„Alles ist möglich.“ Mit diesem denkbar einfachen Satz zog die AfD in Sachsen-Anhalt in den Landtagswahlkampf 2026. Ein philosophisches Chamäleon, denn was kann und soll es bedeuten – Hoffnung oder Warnung? Spitzenkandidat Ulrich Siegmund formulierte noch weiter: „Alles ist möglich, wir müssen es nur machen.“ Sachlich steckt darin erstaunlich wenig. Was ist möglich? Wer ist „wir“? Was genau sollen wir machen?
Und dennoch macht Siegmund damit einen Aufschlag, der wirkt. Der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent bezeichnete den Slogan bereits vor der Wahl als ein „Versprechen politischer Selbstwirksamkeit“. Siegmund vermittelt seinen Anhängern damit das Gefühl: Du kannst etwas verändern.
Und damit zeigt sich eine Schwäche unserer deliberativen Demokratie.
Was hören wir eigentlich?
Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun unterscheidet vier Facetten einer Nachricht: 1) Was wird sachlich gesagt? 2) Was verrät der Sprecher über sich? 3) Welche Beziehung stellt er zum Gegenüber her? Und: 4) Was soll der Angesprochene tun?
Bei Siegmunds Satz lässt sich hören: 1) Sache: Veränderung ist möglich. 2) Selbstkundgabe: Ich glaube daran. 3) Beziehung: Du gehörst zu denen, die etwas verändern können. 4) Appell: Mach mit.
Machen wir die Gegenprobe mit einem häufigen Satz demokratischer Kommunikation: „Wir nehmen Ihre Sorgen ernst.“ Auch er transportiert einiges: 1) Meine Sorgen sind angekommen. 2) Der Politiker kennt das Problem. 3) Ich werde wahrgenommen. 4) Der Appell kann jedoch unterschiedlich ausgelegt werden. Der Sender meint vielleicht: Vertrau uns – wir kümmern uns. Beim Empfänger kann jedoch etwas ganz anderes ankommen: Ich werde mit meiner Sorge allein gelassen.
Beteiligung – was kann sie bewirken?
Diese Frage beschäftigt auch uns nach fast zehn Jahren Bürgerbeteiligung an der Entwicklung eines Tagebaufolgesees im Leipziger Neuseeland.
Dabei wäre es falsch, zu behaupten, es habe dort keine Bürgerbeteiligung gegeben. Es gab Bürgerveranstaltungen, einen Projektbeirat und formelle Beteiligungsverfahren. Unser Verein beteiligte sich mit einer Petition mit fast 5.000 Unterschriften, Stellungnahmen, offenen Briefen, Demonstrationen, Naturbeobachtungen und Planungsvorschlägen.
Es wurde also gehört. Doch was hat dieses Gehörtwerden verändert?
Diese Frage stellen wir nicht erst jetzt zu dieser AfD-Wahlspruch-Analyse. Nach einem zehnjährigen Beteiligungsprozess veröffentlichten wir einen Offenen Brief. Darin akzeptieren wir ausdrücklich, dass Bürgerbeteiligung nicht bedeutet, dass sich jede Forderung durchsetzt. Unsere Frage war aber: Was hat unsere Beteiligung eigentlich bewirkt?
Vielleicht gibt es durchaus gute Antworten. Vielleicht wurden aufgrund der Bürgerbeteiligung Dinge verändert oder verbessert. Dann sollte genau das sichtbar werden. Die entscheidende Frage lautet ja nicht: Warum haben sich all unsere Forderungen nicht durchgesetzt? Sondern: Welche konkrete Planungsentscheidung wäre ohne die Bürgerbeteiligung heute anders?
Beteiligung ist nicht Selbstwirksamkeit
Die Politikwissenschaft kennt den Begriff „political efficacy“, politische Selbstwirksamkeit. Vereinfacht geht es um die Erfahrung, Politik zu verstehen, sich zu beteiligen und mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können.
Damit lässt sich eine wichtige Unterscheidung treffen: Beteiligung ist nicht dasselbe wie Selbstwirksamkeit. Ein Mensch kann Veranstaltungen besuchen, Stellungnahmen schreiben und über Jahre angehört werden – und sich am Ende trotzdem politisch wirkungslos fühlen. Aus der Ohnmacht und Frustration kann auch Wut entstehen oder Resignation.
Nüchtern von außen betrachtet, könnte man die Differenz zwischen angebotener Beteiligung und der für den Beteiligten erkennbaren Wirkung seines Handelns als demokratische Selbstwirksamkeitslücke bezeichnen. Die subjektiven Gefühle, die dabei entstehen, sind häufig negative – genau jene Ohnmacht und Frust, auf Dauer Wut oder Resignation.
