Jahrzehntelang war der deutsche Blick auf europäische Literatur fast nur westwärts und ein bisschen südwärts ausgerichtet. Englische, französische, italienische und spanische Autoren und Autorinnen fanden ganz selbstverständlich ihren Platz in den Katalogen deutscher Verlage. Der Blick nach Osten und Südosten war sehr verengt. Und auch heute noch leisten in der Regel kleine Verlage Pionierarbeit, wenn sie Autoren aus diesem geografischen Raum einem deutschen Lesepublikum bekannt machen.
So wie es der Leipziger Literaturverlag tut, der mit dem serbischen Autor Rastko Petrocić im Grunde einen Klassiker entdecken lässt.
Ein Klassiker der Moderne in diesem Fall, die es eben nicht nur in Westeuropa gab. Man denkt bei den modernen Kunst- und Literaturströmungen einfach nicht an diesen Jahrzehnte auch hinter dem Eisernen Vorhang verschwundenen Südosten. Oder gar an Jugoslawien oder alle seine Teilstaaten. Oder an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, wie es in der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1941 existierte, und für das Rastko Petrocić zuletzt als Diplomat in den USA tätig war.
Wo er letztlich strandete, als die sozialistische Republik Jugoslawien gegründet wurde, die ihn anfangs mit Misstrauen betrachtete. Er gehörte damit ja irgendwie zum alten Jugoslawien und zur jugoslawischen Exilregierung.
1949 starb er – augenscheinlich – völlig verarmt. Aber damit war seine Geschichte nicht wirklich vergessen. Denn in den 1950er Jahren wurde sein Werk in Jugoslawien neu rezipiert, wurde er post mortem wieder mit Veröffentlichungen gewürdigt. Nur in den deutschen Sprachraum schaffte er es nie. Obwohl er in Paris zeitweilig Teil der französischen Bohème war, bekannt mit Picasso, Bréton, Eluard, bestens vertraut mit den literarischen Strömungen seiner Zeit.
Die Fleißarbeit des Robert Hodel
Im Leipziger Literaturverlag sorgt nun seit einigen Jahren der Slawist Robert Hodel dafür, dass die prägenden Autoren der jugoslawischen Moderne mit dicken Auswahlbänden gewürdigt werden, so etwa Bora Stanković, Dragoslav Mihailović und Momčilo Nastasijević.
Und weil sie auch in deutschsprachigen Lexika kaum auftauchen, gibt Hodel jedem dieser Auswahlbände eine ausführliche Biografie bei, die die Leser mit dem Autoren bekannt macht, seinem Lebensweg, seinem Weg zum Schreiben, den Netzwerken und Freundeskreisen, in denen sie agierten. Und natürlich der Geschichte ihres Nachruhms. Ausführliche Lebensgeschichten, die auch von all den Dingen erzählen, die in den meist mehr knappen und oberflächlichen Lexika-Einträgen nicht gewürdigt werden.
Und in Übersichten gibt Hodel auch einen Überblick über die wesentlichen Werke, mit denen sich Autoren wie Rastko Petrocić in die jugoslawische/serbische Literatur eingeschrieben haben, mit denen er auch in den 1920er Jahren Furore machte und – auch mit einem literarischen Skandal – zeitweilig für Aufsehen sorgte. Was aber genau die Widersprüchlichkeit dieses Serbiens zwischen den Kriegen deutlich macht, das zwischen alter, frommer Gläubigkeit und einer experimentierfreudigen Moderne oszillierte.
Rastko Petrocić, der 1915 als 17-Jähriger vor dem Krieg nach Paris geflüchtet war, dort Jura studierte und zu schreiben begann, war eine Herausforderung für das literarische Jugoslawien seiner Zeit. Doch eben dieses Jugoslawien war auch dafür bereit, auch wenn sich nach und nach jene Fronten auch in der Literatur abzeichneten, die man als links und rechts bezeichnen könnte. Rastko Petrocić fühlte sich zwar keiner der Strömungen zugehörig, wurde aber eher der rechten, konservativen Strömung zugeordnet.
Eine Welt aus den Fugen
Wer dann freilich die von Hodel ausgewählten Texte liest, merkt, dass diese politischen Zuordnungen nichts mit dem eigentlichen Schreiben von Rastko Petrocić zu tun haben. S
o wenig, wie all die politischen Grabenkämpfe Europas in den 1920er Jahren mit der Experimentierlust der Moderne zu tun hatten, die für Rastko Petrocić im Grunde schon mit Rimbaud begann, und den tiefgründigen Zweifeln am Dasein und der Sinnhaftigkeit des Lebens. Die man dann auch in den Texten von Rastko Petrocić findet. In der Prosa genauso wie in seinen Gedichten.
Und wer die Texte der französischen und der deutschen Avantgarde-Literatur dieser Zeit kennt, wird einen vertrauten Ton finden. Eine tief sitzende Wehmut, gefüttert möglicherweise auch von den frühen Kriegserlebnissen, die die Jugend von Rastko Petrocić eben nicht nur überschatteten. In Hodels sehr detaillierter Biografie erfährt man eben auch, dass die Kriege auf dem Balkan gar nicht erst 1914 begannen mit der gnadenlos dummen Kriegserklärung Österreichs an Serbien.
Die Balkankriege 1912 und 1913 prägten diese Jugend. Und sie erschütterten ein Serbien, das gerade auf dem Weg war, Anschluss an die Entwicklungen in Westeuropa zu finden. Mit einer zunehmend selbstbewussteren Intelligenz, zu der auch Rastkos begabte Schwestern gehörten, die älter waren und prägend für den Jungen.
