Manche Wunden heilen nicht einfach mit der Zeit. Gerade wenn es um das eigene, tief verletzte Selbstbild geht. Einer Erfahrung, die viele Ostdeutsche nach 1990 gemacht haben. Die tief sitzende Enttäuschung tobt sich heute auch in Wahlergebnissen aus. Nicht jeder geht deshalb in die Wälder und eliminiert die Leute, die einem all diese Niederlagen eingebrockt haben. Außer Michael K. Eigentlich eine legendäre Gestalt, die zum ostdeutschen Gedächtnis seit 1808 gehört, seit Heinrich von Kleist seine berühmte Novelle veröffentlichte.

Muss man noch hinzufügen, dass auch Kleist unter seiner Zeit litt? Ganz ähnlich wie der Bursche, der das Vorbild für den Helden seiner Novelle abgab: Hans Kohlhase, der sein Streben nach Wiedergutmachung 1540 mit dem Tod büßte. Leg dich nicht mit den Mächtigen an. Sie sitzen immer am längeren Hebel.

Und in diese Tradition gehört auch der Michael K., den Hans Waal in seinem Roman auf die Suche nach Gerechtigkeit schickt. Und am Ende scheitern lässt, auch wenn es dann nur ein paar martialisch aufgerüstete sächsische Polizisten sind, die ihn beim Verlassen der Nikolaikirche aufs Pflaster drücken. In einem Moment, in dem ihm eigentlich freies Geleit versprochen war.

Eben noch hat er alles, was ihm widerfahren ist, seinem alten Pfarrer geschildert. Martin heißt er im Buch und darf durchaus an den ein oder anderen Leipziger Nikolaipfarrer erinnern, der im Herbst 1989 eine zentrale Rolle spielte.

So wie manche der Gestalten, die Hans Waal auftreten lässt, an bekannte Personen der jüngeren Leipziger Geschichte erinnern – von den dubiosen Akteuren im „Sachsensumpf“ über zwielichtige Immobilienhaie bis zu jenem westdeutschen Eulenspiegel, der als falscher Arzt Karriere machte.

Trigger-Warnung

Und eigentlich müsste das Buch auch einen Trigger-Hinweis haben. Denn es sind die frustrierenden 1990er Jahre, in die Hans Waal seine Leser mitnimmt. Michael K. hat es wie so viele Ostdeutsche versucht: Er hat versucht, sich anzupassen, so zu werden wie seine neuen westdeutschen Vorgesetzten, die auf dem Leipziger Immobilienmarkt nach lukrativen Schnäppchen jagen und dabei auch keine Skrupel haben, die vorigen Besitzer über den Tisch zu ziehen.

Eigentlich kennt K. diese Praktiken. Aber dann macht er den Fehler seines Lebens: Er lässt sich von den beiden Frankfurter Ganoven dazu überreden, eine eigene Firma zu gründen, für die er auch gleich noch ein paar Leipziger Immobilien bekommt.

Nur sind es just jene Immobilien, die unverkäuflich sind, aber mit hohen Schulden belastet. Der Weg in den Niedergang und die Insolvenz ist vorgezeichnet. Ein Weg, auf dem K. auch noch seine Frau Lissi verliert. Wohnung und Einkommen ohnehin. Doch er hat ein Talent, das andere viel früher entdecken als er selbst: Er kann seinen Frust in Worte packen und die Menschen mitreißen.

Binnen kurzem wird er zu einem landesweit bekannten Redner, der den gebeutelten Ostdeutschen aus der Seele spricht. Denn erlebt haben sie es fast alle, wie diverse Westdeutsche sich beim großen ostdeutschen Reibach bedienten und sich dann auch noch in allen möglichen Ämtern und Posten festsetzten. Trotz aller Skandale.

