„Männer sind Schweine“, sangen einst Die Ärzte. Im Fall dieses als TikTok-Phänomen angepriesenen Romans kriegen geschlechtsunabhängig alle ihr Fett weg. Allerdings ist es ein ranziges Fett, wenn auch ganz hübsch verpackt in einem haptisch aufwendig gestalteten Cover.
Der Reihe nach: Ein südamerikanisches Land, irgendwann in näherer Zukunft. Eine nicht exakt bestimmte Pandemie hat zur Vernichtung nahezu sämtlicher Tiere geführt, es gibt noch einige wenige, aber die sind so selten, dass die Begegnung mit ihnen als Sensation gilt und keines von ihnen es noch auf den Speiseplan schafft.
Weil, zumindest in der Welt der Autorin, Menschen gierige Fleischfresser sind und ohnehin eine Überbevölkerung droht, ist man nach einigen Anpassungsschwierigkeiten dazu übergegangen, Menschen genauso zu behandeln wie Schlachtvieh.
Mit anderen Worten: Man mästet, schlachtet und isst sie. Es existieren also Farmen, Viehtransporte, Jagdreviere, Schlachthöfe und Gerbereien, in denen Menschen aufgezogen, verschifft, getötet, gejagt, zerlegt und für den Verzehr aufbereitet werden. Wer wo wie und wann das humane Schlachtvieh von denen scheidet, die es essen dürfen, geht nicht klar aus dem Text hervor. Und das ist nur eines der Schwierigkeiten, die der Text hat.
Ein Held ohne Eigenschaften
Held des Romans ist ein Schlachthofmitarbeiter im mittleren Management, dessen Alltag das Buch erzählt. Er hat vor einiger Zeit sein Kind verloren, lebt temporär getrennt von seiner Frau und liebt seinen inzwischen in Demenz abgeglittenen Vater, dessen Pflegeplatz in einem Heim er bezahlt.
Dieser Marcos ist ein Mensch fast ohne Eigenschaften. Denn abgesehen davon, dass er hin und wieder Sex mit einer freien Metzgerin zwischen blutigen Extremitäten hat, seine Frau schon irgendwie noch liebt und sich für seinen Vater verantwortlich fühlt, erfahren wir nahezu nichts über sein Innenleben.
Ah ja, er verachtet seine Schwester und deren Familienidyll mit Ernährer und Zwillings-Teenagern in der Vorstadt. Weil ihn ein Lieferant von Superdelikatessenfleisch zu bestechen versucht, landet eines Tages eine junge Frau in seinem Hof, die er schlachten, verkaufen oder weiter mästen kann, ganz wie es ihm beliebt. Nur mit ihr zu schlafen oder sie als menschliches Wesen zu behandeln, hätte Strafen und gesellschaftliche Ächtung zur Folge.
Neuer Titel fürs Taschenbuch
Bereits 2020 einmal unter dem Titel „Wie die Schweine“ im Hardcover bei Suhrkamp erschienen, hat der Verlag das Buch nach einer offenbar großen internationalen Beachtung in den Sozialen Medien neu aufgelegt.
Allerdings nicht unter dem ursprünglichen deutschen Originaltitel, sondern als „Zart ist das Fleisch“, einer Neuübersetzung des Titels, den das Buch in seiner englischen Übersetzung bekam. Dass sich darauf keinerlei Hinweis im Buch findet, kann man Schulter zuckend entweder als Versehen oder Marketingmasche verbuchen. Man darf es allerdings auch schlicht und ergreifend relativ unaufrichtig finden.
Die Autorin, geboren 1974 in Buenos Aires, stammt aus einer geradezu von Fleischverzehr besessenen Kultur. Dass sie in einem Roman Züchtung und Schlachtung thematisiert, um bestimmte landestypische Kulturphänomene oder die in ihrer Heimat immer noch vorherrschende Machokultur auf die Schippe zu nehmen, ist naheliegend. Ihr das allein zum Vorwurf zu machen, wäre kleinlich.
Was man ihr aber durchaus vorwerfen kann, ist, dass sie Figuren ohne Ecken und Kanten geschaffen hat, deren Handlungen und – wenige Reflektionen – einzig um des größtmöglichen Schockfaktors wegen stattfinden. Dazu passt, dass Haupt- und Nebenfiguren schlichtest möglich entweder nur als schön, alt, schlank, fett oder entsprechend ihrer ethnischen Herkunft charakterisiert werden.
Literarisch und psychologisch ist die Personage dieses Buches so spannend, wie Wandfarbe beim allmählichen Eintrocknen zuzuschauen. Ein gewisser Handlungsstrang existiert zwar durchaus. Doch der ist so durchschaubar, dass es auf eine verquere Art fast schon wieder aufregend ist, zu erfahren, dass genau der erwartete Plottwist wie erwartet eintritt.
Was den Schockfaktor betrifft, der in verschiedenen Besprechungen des Romans so reh- oder hirschäugig herausgestellt wurde, so kann man den zwar für Leute nachvollziehen, die glauben wollten, dass Steaks in Supermarktkühlregalen wachsen. Alle übrigen Menschen, bei denen der Rezensent davon ausgeht, dass sie die Mehrheit darstellen, sind zweifellos rasch gelangweilt davon.
Zumal da offenbar eins zu eins Technologien und Gerätschaften aus der Massentierschlachtung für Menschen übernommen wurden, die nicht plausibel wirken.
Eine Satire, die nicht funktioniert
„Zart ist das Fleisch“ ist von Leser/-innen und in einigen Kritikern als Kapitalismussatire verstanden worden. Satire lebt schließlich von Tabubrüchen. Und davon gibt’s einige im Text. Aber auch die gröbste Gesellschaftssatire funktioniert halt dramaturgisch nur, solange sich in irgendeiner Weise eine emotionale Bindung der Leser/-innen zu den im Text beschriebenen Personen herstellen lässt. Die Figuren dieses Romans sind jedoch klischeehafte Abziehbilder, deren Entscheidungen und Schicksale einen kaltlassen.
Selbst Edward Lee, US-amerikanischer Großmeister der bewusst unsubtilen Horrorschlachteplatten, vermag es, seinen Figuren mehr Tiefenschärfe zu verleihen, als es der Autorin mit ihrer Personage gelungen ist.
Dieser Rezensent rät Leser/-innen: Greifen Sie zum literarischen Original, falls Ihnen nach einer Horrorshow ist: Lesen Sie Margaret Atwoods „Report der Magd“, lesen Sie Angela Carters „Haus des Puppenmachers“ oder „Blaubarts Zimmer“, lesen Sie Pavel Kohouts grandiose Totalitarismussatire „Die Henkerin“.
Wer‘s handfester, blutig tropfender mag, schaue sich im Programm vom Leipziger Festa-Verlag um, der deutschsprachigen Adresse für Horror in all seinen schwarzen, roten oder bunt schillernden Variationen.
Agustina Bazterrica „Zart ist das Fleisch“ Suhrkamp, Berlin 2026, 12 Euro.
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