Man spürte regelrecht das gelinde Entsetzen der Bildungsforscher aus München, als sie am Dienstag, dem 8. September, die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie für Deutschland veröffentlichten: „Die Jugendlichen in Deutschland erzielen in Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik so niedrige Ergebnisse wie noch nie seit Beginn der PISA-Studien. Deutschland erreicht damit nur noch das Durchschnittsniveau der OECD-Staaten. Rund ein Fünftel der 15-Jährigen hat in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen.“
Es ist eine Klatsche, eine regelrechte 6 für die deutschen Kultusminister. Sie haben auf ganzer Linie versagt.
Denn daran, dass die 15-Jährigen derart ins Schwimmen gekommen sind, hat eine heillos verkorkste Bildungspolitik in allen 16 Bundesländern gesorgt. Eine Politik, die – wie in Sachsen – immer nur aufs Sparen ausgerichtet war. Völlig blind für die simple Tatsache, dass es dieser Nachwuchs ist, der Deutschland in der Zukunft wettbewerbsfähig halten soll.
Und dazu braucht es Kompetenzen, die man nun einmal nur lernt, wenn genügend kompetentes pädagogisches Personal da steht und sich auch um all die Kinder und Jugendlichen kümmern kann, die von Haus aus schon mit schwerem Gepäck und Handicaps in die Schule kommen. Da wurde am Dienstag nicht nur die Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen sehr deutlich. Denn jahrelang hatte sie gemahnt und gefordert – und ist Jahr für Jahr an beratungsresistenten CDU‑Kultusministern abgeprallt.
Warnungen bestätigt
Und in den anderen Bundesländern sieht es ja nicht besser aus. Auch dort beförderten Kultusministerien mit einer völlig undurchdachten Bildungspolitik, dass immer mehr Jugendliche auf ihrem Bildungsweg durch das Zwei-Klassen-Schulsystem aussortiert und abgehängt wurden. Und das bei ganz elementaren Kompetenzen, wie die von der TU München vorgelegte Auswertung der PISA-Studie zeigt.
Die Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen sieht ihre Warnungen bestätigt und fordert einen echten sächsischen Bildungsdialog. Zudem müssten Staatsregierung und Landtag schon jetzt beim Sächsischen Doppelhaushalt 2027/28 deutlich umsteuern – mit Schwerpunkt auf eine Stärkung der frühkindlichen Bildung und mehr Bildungsgerechtigkeit an Schulen.
Die wachsende Kluft zwischen arm und reich
„Der Tiefstand kam mit Ansage. Seit über zehn Jahren geht es bergab, und seit Jahren warnen wir vor den Folgen von Personalmangel und Überlastung der Kitas und Schulen“, erklärte Burkhard Naumann, Vorsitzender der GEW Sachsen, am Dienstag. „Wer jetzt wieder auf Zuwanderung zeigt, lenkt ab: Die PISA-Forscher stellen klar, dass die Trennlinie nicht zwischen Kindern mit und ohne Zuwanderungsgeschichte verläuft, sondern zwischen arm und reich. Statt Chancengerechtigkeit zu schaffen, wird die soziale Spaltung schon in der Kindheit verfestigt.
Das ist ein Armutszeugnis für ein reiches Land. Wer das ändern will, darf nicht weiter spalten, sondern muss endlich für bessere Bedingungen an den Bildungseinrichtungen sorgen. Statt Gleichverteilung des Personalmangels und noch mehr Tests benötigen Kitas und Schulen mehr Zeit, um auf die Bedarfe der einzelnen Kinder und Jugendlichen frühzeitig und kontinuierlich einzugehen.
