Ein bisschen hier drehen, dort etwas verschieben. Da ein wenig flicken, dort etwas stopfen: Auf den ersten Blick zeigt das Wirkung im sächsischen Schulsystem, wie Kultusminister Conrad Clemens am Dienstag, dem 17. März, erklärte. Da hat er die Statistik zum Unterrichtsausfall im 1. Schulhalbjahr 2025/2026 vorgestellt. Im ersten Schulhalbjahr fielen in Sachsens Schulen planmäßig 3,3 % der Unterrichtsstunden aus (1. Halbjahr 2024/25: 3,7 %), meldete das Kultusministerium. Was schon skurril genug ist, dass ein Land mit planmäßigem Unterrichtsausfall rechnet. Aber ist das Ergebnis tatsächlich positiv?

Die deutlichste Verbesserung, so das Kultusministerium, gab es in den Oberschulen, wo der planmäßige Unterrichtsausfall von 8 % auf 5,9 % zurückging. Auch an den Gymnasien (von 1,7 % auf 1,5 %) und Förderschulen (von 8,3 % auf 7,9 %) verbesserte sich die Situation. Einen kleinen Anstieg gab es bei Grundschulen (von 0,9 % auf 1,4 %) und Beruflichen Schulzentren (von 1,5 % auf 1,8 %).

„Die Richtung stimmt“, meinte Kultusminister Conrad Clemens am Dienstag. „Zum ersten Mal seit 10 Jahren sinkt der Unterrichtsausfall. Sachsenweit ging der planmäßige Ausfall im ersten Schulhalbjahr um 10,8 Prozent zurück, an den Oberschulen sogar um 26,3 Prozent. Wir sind noch nicht am Ziel, aber die Maßnahmen der letzten Jahre wirken. Ich danke allen Lehrkräften, die mit viel Herzblut dafür arbeiten, dass Sachsens Schülerinnen und Schüler die bestmögliche Bildung erhalten.“

Der außerplanmäßige Unterrichtsausfall, etwa durch Krankheit, Fortbildungen oder schulische Veranstaltungen, ist an Sachsens Schulen auf dem Niveau des Vorjahres (von 5,7 % auf 5,8 %) geblieben.

Die komplette Statistik zum planmäßigen und außerplanmäßigen Unterrichtsausfall findet man hier.

Unterrichtsausfall in Sachsens Schulen. Grafik: Freistaat Sachsen / SMK
Unterrichtsausfall in Sachsens Schulen. Grafik: Freistaat Sachsen/SMK

Das Maßnahmepaket zeigt Wirkung, findet die CDU

„Das Maßnahmepaket des Sächsischen Kultusministeriums zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung zeigt erheblich Wirkung bei der Bekämpfung des planmäßigen Unterrichtsausfalls“, freute sich am Dienstag dann der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag, Holger Gasse.

„Dazu kommen die Anstrengungen, junge, engagierte Lehrkräfte in die sächsischen Schulen zu bringen. Beides trägt nach einer langen Durststrecke nun endlich dazu bei, dass unsere Schüler nicht mehr so häufig auf fachlich fundierten Unterricht verzichten müssen und somit höhere Chancen auf einen bestmöglichen Schulabschluss haben.“

Besonders positiv zeige sich dabei die Entwicklung an den Oberschulen, in denen der Unterrichtsausfall im ersten Schulhalbjahr um mehr als 26,3 % zurückging. „Es bleibt trotz guter Botschaft aber weiterhin unsere wichtigste bildungspolitische Aufgabe, noch mehr grundständig ausgebildete Lehrkräfte und engagierte Seiteneinsteiger an unseren Schulen einzustellen, um dem Engagement der bestehenden Kolleginnen und Kollegen Rechnung zu tragen und sie künftig wieder durch ein Mehr an Lehrpersonal zu entlasten“, so Gasse.

SPD: Es braucht mehr grundständig ausgebildete Lehrer

Und auch der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, Gerald Eisenblätter, fand vorsichtig lobende Worte für die Entwicklung: „Weniger Unterrichtsausfall ist mehr Bildungsgerechtigkeit. Das ist die gute Nachricht des Tages“, sagte er. Legte aber auch den Finger in die Wunde.

Denn dass Sachsen überhaupt so ein Maßnahmenpaket gegen Unterrichtsausfall auflegen musste, hat direkt damit zu tun, dass in den vergangenen Jahren immer wieder zu wenige Lehrkräfte eingestellt worden waren. Ob das Kultusministerium daraus gelernt hat, ist auch für Eisenblätter nicht so ganz sicher.

„Die Anstrengungen der letzten Jahre zahlen sich langsam aus. Mehr grundständig ausgebildete Lehrer sichern die Unterrichtsversorgung. Es ist daher das Gebot der Stunde, ausreichend Lehrerstellen zur Verfügung zu stellen und Ressourcen verlässlich zu planen“, so Eisenblätter.

„Die neue Lehrkräftebedarfsprognose darf nicht nur die demografische Entwicklung abbilden, sondern muss den Schulen wieder ausreichend Puffer zur Verfügung stellen. Nur wenn Grund- und Ergänzungsbereich geplant und mit Haushaltsstellen untersetzt werden, wird man mittelfristig dem Unterrichtsausfall begegnen. Um Schule zu entlasten, braucht es Assistenzen zur Unterstützung – gern unbefristet und dauerhaft auf eigenen Haushaltsstellen.“

Luise Neuhaus-Wartenberg: Der Preis für den Ausfall-Rückgang ist hoch

Dass dieser Maßnahmenkatalog letztlich auch wieder auf Kosten der vorhandenen Lehrkräfte geht, merkte dann die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, Luise Neuhaus-Wartenberg, an: „Wir sind den Lehrkräften sehr dankbar dafür, dass sie täglich mit großem Engagement gegen den Mangel ankämpfen.

