Es war ein besonderer Moment, als die Soziologin Cordia Schlegelmilch gleich 1990 ihre Tasche packte und sich in eine Kleinstadt in der damals noch sechs Wochen existierenden DDR auf den Weg machte. Ihr wichtigster Beweggrund war: „Ich wollte herausfinden, wie die Bewohner einer Kleinstadt die Wende verarbeiten und wie sich ihr Zusammenleben dadurch verändert.“ Und auch wenn die Jahre 1989/1990 im Fokus standen, der direkt erlebte Zeitenbruch, hielten die auf Tonband festgehaltenen Gespräche auch etwas fest, was damals scheinbar nur Gemüsebeilage war.
Denn der Soziologin ging es von Anfang an um die Schicksale der Menschen. Das, was Historiker mit ihrem Globalblick meist gar nicht sehen. Aber während andernorts die Feste und Vertragsabschlüsse zelebriert werden, erleben Menschen selbst im hintersten Winkel eines Landes Geschichte am eigenen Leib. Mit allen Konsequenzen.
So war es auch in der kleinen Kreisstadt Wurzen, in der Cordia Schlegelmilch 1990 und 1991 lebte und Kontakte knüpfte. Denn ihre Gesprächspartner wurden nicht nach Rechenprogramm ausgewählt. Telefon, mit dem sie sich hätte anmelden können, hatten nur die allerwenigsten Privathaushalte.
Also war sie auf Empfehlungen angewiesen, sprach die Leute direkt an, suchte auch die Funktionäre auf, die bis 1989 die Geschicke der Stadt bestimmten. Und fast alle zeigten sich bereit für das Gespräch. Nicht immer mit Tonband. Aber selbst Bürgermeister, leitende Angestellte von Stadt und Kreis, Betriebsdirektoren, Polizeichefs und MfS-Mitarbeiter willigten ein, zu sprechen.
Auch weil Schlegelmilch niemanden beurteilte oder klassifizierte. Denn das ist die größte Tugend der Soziologie: Sie akzeptiert die Menschen so, wie sie sind. Ihre Lebenserfahrungen, ihre Motive, ihre Begründungen. All das, was Politik und Medien meist glattwalzen, ignorieren, aussondern, als hätte es kein Recht darauf, wahrgenommen zu werden.
Im Nachwort betont Schlegelmilch noch etwas: All die Gespräche mit den 175 Wurzenern, die ihr ihre Zeit schenkten, waren Gespräche mit Dagebliebenen. Auch wenn viele im Lauf ihres Lebens ans Weggehen dachten. Doch praktisch alle waren mit ihrer Heimatstadt zutiefst verbunden, bodenständig, heimatverliebt.
Heimatstadt Wurzen
Man ahnt etwas, was in den ganzen peinlichen deutsch-deutschen Diskussionen seit 1990 regelrecht untergegangen ist: dass Menschen sich fast nie über die herrschenden Machtverhältnisse definieren, sondern über ihre Zugehörigkeit – zu ihrer Stadt, ihrer Region, ihren Nachbarn, Kollegen, Familien. Für etliche von Schlegelmilchs Gesprächspartner/-innen bedeutete das, dass sie selbst gedanklich geplante Ausreisen wieder absagten, dablieben und versuchten, das Beste daraus zu machen. Gegen alle Widerstände.
Und noch etwas wird deutlich, gerade bei den Funktionären, die Schlegelmilch befragen konnte: Auch sie tickten so. Selbst in diesen heftigen Jahren 1990/1991, als sie praktisch alle im heftigen Kreuzfeuer der Kritik standen. Wobei das Gesprächsjahr noch den Vorteil, hatte: Die Wurzener erinnerten sich gut (und noch ohne Verklärung) an die zurückliegenden Jahre, wussten, wer sich wirklich für die Stadt eingesetzt hatte, wer die LPGs und die Betriebe geleitet hatte und wirklich etwas für die Belegschaft tat.
