Wie schreibt man eigentlich über die Träume, die man sich im Leben erfüllt? Und zwar nicht mit Geld, obwohl einem die bunte Werbung für die Reichen und Unersättlichen immerzu einredet, man brauche jede Menge Knete, um sich seine Lebenswünsche zu erfüllen. Und mit Geld sei alles Glück der Welt zu kaufen. Das ist die Lebenslüge der Reichen.

Obwohl es ihnen immer nur um Macht geht. Und die Entmachtung der Nicht-so-Reichen, die manchmal – wie die Dichterin Svenja Ohlsen – im Liegestuhl liegen und über das sperrige Wort Selbstermächtigung nachdenken.

Denn damit beginnen unsere verwirklichten Träume. Mit nichts anderem.

„Während ich rauchend einem Podcast lausche / Sinniere ich über Selbstermächtigung“, beginnt sie zum Beispiel ihr Gedicht „Was bisher geschah“.

Der ganze erste Teil diese Gedichtbandes erzählt von dieser Suche nach dem selbstbestimmten Glück. Wo findet man es? Was kann man dafür tun, außer jede Menge Bücher zu lesen („Hobbys“), sich stressigen Prüfungen auszusetzen („Ausbildung“) oder sich auf Wiesen zu legen und einen Podcast übers Nacktsein anzuhören („Besondere Merkmale“)?

Leben ist Suchen. Aber auch Warten und Nichtstun. Denn oft (sehr oft) braucht man diese Zeit der Besinnung, des Mal-gar-nichts-Tuns, um den eigenen Weg zu finden. Oder wenigstens einem, der einen ein Stück weit zu dem führt, was man ein selbstbestimmtes Leben nennen kann.

„Ich warte ich lebe ich tue nichts / ich lebe ich warte ich brauche nichts …“ („Werdegang“)

Zu viele Wünsche

Das kann zwar etliche Aufpasser, Stressmacher, Effizienzapostel und Drängler auf die Palme bringen. Aber wer sich diese Zeit im Leben nicht nimmt, verpasst vor allem sich selbst. Seine Träume und seine Möglichkeiten.

Dass das auch die Suchenden verunsichert, weiß eine wie Svenka Ohlsen, die als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, nur zu gut. Im Gedicht „Interessen“ spricht sie diese Verunsicherung auch aus: „Ich lege mich in den Wind und traue mich nicht, / mich umzudrehen. / Es könnte mich doch tragen /…“

Wer kennt diese Momente im Leben nicht? Meist hat man all die Stimmen der Warner und Mahner im Kopf, die sich selbst an den entscheidenden Stellen in ihrem Leben nicht getraut haben, das zu beginnen, was in ihnen anklopfte.

Es könnte ja schief gehen. Und auch noch egoistisch sein. Wir leben zwar in einer durch und durch egoistischen Gesellschaft. Aber die Vorwürfe, wir selbst könnten mit unseren kleinen menschlichen Wünschen als Egoisten erscheinen, sind allgegenwärtig.

Wir leben in einer Spiegelwelt, in der der tatsächliche, rücksichtslose Egoismus als Erfolg und Fleiß verkauft wird, die Meisten aber in den Zweifeln leben, ob sie sich ihre eigenen, oft nur ganz bescheidenen Wünsche auch verwirklichen dürfen.

So ging es auch Svenja Ohlsen: „Dann bricht es aus mir heraus, viel zu / viele Wünsche, die gar nicht alle in einen Stern / passen. Aber das ist mir schnuppe. Dass es mir gut / geht, ich einen Van finde, finanziell über die / Runden komme und wieder mit der Liebe meines / Lebens zusammen bin. Der fahrbare Untersatz / fehlt mir noch …“ („Wünsche“)

Das ist der Kipppunkt in diesem Gedichtband. Mit Gedichten, die eigentlich eher Tagebuchnotate sind, in denen die Autorin ihr eigenes Leben immerfort neu reflektiert. Wohl wissend, dass die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen ist, jeden Moment des Abschweifens, Ausruhens, Nicht-zur-Verfügung-Stehens gnadenlos bestraft. Jeder kennt das, der mal in so eine „Lücke im Lebenslauf“ geraten ist.

Rentenkassen und Arbeitgeber mögen so etwas gar nicht. Obwohl man gerade in diesen Auszeiten oft tatsächlich erst findet, was dem eigenen Leben Sinn gibt.