Dafür müssen viele nicht nur zahlreiche Überstunden in Kauf nehmen, sondern inzwischen in vielen Fällen auch lange Fahrtwege zur Abordnungsstelle. Der Preis für den erfreulichen Ausfall-Rückgang ist allerdings groß, der Anstieg bei den Grund- und Berufsschulen besorgniserregend. Wir dürfen Probleme nicht verlagern, sondern wir müssen sie lösen.“

Und sie geht auch auf die außerplanmäßigen Ausfälle ein, für die es im sächsischen Schulsystem ganz offensichtlich keinen Puffer gibt: „Der weiterhin hohe außerplanmäßige Ausfall, der auch auf Krankheitsfälle zurückgeht, deutet auf eine anhaltend hohe Belastung hin. Dauerhaft können wir den Unterricht nur absichern, indem wir landesweit einerseits mehr Lehrkräfte an alle Schularten bringen und andererseits für Entlastung sorgen.

Die Lehrkräfteausbildung sollte nach Schulstufen erfolgen und vor allem praxisnäher werden. Nötig ist zudem mehr unterstützendes Personal in multiprofessionellen Teams – etwa für Verwaltungsaufgaben, IT und Schulsozialarbeit. Lehrkräfte brauchen vor allem mehr Unterstützung bei unterrichtsfremden Tätigkeiten, damit sie sich individueller um die Schülerinnen und Schüler kümmern können.“

GEW Sachsen warnt vor Schönrechnerei und fordert echten Kurswechsel

Die vom Sächsischen Kultusministerium vorgestellten Zahlen zum Unterrichtsausfall im ersten Schulhalbjahr 2025/26 bewertet die Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen folgerichtig sehr kritisch. Zwar sei ein leichter Rückgang des planmäßigen Unterrichtsausfalls zu verzeichnen, von einer nachhaltigen Verbesserung könne jedoch keine Rede sein.

Claudia Maaß, Lehrerin und stellvertretende Vorsitzende der GEW Sachsen, erklärt zu den am Dienstag vorgelegten Zahlen: „Die präsentierten Zahlen zeigen allenfalls eine Momentaufnahme, aber keine strukturelle Verbesserung. Der Rückgang des Unterrichtsausfalls wird weiterhin durch Mehrarbeit, Verdichtung und Kürzungen an anderer Stelle erkauft. Das ist keine nachhaltige Bildungspolitik, sondern ein System auf Verschleiß.“

Nach Angaben des Kultusministeriums ist der planmäßige Unterrichtsausfall zwar gesunken, gleichzeitig bleibt der außerplanmäßige Ausfall auf hohem Niveau stabil. Aus Sicht der GEW Sachsen verdeutlicht genau diese Kombination das grundlegende Problem: Der Unterrichtsausfall wird auf dem Rücken der Lehrkräfte reduziert, strukturelle Verbesserungen oder Entlastungen für die Beschäftigten bleiben aus.

„Wenn Unterrichtsausfall sinkt, gleichzeitig aber die Belastung der Lehrkräfte weiter steigt, dann ist klar, wer den Preis dafür zahlt: die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen“, so Maaß. „Viele Lehrkräfte arbeiten seit Jahren an der Belastungsgrenze und leisten regelmäßig unbezahlte Überstunden. Diese Realität taucht in der Statistik des Ministeriums nicht auf.“

Die Richtung stimmt nicht

Die GEW Sachsen verweist zudem darauf, dass die Verbesserung ungleich verteilt ist. Während einzelne Schularten Rückgänge verzeichnen, steigt der Unterrichtsausfall etwa an Grundschulen und Beruflichen Schulzentren sogar an.

„Das bestätigt unsere Einschätzung: Es findet keine echte Lösung statt, sondern eine Umverteilung des Mangels. Einige Bereiche werden jetzt kurzfristig stabilisiert – andere geraten weiter unter Druck. Entscheidend ist, was im Klassenzimmer ankommt: verlässlicher Fachunterricht.“

Und so lautet das Fazit aus Sicht der GEW denn auch: „Ein Jahr Maßnahmenpaket hat den Lehrkräftemangel nicht gelöst und die Arbeitsbedingungen nicht verbessert. Stattdessen erleben wir mehr Belastung, weniger Entlastung und zunehmende Frustration in den Kollegien“, so Maaß.

Die GEW Sachsen fordert daher weiterhin einen grundlegenden Kurswechsel in der sächsischen Bildungspolitik. Notwendig sei ein umfassendes Bildungspaket, das gemeinsam mit den Beschäftigten, Gewerkschaften sowie Eltern- und Schülervertretungen erarbeitet wird.

Dazu gehörten insbesondere: mindestens eine Anrechnungsstunde für Klassenleitungen, mehr Schulverwaltungsassistenz und multiprofessionelle Teams, Schutz vor Abordnungen für ältere Lehrkräfte und eine faire und rechtssichere Arbeitszeiterfassung.

„Die Richtung stimmt nicht, solange sie auf dem Rücken der Lehrkräfte erkauft wird. Sachsen braucht endlich nachhaltige Lösungen statt statistischer Momentaufnahmen“, so Maaß abschließend.

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