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Unstrut abwärts vom Eichsfeld zur Saale: Mit dem Fahrrad durch ein Land voller Geschichte

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    Flüsse haben eine sehr schöne Eigenschaft: Sie fließen immer talabwärts. Und wenn sie dann auch noch durch herrliche Landschaften rauschen, sind alle Zutaten vorhanden, um an ihnen faszinierende Radrouten anzulegen. Und die kann man dann von oben nach unten meist ohne große Anstrengung hinunterradeln. Was Lutz Heydick jetzt schon mit seinem dritten Fluss in Mitteldeutschland so getan hat.

    Nach seinen Radtouren die Mulde abwärts und die Saale hinunter, beides sehr erlebnisreiche Mehrtagestouren mit dem Fahrrad, hat er 2020 die Pfingstzeit genutzt, um die Unstrut von ihrer Quelle bei Kefferhausen 190 Kilometer flussab zu begleiten. Auch dieses Buch lädt dazu ein, die Radtour selber einmal zu machen, auch wenn man sich in das Buch ebenso zu Hause gemütlich einlesen kann. Da ist man wenigstens vorbereitet und radelt nicht aus Versehen an Sehenswürdigkeiten vorbei, die man unbedingt gesehen haben sollte.Denn mit dem Unstrutgebiet kommt man in den historisch ältesten Teil Mitteldeutschlands. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Angefangen mit der Keimzelle des legendären Thüringerreiches, dem ersten nachweisbaren Königreich im mitteldeutschen Raum, das erst von den Franken zerstört wurde. Man landet also auch in lauter Ortschaften, die ihren Ursprung weit vor dem 8. Jahrhundert belegen können.

    Man radelt aber auch an den Zeugnissen jenes mysteriösen Reiches vorbei, das hier schon vor 4.000 Jahren bestand und an das das Fürstengrab von Leubingen genauso erinnert wie der Mittelberg und die in der Nähe zu findende Arche Nebra. Beides gehört zusammen, ist sich der Archäologe Harald Meller sicher, auch wenn das Fürstengrab heute in Thüringen liegt und Nebra in Sachsen-Anhalt.

    Hier fanden aber auch historisch entscheidende Schlachten statt so wie der Sieg der Franken über die Thüringer im Jahr 531 oder der Sieg König Heinrichs I. über die einfallenden Ungarn im Jahr 933 bei einem Ort namens Riade, der wohl identisch ist mit jenem geradezu legendären Überschwemmungsgebiet am Zusammenfluss von Gera und Unstrut, das in historischen Zeiten jährlich mehrere Hochwasser erlebte und den größten Teil des Jahres feucht war. Da hatten die ungarischen Reiter wohl keine Chance und das deutsche Königreich war gerettet.

    Und wem das alles zu kriegerisch ist, der wird ganz beiläufig bemerken, wie viel Literatur ihm auf diesem doch eigentlich recht ruhigen Stück von Deutschland begegnet. Das Verblüffendste: Man trifft den Großvater und den Urgroßvater Goethes, denn genau von hier kam die Familie des Frankfurter Kaufmannssohns. Und noch verblüffender: Als er dann in Weimar Minister war, war es für ihn ein Katzensprung, hier allerlei Bekannte zu besuchen, die Wolzogens etwa oder die von Kalbs in Kalbsrieth.

    Und wenn er gewollt hätte, hätte er auch den Salinenassessor von Hardenberg in Artern besuchen können, der als Novalis zum berühmtesten Vertreter der deutschen Romantik wurde. Aber mit den Romantikern haderte Goethe ja. Und Klopstock auf seiner Hauslehrerstelle in Bad Langensalza besuchen konnte er natürlich nicht. Der berühmte Klopstock weilte dort weit vor Goethes Weimarer Zeit.

    Aber so wird ja Geschichte lebendig. Man trifft unterwegs auf lauter Leute, die man zumindest aus Büchern kennt, deren Anwesenheit in dieser Ecke der Welt man aber nie vermutet hätte. Ist das denn hier nicht eigentlich stilles Hinterland?

