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Mit rund 527.300 Schülerinnen und Schüler startet am Montag, dem 17. August, das neue Schuljahr in Sachsen. Für rund 37.700 Erstklässler (2025: 38.388) beginnt damit das große Lernen. Aber es wird wieder – wie in den Vorjahren – knapp. Denn Sachsen gelang es nur, in Vorbereitung auf das kommende Schuljahr 905 Lehrkräfte einzustellen, über 100 weniger als geplant. Diese teilen sich auf in 731 grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer sowie 17 pädagogische Fachkräfte. Hinzu kommen 157 Seiteneinsteiger, die zum neuen Schuljahr vor der Klasse stehen und unterrichten.

87 der eingestellten grundständig ausgebildeten Lehrkräfte wurden in anderen Bundesländern ausgebildet.

Ein Großteil der Absolventen bewarb sich für eine Anstellung in den Ballungsgebieten Leipzig und Dresden. Allen ausgebildeten Bewerbern wurde ein Einstellungsangebot gemacht, so Kultusminister Conrad Clemens: „Wir werden Unterrichtsausfall im neuen Schuljahr weiter senken. Die größte Herausforderung bleibt die gerechte Verteilung der zur Verfügung stehenden Lehrerinnen und Lehrer auf ganz Sachsen.

Ein Teil der jungen Lehrkräfte möchte ausschließlich in Leipzig arbeiten. Gleichzeitig sind wir verpflichtet, eine gute Unterrichtsversorgung im ganzen Freistaat zu gewährleisten. Das gelingt nur, wenn wir gemeinsam umdenken. Ich danke all denjenigen, die bereit waren, einen etwas längeren Anfahrtsweg auf sich zu nehmen oder gar ihre gewohnte Umgebung zu verlassen. Wir alle verfolgen dasselbe Ziel: Kindern überall in Sachsen – unabhängig von Wohnort und Schulart – den besten Unterricht zu ermöglichen.“

Medienbildung, aber wie?

Außerdem habe man alle 528 Lehrplandokumente aller Fächer und Schularten überarbeitet.

„Die Lehrpläne sollen den Schülerinnen und Schülern künftig mehr Kompetenzen vermitteln und pädagogische Freiräume für Übungs- und Vertiefungsphasen geben“, so das Ministerium.

Die Themen Medienbildung und Digitalisierung seien ein zentraler Schwerpunkt des Handlungsfeldes „Lernen“ in der Strategie Bildungsland 2030 und würden auch im Schuljahr 2026/2027 weiterentwickelt. Immerhin sollen Schülerinnen und Schüler vor den Risiken hoher Bildschirmzeiten geschützt und konzentriertes Lernen in den Schulen gestärkt werden.

Dafür werde das bereits seit Februar 2026 an den Grundschulen und der Primarstufe der Förder- und Gemeinschaftsschulen geltende Handyverbot auf die Klassenstufen 5 bis 8 ausgeweitet. Zur Umsetzung habe das SMK gemeinsam mit dem Landesamt für Schule und Bildung umfangreiche Hinweise erarbeitet.

GEW zum Schuljahresbeginn 2026/27: Kultusministerium überspannt den Bogen deutlich

Doch das neue Schuljahr in Sachsen startet aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen mit einer noch angespannteren Lage als das vergangene. Die vom Kultusministerium erwarteten über 1.000 Neueinstellungen von Lehrkräften wurden nicht erreicht. Die GEW kritisiert insbesondere den Umgang mit den Lehrkräften durch die massive Ausweitung der Abordnungen und warnt vor den langfristigen Folgen der aktuellen Maßnahmen.

Burkhard Naumann, Vorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen, erklärt dazu: „Die angespannte Lage an den Schulen verschlimmert sich im neuen Schuljahr noch weiter. Die Belastung steigt durch die massive Ausweitung der Abordnungen immer weiter. Lehrkräfte müssen damit an mehreren Schulen unterrichten, häufig schulart- und fachfremd.

