Wer ihn kennt, kennt ihn vor allem als Kabarettisten. Dass er eigentlich studierter Anglist und Germanist ist, lässt Gunter Böhnke nur manchmal durchblicken: etwa, wenn es um einen geheimnisvollen Dramatiker namens Shakespeare geht oder um die beiden berühmtesten Märchenbrüder Deutschlands.

Die wiederum die meisten auch nur aus Film- und Buchtiteln kennen: Wilhelm und Jakob Grimm. Dass die beiden Burschen noch drei begabte Brüder und eine begabte Schwester hatten, sollte eigentlich mal erzählt werden, fand Gunter Böhnke.

Und schrieb das in seinem bekannten, augenzwinkernden Stil jetzt einfach mal auf für alle Liebhaber von Märchen und Sagen. Und auch alle, die in den Märchen der Brüder Grimm nicht nur das Märchenhafte sehen, sondern auch die wissenschaftliche Arbeit. Denn Wilhelm und Jakob waren ja eigentlich Wissenschaftler.

In einem Forschungsgebiet, das es damals noch gar nicht gab – der deutschen Sprachwissenschaft. Da mussten erst mal zwei kommen, denen die ganze Juristerei, die sie offiziell studierten (so wie ein gewisser Goethe auch), zu langweilig wurde. Stattdessen interessierten sie sich auf eine zutiefst akribische Art für deutsche Literatur und deutsche Sprache. Das von ihnen gestartete Wörterbuch der deutschen Sprache setzt bis heute Maßstäbe.

Napoleon war schuld

Und natürlich landet man in der Napoleonzeit. Und bei einer Tatsache, die selbst Historiker meist ignorieren: Napoleon brachte die klugen Köpfe in dem von kleinen Fürstentümern geprägten Deutschland, das er eroberte, letztlich erst auf die Idee, nach all dem zu forschen, was eigentlich Deutschland ausmachte, seinen Wesens- und Seelenkern.

Während die bornierten Geister der Zeit einen wilden Nationalismus auflegten, waren es die Romantiker um Achim von Arnim und Clemens Brentano, die das große Sammeln anfingen. Ihr erstes großes Sammelprodukt war die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, zu der auch Jakob und Wilhelm Grimm beitrugen, „diese trefflichen Menschen, welche ruhig arbeiten, um einst eine tüchtige poetische teutsche Geschichte zu schreiben“, wie Clemens von Brentano an Achim von Arnim schrieb.

Und Gunter Böhnke zitiert es, weil damit alles anfing. Brentano war es, der die beiden Brüder dazu animierte, nun genauso deutsche Märchen zu sammeln, wie sie es mit den deutschen Liedern getan hatten.

Lotte, Ferdi, Ludwig und Carl

So begann das. Und die anderen Grimms? Die Literaturgeschichte hat sie meistens ausgeblendet, obwohl ohne sie auch der Brüderhaushalt von Jakob und Wilhelm nicht funktionierte. Angefangen mit Charlotte, ihrer einzigen Schwester, die – noch als Teenager – nach dem frühen Tod ihrer Mutter den ganzen Haushalt der Familie Grimm übernahm. Es gibt Briefe von ihr. Aber leider keine eigenen Bücher. Denn sie erhielt nie – wie ihre Brüder – die Chance, das Gymnasium zu besuchen.

Sie kümmerte sich jahrelang um den Haushalt ihrer beiden so sammeleifrigen Brüder. Bis sie heiratete – immerhin den kurhessischen Minister Hans Daniel Ludwig Friedrich Hassenpflug. Dass sie künstlerisch begabt war, deuten die schriftlichen Zeugnisse zumindest an. Sie zeichnete und spielte Gitarre. Wenn sie Zeit hatte und sich nicht um den Haushalt kümmern musste. Aber bis 1822 führte sie mit ihren Brüdern den Haushalt. Da waren Jakob und Wilhelm längst mitten im Märchensammeln und hatten die ersten beiden Bände auch schon veröffentlicht. Noch in der Napoleonzeit.

Fast vergessen: Die Grimms sammelten auch deutsche Sagen, über 500. Logisch, dass sie da froh waren, dass jemand ihnen den Rücken freihielt. Und erst als Lotte heiratete, dachten die beiden Brüder selbst an die Heirat – aus ersichtlich ganz pragmatischen Gründen. Wilhelm war es, der zum Traualtar schreiten durfte.

Wer zeichnete die Bilder? Wer half beim Sammeln?

