Sachsen-Anhalt geht es ja oft genauso wie der Stadt Bielefeld: Als hätten sich ein Haufen Leute verschworen, die Existenz dieses Bundeslandes einfach mal in Zweifel zu ziehen. Zumindest zwischen den Wahlen, sodass sich nur alle vier Jahre ein paar Kommentatoren geneigt fühlen, zur Kenntnis zu nehmen, dass es Sachsen-Anhalt ja doch gibt. Ansonsten interessieren weder Wahlergebnisse noch Bewohner. Bei den Wahlergebnissen ändert sich das gerade, denn augenscheinlich sind die Sachsen-Anhalter zu blöd zum Wählen.
Der Gedanke schwingt im Hinterkopf ununterbrochen mit. Und würde wohl auch mitschwingen, wenn Puhle und Bettecken so ein Buch über Meck-Pomm, Brandenburg, Sachsen oder Thüringen geschrieben hätten. Die üblichen ostdeutschen Verdachtsländer, wo ganz offensichtlich unbelehrbare Ureinwohner hausen, die zu doof sind, das Ding mit der Demokratie zu begreifen. Länder, die auf der großen deutschen Bühne nur alle vier Jahre mal eine Rolle spielen. Dazwischen spielen sie keine, werden einfach ignoriert, gedanklich umfahren wie das Nest Bielefeld.
Es ist auch ein gewisses Nun-gerade-Buch, auch wenn es über die Gegenwart Sachsen-Anhalts eher nichts erzählt. Aber der Historiker Matthias Puhle und der Journalist Winfried Bettecken wissen, dass die Ignoranz der Gegenwart auch mit dem Unwissen um die Geschichte des gar nicht so kleinen Bindestrich-Landes zu tun hat. Und wer sich an seinen eigenen Geschichtsunterricht in der Schule erinnert, der weiß: Da ist nicht viel hängen geblieben.
In Sachen deutscher Geschichte sind die meisten Deutschen ahnungslos. Selbst dann, wenn es um ein Gebiet geht, das einmal die Keimzelle Deutschlands war. Hier wurde das Deutsche Reich (auch wenn es so noch nicht genannt wurde) von den Sachsen-Königen gegründet.
Land ohne Industrie?
Natürlich erzählen Bettecken und Puhle auch diesen Teil der Geschichte Sachsen-Anhalts, erzählen von der alten Königspfalz Quedlinburg, der alten Ottonen-Stadt Magdeburg, vom Berliner Bären, der etwas mit einem Bären aus Ballenstedt zu tun hat. Sie erzählen von hier Geborenen, die in der großen Weltpolitik mitmischten – wie Katharina der Großen und General Steuben.
Manchmal stehen tatsächlich Denkmäler da, die die zufällig Vorüberkommenden daran erinnern, dass von hier aus jemand aufbrach, um die Welt zu verändern. Und das waren eine Menge Leute – vom großen Barockkomponisten Händel über den Begründer der Archäologie Johann Joachim Winckelmann bis zum berühmten jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn.
Spätestens wenn die berühmten Unternehmer aus dem Landstrich benannt werden – der Flugzeugbauer Hugo Junkers zum Beispiel –, meldet sich wieder die Erinnerung im Kopf an jene 1990er Jahre, als auch Sachsen-Anhalt drohte, seine komplette Industrie zu verlieren. Thematisiert wird das etwa beim Chemiedreieck, um das seinerzeit tatsächlich ein Mann wie Helmut Kohl kämpfte, der als Politiker noch so eine Ahnung hatte, was passiert, wenn man in einem ganzen Landstrich die Industriearbeitsplätze wegradiert.
Man kann ein Land – auch wenn es ein schönes Stückchen Erde ist – nicht allein touristisch vermarkten, quasi als sanierte Hülle einer glorreichen Vergangenheit. Auch wenn Sachsen-Anhalt etliche auch als Weltkulturerbe gewürdigte Orte solch historischen Glanzes hat. Und mit dem Naumburger Dom und der schönen Uta und mit den Merseburger Zaubersprüchen geht es ganz tief in die Geschichte. So tief, dass man einen Star geradezu vermisst: die Himmelsscheibe von Nebra.
