„Der Mensch stammt von der Walnuss ab …“ Kann ja jeder sehen, der eine Walnuss knackt. Dann kommt ein kleines Gehirn zum Vorschein. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass sich die wirklich begabten Dichter einfach etwas bewahrt haben, was andere Leute so schnell wie möglich loswerden wollen: den kindlichen Blick auf die Welt. Offen für alles, auch für Täuschungen, Verträumtheiten, den Übermut des Fabulierens. Denn als Kind sieht man die Welt noch voller Geschichten. Und voller Abgründe. Wie zieht einer da Bilanz, wenn das Kind schon 70 ist?
Oder zieht er gar keine Bilanz, auch wenn das mit dem Untertitel „Ährenlese“ scheinbar anklingt? Ein „Best-of“ ist das Büchlein, das der Verlag anderort Thomas Böhme zum 70. Geburtstag schenkt, ganz bestimmt nicht. Ährenlese hat eher mit dem Sammeln von Früchten zu tun, die in den vergangenen Jahren „so nebenbei“ angefallen sind, aber nicht wirklich in einem der publizierten Bände Platz finden konnten, die Böhme ja in der Regel thematisch streng gebaut hat.
Er gehört ja zu den Dichtern, die nicht nur die strengen Formen beherrschen, sondern sich auch immer wieder große Theme vornehmen, in denen sich die Freude am Entdecken mit dem Spaß am Stil vereint – so wie in „Heikles Handwerk“ oder in „101 Asservate“.
Dichtung ist Arbeit. Und zwar eine sehr bereichernde. Und der Dichter hört nicht auf, zu sein, was er ist, wenn er die Tastatur loslässt und mal zum Luftschnappen vor die Tür geht. Und genau davon erzählt diese Auswahl von kleineren und etwas größeren Texten, die oft schweben zwischen Essay und Feuilleton, den schönen spielerischen Formen, die Literatur annehmen kann. Und annehmen muss, wenn einer wie Thomas Böhme seine Gedanken schweifen lässt.
Schöner schreiben
Über ganz irdische Themen wie zum Beispiel die Linkshändigkeit, die ihm in jungen Jahren ausgetrieben werden sollte, was letztlich dafür sorgte, dass seine Handschrift mit links wie rechts geradezu ungebändigt wurde und es ein riesiges Glück war, als er endlich auf seiner ersten Erika tippen konnte, die dann durch immer modernere Geräte ersetzt wurde.
Dichtung lebt nicht von schöner Handschrift (obwohl das Bedauern über deren Verlust unüberlesbar ist), sondern vom geschulten fantasievollen Geist und von der Beherrschung von Sprache. Wovon ja die oben genannten Gedichtbände genauso erzählen wie Böhmes Erstling „Mit der Sanduhr am Gürtel“, der schon beides vereinte: die lustvolle Beherrschung der Sprache und die Eleganz des aufgerufenen Wissens über die Welt.
Dichter sind Welt-Entdecker. Ganz im kindlichen Sinn. Sie tun das, was „gut erzogene“ Kinder nicht mehr tun (dürfen): abschweifen, träumen, die Gedanken fliegen lassen – und sei es, wie in „Weniger Herbst“ an einem düsteren Herbsttag, „wenn die Lampen von Tag zu Tag früher angezündet werden“ und die Wildgänse gen Süden ziehen, sich ihr Schwarm aber unverhofft teilt. Was passiert da oben? Hat der Himmel da vielleicht ein Loch?
So beginnen Texte zu entstehen, die allein schon im Abschweifen ihre Poesie entfalten und zeigen, wie es sich lebt als Mensch, der die Welt noch immer mit Dichter-/Kindesaugen betrachtet und die Fähigkeit bewahrt hat, dem Verwundertsein eine Form zu geben. Etwa wenn er einen durchaus fordernden Brief an eine gewissen Fritz Nietzsche schreibt, der auf der Schulbank in Schulpforta noch nicht weiß, was er künftig einmal anrichten wird.
