Wie geschieht eigentlich Geschichte? Ist es das, was in Geschichtsbüchern und Lexika steht? Oder ist das nur ein Versuch, das Ganze irgendwie auf einen Roten Faden zu trimmen, während sich alle Leute völlig unterschiedlich an das erinnern, was geschah? Das wird auch in der Reihe „Wir Kinder von früher“ aus dem Klett Kinderbuch Verlag sichtbar, in der Autoren und Autorinnen verschiedener Generationen erzählen, wie ihre eigene Kindheit war.

Oder besser: Woran sie sich wirklich intensiv erinnern. Und mit dem Dichter und Verleger Michael Krüger geht es diesmal weit hinab in die Zeit, ins karge Deutschland der Nachkriegszeit.

Dazu muss man, um sich daran zu erinnern, schon 82 Jahre alt sein wie Michael Krüger, der als Kind noch in der Kriegszeit geboren wurde und seine ersten Lebensjahre bei seinen Großeltern in Wittgendorf bei Zeitz verbrachte. Also quasi hier um die Ecke, in einer eher stillen Ecke Sachsen-Anhalts.

Seine Eltern lebten in Berlin, das 1945 völlig in Trümmern lag. Ganz bestimmt kein Ort, an dem man versuchte, das Leben mit einem Kind zu organisieren. Und so blieb Michael bei den Großeltern im Dorf, die ihrerseits aber erlebten, dass der Krieg auch hier seine Folgen hatte. Ihr Bauernhof wurde enteignet und sie konnten nur noch eine Kammer auf ihrem ehemaligen Bauernhof bewohnen. Dafür hatte Michael hier ein Dach über dem Kopf und es gab mehr zu essen.

Aber noch viel stärker sind die Erinnerungen an seinen Großvater und die Spaziergänge mit ihm in den Wald, wo er alle Bäume, Kräuter und Vögel beim Namen nennen konnte. Und bevor er erzählt, an was er sich alles erinnert, spricht Krüger auch über das Seltsame an unserer Erinnerung: „Wir wissen nicht genau, was wir von den vielen Milliarden Ereignissen unseres Lebens im Gedächtnis behalten und warum.“

Manches ist noch immer so präsent wie damals, als man das Meer zum ersten Mal sah, den riesigen Sternenhimmel (den man heute vor lauter Lichtverseuchung kaum noch erkennt) oder die erste Nacht allein als Kind im Wald verbrachte.

Erzählen lernen

Von dieser Nacht erzählt Michael Krüger natürlich. Und von einem Leben ohne Geld, das es nach dem Krieg in diesem Dorf einfach nicht gab. Und das augenscheinlich auch niemand brauchte, weil sich jeder selbst versorgte aus Garten und Wald. Selbst die Medizin holte der Großvater aus dem Wald und die Großmutter trocknete sie an langen Leinen in der Kammer. Und Krüger erzählt von einem Moment, der ihn am Ende zum Dichter, Übersetzer und Verleger machte.

Denn bei seinem Großvater lernte er, was gutes Erzählen bedeutet. Im ganz klassischen Sinn: Sodass man zuhört, was lernt und angerührt ist. Das können nicht viele Menschen. Und der Großvater beherrschte auch die Kunst des Schweigens. Auch so etwas, was viele nicht können: dem Erzählten einen Hallraum geben, indem man wirklich einmal schweigt.

„Mein Großvater wusste immer so viel, und wenn er gar nichts wusste, hielt er den Mund und wusste gar nichts. Während meine Tanten, die wirklich überhaupt nichts wussten, immer redeten und redeten, bis die Dinge, über die sie redeten, ganz hässlich und zerkleinert waren.“

Erzählen ist eine Kunst. Erinnern auch. Erst recht, wenn es um die frühen Kinderjahre geht, in denen man noch gar nicht weiß, dass man sich das alles merken muss, weil es irgendwann nicht mehr da ist. Weil die Welt sich verändert, eigentlich ganz unmerklich. Aber wenn man dann später einmal zurückschaut, ist man verblüfft, was sich alles verändert hat.

Wie anders die Welt war, als man klein war. Als Großvater noch eine Konstante im Leben war und man als kleiner Stöpsel nicht mal daran dachte, dass es den Großvater irgendwann nicht mehr geben würde. Auch nicht seine erfundenen Geschichten und Großmutters Kräuterrezepte. Auch das ist verschwunden: dieses weitverbreitete Wissen um die Apotheka Natur.

Was einem im Gedächtnis bleibt

Und so nimmt Michael Krüger seine jungen Leser mit in eine Zeit, in der er ohne Kinderbücher aufwuchs. Und trotzdem mit lauter Geschichten. Mit einem Ziegenbock, der den Namen Professor trug, und einem Einsiedler, der Janek oder Jacek hieß, ein Name, den der nach Berlin verfrachtete Junge dann einer Schildkröte gab, die ihm ein Freund seines Vaters aus Großbritannien geschickt hatte.

Der traurigen Abschiedsszene von den Großeltern am Bahnhof von Zeitz folgt eine Berlinzeit, in der das zerstörte Berlin eigentlich nur am Rande auftaucht, weil das Zentrum der Welt für den Jungen der kleine Garten hinter dem Haus ist, in dem er dann wieder so mutig nächtigt, wie zuvor im Wäldchen bei Großvaters Haus.

So etwas bleibt im Gedächtnis, genauso wie der Igel, der wie ein Dieb durch den Garten schleicht, wo der Junge doch auf die Erdbeeren aufpassen will. Und wer aufmerksam hinhört, erfährt, wie viele Stacheln dieser Igel auf seinem Rücken trug.

Im Grunde geht es beim Erinnern um Aufmerksamkeit. Diese große, staunende Aufmerksamkeit für die Welt, die Kinder noch kennen und Erwachsene fast immer längst vergessen haben. Oder verloren, irgendwo am Wegrand, weil zu viele Dinge passiert sind und an den Dingen niemals dransteht: Pass auf! Das ist wichtig! Denn das erlebst nur du!

Denn wenn man nur noch in den Geschichtserzählungen anderer Leute lebt und das für die Wahrheit hält, verliert man jenen dünnen Faden in die eigene Vergangenheit, die einem ganz allein gehört. Und in die man in Gedanken immer wieder zurückkehren kann, manchmal voller Dankbarkeit an die Menschen, die einem damals gezeigt haben, wie man mit dem Leben zurechtkommen kann.

Und wie daraus wieder Bilder werden, das zeigen in diesem Buch die Illustrationen von Ulrike Möltgen.

Michael Krüger „An Großvaters Hand“ Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 16 Euro.

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