Historiker freuen sich über solche Fundstücke: Augenzeugenberichte aus einer Zeit, als Zeitungen noch rar waren und auch nicht wirklich so detailliert über das, was in der Stadt geschah, berichteten. Die Buchmesse zum Beispiel, die Leipzig zwei Mal im Jahr zum Treffpunkt der Buchhändler und Verleger machte. Da reiste alles, was Rang und Namen hatte, nach Leipzig. Auch zur Ostermesse 1780, als der Verleger Nathanael Siegmund Frommann aus Züllichau (heute: Sulechów) mit seinem 14-jährigen Sohn Carl Friedrich Ernst Frommann zur Messe nach Leipzig kam.
Und das Besondere an dieser Reise ist: Der Sohn schrieb Tagebuch. Vielleicht auf Wunsch seines Vaters. Vielleicht auch für die Daheimgebliebenen, denn mit dieser Fahrt nach Leipzig begann auch die Abnabelung des Jungen von seinem Elternhaus. Und sie war auch ein wenig zum Lernen und Kennenlernen vorgesehen. Denn der Junge würde einmal das Verlagsgeschäft des Vaters übernehmen. Das war schon geregelt.
Er fuhr also auch mit, um in Leipzig möglichst viele Kollegen seines Vaters kennenzulernen, mit denen dieser in Geschäftsbeziehungen stand. Ihre Namen füllen sein Tagebuch geradezu, das die Jenaer Germanistin Dr. Claudia Taszus im Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar gefunden hat, wo es im bisher noch unerforschten Bestand des Nachlasses der Familie Frommann registriert ist.
Und dieser junge Carl Friedrich Ernst ist auch deshalb spannend, weil er den Verlag 1798 von Züllichau nach Jena verlegte, also ins direkte Umfeld der in Weimar und Jena wirkenden Klassiker.
Ostermesse im Regen
Aber wie schreibt man mit 14 Jahren Tagebuch? Was ist wichtig? Oder schreibt man nur auf, wen der Vater alles so traf in Leipzig? Schon das ist ja für die Literaturhistoriker spannend. Denn: Wie funktionierten damals Verlagskontakte? Wer kannte wen? Und wen traf ein Verleger noch über das Geschäftliche hinaus? Hing der Sohn – um zu lernen – die ganze Zeit an Vaters Rockzipfel? Immerhin war der Junge ja das erste Mal in Leipzig – und scheiterte natürlich bei der Beschreibung der Stadt, die eine ganz andere Nummer war als das eher provinzielle Züllichau. Wie findet man Worte?
Eigentlich gar nicht, wenn man nicht schon talentiert ist und die Begabung zum literarischen Schreiben hat. Und so vermisst man natürlich so manches, was man sich als später Leser des Tagebuchs (das eigentlich nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war) so alles wünscht. Während man sich dieses Leipzig zur Ostermesse vorstellt, während es praktisch permanent regnet. Wo trafen sich dann die Buchhändler? Wahrscheinlich war der Junge von den seinerzeit bekannten Namen so beeindruckt, dass er völlig vergaß, die Kontore und Gastwirtschaften zu schildern, das Essen, die Unterbringung, die Themen der Gespräche …
Konkreter wird er eigentlich nur, wenn er mit seinem Vater das Denkmal des 1769 gestorbenen Dichters Christian Fürchtegott Gellert im Garten des Wendlerschen Hauses besucht. Da kommt so ein wenig das Gefühl auf, er könnte die Stadt in diesem Jahr 1780 vielleicht doch etwas lebendiger schildern.
Fasziniert vom Theater
Aber manchmal hauen einen die Erlebnisse regelrecht um. So wie das Theater, das der junge Mann gleich an mehreren Abenden erlebt. So etwas gab es in Züllichau nicht. Vier Komödien und zwei Dramen sieht er und fasst seine Begeisterung für das Schauspiel für die Daheimgebliebenen in Worte, indem er praktisch die ganzen Stücke schildert. Genauso, wie er später den Auftritt einer Artistentruppe schildert (die „Luftspringer“ aus dem Titel), wie sie damals auch ganz selbstverständlich zur Leipziger Messe gehörte.