Oder wenn er in einem scheinbar ganz luziden Gedicht von Gottfried Benn etwas findet, was es von Benn offiziell, nie gab. Ein gewisses Schuldeingeständnis, verpackt in ein Gedicht aus Benns Kindheitslandschaft in der Prignitz.
Gebrauchsspuren und Heimlichkeiten
Manchmal regt einen so ein Funke aus der Wirklichkeit an und dann wird, je mehr sich der Text entfaltet, etwas daraus, was in keinen Gedichtband passt. In einen Band mit Essays schon eher. Aber dann bleiben die Texte doch liegen, weil noch das richtige Buch für sie fehlt. Eben wie Ähren auf dem Feld, die noch zu sammeln sind. So wie der Text „Gebrauchsspuren“ von 2014, der mit einem dieser überwältigenden Besuche auf der Leipziger Buchmesse beginnt, sich aber um ein kleines, unscheinbares Bändchen dreht, das einst subversiv im Buchregel der Tante versteckt war.
2013 war es ein kleines Nachdenken über das geradezu seltsame Wort Heimlichkeit, aus dem der Dichter dann eine ganze Landschaft menschlicher Gefühlswelten entwickelt. Denn in solchen Worten stecken Assoziationen, Bilder und Gefühle. Wer so lange in seinem Handwerk ist wie Böhme, der weiß um diese Aura der Worte.
Der weiß auch, wie man aufpassen muss, dass einem die falsch platzierten Kleinode nicht den ganzen Text zerhauen. Umso mehr lohnt es sich, gerade über die Exoten unter den Worten einmal länger nachzusinnen und gespannt zu sein, was da aus dem Unterbewusstsein alles auftaucht.
Solche Texte können durchaus auch fantastisch werden, so wie in „Waben“, ein Text, in dem im Grunde ein ganzer Roman stecken würde, würde sich Thomas Böhme auch dem SF-Genre zugeneigt fühlen. Denn was passiert mit uns, wenn eine „Zentrale, wo alle Informationen zusammenlaufen“, auch noch Kontrolle über unser Denken bekommt und falsche Gedanken mit einer Pling-Warnung versieht?
Mit Golem in Prag
Was Thomas Böhme hier als „Ährenlese & Nebelkerzen“ gesammelt hat, ist im Grunde eine kleine Schatztruhe, ein kleiner Blick in die Werkstatt, wo sich über die Jahre eben auch Texte ansammeln, für die immer nur das richtige Buchformat gefehlt hat. Texte, die aber genauso die unverwechselbare Sicht ihres Autors auf die Welt zeigen wie seine Gedichte. Und manches ist einem nur zu vertraut.
Die Realität hat ja selbst oft den blankgewetzten Schimmer von Poesie, manchmal ganz alter, wie in „Golem“. Denn wer als Dichter nach Prag fährt, der hat seinen Golem genauso im Kopf wie seinen Herrn K. und seinen Schwejk. Nur dass er dort inzwischen auf eine für den Tourismus aufgemotzte Stadt trifft, in der die alte, stille Poesie nicht mehr so leicht zu finden ist. Auch nicht die aus Kindertagen, als die allererste Begegnung mit dem Golem in einem „Mosaik“-Heft stattfand.
Womit wir wieder beim kindlichen Schaue auf die Welt wären, mit dem Poesie nun einmal beginnt. Wer in der Welt keine Geheimnisse und Überraschungen mehr sieht, hat nicht nur das Kind in sich verloren, sondern auch die Fähigkeit, die Poesie des eigenen Lebens wahrzunehmen. Die immer da ist. Aber man braucht den Blick dafür.
Und die Selbstermutigung, die Fantasie doch immer wieder schweifen zu lassen, wenn sie an den Zügeln rüttelt. Mal ist es ein Apfelbaum, der sie aufscheucht, mal sind es die klappernden Walnüsse, die die Kinder knacken und dann staunen, was für niedliche kleine Gehirne da unter der Schale stecken.
Thomas Böhme „Weniger Herbst. Ährenlese & Nebelkerzen“ anderort Verlag für Lyrik, Leipzig 2025.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:













Keine Kommentare bisher