Es ist eines der beliebtesten Motive in deutschen Sagen und Märchen: Eine Prinzessin wurde geraubt und der König verspricht allen Rittern, die sie wieder befreien, das halbe Königreich. Oder eine Menge Gold. Und die Ritter und Prinzen reiten los und erschlagen das Ungeheuer. Ein Grundmuster, das nicht nur Jungen ins Grübeln bringt, die sich fragen, warum Prinzessinnen ständig gerettet werden wollen. Auch Mädchen haben da durchaus berechtigte Fragen. Und Valeria Angela Pisi hat einfach mal aufgeräumt mit der alten Schmonzette.
Denn was steckt denn eigentlich hinter der Geschichte, wenn nicht der Missbrauch der adligen Töchter als Verhandlungsmasse und Objekt? Natürlich völlig normal in feudalen Zeiten, als die Adligen ihre Töchter meistbietend am Heiratsmarkt platzierten.
Was Märchen da bis heute an Romantik suggerieren und rosaroter Liebe begnadeter Prinzessinnen-Befreier zu den von ihnen befreiten Schönen, ist einfach Lug und Trug. Und macht Mädchen auch heute noch – gedanklich – zu Objekten, die erobert und befreit werden müssen.
Käse, dachte sich die in der Reggio Emilia in Italien lebende Valeria Angela Pisi. So einen Unfug kann man doch den Kindern nicht mehr erzählen. Und sie weiß, wovon sie redet, hat selbst eine Tochter, der sie Geschichten erzählt und vorgelesen hat und der sie natürlich beim Aufwachsen zuschaut.
Und die Kleine wird garantiert keine Prinzessin. Oder „Prinzessin“, die darauf wartet, dass sie irgendein Prinz „befreit“ und dann in seinem Haushalt als Ausstellungsstück gebraucht. So sind auch die heutigen italienischen Mädchen nicht.
Ein König hat‘’’s vergeigt
Und so war eigentlich die Frage: Wie würde sich ein richtiges Mädchen verhalten, wenn es von der Drachenkönigin entführt wurde? Die ja ganz offensichtlich Prinzessinnen eher aus lauter Langeweile entführt, weil ihr auf der Burg langweilig ist.
Und dem Kind in dieser von Francesc Rovira humorvoll illustrierten Geschichte freie Hand lässt. Das Mädchen sitzt nicht – wie in Sagen üblich – in einem finsteren, nassen Kerker, sondern hat die ganze Drachenburg für sich und nutzt die Freiheit, um eine richtige Flugmaschine zu entwickeln, mit der sie die Drachenkönigin bis hinter die Berge begleiten kann.
Die Geschichte hat es in sich. Denn irgendwie hat es auch ihr Vater, der König, vergeigt, der nun einen Riesenhaufen Gold bietet für denjenigen, der ihm seine Tochter zurückbringt. Statt selbst loszuziehen und das Kind zu fragen, warum es lieber bei der Drachenkönigin lebt …
Na hoppla: Da schummelt sich die Wirklichkeit unserer Tage mittenhinein in das alte Märchenmotiv, mit dem Mädchen früher wie selbstverständlich beigebracht wurde, dass es ihr gestrenger Vater ist, der über die Wahl ihres Ehegemahls bestimmt.
Ritter ohne Furcht und Ahnung
Und auch in Pisis Reich gibt es ganz unübersehbar etliche Ritter, die noch genauso ticken wie Papa König und losziehen und das Mädchen aus den Klauen der Drachenkönigin befreien wollen. Die die ganze Zeit – von Rovira liebevoll gezeichnet – im Hintergrund liegt und sich nicht einmal aufregt, wenn die Ritter angeritten kommen, um die Prinzessin zu ihrem Vater zurückzubringen.
Da stelle man sich wirklich ein echtes italienisches Mädchen vor, wie so etwas bei ihm ankommt. Ein Tritt in den Hintern für diese Narren ist wohl das Mindeste, was sie dafür bekommen sollten. Aber ganz offensichtlich gibt es diese goldlockigen Knaben auch heute noch.
Nicht nur in Italien. Benehmen sich, als wären die kessen Mädchen eine Handelsware und zu doof, sich selbst zu retten. Wenn sie denn überhaupt gerettet werden wollen. Denn das bilden sich närrische Väter ja meist nur ein, wenn ihre Töchter nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Um alles Gold der Welt nicht.
Retter, die keiner braucht
Da muss man wohl die Mutter einer klugen, selbstbewussten Tochter sein, um so deutlich zu merken, wie dumm diese alten Geschichten von wehleidigen Königen sind, denen die Töchter weggelaufen sind. Und von tumben Prinzen, die dann losreiten, um die Prinzessin zu „retten“. Dieses Retter-Bild ist ja heute noch im Kopf vieler, vieler junger Männer, die Frauen für schwach, hilflos und nicht zurechnungsfähig halten. Und tatsächlich glauben, sie wären als Retter willkommen.
In diesem Fall nicht. Und bestimmt werden nicht nur Mädchen ihren Heidenspaß haben, wenn ihnen diese fröhliche Du-kannst-mich-mal-Geschichte vorgelesen wird. Mit einem Happy End natürlich, das zeigt, dass es für diese alte Prinzessinnen-Geschichte auch völlig andere Lösungen gibt.
Ohne Papas Gold und sein halbes Königreich. Aber natürlich verraten wir das Ende nicht, auch wenn es kluge Mädchen schon erraten dürften, wenn sie einen närrischen Ritter nach dem anderen hinter dem Horizont verschwinden sehen.
Valeria Angela Pisi Die Prinzessin, die keinen Ritter braucht Katapult Verlag, Greifswald 2026, 17 Euro
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