Auch die Finsterlinge nicht verschwiegen
Aber trotzdem haben Puhle und Bettecken 70 solcher Stars und faszinierender Orte gefunden, die sie – mit Fotos von Henning Kreitel – würdigen. Fotos, die natürlich die Gegenwart zeigen, die Schönheit der Orte, die man ja tatsächlich besuchen kann – so wie Gleims Haus in Halberstadt, berühmt durch die hunderte Porträts von Gleim und mit ihm befreundeter Zeitgenossen, praktisch allen berühmten deutschen Autoren seiner Zeit.
Natürlich darf auch ein Martin Luther nicht fehlen, der seinerzeit gar nicht ahnte, wie er mit seinem „Thesenanschlag“ die ganze katholische Kirche ins Wanken bringen würde, oder der Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke, der mit 16 schwitzenden Pferden seinen Zeitgenossen zeigte, wie stark der Luftdruck ist.
Man begegnet überzeugten Demokraten, aber auch mörderischen Finsterlingen. Man schaut der Zerstörung Magdeburgs im 30-jährigen Krieg zu und ist bei der Begegnung an der Elbe 1945 dabei. Man lernt mit Heinz Krügel die Magdeburger Trainerlegende kennen, die den 1. FCM in den 1970er Jahren zum europäischen Spitzenklub formte. Man lernt aber auch, dass die Tonnagen des mörderischen Zyklon B, mit dem hunderttausende Juden ermordet wurden, aus einer Fabrik in Sachsen-Anhalt kamen. Und auch ein gewisser General Lothar von Trotha wird erwähnt, der den Völkermord an den Herero verantwortete.
Das ist das Gute an dieser Auswahl: Die beiden Autoren belassen es nicht bei den positiven Helden der Geschichte. Sie benennen auch die Verbrecher und ihre Verbrechen. Denn viel zu oft in der Geschichte liegt das dicht beieinander, denken die Skrupellosen längst wieder an Mord und Totschlag, während die Zukunftsträumer an Visionen für eine bessere Welt arbeiten – so wie im Dessauer Bauhaus.
Man lernt mit Hans Dietrich von Zanthier den Mann kennen, der Nachhaltigkeit tatsächlich zum Wirtschaftsprinzip in den Harzer Wäldern machte. Und mit dem Sturm auf den Brocken schildern die beiden einen ganz besonderen Moment des deutschen Mauerfalls von 1989.
Als wäre es gar nicht da
Wer sich durch die 70 Geschichten blättert, lernt ein vielfältiges Land kennen. Randvoll mit Geschichte und Schicksalen. Und immerzu hat man diesen Gedanken im Hinterkopf: Wie konnte daraus in der deutschen Gegenwartswahrnehmung so ein vergessenes Stück Welt werden? Als wäre es nicht zugegen und nicht wichtig.
Und man bekommt so eine dumpfe Ahnung, dass das ein ganz zentrales Problem der deutsch-deutschen Geschichte seit 1990 ist: Dass die Ostdeutschen alle in ein Narrenkostüm namens „Ossi“ gesteckt wurden, ihre Wirklichkeit, ihre erstaunlichen kleinen Länder und ihre faszinierende Geschichte aber immer wieder wie nichtexistent behandelt wurden. Ignoriert, übersehen, nicht wahrgenommen.
Und man ahnt dann eben auch, warum da so ein Frust rumort, der sehr viel mit dem Nicht-wahrgenommen-Werden zu tun hat. Das macht man mit Menschen nicht. Und auch nicht mit kleinen Bundesländern, die um ein bisschen Kontur kämpfen, die sie außerhalb der entgleisenden Wahlkampfzeiten auf der großen deutschen Bühne sichtbar macht.
Winfried Bettecken, Mathias Puhle „Von Sachsen-Anhalt in die Welt“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 20 Euro.
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Sehr schöner Text, lieber Autor! Mal sehen, ob ich das Buch im Bahnhofsbuchhandel finde.