Was in der Nacht vom 4. auf den 5. August 2026 auf dem Flughafen Leipzig/Halle geschah, kam nicht aus heiterem Himmel. Schon seit mehreren Jahren sind kritische Infrastrukturen in Deutschland Ziel von Drohnenüberflügen. Dutzende solcher Vorfälle werden jedes Jahr von den Sicherheitsbehörden in Sachsen registriert. Und ein Sprengstoffvorkommnis gab es am Flughafen Leipzig/Halle auch schon. Nehmen Sachsens Ermittler diese Vorkommnisse überhaupt ernst?
Die Frage stellte sich der innenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, Rico Gebhardt, schon vor dem Ereignis in der Nacht vom 4. /5. August. Es ist ein Zufall, dass Sachsens Innenminister Armin Schuster seine Anfrage jetzt praktisch aktuell dazu beantwortet hat.
Aufgeschreckt wurden zumindest die aufmerksameren Parlamentarier im September 2025, als im DHL-Zentrum auf dem Flughafen Leipzig/Halle ein mit Sprengstoff gefülltes Päckchen in Flammen aufging. Wenig später wurde bekannt, dass es eines von vier präparierten Päckchen war, die in Litauen auf die Reise geschickt wurden.
„Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft in Vilnius sollen die Verdächtigen im Auftrag des russischen Geheimdienstes Pakete mit selbst gebauten Sprengsätzen über Kurierdienste in andere EU-Länder und nach Großbritannien versandt haben. Dabei habe es sich um einen Test für einen russischen Plan gehandelt, Explosionen auf Frachtflügen in die USA auszulösen“, fasste der „Spiegel“ die damaligen Erkenntnisse zusammen.
Der stille Krieg
Die Dimension des Ereignisses war neu. Aber nicht die Tatsache an sich, dass hier die westliche Infrastrukturen Ziel eines Angriffs waren, dessen Verbindungen immer wieder nach Moskau verwiesen. Reinhard Bingener und Markus Wehner haben das Ausmaß des hybriden Krieges, den Russland schon seit Jahren auch und gerade gegen Deutschland führt, 2025 in ihren Buch „Der stille Krieg“ sichtbar gemacht.
Denn für gewöhnlich verschwinden die Meldungen über die einzelnen Vorfälle in der täglichen Nachrichtenflut. Schon am Tag danach sind sie meist vergessen. Und die Frage ist nur zu berechtigt: Nehmen die deutschen Sicherheitsbehörden die Gefahr nicht ernst?
Ein Dutzend Vorfälle schon im ersten Halbjahr
Zumindest registrieren die sächsischen Ermittler die sicherheitsrelevanten Vorfälle, wie Rico Gebhardt jetzt mit seiner Anfrage an die Sächsische Staatsregierung erfuhr. So wurden in Sachsen allein im ersten Halbjahr 2026 mehr als ein Dutzend sicherheitsrelevante Drohnen-Überflüge über Einrichtungen der kritischen Infrastruktur registriert. (Drucksache 8/7522).
Die Zahlen des Innenministeriums wurden am Dienstag, 4. August, vorgelegt, kurz vor dem mutmaßlichen Drohnenangriff im Bereich des Leipziger Flughafens. Demnach hat es zuletzt 13 einschlägige Vorfälle gegeben. Betroffen waren überwiegend Anlagen im Transportsektor (acht Fälle), aber auch Energieunternehmen (vier Fälle). Zu Schäden sei es dadurch jeweils nicht gekommen, heißt es in der Antwort.
Neu ist das Phänomen nicht, stellt Gebhardt fest. Denn auch im Gesamtjahr 2025 hatte es 21 solcher Vorkommnisse gegeben (Drucksache 8/5301). Darunter auch vier Vorfälle an militärischen Einrichtungen. Weitere Details wurden vom Innenminister nicht bekannt gegeben, „um die Sicherheit der fragerelevanten Einrichtungen und laufende Aufklärungs-, Abwehr- und Ermittlungsmaßnahmen nicht zu gefährden“.
„Erkennen lässt sich aber: Der Schwerpunkt der jüngsten Vorfälle liegt im Bereich der Stadt Leipzig und dem angrenzenden Landkreis Nordsachsen (je vier Fälle). Hinweise auf Spionage- oder Sabotage-Absichten sowie sogenannte hybride Bedrohungen lägen dazu ‚gegenwärtig‘ nicht vor – allerdings gelinge die Aufklärung fast nie. Nur in drei Fällen wurden die Drohnenpiloten identifiziert“, kommentiert Gebhardt die Auskünfte des Innenministeriums.
Jeder zweite Fall wird als Bedrohung gewertet
Derweil wird bei sechs weiteren Taten, die im ersten Halbjahr 2026 in Sachsen begangen wurden, „von einer hybriden Bedrohung ausgegangen“.
„Damit wird erstmals eine Fallzahl für den Freistaat öffentlich benannt. Auch hier werden Detailangaben zurückgehalten, auch hier laufen die Ermittlungen fast immer gegen Unbekannt. Wohl auch vor diesem Hintergrund habe man eine Verbindung zu ausländischen staatlichen Stellen bisher ‚in keinem Sachverhalt‘ nachweisen können“, betont Gebhardt.
Der sich auch darüber ärgert, dass Sachsens Innenminister über die steigende Zahl dieser Vorfälle nicht frühzeitig informiert hat. „Ende vergangenen Jahres hatte der zuständige Innenminister Armin Schuster (CDU) noch erklärt, sicherheitsrelevante Taten gegen kritische Infrastrukturen würden ‚nicht gesondert erfasst‘ (Drucksache 8/5199). Einen Antrag der Fraktion Die Linke, insbesondere aufgrund der Gefahren durch hybride Angriffe ein systematisches Monitoring zu schaffen (Drucksache 8/6508), bezeichnete Schuster noch im Mai ausdrücklich als ‚entbehrlich‘.“
Das klingt nun in der jüngsten Auskunft des Innenministers schon deutlich anders, in der er feststellt, dass die Bedrohungslage „nach Erkenntnissen der Bundessicherheitsbehörden seit geraumer Zeit dauerhaft hoch und komplex“ ist. Zusätzlich zu den registrierten Drohnen-Vorfällen gab es im ersten Halbjahr 2026 noch acht weitere Fälle von Sabotageverdacht und „mutmaßlichem Ausspähsachverhalten“ gegen kritische Infrastrukturen in Sachsen.
„Ich hoffe, dass nach dem mutmaßlichen Drohnenangriff in Leipzig ein Umdenken einsetzt“, sagt Rico Gebhardt. „Das heißt zum einen: Der Freistaat muss im Bereich der Drohnen-Detektion nachlegen, um Vorfälle rasch zu erkennen und zu unterbinden, vor allem in besonders gefährdeten Bereichen. Zum anderen: Nötig sind fokussierte Ermittlungen bei hochprofilierten Taten, und genau damit haben wir es jetzt in Leipzig zu tun, schon aufgrund der militärischen Qualität. Es ist naheliegend, dass der Generalbundesanwalt den Fall jetzt an sich zieht.“
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:













Keine Kommentare bisher