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Saale abwärts zwischen Unstrut und Elbe: Der faszinierende Saaleradweg zwischen Naumburg und Barby

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    Lutz Heydick nutzt seine Sommer: Er schwingt sich mit seiner Familie aufs Rad und erkundet die bekannten Radwege unserer Region. Und da er gestandener Verleger und Herausgeber ist, macht er daraus mit Wissen und eindrucksvollen Fotos vollgepackte Radwanderführer. Den ersten hat er zur Mulde vorgelegt. Jetzt ist sein zweiter da: Mit dem Rad die Saale abwärts auf dem Saaleradweg.

    Den Saaleradweg gibt es ganz offiziell seit 1994. Er ist 402 Kilometer lang und natürlich ein echtes Abenteuer für Leute, die eine Woche lang einem schönen Fluss folgen wollen durch geschichtsträchtige Landschaften mit Burgen, Schlössern, Mühlen, Domen, Kirchen. Die wirklich Sportlichen starten an der Saalequelle bei Zell im Fichtelgebirge.

    Das schätzt auch Lutz Heydick als sehr anspruchsvoll ein, denn auf den ersten fünf Etappen gibt es eine Menge Höhenmeter zu überwinden. Da geht es von 746 überm Meeresspiegel runter bis auf 103 Meter. Lutz Heydick steigt in Naumburg ein, dort, wo die Unstrut in die Saale mündet. Offiziell sind es auf der Saaleradroute drei Etappen, auch wenn sie in Heydicks Buch quasi in einem Rutsch abgefahren werden.

    Aber wer die 151 Kilometer wirklich an einem Tag durchschrubbt, der sieht natürlich nichts, kann auch nichts sehen.

    Denn auch dieser Radweg wird erst dadurch spannend, dass man nicht nur lauter geschichtsvolle Städte wie an einer Perlenkette aufgefädelt vor sich hat, sondern Sehenswürdigkeiten aller Art zu Abstechern und Pausen einladen.

    Das geht in Naumburg natürlich los – oder eigentlich schon vorher, denn einen Abstecher nach Freyberg und nach Schulpforte sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen, genauso wenig wie den Stadtbesuch in Naumburg, das Büchlein in der Hand. Denn die Geschichte dazu erzählt Lutz Heydick natürlich möglichst kompakt und so, dass man weiß, wo man sich gerade befindet – örtlich und zeitlich.

    Und immer wieder steht natürlich der Fluss im Mittelpunkt mit seinen Fähren, Brücken und Staustufen. Seit 1.000 Jahren hat man versucht, die Saale als Schiffsweg zu nutzen und auszubauen. Wahrscheinlich sogar schon seit 7.000 Jahren. Denn seit dem spektakulären Fund der Himmelsscheibe bei Nebra und dem Sonnenobserevatorium bei Goseck ist diese Gegend auch Geschichtsbewanderten als einer der Orte im Bewusstsein, an dem sich schon vor 7.000 Jahren spannende Zivilisationsgeschichte abspielte.

    Das rekonstruierte Sonnenobservatorium Goseck liegt natürlich an der Strecke und lädt zum Abschweifen ein. Und wer das Buch zu Ende geblättert hat, weiß, dass kurz vor der Elbe noch so ein faszinierendes Stück rekonstruierter Geschichte wartet: das Ringheiligtum Pömmelte.

    Es gibt kaum eine Flusslandschaft, an der so deutlich wird, wie die frühen Zivilisationen in Mitteleuropa blühten und wie wichtig dabei die verbindenden Flussläufe waren. Und in diesem sachsen-anhaltinischen Teil des Saaleradwegs kommt noch hinzu: Hier stehen ja auch die Schmuckstücke, die vom Beginn der deutschen Geschichte vor 1.100 Jahren erzählen.

    Hier streckten die Ottonen ihre Fühler nach Osten aus. Die Saale war jahrhundertelang Grenzfluss. Hier standen die Burgwarde, aus denen oft genug heute berühmte Städte wurden, mittelalterliche Machtzentren wie Naumburg, Merseburg, Halle und Bernburg.

    Und natürlich kreuzt man bei der Fahrt auch die Frühgeschichte der Wettiner, auch wenn auf ihrer Stammburg in Wettin nichts mehr so aussieht wie zu der Zeit, als diese emsigen Burggrafen sich zum mächtigsten Herrschergeschlecht in Mitteldeutschland mauserten.

    Wobei man nicht nur alte Adelsgeschichten erfährt. Das würde der Gegend nicht gerecht werden. Denn Lutz Heydick erinnert sich nur zu gut noch an eine Zeit, als die Saale einer der dreckigsten Flüsse Deutschlands war, als die Industrieabwässer von Leuna und Buna im Fluss alles Leben erstickten.