Was häufig fehlt, ist die bessere Verzahnung der Bildungseinrichtungen. Auch das benötigt Ressourcen, Personal und weniger Bürokratie. Der Weg dahin kann nur im Dialog mit allen Beteiligten gefunden werden. Es ist Zeit für einen breit angelegten Bildungsdialog in Sachsen mit verbindlichen Verabredungen.“
PISA weist keine Länderergebnisse aus. Im letzten IQB-Bildungstrend 2024 gehörte Sachsen noch zur Spitzengruppe. Dennoch verfehlte auch hier jeder fünfte Neuntklässler den Mindeststandard in Mathematik, stellt die GEW Sachsen fest und kritisiert in dem Zusammenhang die falsche Weichenstellung durch das Kultusministerium sowie im Regierungsentwurf des Sächsischen Doppelhaushalts 2027/28, der aktuell im Landtag beraten wird.
„Über 5.000 Abordnungen, ein Viertel des Unterrichts fach- oder schulartfremd, abgesenkte Standards bei Deutsch als Zweitsprache, halbierte Ganztagspauschalen, gekürzte Schulbudgets für Nachhilfe und externe Unterstützung sowie Schulsozialarbeit an nur 40 Prozent der Schulen: Genau die Unterstützung, die PISA für benachteiligte Kinder einfordert, wird in Sachsen abgebaut“, stellt Naumann fest.
„Für noch mehr Tests, wie sie der Kultusminister ankündigt, fehlen Zeit und Personal, um mit den Ergebnissen sinnvoll umzugehen. Diagnostik ohne Konsequenzen bleibt wirkungslos. Die von PISA offengelegte soziale Spaltung kann deutlich besser mit zusätzlichem Personal für Einrichtungen mit besonders hohem Bedarf bekämpft werden. Wir brauchen mehr Mittel für einen Sozialindex statt noch mehr Tests.“
Der sozioökonomische Aspekt
„Besonders stark hängen die Fähigkeiten der Jugendlichen in Deutschland von der sozioökonomischen Situation ihrer Familien ab. Diese zeigt sich als mit Abstand wichtigster Faktor, wenn man sie gemeinsam mit dem Geschlecht und dem Zuwanderungshintergrund der Jugendlichen betrachtet“, wertete die TU München die deutschen PISA-Ergebnisse aus.
Und wurde dann sehr deutlich: „In Deutschland hat der Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlichen Kompetenzen und sozioökonomischem Status weiter zugenommen und nun den höchsten Wert seit Beginn der PISA-Studien erreicht. Nur 2 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus sozioökonomisch benachteiligten Familien erwerben hohe Kompetenzen. Bei Jugendlichen aus sozioökonomisch privilegierten Familien sind es rund 25 Prozent.“
Genau dieser Zusammenhang sei in fast keinem anderen Staat derart ausgeprägt. Er ist in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada und doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen.
„Die Chancen auf Bildungserfolg sind in Deutschland ausgesprochen ungleich verteilt“, sagte am Dienstag Prof. Samuel Greiff, Bildungsforscher an der TUM und Leiter des deutschen Teils der PISA-Studie. „Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, dass so viele Talente ungenutzt bleiben. Anderen Staaten gelingt es deutlich besser, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von den familiären Voraussetzungen zu entkoppeln.“
Eine klare Botschaft.
Luise Neuhaus-Wartenberg: Das beste Mittel gegen schlechte Ergebnisse sind Gemeinschaftsschulen
Dass gerade Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien im PISA-Test schlechter abschneiden, hat nun einmal auch mit dem Zwei-Klassen-Schulsystem in Deutschland zu tun, an dem auch Sachsens CDU bis heute festhält. Nichts sorgt so sehr für Demotivation und Frust wie das frühe Auseinandersortieren der Kinder nach der 4. Klasse. Mit Integration und Förderung hat dieses Bildungssystem nur noch wenig zu tun.
„Wieder alarmiert eine PISA-Studie das Land und zeigt: Auch im Bildungsbereich sind große Schritte nötig. Machen wir etwas daraus“, meint die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, Luise Neuhaus-Wartenberg. „Die Grundlagen für Bildungserfolg werden in der Kita gelegt. Schon in diesem Alter lassen sich Schwierigkeiten feststellen und bearbeiten. Deshalb müssen wir den Fachkräften mehr Zeit für jedes Kind verschaffen. Sinkende Kinderzahlen sind eine historische Chance, wenn nicht erneut viele Standorte dichtmachen müssen.“
Und auch sie stellt fest: „Alle Kinder verdienen einen gleichberechtigten Start, die Schulen sollen Unterschiede zwischen reicheren und ärmeren Haushalten bestmöglich ausgleichen. Doch immer noch hängt der Bildungserfolg stark davon ab, in welche Verhältnisse ein Kind geboren wird – das aber ist purer Zufall.
