhalla schildert ist, denn es ist allgegenwärtig, wenn man sich mit den futuristischen Verheißungen der Digital-Konzerne beschäftigt (mitsamt dem ganzen Blödsinn von ewigem Leben, Chips im Gehirm oder Marsstädten, in denen dann die reiche Elite Zuflucht sucht, wenn sie die Erde geplündert hat).

Verheißungen, die so völlig ohne Zukunft sind. Was eine Menge dazu beiträgt, dass unsere heutige Politik so visionslos und sinnentleert erscheint, als wären unsere regierenden Politiker selbst schon Zombies, die nicht einmal mehr wagen, Zukunft zu denken, weil das Getrommel der Tech-Blase allgegenwärtig ist und selbst die politische Debate völlig ins Absurde entgleisen lässt.

Das ist in Deutschland nicht anders als in Frankreich. Und Asma Mhalla stellt auch zu recht fest, dass wir dieser Entwicklung die ganze Zeit nur tatenlos zugesehen und nichts getan haben, um dieser Gier der Big Tech Grenzen zu setzen. Die Frage ist wirklich: Haben wir damit auch den Zeitpunkt zum Handeln längst verpasst? Sind wir in die dystopische Welt der Datenkraken hineingeraten und erleben nun selbst, was die Helden in „Blade Runner“ und „Matrix“ erleben?

Höchste Zeit, darüber nachzudenken.

Asma Mhalla „Cyberpunk. Das neue totalitäre System“ C. H. Beck, München 2026, 16 Euro.

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