An der Stammschule entstehen neue Engpässe. Schülerinnen und Schüler erleben einen regelmäßigen Wechsel der Fachlehrkräfte und Klassenleitungen. Dabei ist die Basis von guter Bildung eine kontinuierliche Beziehung zwischen Lernenden und Lehrkräften und nicht die Unterrichtsstatistik. Das Kultusministerium überspannt den Bogen nun deutlich. Die Gleichverteilung des Elends ist keine Lösung.“

Die GEW Sachsen kritisiert die Ausweitung der Abordnungen auf über 5.000 Lehrkräfte, den Umgang mit älteren Lehrkräften, die seit dem letzten Schuljahr mehr unterrichten müssen, sowie den Umgang mit angehenden Lehrkräften. Diese müssen jetzt im Referendariat ohne Gegenleistung mehr unterrichten, nachdem ihre Betreuung durch die Fachausbildungsleitungen seit dem letzten Schuljahr verringert wurde.

„Lehrkräfte verlassen nun früher den Beruf, Referendarinnen und Referendare wandern ab“, beschreibt Naumann die Folgen.

„Sachsen-Anhalt und Thüringen vermeldeten in diesem Sommer mehr Bewerbungen aus Sachsen. Die aktuellen Maßnahmen des Kultusministeriums verstärken das Problem, statt es zu lösen. Das Tischtuch ist nach wie vor zu klein. Wenn man an allen Seiten zieht, reißt es irgendwann. Die gekürzten Schulbudgets im aktuellen Haushalt reißen ebenso Löcher bei der Unterstützung von Schülerinnen und Schülern, die nicht gestopft werden. Wir benötigen Maßnahmen mit Augenmaß und unter Einbeziehung der Lehrkräfte und Schulleitungen. Die massiven Abordnungen, der Unmut der Lehrkräfte und die Absenkung der Qualitätsstandards, beispielsweise bei Deutsch als Zweitsprache, werden langfristig deutlich negative Folgen für Bildung in Sachsen bringen.“

Die GEW Sachsen begrüßt zumindest die Reform der Lehrpläne und mehr Medienbildung grundsätzlich. „Bei der Reform der Lehrpläne stellt sich die Frage, wer diese erstellt“, äußerte sich Burkhard Nauman am Dienstag dazu trotzdem kritisch: „Werden Fachberaterinnen und Fachberater ebenso wie die wissenschaftliche Perspektive einbezogen oder geschieht das allein am Schreibtisch im Kultusministerium? Bei der Digitalisierung ist noch immer ungeklärt, wer sich um die hunderten Endgeräte an jeder Schule kümmern soll. Das erledigen Lehrkräfte auch noch zusätzlich.“

Luise Neuhaus-Wartenberg: Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass irgendwer euphorisch ins neue Schuljahr startet

Aus der Pressekonferenz des Kultusministers zum Schuljahresstart 2026/2027 kam auch die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, Luise Neuhaus-Wartenberg, ziemlich ernüchtert.

„Der Kultusminister begrüßt die Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr mit der Ausweitung des Handy-Verbotes und die angehenden Lehrkräfte mit Mehrarbeit. Trotz vieler Neueinstellungen fällt viel Unterricht aus und es fehlt Unterstützungspersonal in multiprofessionellen Teams. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass irgendwer euphorisch ins Schuljahr startet“, fasst Neuhaus-Wartenberg zusammen, was sie gehört hat. „Trotzdem wünschen wir sowohl den Schülerinnen und Schülern als auch den Lehrkräften und Eltern bestmögliches Gelingen!“

Mit Freude vernehme sie auch, dass alle Lehrpläne überarbeitet werden sollen.

„Das hat die Staatsregierung lange verschleppt. Wir müssen Lehren und Lernen in Methode und Inhalt modernisieren – für weniger Frontalunterricht und mehr Selbstständigkeit. Es geht nicht mehr vor allem darum, möglichst viel Wissen zu speichern“, sagt die Bildungspolitikerin.