Und da kommt man den Strukturen der DDR nach und nach näher. Gerade die Funktionäre auf Stadt- und Kreisebene berichten darüber. Und nicht ohne Grund hat Cordia Schlegelmilch das Buch in zwei Etappen geteilt – einmal die Zeit des gefühlten Aufstiegs unter Walter Ulbricht von 1945 bis 1971, die auch die Älteren in ihren Interviews als eine Zeit der Hoffnung und der spürbaren Verbesserungen empfanden. Und die Honecker-Ära von 1971 bis 1989, die in den 1980er Jahren in eine von allen gefühlte Stagnation mündete – umrahmt mit verschleißenden Produktionsanlagen und einer zusehends verfallenden Stadt.
Das große Warum
Und Wurzen war eine schöne Stadt mit einem Jahrhunderte alten Stadtkern. Nur war eben 50 Jahre lang nichts gemacht und saniert worden. Reihenweise gerieten Häuser in einen einsturzgefährdeten Zustand. Dem Stadtarchitekten, der sich nur noch um den Verfall kümmern konnte, blutete das Herz.
Aber warum kam das so?
Lag es allein an der Dysfunktionalität des real existierenden Sozialismus? Waren die Träume einer menschlicheren, friedlichen Gesellschaft falsch? Eine Utopie, die auch einige Gesprächsteilnehmer teilten, die Staat und Partei kritisch gegenüber standen.
Immer stärker, je mehr man die kurzen Interviewschnipsel zu den einzelnen Generalthemen wie Landwirtschaft, Aufbau, Handwerk, Handel und Bildung liest, wird deutlich, dass die Befragten sehr wohl wussten, was im Lande DDR schiefgelaufen war. Der Zeitenbruch zwischen Ulbricht und Honecker war auch deshalb markant.
Denn während Ulbricht die 1960er Jahre nach dem Bau der Mauer dazu nutzte, wieder etwas mehr Wettbewerb im Land zu ermöglichen, würgte die Honecker-Regierung, die sogar mit erheblichen Erwartungen auf mehr Freiheiten gestartet war, genau diesen Prozess ab. Und den heftigsten Stoß versetzte diese Regierung der DDR-Wirtschaft, als sie 1972 die letzten mittelständischen Privatbetriebe nicht nur enteignete, sondern sie auch noch in das bis 1976 systematisch ausgebaute Kombinatssystem eingliederte.
Die Tragik des Zentralismus
Damit verschwand der letzte Rest von freiem Wettbewerb und Eigeninitiative aus der DDR-Wirtschaft, die Leitungsstrukturen wurden immer mehr zentralisiert, bis fast alle ökonomischen Entscheidungen nur noch zentral in Ostberlin oder auf Bezirksebene getroffen wurden. Die kleinen Städte und Kreise erlebten das nicht nur als Entmachtung. Ihnen wurde auch massiv Geld entzogen, das zuvor noch in die lokalen Infrastrukturen investiert werden konnte. Und praktisch keiner der von Schlegelmilch interviewten Menschen spart die zunehmende Frustration der 1980er Jahre aus, in denen sich die Lähmung über das ganze Land legte.
Und die ins Zentrum verlagerte Entscheidungshoheit hatte noch einen Effekt: Niemand konnte sich mehr wirklich mit seiner Arbeit und dem Betrieb identifizieren, in dem er arbeitete. Denn mit der Zentralisierung aller Entscheidungen gab es vor Ort praktisch keine Möglichkeit mehr, selbst etwas zu entscheiden. Schlendrian und Verantwortungslosigkeit griffen um sich. Mit der Installation von Exquisit-Läden und Intershops entstand dann auch noch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Wer über D-Mark oder Forum-Schecks verfügte, konnte diese Angebote nutzen. Alle anderen waren mit einer zunehmenden Mangelversorgung konfrontiert. Wozu im Kreis Wurzen noch kam: Hier gab es keinen Kombinatssitz, auch keine aus Sicht der zentralen Planer wichtigen Kernbetriebe. Also wurde auch weniger Geld nach Wurzen gelenkt, das in Infrastrukturen investiert werden konnte.
Gelenkte Lebensläufe
Und trotzdem gab es das spürbare Verlustgefühl, das die Gesprächspartner ab 1990/1991 äußerten. Denn ein hierarchisches System, wie es die SED geschaffen hatte, entlastete auch. Cordia Schlegelmilch diskutiert dieses Thema auch im Nachwort. Man musste sich weder um Einkommen noch um Arbeitsplatz sorgen, alles wurde staatlich geregelt. Und wer sich anpasste und nicht widersprach, der hatte ein ruhiges Leben, der musste sich nicht sorgen um seine Existenz.