Es ist eben nicht nur die vielzitierte Transformation, die die Ostdeutschen beutelte. Es ist auch die Erfahrung der umfassenden Machtlosigkeit, während nicht nur ihre Jobs verschwanden oder in „geförderte“ Billigjobs verwandelt wurden, sondern auch ihre Qualifikationen entwertet wurden, komplette Straßen ihre Besitzer wechselten und ganze Fabriken gen Fernost verschifft wurden. So etwas hat Folgen. Wohin mit dem Frust? Was richtet das mit einem an, wenn man es nicht wie der legendäre Michael Kohlhaas macht?

Posttraumatische Verbitterungsstörung

Wobei am Ende die Frage ist: Macht es dieser K. tatsächlich wie Kohlhaas? Oder hat all das, was er Martin in dieser langen Nacht beichtet, überhaupt nicht stattgefunden? Hat er sich das nur eingebildet? War es nur ein Wunschtraum, der sich dann mit all den überraschenden Todesfällen traf, die dann justament all die Leute erwischten, die an seinem Untergang Schuld trugen?

Die Frage steht offen. Und Hans Waal – den viele noch von seinen herrlich bissigen Kolumnen im „Stern“ kennen, die er unter seinem richtigen Namen veröffentlicht hat – legt ganz zum Schluss noch eine weitere Spur, indem er ein seelisches Leiden erklärt, das bislang noch kaum Aufmerksamkeit gefunden hat: die Posttraumatische Verbitterungsstörung. Nicht alle Menschen sind dafür anfällig. Die meisten beißen die Zähne zusammen, raffen sich wieder auf und machen das Beste daraus.

Aber manche Menschen können das nicht. Das Trauma dominiert ihr Denken. Sie entwickeln Rachephantasien, kommen aus dem Gefühl, ungerecht behandelt und betrogen worden zu sein, nicht mehr heraus.

Und dann? Dieser K. jedenfalls gerät ziemlich bald zu einer offensichtlich bestens organisierten Truppe, die sich auf einem alten Landsitz im Wald etabliert hat und von dort aus Anschläge und Protestaktionen organisiert. Und die mit diesem redegewandten K., der die Leute aufwiegeln kann, eine Menge anfangen kann. Und die durchaus auch in der Lage ist, manche dieser seltsamen Typen, die sich im großen Reibach der frühen 1990er Jahre bedient haben, ins Jenseits zu befördern.

Nicht schuldfähig

Wobei nie recht klar ist, ob die von K. so eifrig gebeichteten Toten tatsächlich auf sein Konto gehen. Martin jedenfalls glaubt ihm nicht alles, was er erzählt. Aber K. ist mit seinem Drang, sich unbedingt schuldig zu bekennen, nicht allein, das wird spätestens im geschlossenen Vollzug deutlich, in den ihn der westdeutsche Richter geschickt hat, nachdem K. sich vor Gericht mit zwei lächerlichen Raubüberfällen nicht zufrieden geben wollte, sondern alle seine Verbrechen benannt sehen wollte.

Auf öffentliche Wirkung genauso bedacht wie auf dieses seltsame Gefühl, das ihn ja immerzu umgetrieben hat – dass er eigentlich nicht zählte. Dann doch wenigstens richtig Schuld auf sich laden, erkennbar werden als Täter.

Nur nicht mehr so machtlos dastehen, so aussortiert, als ob das eigene Schicksal gar nicht zählte. So betrachtet ist der neue Roman von Hans Waal auch ein sehr aktuelles Buch zur Zeit. Gerade weil er all die frustrierenden Gefühle der 1990er Jahre wieder wachruft, dieses Empfinden, das so viele hatten: auf einmal im völlig falschen Film zu sein, betrogen um die Früchte der Revolution, kaltgestellt und ausgenutzt. Und dann auch noch – wie es K. erlebt hat – nach Strich und Faden ausgenommen.

