Der Ruf nach Bürokratieabbau kommt aus allen politischen Lagern, selbst aus denen, die diese Bürokratie jahrzehntelang immer weiter ausgebaut haben. Die vermeintliche Gegenbewegung namens „Deregulierung“, oft als eine Art “Disruption” verstanden, meint aber etwas anderes als das Abschaffen von überbordender Bürokratie. Auf der Welle der durchaus vorhandenen Staatsverdrossenheit unter den Menschen will sie den Staat am liebsten ganz abschaffen.
Selbstverständlich wird das nicht ganz so hart kommuniziert, es heißt „Den Staat auf seine Kernaufgaben zurück beschneiden“, das Symbol dafür ist die Kettensäge.
Unter dem Motto „Deutschland deregulieren. Jetzt!“ fand am 14. März 2026 die Milei-Konferenz statt. Wir waren für Sie dabei, zumindest bis zur Mittagspause, und haben einige Eindrücke gesammelt.

Konferenz oder Erweckungsveranstaltung
Wer schon einmal eine Konferenz von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besucht hat weiß, dass man dort Suchende findet. Auf dem Podium der Milei-Konferenz standen Wissende, die ihre Botschaft unter Gläubige trugen. Diese quittierten das Geheimwissen mit teils frenetischem Applaus.
So auch der Applaus nach folgender Sequenz von Carlos A. Gebauer in seiner eröffnenden Rede.
„Betrachtet man diese Lage, in der wir uns alle befinden, selbstkritisch und mit demütigen Augen, dann sollte man im Umgang mit Menschen wohl sinnvollerweise etwas zurückhaltend sein. Besonders in der Annahme selbst den Stein der Weisen gefunden zu haben und allen anderen, nötigenfalls gegen deren Willen, zwangsweise das Licht der wahren Erkenntnis aufsetzen zu dürfen. Demütige Selbstkritik und Einsicht in die Grenzen der eigenen Welterkenntnis sind die ethischen Wurzeln einer gesellschaftspolitischen Haltung, die ich libertär nenne.“
Kurz darauf: „Javier Melei dereguliert und darum schauen wir auf ihn“, auch da Applaus. Schaut man nach Argentinien, dann ist bei Milei von Zurückhaltung nichts zu sehen, Deregulierung wird mit autokratischen Mitteln durchgesetzt. Wen interessiert das in diesem Raum? Da ist von einer Betrachtung mit demütigen Augen nichts zu spüren.
Wieso Erweckungsvernstaltung?
Es ist das gesamte Flair und der Aufbau der „Konferenz“, lustige Moderation durch zwei sympathisch wirkende Menschen, die sich gegenseitig mit „der bekannteste Querdenker, aber im besten Sinne“ für Marcus Pretzell und „die Frau hat schon viel mehr gemacht, als man ihr ansieht“ für Sarah Zickler vorstellen.
Gelacht werden darf auch über eine Art Comedy mit Björn Peters und Frank Hennig, die unter dem Titel „Finanzpolitik mit der Kettensäge“ unter anderem gut versteckt altbekannte Stereotype gegen erneuerbare Energien und für Atomkraft wiederholen.
An die Veranstaltungen amerikanischer Erweckungsgemeinden erinnert besonders der, im Video zu sehende, Auftritt der Redner.
Wer ist hier Koch und wer ist Kellner?
Auch wenn die RND-Medien das Milei-Institut als ein Projekt der Ex-AfD-Politikerin Frauke Petry bezeichnen, sicher kann man sich da nicht sein. Frauke Petry und Carlos A. Gebauer um ein gemeinsames Interview zu bitten, wie wir es getan haben, hatte weniger den Grund, die alt bekannten libertären Thesen zu hören, als die Körpersprache der beiden zu sehen.

Wie man sieht, Frauke Petry schaut zu Herrn Gebauer auf, man könnte andächtig oder verehrend sagen, und Carlos A. Gebauer schaut kritisch zustimmend auf seine Elevin.

