Manchmal schüttelt man ja erst einmal den Kopf, wenn man so eine Meldung liest. Frisch zum Schuljahresanfang haben angehende Lehrkräfte einen Offenen Brief an Sachsens Kultusminister Conrad Clemens und an den Präsidenten des Landesamts für Schule und Bildung Patrick Schreiber geschickt: „Im Zentrum der Kritik steht die kurzfristig angekündigte Erhöhung der selbstständigen Unterrichtsverpflichtung im Referendariat von 12 auf 14 Wochenstunden. Die Ankündigung erreichte die Ausbildungsstätten per Schulleiterbrief eine Woche vor den Sommerferien, eine rechtliche Grundlage wurde erst zu Beginn des Schuljahres vorgelegt“, erklärt dazu die Bildungsgewerkschaft GEW.

Da hat augenscheinlich jemand den Bundeskanzler ernst genommen: Die Leute arbeiten zu wenig! Und über Lehrer geht ja sowieso das Vorurteil um, sie wären faul. Diese paar Wochenstunden!

Aber die haben es in sich, wie Burkhard Naumann, Vorsitzender der GEW Sachsen, erklärt: „Dieses Vorgehen ist ein Armutszeugnis für die Ausbildung unserer künftigen Lehrkräfte. Wer die Unterrichtsverpflichtung erhöht, ohne die Betroffenen einzubeziehen und ohne die damit verbundenen Stressoren zu berücksichtigen, riskiert genau das, was Sachsen sich am wenigsten leisten kann: dass noch mehr junge Menschen dem Lehramt den Rücken kehren. Denn was auf dem Papier wie eine kleine Anpassung wirkt, hat für die Referendar/-innen erhebliche Folgen.

Zwei zusätzliche Unterrichtsstunden pro Woche bedeuten nicht nur mehr Unterrichtszeit, sondern ziehen automatisch auch mehr Vor- und Nachbereitung nach sich – Arbeitszeit, die in der offiziellen Rechnung des SMK gar nicht auftaucht. Hinzu kommt der ohnehin hohe Workload der Ausbildung selbst: Unterrichtsbesuche, ausführliche schriftliche Unterrichtsentwürfe und verpflichtende Praxisaufgaben, die parallel zur gestiegenen Unterrichtsverpflichtung bewältigt werden müssen.“

Das summiert sich

Und das ist noch nicht mal alles. Denn was Lehrerinnen und Lehrer abseits der Unterrichtsstunden noch so leisten, sieht ja keiner. Die GEW dazu: „Dass genau in dieser Situation zusätzliche Aufgaben wie verpflichtende Hospitationsstunden im zweiten Halbjahr, umfangreiche schriftliche Ausarbeitungen und Praxisaufgaben unangetastet bleiben, verschärft eine Ausbildungsphase, die schon jetzt an der Belastungsgrenze vieler Betroffener verläuft. Auch fehlt bislang ein unterrichts- und seminarfreier Tag zur Vorbereitung auf Prüfungen und Unterrichtsbesuche – obwohl gerade hohe Qualitätsansprüche an diese Leistungsnachweise auch entsprechende Vorbereitungszeit voraussetzen.“

Wie man Menschen demotiviert

Und diese ministerielle Übergriffigkeit hat Folgen. Logisch. Wie fühlt man sich als Mensch, wenn man eigentlich nur Kindern richtig gutes Wissen beibringen will und der Minister einem noch Extrastunden aufs Auge drückt, die dann von der Zeit abgehen, in der man sich mal erholen muss?

Das Ergebnis, so die GEW: „Eine Umfrage unter Lehrkräften in Ausbildung am Standort Leipzig im laufenden Schuljahr zeigt: Zwei Drittel der Befragten fühlen sich bereits (sehr) gestresst. Die GEW Sachsen warnt, dass sich diese Belastung durch die zusätzlichen Unterrichtsstunden weiter verschärfen wird – mit absehbaren Folgen für die Attraktivität des Lehramtsstudiums und des Referendariats im Freistaat. Das zeigt auch ein Vergleich mit benachbarten Bundesländern: In Thüringen müssen im Referendariat durchschnittlich 8 Wochenstunden selbstständig unterrichtet werden, in Sachsen-Anhalt 6 bis 10 Stunden und in Brandenburg 10 bis 12 Stunden.“

So demotiviert man junge Lehrkräfte. So macht ein Minister klar, dass die Qualität des Unterrichts ihn überhaupt nicht interessiert. Oder gar, ob die angehenden Lehrerinnen und Lehrer Spaß an ihrem Beruf haben. Denn jeder weiß es, der eine Schule besucht hat: Spaß macht das Lernen nur, wenn auch die Lehrerin oder der Lehrer Spaß an seinem Job hat. Denn so müssen Jobs eigentlich sein: Den, der sie ausübt, bereichern und erfüllen. Genauso wie es Sachsens Kultusminister seit Jahren machen: Sie demotivieren und frustrieren ausgerechnet die Menschen, die die jungen Menschen im Land für eine Zukunft motivieren sollen, in der es wirklich hart zugehen wird.

Und Sachsen ist mittlerweile geradezu ein abschreckendes Beispiel, wie Burkhard Naumann feststellt: „Wir dürfen nicht noch mehr angehende Lehrkräfte in die Nachbarbundesländer verlieren. Wir fordern das SMK und das LaSuB auf, umgehend den Dialog mit den Referendar/-innen zu suchen und die Forderungen des Offenen Briefs ernsthaft zu prüfen.“

Der Offene Brief der Referendar/-innen.

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