Die Forderung ist richtig, mehr Geld an jene Schulen zu geben, die besonders viele Kinder in benachteiligten Lebensumständen betreuen. Doch alle Schulen brauchen mehr Unterstützungspersonal, etwa in den Bereichen Verwaltung und Sozialarbeit, damit die Lehrkräfte sich auf ihren Job konzentrieren und alle Kinder individuell fördern können.“
Das beste Mittel gegen schlechte PISA‑Ergebnisse wären – so Luise Neuhaus-Wartenberg – mehr Gemeinschaftsschulen, an denen länger gemeinsam gelernt wird. Ein Schulsystem, das Kinder nach Klasse 4 aussortiere, sei aus der Zeit gefallen.
„Die in Sachsen angekündigte Lehrplanüberarbeitung muss auch die PISA‑Ergebnisse berücksichtigen, etwa im Bereich Lesekompetenz“, sagt die Landtagsabgeordnete. „Es ist problematisch, dass so viele Kinder Schwierigkeiten damit haben, umfangreiche Informationen zu verarbeiten. Das mag mit den sogenannten sozialen Medien zusammenhängen und spricht ebenfalls für unsere Forderung, das Thema Medienkompetenz in den Blick zu nehmen. Der Bund muss stärker in die Bildungsfinanzierung einsteigen.“
Nicole Gohlke: Wenn der Geldbeutel über den Bildungserfolg entscheidet
Und auch in einigen Fraktionen des Bundestags sieht man sich bestätigt in der jahrelangen Kritik an einer völlig verfehlten Bildungspolitik, in der Kinder systematisch aussortiert und benachteiligt werden.
„Die neuen PISA-Zahlen sind die Quittung für jahrzehntelanges bildungspolitisches Versagen“, sagt Nicole Gohlke, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag und deren Sprecherin für Bildung und Wissenschaft. „Wer wie Frau Prien ein selektives Schulsystem konserviert, in dem der Geldbeutel der Eltern über den Bildungserfolg entscheidet, wer den Fachkräftemangel aussitzt und gleichzeitig Kita-Milliarden kürzt, hat aus den vergangenen PISA-Schocks nichts gelernt.
Die Bundesministerin muss in die Menschen investieren, die unsere Kinder jeden Tag bilden, und damit aufhören, Vierjährige zu vermessen. Deutschland braucht eine echte Bildungswende mit einer dauerhaften, auskömmlichen Bundesfinanzierung von Kitas und Schulen statt Kürzungen. Nötig ist dringend die Abschaffung des Kooperationsverbots sowie ein bundeseinheitlicher Betreuungsschlüssel, der Fachkräfte nicht ausbrennen lässt.“
Gerald Eisenblätter: Das ist ein Weckruf
„Wer nicht mit der Zeit geht, wird abgehängt“, kommentiert auch Gerald Eisenblätter, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, die neuen PISA‑Ergebnisse. „Die Ergebnisse sind ein Weckruf, jetzt konsequent die Lehrpläne zu überarbeiten, um mehr Kompetenzorientierung und Lebensweltbezug zu schaffen.
Mit dem ‘Bildungsland Sachsen 2030’ haben wir das Fundament gelegt. Jetzt gilt es, zügig an der Modernisierung des sächsischen Bildungswesens zu arbeiten. Das Vermitteln und Festigen von Basiskompetenzen, mehr Raum für lebensnahes Lernen sowie kritische Analyse, Reflexion und Medienkompetenz sind gefordert.“
Aber auch er sieht, dass immer stärker in Deutschland allein die soziale Herkunft darüber entscheidet, ob das Kind in der Schule Erfolg hat oder frühzeitig jede Motivation verliert.
„Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland, auch im Freistaat Sachsen, immer noch viel zu stark über den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen“, sagt Eisenblätter.
„Es kommt deshalb auf den Anfang an! Wir legen den Grundstein jeder Bildungsbiografie im Kindergarten. Wir sollten jetzt verstärkt in die frühkindliche Bildung investieren, den Übergang vom Kindergarten zur Schule optimieren und den Ausbau zum rhythmisierten Ganztag in der Grundschule vorantreiben. Dafür ist ein ganzheitliches Konzept vom Vorschuljahr über die Schuleingangsphase bis hin zum längeren gemeinsamen Lernen nötig.“
Ein Konzept, das es in Sachsen aber nicht gibt. Die Bildungspolitik wird hier seit 35 Jahren von CDU-Kultusministern bzw. CDU-Kultusministerinnen gemacht.
„Jetzt in Bildung zu investieren, ist das Gebot der Stunde“, erklärt Eisenblätter. „Bildung ist Bindungsarbeit. Damit dies gelingt, braucht es vor jeder Klasse eine Lehrkraft und ein verlässliches Unterstützungssystem mit Assistenzen und Schulsozialarbeit. Dort, wo besondere Bedarfe bestehen, muss gezielt gefördert werden. Mit der aktualisierten Lehrerbedarfsprognose ist der Weg für mehr Ressourcen vorgezeichnet: In Zeiten sinkender Kinderzahlen bleibt die Zahl der Lehrerstellen bis 2032 konstant. Das allein reicht jedoch nicht: Wir müssen jetzt auch das Schulgesetz novellieren, um Lernentwicklung im digitalen Zeitalter zu ermöglichen und eine wohnortnahe Schule zu sichern. Chancengerechte Bildung darf weder vom Elternhaus noch vom Wohnort abhängen.“
Was müsste jetzt passieren?
Die GEW Sachsen hat vier Forderungen formuliert, mit denen die Fehlentwicklungen im sächsische Bildungssystem korrigiert werden sollen. Dazu steht ganz oben die Forderung nach Frühförderung schon ab dem Kindergarten: „Die durch sinkende Kinderzahlen frei werdenden Mittel gehören vollständig in Personal und Qualität der Kitas, d.h. mehr Vor- und Nachbereitungszeit, weniger Kinder pro pädagogische Fachkraft und Erhalt der wohnortnahen Kita.“
Außerdem sollten die knappen Ressourcen nach Bedarf verteilt werden: „Weiterentwicklung der Schulassistenz zu einem Programm Multiprofessionelle Teams inkl. Ausbau der Schulsozialarbeit, zunächst für Schulen mit größtem Bedarf und dann stufenweise an jede Schule bis 2032.“
Außerdem muss die Förderung gesichert werden, statt sie mit völlig falschen Sparzielen auch noch zu kürzen: „Deutsch als Zweitsprache, Ganztagsangebote und Schulbudgets müssen deutlich ausgebaut werden; die Kürzungen müssen zurückgenommen werden“.fordet fdie Bildungsgewerkschaft.
Und die GEW fordert eine deutliche Entlastung der Lehrkräfte: „Stopp der massiven Abordnungen, die Klassenleitungsstunde jetzt statt 2028 sowie Zeit für Fortbildung und Zusammenarbeit im Kollegium.“
Und Burkhard Naumann erinnert daran, dass auch Sachsen schon einmal gezeigt hat, dass es sich kurzfristig (ein bisschen) korrigieren kann, auch wenn das damals leider nicht nachhaltig geschah.
„Nach dem ersten PISA-Schock hat Deutschland bewiesen, dass Verbesserungen möglich sind – weil Bildung damals Priorität hatte“, so Naumann. „Der Landtag berät in den kommenden Monaten den Doppelhaushalt 2027/28. Das ist die Gelegenheit, aus dem Weckruf Konsequenzen zu ziehen.“
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:













Keine Kommentare bisher