Milchmädchen

Und so schreibt Svenja Ohlsen auch ein Gedicht über die „Lücke im Lebenslauf“. Und wer einmal in dieser Lücke war, weiß, wie sie verunsichert. Weil sie ans Eingesperrte rührt, das, was uns wirklich ausmacht: „Ich will mich nicht. / Doch ich habe mich. / Glück gehabt, / Wenigstens das. / Und jetzt? / Durchatmen. / Ich bin anders. / Tröstlich …“

Der ganze zweite Teil des Bandes erzählt deshalb vom „Ausbruch“. Sie findet ihren kleinen Van, mit dem sie sich auf ihre große Reise begibt. An den Ort, an dem sie findet, was sie sie die ganze Zeit gesucht hat. „Vielleicht einfach wieder Kühe melken? Das habe ich immer geliebt.“ („Lücke im Lebenslauf“)

Wenig später schreibt sie dann: „Nun bin ich ein Milchmädchen.“ („Sonstiges“) Und dann hat sie ihren Mini-Van und fährt über die Insel Gotland, ihre Wahlheimat. Begegnet auch dort misstrauischen Leuten, die – wie die Narren daheim – die ganze Zeit ihren Missmut gegen Ausländer vor sich hertragen.

Auch wenn gar keine da sind. Auch das ein Zeichen des Außer-sich-Seins.

Denn wer immer nur voller Missvergnügen auf die Anderen, Fremden schaut, lebt sein eigenes Leben nicht. Ist auch nicht wirklich bei sich. Und sucht schon gar nicht den Ort, an dem er – oder sie – sich eins fühlt mit sich selbst. So wie es der Dichterin im zweiten Teil des Bandes gelingt. In „Verirren“ zum Beispiel, in dem sie fluchend am Steuer ihres Vans sitzt und – so nebenher – die „Unterlagen von acht Jahren Studium / in die Papielmülltonne” schmeißt, weil diese „tausend Seiten Wissen“ mit ihren Lebensträumen so gar nichts zu tun haben.

Brausende Flüsse singen

Und zu diesen Lebensträumen gehört letztlich auch der Weg in die Einsamkeit. Die so einsam gar nicht ist, wie sie in „Festhalten“ erzählt. Denn wenn man sich tatsächlich einlässt auf diese Welt abseits unserer zubetonierten Städte, merkt man erst, was wir alles verloren haben, als wir die lebendige Welt der Raffgier der Unersättlichen überfließen.

„Ich suche Kultur und finde mich selbst. Endlose / Wälder wispern mir zu, brausende Flüsse singen / wilde Melodien …“

Wer kennt diese Gefühle nicht? Und fühlt sich dabei wie zerrissen? Nicht Jeder hat den Mut, den regulierten Pfad zu verlassen und sich ins Abenteuer des eigenen Lebens zu wagen.

Um – wie Svenja Ohlsen – am Ende vielleicht tatsächlich das Gesuchte zu finden: „Alles um mich herum / erzählt Geschichten, meine Fantasie schlägt / Purzelbäume aus längst verdrängtem Übermut. Ich / suche Sprache und finde ein Meer aus Worten und / darin wogende Schreibeslust.“

Und weil auch das Meer in ihren Texten vorkommt, ist der Band mit mehreren Bildern der Leipziger Künstlerin Anett Richter gespickt, die in der Aussage zu ihrem eigenen Malen selbst tief stapelt: „Mit Blau transportiere ich Sehnsüchte und Erinnerungen.” Dabei malt sie nicht nur einfach Blau, auch wenn die Farbe dominiert in ihren wilden, stürmischen Seebildern. Den manchmal auch ruhigen Seestücken, in denen aber keine Schiffe zu sehen sind, sondern immer wieder die immer wieder andere Oberfläche der See. Das, was man sieht, wenn man sich – auch an stürmischen Tagen – ans Meer begibt und schaut und frei atmet.

Und weiß, dass man die ausgetretenen Pfade verlassen kann, wenn man sich traut. Und dass man manchmal den eigenen Träumen folgen muss, weil man sonst nie wirklich gelebt hat.

Svenja Ohlsen „Finanziell ist es natürlich schwierig“, Sisifo / Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, 16,95 Euro.

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