„Wir müssen die Schulbildung auf die Höhe der Zeit und des pädagogischen Erkenntnisstands bringen. Dazu gehört es auch, mehr Gemeinschaftsschulen zu ermöglichen. Junge Leute und auch alle anderen müssen lernen, Fragen zu stellen, Wissen einzuordnen, Probleme zu lösen und ein gutes Miteinander zu pflegen. Fraglich ist allerdings, ob und wie Menschen aus der Praxis in die Lehrplan-Aktualisierung einbezogen werden.“

Eher Rückschritt als Fortschritt sehe die Linksfraktion hingegen bei der Medienbildung. Das ausgeweitete Handy-Verbot simuliere eine Lösung, die den Medienkompetenz-Mangel nicht behebt.

„Das Problem ist doch, dass junge Menschen in und mit der digitalen Welt allein gelassen werden. 15 Stunden digitales Selbstlernen in der 7. und 8. Klasse werden ihnen kaum helfen. Wir fordern seit Jahren ein Fach Medienkunde und die Integration von Medienbildung in den Ganztag“, so Neuhaus Wartenberg. „Junge Menschen werden in sozialen Medien mit Inhalten konfrontiert, die tiefe Spuren in ihrer Psyche, ihrem Verhalten und im Umgang mit anderen Menschen hinterlassen können.

Fachleute und medienpädagogisch geschulte Lehrkräfte müssen für die Gefahren sensibilisieren. Die Betreiber der Plattformen müssen gezwungen werden, menschenverachtende Bilder und Videos nicht mehr allen frei zugänglich zu machen. Junge Menschen sind trotz des Handyverbots Mobbing, Erniedrigung und Bedrohung ausgesetzt. Die Schulen brauchen dafür geschultes Personal und überall das entsprechende Problembewusstsein. Digitale Tafeln ohne Internetzugang und Klassensätze mit Tablets, deren Wartung die Lehrkräfte nebenbei übernehmen müssen, reichen auch hierfür nicht aus.“

Gerald Eisenblätter: Unterrichtsversorgung bleibt eine Herausforderung

Und auch Gerald Eisenblätter, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, formuliert vorsichtig sein Unbehagen an den neuen Zahlen des Kultusministerium.

„Die Unterrichtsversorgung bleibt Sachsens größte bildungspolitische Herausforderung. Wer Lehrermangel und Unterrichtsausfall bekämpfen will, muss gut ausgebildete junge Lehrkräfte im Freistaat halten. Dafür brauchen wir gezielte Anreize für Bedarfsregionen und Mangelfächer, klare Perspektiven, eine offenen Kommunikation der Kultusverwaltung und mehr Transparenz über künftige Bedarfe. Gute Bildung darf nicht vom Wohnort abhängen“, sagte Eisenblätter am Dienstag.

„Die neuen Lehrpläne sind ein wichtiger Schritt für das ‚Bildungsland Sachsen 2030‘. Schule muss stärker vermitteln, wie Lernen gelingt: weniger Auswendiglernen, mehr Kompetenzen, Selbstständigkeit und soziales Miteinander.“

Auch so kann man es formulieren, wenn man dem zuständigen Kultusminister ein „ungenügend“ verbrieft. Hausaufgaben nur zur Hälfte gemacht. Das ist zu wenig. Auch wenn es um den Umgang mit den modernen Medien geht.

„Wer die Schulqualität datengestützt verbessern will, muss jetzt die gesetzlichen Grundlagen schaffen. Kultusminister Clemens muss die Schulgesetznovelle endlich auf den Weg bringen. Wir brauchen moderne Regeln für Digitalität, Schulentwicklung und Qualitätssicherung und ein zukunftssicheres Schulnetz. Wenn wir ein Schulsterben in den 2030er-Jahren verhindern wollen, müssen wir jetzt handeln“, so Eisenblätter.

„Allen Schulanfänger:innen, Schüler/-innen und Lehrer/-innen wünschen wir einen guten Start ins neue Schuljahr. Schule lebt von Neugier, Lernfreude und dem gemeinsamen Spaß am Lernen. Genau das wollen wir stärken.“

Aber wer ist dieses „wir“, wenn genau das nun schon seit Jahren mit wechselnden Kultusminister/-innen nicht gelungen ist? Das neue Schuljahr wird genau diese Frage wohl nicht beantworten, steht zu fürchten.

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