    Die Saale ist auch Industriegeschichte. Und so manches industrielle Relikt steht natürlich auch am Ufer. Ausgedient, nicht mehr gebraucht. Manchmal aber für Reisende eben doch eindrucksvoll wie das Gradierwerk in Bad Dürrenberg oder der versandete Kanaltraum des Elster-Saale-Kanals, an dem man natürlich auch vorbeikommt.

    Was natürlich auch heißt, dass man von Leipzig aus recht schnell auf dem Saaleradweg ist, wenn man den Elster-Saale-Radweg nutzt oder – künftig – den geplanten Elster-Saale-Kanal-Radweg. Mit Elbe- und Mulderadweg sind drei der schönsten Flussradwege von Leipzig aus leicht und schnell anzusteuern. Und es lohnt sich.

    Schon der Landschaft wegen, die sich natürlich in den letzten 30 Jahre erholen konnte. Es leben wieder Fische im Fluss, Angler stehen schweigend am Ufer und in der Elster-Saale-Aue unterfährt man auch noch die so wichtige ICE-Strecke, die inzwischen Halle und Leipzig mit Thüringen und Bayern verbindet.

    Mit dem Rad geht es tatsächlich von einem Ufer zum anderen, meist über Brücken, manchmal aber auch mit der Fähre. Und selbst in Halle fährt man durch lauter Grün, durchaus animiert auch zu Abstechern auf die Burg Giebichenstein, die Moritzburg oder auf den Hallmarkt zur Halleschen Störung. Das sehenswerte Stück Geologie rechts und links der Strecke blättert der Autor natürlich auch vor dem Radreisenden auf.

    Denn man kann auch mit Geologen-Augen durch diese Landschaft fahren, erleben, wie sich der Fluss hier durch die Landschaft gearbeitet hat und auch Landschaft geformt hat. Denn in den letzten Jahrhunderten haben die Menschen die Saale zwar versucht zu zähmen. Dadurch sind viele Saaleschlingen, die heute noch in der Aue zu sehen sind, abgeschnitten worden.

    Aber der Fluss revanchiert sich nach wie vor mit Hochwassern, die halt nur schneller und höher geworden sind und an der Saale denselben wilden Aktionismus auslösen wie weiter östlich an der Weißen Elster, wenn es dort Hochwasser gibt.

    Eigentlich wissen wir, wie wir mit Flussauen umgehen müssten. Aber einige unter uns sind wie vernarrt in den technologischen Größenwahn. Oder sie lieben halt Sandsäcke und Gummistiefel. Kann auch sein.

    Wahrscheinlich fahren sie zu selten Rad und schon gar nicht an unseren schönen Flüssen entlang, die ja nicht zwecklos so „idyllisch“ aussehen mit ihren Inseln, Sandbänken, Mäandern und einstmals breiten Auenwäldern. Ein wenig von dieser ursprünglichen Flussnatur sieht man ja ganz am Ende der Radtour im Mündungsgebiet der Saale kurz vor der Elbe, wo die Technologen bis heute davon träumen, einen Stichkanal für den Güterschiffsverkehr auf der Saale zu bauen, einen Verkehr, den es eigentlich nur noch in wenigen Resten gibt. Denn die großen Schiffe der Gegenwart können gar nicht bis hinauf fahren nach Halle. So viel Wasser hat die Saale gar nicht. Und die Elbe, in die sie mündet, an immer mehr Tagen im Jahr ebenfalls nicht.

    Und gerade deshalb hat sich im Mündungsgebiet der Saale eine besonders reiche Flora und Fauna erhalten. Am Saalhorn bei Barby, wo die Saale in die Elbe fließt, endet diese Fluss-Radfahrt, die Lutz Heydick mit seiner Familie ganz augenscheinlich bei herrlichstem Sonnenschein absolviert hat.

    Die dabei entstandenen Fotos, die die ganze Schönheit dieser mitteleuropäischen Landschaft zeigen, bereichern den Band. Zwei Karten schaffen zumindest eine grobe Orientierung. Denn tatsächlich ist der Saaleradweg ja gut ausgeschildert. Hier kann man sich nicht wirklich verlieren. Eher plant man um, weil all das Sehenswerte unterwegs natürlich zum herrlichen Trödeln, Verweilen und Ausklinken einlädt.

    Wozu ja solche Radtouren eigentlich da sind – einen Gang runterschalten, Augen auf und das Gefühl wieder zulassen, dass man kein Meeting und keinen Termin erreichen muss und es völlig egal ist, ob man heute die ganze Etappe schafft, oder – beispielsweise in Schkopau oder Mücheln – hängenbleibt, weil einen so ein Atem aus dem wolkenlosen Himmel anfällt: Das ist keine eilige Landschaft. Und das Tempo gibt sowieso der Fluss vor.

    Lutz Heydick Saale abwärts, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2019, 16,50 Euro.

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