    Nicht wirklich, wie wir mit Lutz Heydick erleben, denn an der Unstrut reihen sich lauter Städte, die auch einen wohlverdienten Platz in den Geschichtsbüchern gefunden haben. Aus verschiedensten Gründen. Man kommt durch Mühlhausen, einst stolze Freie Reichsstadt und dann Wirkungsstätte von Thomas Müntzer. Man kommt an der Burg vorbei, auf der Müntzer gefoltert wurde, und mitten durch das Schlachtfeld, auf dem die Fürsten mit ihren Landsknechten das schlecht bewaffnete Bauernheer abschlachteten.

    Man kommt an sehr vielen Burgen vorbei, denn hier grenzten ja nicht nur einstige Fürstentümer aneinander, hier lief auch historisch der Weg von Ost nach West, auf dem sie alle unterwegs waren, die Heere (natürlich auch Napoleon mit seinen Truppen) und die Händler, die anfangs in Mühlhausen gute Geschäfte machten und später lieber nach Leipzig weiterzogen, das mit seinem Messeprivileg auch die Jahrmärkte in Mühlhausen aus dem Rennen kickte.

    Auf etliche dieser stolzen und oft berühmten Burgen sind Lutz Heydick und seine Begleiter natürlich hinaufgestiegen, auf die Neuenburg etwa, ganz am Ende der Fahrt in Freyburg, wo die Unstrut in die Saale fließt, auf den Wendelstein und die Sachsenburg. Manchmal hatte man ja in diesem Jahr 2020 Glück, wenn so eine Burg Ruine war – dann war sie wenigstens zugänglich, während andere Burgen und Festungen fest verriegelt waren – so wie die Festung Heldrungen und das Schloss Burgscheidungen.

    Im Grunde ist mit den Stichpunkten alles gesagt: Auf dieser Tour wird es nicht langweilig, auch nicht auf den Abschnitten durch das Unstruttal, auf denen es mal keine alte Stadt oder Burg gibt. Oder beim Kloster Memleben, das wieder an die ersten deutschen Könige erinnert.

    Das Buch ist etwas anders aufgebaut als übliche Radwanderführer, legt den Fokus vor allem auf die Beschreibung des Weges und – in abgesetzten Abschnitten – auf weitere Informationen zu den Sehenswürdigkeiten, zur Flussschifffahrt, zur Unstrutbahn, den Flussregulierungen und der Salzgewinnung. Die Tagesetappen kann ja jeder selbst festlegen und sich danach unterwegs seine Übernachtungen buchen, wozu sich ja gerade die alten Städte an der Strecke anbieten.

    Und irgendwann wird das alles ja wieder möglich sein. Und es bietet sich geradezu an, die Tagesabschnitte lieber kürzer zu planen, weil rechts und links vom Fluss immer wieder Attraktionen einladen, für die es sich lohnt, von der Strecke abzuweichen.

    Oder einfach mal auszuspannen, ob an Streuobstwiesen, im Geo-Naturpark Saale-Unstrut-Triasland oder fast am Schluss, wo man durch das Weingebiet bei Freyburg radelt, in einer Straußenwirtschaft. Oder halt davor, wenn man doch noch nicht rein darf. Und weil man ja eh schon fast in Freyburg ist, kann man ja das Rad dann schieben.

    Nur werden Leipziger wohl eher nüchtern bleiben und noch bis Großjena fahren, um ihrem Lieblingsbildhauer Max Klinger einen kleinen Besuch abzustatten. Der hat sich hier aus guten Gründen wohlgefühlt. Manchmal muss man wirklich erst einmal einen dieser schönen mitteldeutschen Flüsse hinunterfahren, um wieder zu sehen, was für ein schönes Stück Welt das ist.

    Lutz Heydick Unstrut abwärts vom Eichsfeld zur Saale, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2021, 16,50 Euro.

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