Politische Selbstwirksamkeit erwartet dabei nicht: Ich beteilige mich – also bekomme ich meinen Willen. Sie bedeutet häufig etwas viel Bescheideneres: Ich kann erkennen, welchen Unterschied meine Beteiligung gemacht hat.
Und dann kommt Ulrich Siegmund
Vor diesem Hintergrund klingt „Alles ist möglich, wir müssen es nur machen“ anders. Siegmund bietet seinen Anhängern kommunikativ genau das an, was in langwierigen demokratischen Prozessen verloren gehen kann: unmittelbare Handlungsfähigkeit.
Interessant ist der Vergleich mit anderen führenden AfD‑Politikern. Alice Weidels Kommunikationsstil ist mehr anklagend und lässt sich eher als Empörung vernehmen. Tino Chrupalla setzt stärker auf Verständnis: Ich kenne eure Probleme. Siegmund geht den entscheidenden Schritt: Du kannst mit uns etwas verändern und verschiebt damit die emotionale Belohnung in Richtung Selbstwirksamkeit. Gerade Letzteres ist für politisch erschöpfte Menschen attraktiv.
Vom demokratischen Burnout
Vor einiger Zeit haben wir politische Erschöpfungsprozesse mit dem Bild eines „demokratischen Burnouts“ beschrieben. Die zehnjährige Erfahrung am Störmthaler See war dafür ein Ausgangspunkt.
Menschen engagieren sich, investieren Zeit und entwickeln Vorschläge. Bleibt über längere Zeit unklar, was dieses Engagement bewirkt, werden manche müde. Sie ziehen sich zurück und sagen irgendwann: Es bringt doch sowieso nichts.
Das führt nicht zwangsläufig zur Radikalisierung. Aber es stellt eine interessante Frage: Was geschieht, wenn jemand diesen politisch erschöpften Menschen plötzlich wieder Selbstwirksamkeit verspricht? Dann steht der komplizierten demokratischen Realität – Beteiligung, Abwägung, Kompromiss und begrenzte Ergebnisse – ein denkbar einfaches Versprechen gegenüber: „Alles ist möglich, wir müssen es nur machen.“
Das eine ist demokratisch ehrlicher. Das andere psychologisch verführerisch einfach.
Ein ungewöhnlicher Friedrich Merz
Vielleicht erklärt das auch, warum Friedrich Merz am Tag nach dieser Wahl ungewöhnlich nachdenklich wirkte.
Nach der schweren Niederlage seiner CDU trat ein Politiker vor die Presse, der sonst gern Entschlossenheit demonstriert – diesmal wirkte er beinahe demütig. Merz akzeptierte ausdrücklich die Entscheidung der Wähler und räumte ein, dass es der CDU und ihm nicht gelungen sei, einen ausreichenden emotionalen Zugang zu den Menschen zu finden.
Vielleicht liegt darin aber auch mehr als nur ein Kommunikationsproblem. Denn Menschen wollen nicht nur, dass Politik ihnen ihre Entscheidungen besser erklärt. Sie wollen auch nicht nur gehört werden. Sie wollen tatsächlich auch noch etwas bewirken können.
Genau hier berühren sich plötzlich die große Politik in Magdeburg und Berlin und unsere kleine Erfahrung am Störmthaler See. Nach fast zehn Jahren Beteiligung an der „Östlichen Grunaer Bucht“ haben wir eine einfache Frage gestellt: Was hat unsere Beteiligung eigentlich bewirkt? Eine Antwort darauf will einfach nicht kommen.
Vielleicht wäre diese Frage auch nach einer historischen Landtagswahl gar nicht die schlechteste Frage an die demokratischen Parteien: nicht nur, warum immer weniger Menschen ihnen zuhören – sondern ob Menschen noch selbst merken, dass es einen Unterschied macht, wenn sie sich demokratisch einmischen.
Ulrich Siegmund und die AfD haben darauf eine verführerisch einfache Antwort gefunden: „Alles ist möglich, wir müssen es nur machen.“ Auf ihren Wahlplakaten wird die AfD in ihrem Appell dann eben doch sehr konkret: „Hol Dir Dein Land zurück“ oder „Abschieben ab Minute eins“ oder „Bürokraten vom Acker jagen“. Das klingt nach schmerzhaften Situationen.
Die demokratische Antwort ist natürlich nicht, dass tatsächlich alles möglich wäre – das ist das Dilemma. Gewaltenteilung, Minderheitenrechte, Gerichte und Kompromisse begrenzen politische Macht aus gutem Grund. Aber in demokratischen Antworten sollte für Bürger dennoch wahrnehmbar sein, was möglich ist – und welchen Unterschied die Beteiligung des Einzelnen dabei macht.
Eine Demokratie, die ihre Bürger hört, ihnen aber ihre Wirkung nicht widerspiegelt, überlässt das Versprechen politischer Selbstwirksamkeit mehr und mehr ihren Gegnern.
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