Ein Faktor, den man nicht unterschätzen darf. Und der ab 1990 eine elementare Rolle spielte, als sich für die Dagebliebenen fast alles änderte. Und manche konnten damit gut umgehen, weil sie – wie die Jüngeren – noch flexibel waren, oder – wie die Älteren in diesen Interviews – schon in den Zeiten von Krieg, Nachkrieg, Hunger und Aufbaujahren gelernt hatten, durchzuhalten und sich durchzubeißen. Also mit ganz elementaren Krisen umzugehen.
Während die Nachgeborenen oft hineingewachsen waren in das Land DDR, in den 1950er und 1960er Jahren von Aufstiegschancen profitierten – und nun oft genug vor den Scherben ihres Lebens standen. Und damit vor der Frage, nach dem Wert ihres Lebens. Ob das jetzt alles für die Katz war.
Gerade weil Schlegelmilch die verschiedenen Alterskohorten extra analysiert, wird noch deutlicher, dass es die eine gemeinsame Erinnerung an die DDR nicht gab. Und warum gerade die Jüngeren spätestens in den 1980er Jahren auf Distanz gegangen waren zur SED-Herrschaft. Und auch die alten Märchen nicht mehr glaubten, der Sozialismus werde schon beweisen, dass er es besser könne.
Reglement und Frustration
Wobei so mancher Gesprächspartner die berechtigte Frage stellt, ob das überhaupt Sozialismus war, was man da 40 Jahre lang praktiziert hatte, oder nicht einfach das missratene Herrschaftsmodell nach sowjetischem Vorbild, das mit den sichtlich gealterten Herrschaften im Zentralkomitee der SED zusehends erstarrte, keinen Widerspruch mehr duldete und letztlich eine leere Hülle wurde, die irgendwie noch verwaltet wurde, aber niemandem mehr begeisterte.
Im Gegenteil: Reihenweise erzählen Schlegelmilchs Gesprächspartner davon, wie ihr Leben reglementiert wurde, wie ihnen Wunschberufe und Wunschstudium verwehrt wurden, weil „die Partei“ selbst die Zuteilung von Arbeits- und Studienplätzen zentral verwaltete und dabei Anpassung und Ja-Sagerei beförderte.
Und so etwas entkernt ein Land und seine Wirtschaft erst recht. Von Wettbewerb ist zwar des Öfteren die Rede. Aber wie sehr der in den Betrieben initiierte Wettbewerb der „sozialistischen Kollektive“ entartet war und von Lug und Trug begleitet wurde, erzählen gerade die Gesprächspartner, die dafür in den VEBs verantwortlich waren.
So betrachtet hat die irre Vorstellung von einer zentral gelenkten Wirtschaft eben auch dazu geführt, den verwalteten VEBs jegliche Kraft zur Innovation und Modernisierung auszutreiben. Pläne wurden nur noch auf dem Papier erfüllt, während die Maschinen zusehends verschlissen und das ganze Land spätestens ab 1976 (dem Biermann-Jahr) seine Wettbewerbsfähigkeit verlor.
Was dann – gar nicht überraschend – auch die Funktionäre in Stadt und Kreis Wurzen zunehmend frustrierte und zu amtlichen Mangelverwaltern machte, die nicht einmal mehr verhindern konnten, dass Kinos und Kulturhäuser wegen Geldmangels geschlossen werden mussten.
Leben im Fluss
Cordia Schlegelmilch weiß, auf welchem Schatz sie mit ihren von 1990 bis 1996 geführten Interviews sitzt. Nach 1991 ist sie noch mehrmals nach Wurzen gefahren, um ihre Gesprächspartner zu treffen. Was ist aus ihnen geworden? Wie gut haben sie die „Wende“ gemeistert? Dass die meisten 1996 noch mitten im zähen Prozess der Suche nach einer sicheren Existenz waren, überraschte die Soziologin noch ein wenig, auch wenn sie aus vergleichbaren Studien in anderen Ländern wusste, dass Städte im Fluss sind, dass es den einen Punkt, an dem ein historisches Kapitel „geschafft“ ist, nicht gibt.
