Wie lernt man eigentlich die Seele einer Stadt kennen, wenn man sie besucht? Oder gerade frisch hingezogen ist? Welches sind die Ur-Geschichten, die sich die Bewohner der Stadt erzählen und sich darüber identifizieren? Wenn man sich solche Fragen stellt, merkt man schnell: Das ist mit den klassischen Stadtrundgängen nicht zu erfahren. Nicht mit den üblichen Sehenswürdigkeiten und auch nicht mit den Standardtouren durch die City. Man muss von den üblichen Wegen abweichen. Priska Lachmann hat das jetzt für Leipzig getan.
Sie war selbst berührt, als sie diese 22 Touren gelaufen ist. Obwohl sie als gebürtige Leipzigerin ja ihre Heimatstadt kennt und schon drei Stadtführer veröffentlicht hat – unter anderem zu Touren mit Lieblingsmenschen und zu prima geeigneten Orten für Kinder.
Aber wenn man die Seele der Stadt erläuft, dann lässt einen das nicht kalt. Dann landet man zwangsläufig in Geschichten, die einen berühren, erinnern und vor allem aufwühlen. Es sind genau die Geschichten, die am Ende den Stolz der Menschen ausmachen, die hier wohnen. Es sind die Geschichten ihres So-geworden-Seins.
Angefangen mit jenem Schlüsseljahr 1989, in dem die Leipziger ihren Mut wiederentdeckten, ihre Fähigkeit zum aufrechten Gang. Was übrigens kein Denkmal braucht, denn daran erinnern gleich mehrere Stationen in der Stadt. Wobei Prisca Lachmann auch die Vor-Geschichte nicht weglässt, die Relikte des Überwachungsstaates, der seinen Bürgern misstraute bis aufs Messer.
Es ist eine Doppelgeschichte, die auch Lehren für die Gegenwart bereithält. Man achte nur auf all die grimmigen Forderungen nach mehr Überwachung und nach neuen Bunkern. Da geht es nämlich weiter auf der zweiten, der Bunker-Tour, die nicht nur an den Kalten Krieg und seine politisch geschürten Ängste erinnert, sondern auch an den Fanatismus des Nazi-Reichs und die in Bunker verlegten Produktionsanlagen für die Rüstung, die man heute noch in Resten im Graßdorfer Wäldchen finden kann.
Erinnerung auch daran, dass Leipzig auch deshalb Ziel der Bomberverbände war, weil hier eine ganze Reihe großer Rüstungskonzerne ansässig waren – von der HASAG bis zu den MiMo-Werken.
In der Eisenbahnstraße sucht die Autorin dann einmal nicht das bunte Leben, das dort heimisch ist, sondern die versteckten Kartuschen, mit denen Geocacher sich das Leben spannender machen. Die Stadt mit anderen Augen sehen, das könnte das Motto einiger der von Priska Lachmann vorgeschlagenen Touren sein. Das gilt auch für die Connewitz-Tour, wo es einmal nicht um die dort heimische Szene geht, sondern um die romantischen Orte, die Connewitz tatsächlich zu bieten hat.
Lene und Luther
Romantisch wird es eigentlich auch auf der ClaRo-Tour auf den Spuren eines der bekanntesten Leipziger Liebespaare – Clara und Robert Schumann. Mit authentischen Orten, was in Leipzig ja nicht ganz selbstverständlich ist – dem Coffe Baum etwa oder dem Schumann-Haus in der Inselstraße.
Mit der Club-Tour kann man dann die vielen einst legendären Tanzlokale und Clubs aus der DDR-Zeit entdecken und damit einen Teil der DDR-Wirklichkeit, der so in der Regel nicht in den offiziösen Geschichtsbüchern zu finden ist.
Und so geht das munter weiter über den Parkbogen Ost, die Grusel-Tour (die tatsächlich einige wirklich finstere Aspekte der Leipziger Geschichte erlebbar macht), die Industrie-Tour (durch den von Carl Heine erschlossenen Westen der Stadt) und die Kolle-Tour, auf der man das Viertel um den Dorotheenplatz neu für sich entdecken kann.
Jede Tour eine Einladung zum Abschweifen, zum Verlassen der gewohnten Wege. Die Krimi-Tour ist dann fast so etwas wie eine kleine Hommage an Henner Kotte, der mit seinen Büchern das „kriminelle“ Leipzig fassbar gemacht hat.
Eine Kul-Tour durch Waldstraßenviertel und Gohlis darf genauso wenig fehlen wie eine Künstler-Tour oder eine Lene-Voigt-Tour, mit der die Lebensstationen der Leipziger Dichterin erlaufen werden können, mit Lene-Voigt-Park, Langer Lene und dem Parkkrankenhaus in Dösen.
Es ist eine der längeren Touren. Aber so wird das Ganze ja erst zum Erlebnis, auch zu einem schönen langen Moment, in dem man die Hektik der Großstadt einmal verlässt, sich ganz bewusst in einen Flaneur, eine Spaziergängerin, ein Grüppchen Neu-Gieriger verwandelt, das mal durch Leutzsch schweift, mal zu den Lost Places im Leipziger Norden, mal auf den Spuren Luthers läuft, um dort zu erfahren, dass Luther ja in Leipzig einmal Geschichte schrieb.
Ein Hauch von Geschichte
Und so wie Luther erst zu greifen ist, wenn man ihn gezielt sucht, so geht es auch mit Napoleon. Aber wer sucht, der findet auch. Und spürt im Nacken ein wenig den Hauch der Geschichte. Geschichte, die Leipzig manchmal nur kurz streifte, manchmal aber auch ins Zentrum der Geschehnisse rückte.
Und das prägt Mentalitäten, ist die Basis für den stillen Stolz der Stadtbewohner, genau hier zu wohnen und damit Teil von etwas zu sein, das weit übers eigene kleine Leben hinausreicht. Manchmal auch Ansporn ist, selbst Dinge auf die Beine zu stellen und sich mit der Nase in den Wind zu stellen.
Oder einfach mit wachen Augen öfter mal nach oben zu schauen, denn in vielen Gebäuden der Stadt manifestiert sich dieser Bürgerstolz auch als Architektur, liebevoll restauriert.
Kulisse für Alltag und Ausnahmezustand. Denn was sind solche Spaziergänge anderes als der gelebte Ausnahmezustand, wenn Zeit einmal keine Mahnung ist, sondern ein Geschenk. Eine selbst organisierte Gelegenheit, aus der eigenen gehetzten Alltäglichkeit in den großen Zeitfluss der Stadt einzutauchen. Eben auf Touren, „die man gemacht haben muss“, wenn man ein wenig von dem verstehen will, was Leipzig auch für seine Bewohner zu etwas ganz Besonderem macht.
Priska Lachmann 22 Touren in Leipzig, die man gemacht haben muss Emons Verlag, Köln 2026, 22 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:













Keine Kommentare bisher