Und die anderen Brüder?

Ferdinand wird selbst von der Literaturwissenschaft als der „unbekannte Grimm“ bezeichnet. Er hat seinen berühmten Brüdern nämlich zugearbeitet und war ihr fleißigster Sammler – zum Beispiel bei den über 500 Sagen, die sie veröffentlicht haben. Und er veröffentlichte selbst Sagensammlungen – aber unter Pseudonym, um seinen Brüdern nicht ins Gehege zu kommen. Und Märchen hat er auch geschrieben.

Nur irgendwann um 1810 kam es zum großen Krach unter den Brüdern. Wilhelm wollte dann von Ferdi gar nichts mehr wissen, nur Jakob hielt noch zu ihm. So fällt einer, der auch gute Märchen schreiben konnte, einfach aus der Geschichte.

Zeit, das einmal zu reparieren. Genauso wie die Rolle Ludwigs, der ein hochbegabter Zeichner und Kupferstecher war und der die ersten Märchenbände seiner Brüder illustrierte. Und so nebenbei auch immer wieder die ganze Familie Grimm zeichnete. Es sind seine Bilder, die wir vor Augen haben, wenn es um die Grimms geht. Die Kunstwissenschaftler betonen den typisch biedermeierlichen Stil, in dem er zeichnete und malte.

Und was heißt das? Dass dieser Ludwig mit seinen Bildern unsere Vorstellung von der deutschen Romantik genauso prägte wie Jakob und Wilhelm mit ihren Märchen – die ja auch romantisch stark bearbeitete Kunstprodukte sind. Auch darüber schreibt Gunter Böhnke.

Den Grimms beim Forschen zuschauen

Nur Bruder Carl schlug weder eine künstlerische, noch eine wissenschaftliche Laufbahn ein – er wurde Kaufmann. Und weil die Biografen sich bis heute fast ausschließlich mit Leben und Werk von Jakob und Wilhelm beschäftigt haben, nehmen sie auch in Gunter Böhnkes kleinem Ausflug in ihre Welt den größeren Raum ein.

Auch weil der Germanist natürlich selbst entflammt ist für die Herkulesarbeit, die sie da geleistet haben. Und garantiert auch das komplette Grimm’sche Wörterbuch bei sich zu Hause stehen hat. Und die Ausgaben der Grimm’schen Märchen ohnehin, samt dem 1819 erstmals separat gedruckten Anmerkungsapparat, denn die Veröffentlichung der Märchen war ein wissenschaftliches Werk mit haufenweise Quellenverweisen. Was dann natürlich alle Leserinnen und Leser verärgerte, die eigentlich nur Märchen lesen wollten.

Stolz verweist der Germanist auf die heute wieder verfügbare Gesamtausgabe mit allen Anmerkungen. Da hüpft das Herz des Sprachwissenschaftlers.

Die Märchen selbst aber? „Sie waren ursprünglich nicht nur für Kinder gedacht, sondern entstanden vor allem aus volkskundlichem Interesse und erhielten entsprechende märchenkundliche Kommentare“, heißt es auf Wikipedia. Mit dem Hinweis: „Wilhelm Grimms sprachliche Überarbeitungen schufen daraus einen Buchmärchenstil, der bis heute das Bild von Märchen prägt.“

Wenn Sprache sich immerfort verändert

Was so auch nur noch bedingt stimmt, denn Wilhelm pflegte einen sehr blumigen und romantischen Stil, von seiner gestrengen Moral ganz abgesehen. Heute werden die Märchen auch schon längst nicht mehr in Wilhelms Version veröffentlicht, sondern sprachlich überarbeitet. Es ist wie mit der Lutherbibel. Sprache verändert sich, genauso wie Lesegewohnheiten und Leseerwartungen. Das wussten ja die Grimms selbst schon am besten.

Am Ende geht man mit einigen Erwartungen aus diesem kleinen Ausflug in die Grimm’sche Lebenswelt heraus, denn so beiläufig macht Gunter Böhnke natürlich neugierig auf Ferdinand, Ludwig und Charlotte und das, was von ihnen überdauert hat und im Schatten der beiden berühmten Brüder meist nur als Beiwerk betrachtet wurde.

Ist es das wirklich? Oder wartet da eigentlich noch herausfordernde Arbeit für Biografen und Herausgeber? Die Frage steht.

Gunter Böhnke „Die fünf Brüder Grimm und ihre Schwester“ Buchverlag für die Frau, Leipzig 2026, 6 Euro.

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