Man darf wohl mit Fug und Recht Carlos A. Gebauer als den intellektuellen Kopf der Bewegung sehen. Das macht er auch noch ganz gut.
Die Thesen des Libertären
Zu Beginn steht, wir sind schließlich in der Nähe von Leipzig, ein wenig Ossi-Streicheln. „Leipzig ist ein wunderschöner Ort. Ich habe gestern, nachdem ich angekommen bin, nochmal da in der Nähe des Hauptbahnhofs ein bisschen mich umgeschaut und mich daran erinnert, wie das 1990 dort ausgesehen hat, als ich angefangen habe Leipzig das erste Mal zu besuchen. Und das ist schon einigermaßen erschreckend, zu sehen wie schnell die Dinge sich ändern können, wenn man die Zäune um Menschen wegnimmt, wenn man Regulierungen von ihnen wegnimmt, wenn man sie einigermaßen frei agieren lässt.“
Später meint er: „Aber wie schön hätte es noch aussehen können, wenn man das tatsächlich libertär hätte neu wachsen lassen, das wäre dann im Zweifel noch schneller gegangen.“
Wo sieht Herr Gebauer die Probleme mit dem Staat? „Das Problem mit dem Staat, den ich persönlich in den richtigen Grenzen für sehr sinnvoll halte, ist nicht die institutionelle Existenz einer Organisation, die wir so nennen, sondern der Umstand, dass wir ihm die Befugnis zugestehen, ohne Einwilligung der Betroffenen von ihnen Handlungen, Duldungen oder Unterlassungen einfordern zu können.“
Man muss den Staat, unter der jeweils aktuellen Regierung, nicht bedingungslos verteidigen. Ein demokratischer Staat beruht aber auf einem gesellschaftlichen Konsens, der von der Mehrheit der Gesellschaft getragen wird. Muss wirklich jedes Mitglied der Gesellschaft jedem Teil dieses Konsenses in jeder Situation zustimmen?
Der wirkliche Kernpunkt, das Thema welches sich durch die gesamte Veranstaltung zieht, ist aber:
„Genau diesen Kontext ist einzuordnen, wenn Libertäre das Steuerzahlen mit Raub vergleichen. Nicht der Umstand der gemeinschaftlichen Finanzierung einer Institution an sich ist das Problem, sondern die Konstellation, dass diese Finanzierung selbst dann dargestellt werden muss, wenn man ihren Gegenstand selbst nicht gutheißt.“
Welcher Gegenstand? Muss mir der einzelne Gegenstand, für den Steuern erhoben oder der mit Steuern finanziert wird, persönlich genehm sein? Will ich nur Steuern zahlen für Dinge die mir persönlich zugutekommen? Die Frage bleibt unbeantwortet.
Es folgt ein Exkurs zu Freiheit, Menschenrechten, Gehorsam und anderem, gestützt auf Autoritäten wie Hannah Arendt, der endet mit: „Dadurch ist Deregulierung der Weg zu mehr Grundrechten, zu effektiveren Bürgerrechten und zu wirkmächtigeren Menschenrechten.“
Es folgt die Kurzgeschichte Tschechows „Eine grausame Lektion“ (Video) über die Gouvernante Julia und ihren Dienstherren, der vorgibt ihr den Lohn vorenthalten zu wollen.
Die Tatsache, dass heute kein Arbeitgeber mehr so mit ihr umgehen könnte wird anerkannt, allerdings ist das kein Grund für staatliche Eingriffe wie Mindestlohn und Arbeitszeitgesetz. Stattdessen folgt sofort das Lamento, dass beide ja reguliert und vom Staat, mittels verschiedenster Steuern, Abgaben und Auflagen, unterdrückt werden.
Als Füllmenge zum Aufregen dienen der feste Deckel an der Plastikpfandflasche, die Pfandpflicht überhaupt, die Müllgebühren und, wie zu erwarten, das gebührenfinanzierte Fernsehen.
Die Rede, oder Predigt, endet, unter Beifall, mit dem Aufruf an die Regulierten nicht länger zu schweigen und die libertäre Stimme zu erheben.
Ja, das war durchaus interessant und unterhaltsam. Vielleicht muss man nur daran glauben, wer weiß das schon.
Joana E. Cotar und das Geld
Es gab zu viele Vorträge, um diese hier einzeln zu behandeln. Auf einen, den von Joana E. Cotar „Geld in Bürgerhand – Währungswettbewerb statt digitaler Zentralbankkontrolle“ muss man aber genauer schauen.
Frau Cotar war Mitglied und Bundestagsabgeordnete der AfD und hat Teile ihres Berufslebens in deutschen und schweizerischen Finanzinstituten verbracht. Aktuell ist sie Mitglied des „Team Freiheit“ von Frauke Petry.
In ihrem Beitrag feierte sie die Wahlfreiheit, die wir alle haben und den Wettbewerb, den sie als Motor der Zivilisation feiert. Allerdings: „Es gibt einen Bereich in unserem Leben, der von dieser evolutionären Kraft des Wettbewerbs seltsamerweise völlig unberührt geblieben ist. Ein Bereich, der so fundamental ist, dass wir es fast wie als ein Naturgesetz hinnehmen: Unser Geld. In Bezug auf die Währung sind wir keine freien Bürger, sondern Untertanen eines absolutistischen Monopols. Wir nutzen den Euro nicht, weil er das beste Produkt am Markt ist. Im Gegenteil. Wir nutzen ihn, weil schlichtweg die Wahlmöglichkeiten entzogen worden sind.“

