„Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ ist wohl der bekannteste Song der Band Ton Steine Scherben. Es ist ein Song, der von etwas erzählt, was sich viele nicht wirklich zutrauen. Sie ziehen lieber den Kopf ein, lassen mit sich machen. Und grummeln dann herum, dass man ihnen immerfort Unrecht tut. Sind wir denn lauter dumme Hühner, die sich vom Fuchs fressen lassen? Nicht alle, wie Massuda Kassem in diesem Buch erzählt. Die Heldin ist ein Huhn mit dem eindrucksvollen Namen Vindaloo.

Chicken Vindaloo ist ein scharfes Curry-Gericht aus Indien. Natürlich mit Hühnerfleisch. Und den Namen hat Papa Power seinem Huhn verpasst. Er hat auch das Hühnerhaus und das Gehege gebaut, in dem die fünf Hühner der Familie Power ihr neues Zuhause gefunden haben. Sie leben dort glücklich und zufrieden, ein Leben, wie es sich Hühner nur wünschen können.

Massuda Kassem erzählt die Geschichte mit einem Augenzwinkern. Auch wenn sie tatsächlich passiert sein soll. Aber wie das so ist mit Geschichten, die man so über Hühner erzählt: Eigentlich geht es immer um uns Menschen. Die wir uns eben doch viel zu oft wie Hühner benehmen. Und uns dann wundern, dass wir zu Opfern werden.

So wie Trudi und Ingrid in dieser Geschichte, die beide eigentlich nur glückliche Hühner waren, die gar nicht daran dachten, dass da draußen außerhalb des Zauns Gefahren lauern könnten. Sie wurden gut versorgt, sonnten sich im Liegestuhl, freuten sich besonders auf die Tage, an denen es Spaghetti gab …

Naja: Und dann bekam der Fuchs Nachwuchs und musste was zum Futtern ranschaffen. Und Füchse können hoch und prima buddeln, sodass einfache Drahtzäune für sie kein Hindernis sind. Der Braten ist gesichert, denkt sich der Fuchs. Nur mit einem hat er nicht gerechnet: mit Vindaloo. Und Vindaloo ist sauer, empört und kampflustig. Und zeigt dem Fuchs, was ein Huhn ist, das sich wehrt.

1:0 für Vindaloo

Man merkt schon: Eigentlich ist das eine Menschengeschichte. Wird es zumindest in der Erzählung von Massuda Kassem und den Zeichnungen von Melanie Garanin, die den fünf Hühnern richtige Charaktere verpasst. „1:0 für Vindaloo. Damit hatte niemand gerechnet, am wenigsten der Fuchs.“

Es sind so schöne Sätze, bei denen man schon beim Lesen merkt: Da werden auch die Kinder richtig mitgehen, wenn man ihnen das vorliest. Das berührt eine Saite in uns, die man zum Klingen bringen kann. Wehr dich. Lass dir nichts gefallen. Sei kein dummes Huhn. Mach es wie Vindaloo. Wenn einer dich beißen will, mach Krach und gib’s dem Kerl in seinem Pelz. Lass dich nicht einschüchtern.

Die Geschichte endet hier nicht, auch wenn Trudi im Kochtopf von Mutter Fuchs landet. Denn die fröhlichen Hühner da in ihrem Paradies gleich neben dem Haus der Powers haben noch mehr Feinde. Manche kommen von unten (wie der Fuchs), manche aber auch von oben. Und sie glauben, das schmackhafte Hühnchen auf dem Mittagstisch stehe ihnen zu. Sie kennen es nicht anders. Wenn sie losfliegen, ist ihnen ihre Beute sicher. Auch dann, wenn sie gackert und nur davonläuft und sich nicht wehrt.

Nur hat Vindaloo ganz und gar nicht aufgehört, darüber völlig anders zu denken. Auch wenn sie beim Kampf mit dem Fuchs blutige Wunden davontrug und am Ende einen Flügel verlor. Aber überlebt hat, weil Dr. Julia auch ein Herz für Tiere hat. Hühner brauchen keine Flügel. Und das bekommt der nächste Angreifer zu spüren.

Die Vindaloo in uns

Aber das sollte sich jeder selbst vorlesen lassen. Diese Geschichte lebt vom Auf und Ab der Emotionen. Denn man kann gar nicht anders: Man erkennt sich wieder in diesen fünf Hühnern. Und besonders in Vindaloo. Denn so ein bisschen Vindaloo steckt in uns allen. Es geht eigentlich immer nur darum, ob wir die Rolle des dummen Huhns akzeptieren oder die Vindaloo in uns freilassen. Auch wenn das Lied von Ton Steine Scherben aus den 1980er Jahren stammt und wir damals alle noch rebellischer waren.

Nicht zu verwechseln mit dem Grummeln und Maulen, das heute die Welt erfüllt, diesem Gegacker der immer Beleidigten.

Nein: Vindaloo-Sein geht anders. Das erzählt Massuda Kassem in diesem Buch. Und die Kinder, denen man das vorliest, werden quietschen und bangen und jubeln. Alles hübsch durcheinander. Während Papa Power lernt, dass man Hühnerparadiese wohl doch eher wie eine kleine Burg baut, damit die gierigen Fresser aus dem Wald nicht jeden Tag ein Huhn holen.

Wirklich passiert sein soll das tatsächlich auch, verrät die Autorin. Und am Ende gibt’s sogar richtige Fotos von der echten Vindaloo. Und weil Papa Power seinen Witz zur Geschichte beigesteuert hat, gibt es auch noch zwei Rezepte zum Selberkochen – eins mit Chicken und eins ohne.

Und natürlich gibt es ein paar gute Tipps für alle, die hinter dem Haus Platz für einen Hühnerstall haben, wie man ihn baut und fuchs-und-habicht-sicher macht. Damit man sich um die Bewohner keine Sorgen machen muss – nachts, wenn’s dunkel wird und allerlei Räuber aus dem Wald kommen, gierig auf einen richtig leckeren Hühnerbraten.

Massuda Kassem, Melanie Garanin „Chicken Survivor“, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 16 Euro.

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