Der Messeausflug war auch ein Kulturausflug. Da wird auch sein Vater sich bemüht haben, möglichst viel mitzunehmen von dem, was in Leipzig zu sehen war. So wie am 24. April das Harmonica-Konzert von Carl Leopold Röllig. Eine Gelegenheit, bei der er nicht nur die Herzöge von Weimar und Gotha zu sehen bekommt, sondern auch einen gewissen Herrn Göthe, der ganz offensichtlich den Herzog von Weimar zur Ostermesse nach Leipzig begleitete. So etwas merkt man mindestens an, auch wenn der 14-Jährige bis jetzt nicht ahnt, dass er später mit Goethe noch intensiver Bekanntschaft machen würde.
Was der junge Tagebuchschreiber nicht erwähnt, weil ihm noch alles neu ist und er wohl aus dem Staunen nicht so leicht herauskommt, hat Claudia Taszus in einem Anmerkungsapparat ergänzt. Und in einem ausführlichen Vorwort, in dem sie auch auf die enge Beziehung von Vater und Sohn eingeht. Denn ganz offensichtlich bemühte sich Nathanael Sigismund sehr intensiv um die moralische Bildung seines Sohnes, nahm ihn geradezu vertrauensvoll an die Hand, was auch in der Welt des Pietismus, in der der Frommannsche Verlag zu Hause war, nicht selbstverständlich war.
Ein seltenes Zeugnis
Und dazu kam, dass der Vater auch schon daran ging, das Verlagsprogramm umzubauen und verstärkt Literatur der Aufklärung ins Programm zu nehmen. Darunter auch einen durchaus umstrittenen, streitbaren und viel diskutierten Theologen namens Karl Friedrich Bahrdt, den der junge Reisende am 14. April ebenfalls kennenlernt.
Immerhin so etwas wie der Erfolgsautor des Frommannschen Verlages. Wenn man die vom Tagebuchautor erwähnten Namen einordnen kann, ergibt sich nach und nach ein Bild dieses Leipzig-Aufenthaltes, mit Begegnungen, die weit über die gezählten 24 Buchhändlerkollegen des Vaters hinausgehen.
Und auch wenn man sich manchmal noch mehr wünscht, dass der Junge aufgeschrieben hätte: Das Tagebuch ist ein seltenes Zeugnis, wie man es zur Welt der damaligen Leipziger Buchmessen kaum einmal findet. Die Herren Verleger waren ja eher mit Geschäften, Abrechnungen und Abschlüssen beschäftigt. Da schaut man nicht viel nach rechts und links.
Auch wenn man Leute wie Johann Gottlob Immanuel Breitkopf oder Johann Adam Hiller trifft. Da ahnt man zumindest, dass der Junge völlig beeindruckt war und sich gar nicht getraut hat, selbst nachzufragen. Immerhin waren das Berühmtheiten zu ihrer Zeit – und da kam dieser Junge aus dem verträumten Züllichau … Was hätte er sagen, was fragen können?
Aber die Reise scheint sich gelohnt zu haben und dem jungen Mann scheinen sich Türen für seine spätere Laufbahn als Nachfolger des Vaters geöffnet zu haben. Immerhin lernte er den Berliner Verleger August Mylius kennen, bei dem er seine Buchhändlerlehre absolvieren würde. Nicht ahnend, dass er schon sechs Jahre später den Verlag des früh verstorbenen Vaters würde übernehmen müssen. Aber die Grundlagen waren gelegt. Und die Begegnungen auf der Leipziger Ostermesse 1780 dürften einiges dazu beigetragen haben.
Friedrich Ernst Frommann „Von Buchhändlern und Luftspringern“ Lehmstedt Verlag, Leipzig 2026, 25 Euro.
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