Und statt ihn tatsächlich ins Gefängnis zu schicken, akzeptiert der Richter die Einschätzung des Gutachters, der K. für nicht schuldfähig erklärt hat. So landet K. im Maßregelvollzug – zusammen mit anderen Gestalten, die aus ganz ähnlichen Gründen dort gelandet sind. Sogar jener Polizist, der dermaleinst versucht hat, die ganzen Immobilienschwindeleien in Leipzig aufzuklären.

Ein gewisser Herr W.

Vielleicht hätte K. auch dem Drang nicht nachgeben dürfen, seine Geschichte unbedingt in der Zeitung erzählt zu bekommen. Aber der Auftritt eines Hamburger Journalisten namens Witzel war dann doch zu verführerisch. Endlich alles erzählen, endlich Gehör finden.

Dass Hans Waal dann auch noch diesen Witzel verschwinden lässt, scheint nur folgerichtig. Und ist für die Leser natürlich eine schöne Anspielung auf frühere Veröffentlichungen des Autors, in denen er dem Frust der Ostdeutschen über arrogante und ignorante Westdeutsche einst Luft verschafft hat.

Geändert hat das bekanntlich auch nichts. Schon gar nicht an der empfundenen Machtlosigkeit. Und letztlich ist Hans Waals Roman eben auch ein Roman über das Funktionieren von Macht und Ohnmacht. Und von der Hilflosigkeit von Fehden in einer Gesellschaft, die derlei einfach mal als Nachricht im Kleingedruckten verschwinden lässt. Die aber gar kein Interesse hat, öffentlich über die Beweggründe der Frustrierten zu debattieren. Es interessiert einfach nicht.

Auch wenn es die durchaus militanten Mitstreiter von K. anders sehen und Banken und Luxusautos abfackeln, Randale in die Städte tragen und glauben, sie könnten mit Steinen und Molotowcocktails die Staatsmacht herausfordern. Oder eine Art Gerechtigkeit erzwingen, wenn das schon vor Gericht nicht möglich ist.

Auf dem Pflaster

Und so bleibt die Frage stehen: Wo gibt es Erlösung? Denn irgendwie hat K. das ja doch von Martin gewünscht, bei dem er nicht so recht weiß, ob der noch zu den alten Idealen steht oder sich auch nur angepasst hat und das Spiel der anderen spielt. Hilft Vergebung überhaupt, wenn das Gefühl des erlittenen Unrechts so tief sitzt, dass es die ganze Persönlichkeit ausmacht?

Jedenfalls vermischen sich in Waals Roman die Zeiten, leuchten die Proteste der 2000er Jahre (als es gegen die Hartz-Gesetze ging) mit den späteren Protesten von Pegida und den durchaus schlagzeilenträchtigen Aktionen linker Gruppen, die mit abgefackelten „Bonzenschlitten“ zumindest die Polizeinachrichten bereichern.

Dass auch die Leute, die K. zum Redner aufgebaut haben, nicht ganz das sind, was sie zu sein scheinen, wird K. letztlich auch klar. Auf welcher Seite stehen sie eigentlich? Und auf welche gehört er? Oder gibt es diese Seite gar nicht? Auch das steckt – als Verzweiflung – ein wenig hinter seinem nächtelangen Gespräch mit Martin. Bevor die Lage ein letztes Mal eskaliert und K. auf dem Pflaster des Nikolaikirchhofs liegt. Wo einst alles begann und nun – zumindest für ihn – die Zeit der Freiheit in den Wäldern endet. Zwangsläufig, möchte man meinen.

Und weil die Suche nach einem Verlag für den Autor selbst frustrierend ohne Zusage endete, hat er den Roman jetzt im Eigenverlag veröffentlicht. Für alle, die (sich) ein wenig wie Kohlhaas fühlen und so eine Ahnung haben, dass sie damit gar nicht so allein sind.

Hans Waal Bevor wir in die Wälder gingen“ Edition Dumdideldei, Leipzig 2026, 16,90 Euro.

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