Jedes Bändchen eine Einladung, sich auf die Socken zu machen, sich in den nächsten Zug zu setzen, Proviant im Rucksack, Neugier in den Augen, gespannt auf ein neues Städtchen, das man mit schwingenden Füßen und fröhlicher Unbeschwertheit entdecken kann. Und davon gibt es in Deutschland eine ganze Menge. Sie alle gilt es zu erobern, in einen Stadtrundgang zu verwandeln, wie es der Lehmstedt Verlag nun seit einigen Jahren mit unermüdlichem Fleiß tut.

Diesmal geht es nach Aschaffenburg. Da muss man schon auf der Landkarte nachschauen. Denn wann war unsereiner schon mal in Unterfranken? Christina Meinhardt war es. Sie hat die Stadt am Main durchschritten und ausgemessen mit Kirchen, Theater, Rathaus, Schloss und Museen. Was passt hinein in einen Tagesaufenthalt? Was schafft man in einem Rundgang, ohne hinterher weiche Knie und schmerzende Füße zu haben?

33 Stationen passen hinein, plus Park und Schloss Schönbusch auf der linken Mainseite. Alles andere liegt auf der rechten, manchmal mit fulminantem Blick über den Main. Vom Schloss aus etwa oder dem Schlosspark. Man merkt hier schon: Die Erzbischöfe und Kurfürsten in Nachfolge Albrechts von Brandenburg wollten die Übersicht behalten.

Und ihre Titel und die höchstkirchliche Herrschaft sowieso, nachdem Albrecht 1541 seine Residenz in Halle/Saale eiligst verlassen musste. Die verflixte Reformation vergällte ihm das Leben an der Saale. Was wertvoll war in seiner Residenz, packte er ein und nahm es mit nach Aschaffenburg, das noch brav katholisch war und weit genug weg von den Unruhegeistern da in Sachsen und Brandenburg.

Schloss, Schlossgarten, Stiftsmuseum

Und schon hat man einen ersten Bekannten getroffen in Aschaffenburg. Unerwarteterweise. Und gleich trifft man noch einen. Denn Albrecht war auch ein großer Sammler. Und er kaufte auch fleißig die Bilder Lucas Cranachs des Älteren, die man ja eigentlich mit den Wettinern in Verbindung bringt und der Lutherschen Reformation.

Aber bevor die Reformation auch die Kirchen leer räumte, schuf Cranach eindrucksvolle Bilder mit biblischen Motiven und den eindrucksvollen Magdalenen-Altar, den Albrecht seinerzeit für Halle erwarb und – wie seine ganze Cranach-Sammlung – nach Aschaffenburg mitnahm, wo man sie heute im Stiftsmuseum (der Nr. 18 auf dem von Christina Meinhardt ausgewählten Rundgang) bewundern kann.

Da hat man schon eine ausführliche Tour durch das Schloss Johannisburg hinter sich, wo einst die Erzbischöfe und Kurfürsten residierten, hat den Schlossgarten bewundert und dort gleich auch noch das Pompejanum entdeckt, für das allein sich bereits der Trip nach Aschaffenburg lohnt. Denn hier hat kein Geringerer als der berühmte Bayernkönig Ludwig I. eine echte römische Villa nach pompejanischem Vorbild nachbauen lassen, damals, als die Ausgrabungen in Pompeji nicht nur die deutschen Fürstenhöfe in Erstaunen versetzten.

Aber auf die Idee, so ein Schmuckstück möglichst authentisch nachbauen zu lassen, auf die kam tatsächlich nur ein Ludwig I., der viel mehr geleistet hat, als die verkitschte Überlieferung sonst so über ihn zu berichten weiß.

Ein Kapuzinerkloster lag ebenso schon auf der Route wie das barocke Bechtholdhaus, das nicht nur in Aschaffenburg seinesgleichen sucht, ein von Bildhauern belebter Marstall und eine Gastwirtschaft mit dem sprechenden Namen „Schlappeseppel“. Man muss also nicht dürsten und nicht hungern auf diesem Rundgang. Im Gegenteil. Es ist nicht das einzige historische Gasthaus, das zur Einkehr einlädt. Bevor man – erfrischt und gestärkt – wieder aufbricht, um eine riesige Sonnenuhr und ein paar übrig gebliebene Stifts­häuser zu entdecken.

Wovon Lücken erzählen

Das muss Christina Meihardt nicht extra mehr betonen an der Stelle: Am Ende des letzten Krieges war das Herz von Aschaffenburg fast völlig zerstört. Nicht nur durch die vielen Bomberangriffe, sondern auch durch die bekannten bekloppten deutschen Militärs, die noch am 25. März 1945 meinten, sie müssten Aschaffenburg zur „uneinnehmbaren Festung“ erklären und zum Schauplatz einer völlig sinnlosen Schlacht machen. Ergebnis: Von der Altstadt war hinterher praktisch nichts mehr da.

Einiges haben die Aschaffenburger später liebevoll wiederaufgebaut, manchmal auch gegen sture Behörden. Aber nicht alles. Manchmal sind es eben die Lücken, die von der Geschichte und ihren Verlusten erzählen. So wie auch vor dem Museum jüdischer Geschichte und Kultur, wo bis 1938 die Synagoge stand. Doch der Platz ist nicht leer. Eine Kunstinstallation erzählt vom Geschehen.

Und dann geht man ein paar Schritte weiter und ist überrascht. Hier ist es ein blumengeschmückter Brunnen, der an einen guten alten Bekannten erinnert: den Dichter Clemens Brentano, den wir alle durch „Des Knaben Wunderdorn“ kennen. Aber in Aschaffenburg hätten wir ihn nicht vermutet. Hier schrieb er auch nicht. Hier fand er – als ihn die Schwermut packte – Zuflucht bei seinem Bruder Christian.

Auf ein kühles Bier

Natürlich reist man nicht nur wegen der Leute, die man schon kennt. Eigentlich reist man ja wegen der Überraschungen, die einem da begegnen können. Etwa wenn man im KirchnerHAUS Museum (Station 7) unverhofft einem Künstler aus der berühmten Dresdner Künstlergemeinschaft Die Brücke begegnet – nämlich Ernst Ludwig Kirchner, der just in Aschaffenburg geboren wurde. Oder man steht in der Stiftskirche St. Peter und Alexander unverhofft vor einem der seltenen Gemälde Matthias Grünewalds – der „Beweinung Christi“. Dabei war Aschaffenburg einst einer der Hauptwirkungsorte dieses Malers.

Zeiten vergehen. Spuren verschwinden. Auch das wird einem bewusst, wenn man so von Museum zu Kirche zu Museum wandelt und unterwegs merkt, dass man gar nicht alles an einem Tag schaffen muss. Dass man sich Zeit lassen kann, gerade dann, wenn man nicht nur mit flotten Selfies durch die Stadt jagt, nur um hinterher zu Hause zu merken, dass man verpasst hat, sich auf die Stadt und ihre Bewohner wirklich einzulassen.

Genau dazu laden ja diese Stadtrundgänge ein. Auch dann, wenn einen die Füße dann doch immer wieder zum „Schlappeseppel“ tragen, auf ein kühles Bier und einen feierlichen Blick in das kleine Braumuseum, das zum Haus gehört.

Christina Meinhardt „Aschaffenburg“ Lehmstedt Verlag, Leipzig 2026, 7 Euro.

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