Auch das eine wichtige Erkenntnis, die der starre Apparat der SED-Verwaltung bis zuletzt ignoriert hat: dass Länder und Städte von der spürbaren Veränderung leben, dass Menschen Stillstand und Stagnation und starre Systeme schlichtweg nicht aushalten, ohne psychisch kaputtzugehen.
Mal ganz zu schweigen davon, dass überall im Land Losungen nach dem Prinzip „Arbeite mit, regiere mit“ hingen. Leere Hülsen, die ganz und gar nicht meinten, den Menschen wieder Verantwortung zu übertragen oder gar jene Eigeninitiative zuzulassen, die erst einen für alle erlebbaren Fortschritt möglich machte.
So gesehen sind die Erinnerungen all der Befragten auch Erzählungen von einem zentral verordneten Scheitern und einer vergreisten Partei, die nicht mehr in der Lage war, sich zu korrigieren. Im Gegenteil: Die Honecker-Regierung reagierte geradezu allergisch auf die Reformen unter Gorbatschow.
Und ebenso rigide reagierten die staatlichen Apparate von MfS und Polizei auf jede auch nur kleine Bewegung, mit der die Menschen ihren Widerspruch und ihre Unabhängigkeit artikulierten, egal, ob es ein Maler war, der nicht bereit war, sich der sozialistischen Staatskunst anzudienen, die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ oder die in Wurzen sehr lebendige Jazz-Szene.
Geschichte auf Tonband
So verspielt man systematisch Vertrauen. Auch wenn einige der Funktionäre 1990 tatsächlich den Mumm hatten, sich der öffentlichen Diskussion zu stellen und den berechtigten Unmut der Wurzener zu kassieren, die sich nach all den Schönredereien nur noch betrogen fühlten.
Und alle diese Geschichten sind noch da, gespeichert auf 424 Tonbändern zu 90 Minuten, die Cordia Schlegelmilch inzwischen hat digitalisieren lassen. Den größten Teil hat die Autorin inzwischen verschriftlicht. Aus diesem Material konnte sie schöpfen, als sie nun dieses Buch zusammenstellte und die Wurzener ihre Sicht auf die DDR und ihr Leben darin erzählen ließ.
Manche taten das sehr ausführlich, froh, dass jemand bereit war, ihre Lebensgeschichte tatsächlich anzuhören. Während gerade Funktionsträger sich dann oft knapp hielten oder darum baten, das Tonband auszuschalten.
Kein kuscheliges Bild
Und trotzdem erhält man mit diesem Buch ein sehr komplexes Bild von Wurzen in der DDR-Zeit und vom Funktionieren eines zentralistischen Systems, das nicht nur die Menschen selbst am Ende entmündigte, sondern sogar Kreise und Städte, die mit den kärglichen zugeteilten Geldern kaum noch etwas bewegen konnten.
Es ist kein kuscheliges Bild der DDR, das so entsteht. Sondern eines von großen Hoffnungen, rigidem Durchregieren und einem letztlich selbst organisierten Scheitern, weil im Staatsverständnis der SED schlicht kein Platz war für geteilte Verantwortung und Eigeninitiative. So gesehen auch ein erschütterndes Buch, das – aus der Betroffenheit all der von Schlegelmilch Befragten – heraus erzählt, wie man einem ganzen Land die Lust an Veränderung austreiben kann. Und letztlich jenen Frust schürt, der sich 1989 entlud und den Cordia Schlegelmilch 2019 in ihrem Buch „Eine Stadt erzählt die Wende“ greifbar machte.
Schlegelmilchs soziale Erkundungen in Wurzen sind in der deutschen Soziologie einzigartig. Keine andere Stadt wurde in einem markanten historischen Moment so intensiv untersucht und zum Sprechen animiert. Und auch wenn Wurzen sich völlig unterscheidet etwa von Städten wie Dresden und Leipzig, wird eben auch hier die Funktionsweise von DDR und SED-Staat deutlich.
Und das auf einer sehr persönlichen Ebene und so konkret, dass selbst die Befragten immer wieder feststellen konnten: So, wie das organisiert war, konnte das nicht gut gehen.
Cordia Schlegelmilch „Eine Stadt erzählt die DDR. „Wurzen 1945–1989“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 40 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:












Keine Kommentare bisher