Man wechselt mit Hodel im Grunde die Perspektive, schaut nicht mehr mit der phlegmatischen deutschen Sicht auf den Ersten Weltkrieg, sondern aus der Sicht eines jungen Landes, das sich gerade von der osmanischen Fremdherrschaft befreit hatte und sich auch seiner eigenen Kultur bewusster wurde. Und eben auch offen war für die modernen Kunstströmungen der Zeit und damit auch die eigensinnigen, aber auch oft pessimistischen Texte eines Rastko Petrocić.
Wie erzählt man Katastrophen?
Aber auch diese Sicht ist einem vertraut. So schauten auch Autoren in Deutschland auf die zerbrochene Zeit, das erlebte Katastrophenszenario des Weltkriegs, das rational nicht zu begreifen war. Es sind zutiefst menschliche Fragen, die sich Autoren wie Rastko Petrocić stellten. Ohne – falsche – Antworten zu geben oder den Lesern eine Zuversicht zu vermitteln, die nach den Kriegserfahrungen gar nicht möglich war. I
n seinem Roman „Der sechste Tag“ hat Rastko Petrocić sein zentrales Kriegserlebnis literarisch geschildert – seine Flucht mitten durch das schon vom Krieg verheerte Serbien zur Adriaküste, von wo er mit einem Rot-Kreuz-Schiff nach Italien übersetzen konnte.
Der Text hat – genauso wenig wie seine anderen Texte – etwas Heroisches. Mit einer geradezu unterkühlten Sachlichkeit erzählt er die Erlebnisse Stevans auf dem langen Marsch mitten im Schnee über den Bergpass, seinen Kampf mit Hunger, Kälte und Krankheit. Man ahnt dabei, wie so etwas die Sicht eines jungen Menschen auf das Leben prägt. Und auf das, was es darüber zu erzählen gibt. Und wie man es erzählen muss. D
afür fand Rastko Petrocić in Paris genug Vorbilder und Anregungen. Bis hin zu seinen literarischen Experimenten in „Leute reden“, einem Buch, das grimmige Kritiker geradezu für unlesbar erklärten, weil es mit klassischen Erzählmustern brach. Während begeisterte Leser darin eine Erzählweise fanden, die scheinbar vertraute Vorgänge auf neue Art erfahrbar machte.
Auch wenn man sich in die scheinbar banalen Dialoge, die der Erzähler mit den Menschen führt, denen er begegnet, erst einlesen muss. Hier hat (scheinbar) kein auktorialer Erzähler die Fäden in der Hand. Er fragt, ist neugierig, bewegt sich als Reisender durch die Gegend, die er besucht, und wo er den Leuten einfach zuhört und ihr kleines, karges Leben ernst nimmt.
Und damit etwas macht, was Autoren eher selten tun: den Menschen, denen ihre Figuren begegnen, ein Dasein auf Augenhöhe zu geben. Auch wenn sie den Reisenden mit Herr ansprechen. Er ist neugierig, interessiert sich für das Leben und die Nöte der Menschen, die er auf seinen Reisen trifft. Und er reiste gern und viel, hielt es eigentlich auch im diplomatischen Dienst nie lange am selben Ort aus.
Der Blick des Reisenden
Und so fand auch ein Teil seines Reiseberichts „Afrika“ in diese Auswahl, in dem er ein Stück Afrika bereist, das es so heute nicht mehr gibt. Noch mit Fremdheit und Exotik aufgeladen, bildgewaltig und faszinierend. Er beurteilt nicht, sondern versucht, das Erlebte sachlich zu fassen, zu begreifen in all seiner Fremdheit. Und macht damit wohl auch deutlich, wie er selbst die Welt betrachtete – offenen Auges, seinen Gesprächspartnern zugewandt.
Eine Tugend, die scheinbar verloren gegangen ist. Die aber vielleicht auch zu seiner Zeit schon selten war. Zeitgenossen berichten davon, dass er ein einnehmender Mitmensch war, der keine Probleme hatte, neue Bekanntschaften zu knüpfen. Was es ihm auch leicht machte, an immer neuen Orten Fuß zu fassen.
Gleichzeitig spürt man seine leise Fremdheit, die auch den Ton seiner literarischen Texte beeinflusst. Auf vielerlei Weise gehört er nicht wirklich dazu. Weder auf der strapaziösen Flucht als Jugendlicher, noch als Besucher eines armen Fischerdorfes oder afrikanischer Dörfer in jenen damals noch nicht von der (europäischen) Zivilisation überformten Regionen Afrikas.
Und da wird eben ein Motiv deutlicher, das die gesamte (europäische) Moderne seit Rimbaud, Joyce und Eluard durchzieht: Es ist nicht – wie so oft kolportiert – das Unbehagen an der Moderne, sondern die elementar empfundene Einsamkeit, die viele Autoren der modernen Strömungen artikulierten. Oder eben stillschweigend gestalteten.
Da und dort spürt man bei Rastko Petrocić die Sehnsucht nach Nähe und tatsächlicher Begegnung. Doch verwirklichen kann er sie nicht. Er kann die Rolle als Beobachter und Reisender nicht verlassen. Und macht damit wahrscheinlich die Entfremdung viel deutlicher, die in diesen 1920er Jahren gerade die Künstler und Autoren artikulierten. Verstört von einer Welt, in der sie sich nicht mehr heimisch und geborgen fühlten. Ohne das Dilemma wirklich auflösen zu können.
Ein Dilemma, das auch nicht verschwunden ist, sich nur verwandelt hat. Nur dass es heute eher mit jeder Menge Sarkasmus und Zynismus thematisiert wird, nicht mit dem fast feierlichen Ernst, mit dem Rastko Petrocić versuchte, es zur erzählerischen Haltung zu machen.
Rastko Petrocić „Der sechste Tag“, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, 29,95 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:













Keine Kommentare bisher