Es geht ihr aber nicht um einen Weg zurück zur nationalen Währung, es geht um die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols. Als Begründung dient der „digitale Euro“, den man durchaus kritisch sehen kann.
Frau Cotar bemüht dafür sogar das „Panoptikum“, den idealem Gefängnis- und Erziehungsbau mit permanenter Überwachung, von Jeremy Bentham und sagt: „Der Gefangene passte daraufhin sein Verhalten präventiv an. Genau das ist die psychologische Wirkung einer staatlich überwachten Digitalwährung.“
Die Alternative sieht sie in einem freien Wettbewerb von Währungen, ob nun goldgedeckte Zertifikate, private Banknoten, dezentrale Währungen wie Bitcoin oder regionale Verrechnungseinheiten. Die Idee stammt von Friedrich August von Hayek, der die Entnationalisierung des Geldes forderte.
Man kann das als ihre Meinung akzeptieren, was irritiert ist der Szenenapplaus der Gemeinde. Es sollen ja Unternehmer anwesend gewesen sein, was würde das für diese bedeuten?
Waren nicht gerade Unternehmer, aber auch Bürgerinnen und Bürger, froh endlich nicht mehr Wechselkurse im Auslandszahlungsverkehr beachten zu müssen? Jetzt wünschen sich die erleuchteten Libertären genau das im Inland.
Ein Dresdener Unternehmen arbeitet mit dem „Elbtaler“ und will etwa bei einem Bayrischen Händler, der den „Chiemgauer“ nutzt, kaufen. Wie rechnet man das um? Natürlich über eine Clearigstelle, die will dann wahrscheinlich einen Obolus. Wird der Angestellte in der Lausitz mit dem „Lausitzer“ bezahlt und fährt nach Bremen, muss er dann in „Roland“ umtauschen?
Das ist aber nur die technische Seite, es war ja von Freiheit die Rede. Wie frei ist der Normalbürger, wenn sein Arbeitgeber eine Währung bevorzugt aber der Stromanbieter, der Vermieter und der Supermarkt jeweils eine andere? Wie frei ist er und wie förderlich ist so ein System der Wirtschaft?
Es ist anzunehmen, dass sich am Ende alle großen Marktteilnehmer, die kleinen wird niemand fragen, auf eine gemeinsame Währung einigen. Allerdings ist diese dann eine private Währung und private Finanzakteure haben dann die jetzt staatliche Macht. Vielleicht ist das auch das Ziel der Rednerin.

Es ist nicht einfach
In den nächsten Tagen folgt ein weiterer Artikel zu dieser Konferenz. Da geht es dann um die Absage des Schkeuditzer Oberbürgermeisters, zu diesem Thema haben wir bei ihm angefragt, und um Sponsoring, auch dazu warten wir auf eine Antwort. Das Interview mit Frauke Petry und Carlos A. Gebauer und einige andere Themen werden dann auch behandelt.
Bisher kann zusammenfassend konstatiert werden, dass der hier gezeigte libertäre Geist viele Fragen aufwirft und nur wenige beantwortet. Eines steht für den Autor fest: Die ganze libertäre Geschichte, die in Schkeuditz zu sehen und zu hören war, hat schon sektenähnlichen Charakter.
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