Die Charta 77 ist eine Legende. Sie gehört zu den Meilensteinen der Bürgerrechtsbewegungen im Osten. Und sie wurde schon 1977 zum Medienereignis, als der tschechische Geheimdienst Státní bezpečnost (StB) zuschlug und die Übergabe der Charta an den Präsidenten der CSSR Gustáv Husák Anfang Januar 1977 filmreif verhinderte. Mit Autoverfolgung, Ausbremsung und Gefangennahme der Chartisten auf offener Straße – unter ihnen Václav Havel. Das hatte auch Prag so noch nicht erlebt. Für Havel freilich war es der Beginn eines Martyriums.
Denn für ihn begann damit eine Zeit im Gefängnis Ruzyné, die ihn seelisch an den Rand der Verzweiflung brachte: über vier Monate Untersuchungshaft mit einer schwammigen Verdächtigung durch die Staatssicherheit, erniedrigende Verhöre und zähe und sinnlose Gespräche mit mephistophelischen StB-Offizieren, die an ihm alle ihre gelernten Verhörmethoden ausprobierten, um aus ihm für eine Anklage verwertbare Aussagen zu erpressen.
Und Václav Havel tat nach seiner Haftentlassung etwas, was auch Dissidenten eher selten versucht haben: genau zu beschreiben, wie er die Haft erlebt hatte und was die versuchten Manipulationen der Verhör-Offiziere mit ihm gemacht hatten.
Denn natürlich kam er nicht heil aus der Sache heraus. Nicht nur, weil es sein erstes richtiges Gefängniserlebnis war, in dem er wohl all die Erfahrungen machte, die jeder Mensch durchmacht, der erstmals monatelang hinter Gitter gesperrt wird und bis zulezt nicht erfährt, was seine Peiniger ihm eigentlich vorwerfen, wo er sich tatsächlich schuldig gemacht hat.
Etwas, was auch Bürgerrechtler in der DDR erlebten, wenn sie ganz selbstverständliches bürgerliches Engagement zum Zielobjekt der Stasi machte und sie willkürlich eingesperrt und verurteilt wurden.
In der Mühle des Teufels
Nur dass die versuchte Übergabe der Charta 77 auch nach tschechischem Recht nicht gesetzwidrig war. Aber auch das lernten Bürgerrechtler in der DDR ja sehr schnell: Jeder Akt bürgerlicher Selbstbestimmung konnte von der Staatsmacht als Versuch interpretiert werden, die Macht der alleinherrschenden Partei infrage zu stellen.
Da war selbst eine Petition an den Staatspräsidenten, die die Menschenrechte in der CSSR thematisierte, aus Sicht der Státní bezpečnost, der tschechoslowakischen Staatssicherheit, ein subversiver Akt, Staatsgefährdung im Raster der Geheimdienstoffiziere, die Havel in stundenlangen Verhören nervten, traktierten, erpressten, langweilten und über die Monate versuchten, seine seelische Stabilität zu unterminieren.
Ein Prozess, den Havel mit der Genauigkeit des erfahrenen Schriftstellers analysiert. Und gleichzeitig auch seine eigene Erpressbarkeit und Manipulierbarkeit unter die Lupe nimmt.
Denn dass sie es geschafft hatten, ihm ein völlig falsches Bild vom Stand der Ermittlungen und der Anklage zu vermitteln, und seine völlige Informations-Isolation auch dazu nutzten, ihn gefügig zu machen, das merkte er sehr wohl – und traf dann trotzdem einige Entscheidungen, die er noch vor seiner Haftentlassung bitter bereute, wohl wissend, dass „sie“ seine Schreiben an den Staatsanwalt (den Havel ebenfalls genau porträtiert) dazu nutzen würden, ihn nach der Entlassung vor der Welt und seinen Mitstreitern bloßzustellen.
Denn zuletzt war ihm die unklare Situation in der Haft so beklemmend geworden, dass er meinte, dem Staatsanwalt ein Angebot machen zu müssen, sich nach einer Haftentlassung erst einmal jeglicher politischer Äußerungen zu enthalten.
Wenn Bürgerrechte zur Subversion werden
Doch es wird in dem 100-seitigen Manuskript, das er im Sommer nach seiner Haftentlassung schrieb, auch deutlich, wie im sozialistischen Staat alle Rädchen ineinandergriffen. Denn der funktionierte in allen von Moskaus dominierten Ostblockstaaten gleich. Die Entscheidungen, wie mit Dissidenten umgegangen wurde, fielen auf der höheren Parteiebene, mit der sich die StB-Offiziere und auch der Staatsanwalt akribisch abstimmten, wenn es um die inhaftierten Bürgerrechtler ging.
Und die Gesetze waren so schwammig formuliert, dass aus einem simplen Versuch, dem Staatspräsidenten eine Petition zukommen zu lassen, sofort Subversion und staatsfeindliche Umtriebe konstruiert werden konnten.
Was dann später im eigentlichen Prozess gegen Havel auch tatsächlich so umgesetzt wurde. Aber da hatte er diese 100-seitige Schrift über seine Haftzeit schon geschrieben und sie – am Ende selbst für ihn selbst unauffindbar – versteckt.
Sie wurde erst 2008 im Nachlass seines Freundes Zdeněk Urbánek gefunden und 2021 erstmals auf tschechisch publiziert. Höchste Zeit also, dass sie nun in der Übersetzung von Jáchym Topol auch auf Deutsch erscheint.
Denn so akribisch hat auch kein Bürgerrechtler aus der DDR darüber geschrieben, was die Verhörmethoden der Staatssicherheit mit ihnen anrichteten, wie sie – isoliert von der Außenwelt – zum Spielball psychologisch durchdachter Erpressungs- und Verführungspiele wurden und der vermeintliche Verrat an den eigenen Freunden geradezu provoziert wurde.
Die Methoden des Teufels
Und Václav Havel empfand gerade diese Situation, dann doch den falschen Versprechungen der Verhörer auf den Leim gegangen zu sein, als geradezu traumatisierend. Es war für ihn geradezu ein Schock, als er merkte, wie er in der Haft derart in die „Umklammerung durch den Teufel“ geriet und das erst zu spät merkte.
Als sie ihm dann endlich die Entlassung in Aussicht stellten, ahnte er schon, dass sie einige seiner vagen Versprechungen gegen ihn verwenden würden, um ihn und das Anliegen der Charta 77 in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Und er konnte nur wenig dagegen tun.
Nur hatte er eins unterschätzt, weil ihm in der viermonatigen Haft jegliche Informationen von draußen vorenthalten wurden: welche Wucht die Charta 77 schon entfaltet hatte. Die Übergabe der Petition an den Staatspräsidenten hatte die Staatssicherheit zwar verhindert.
Aber ihre Veröffentlichung im Westen konnte sie nicht unterbinden. Und auch nicht die dortige Berichterstattung über die Verhaftung Havels und Dutzender seiner Mitstreiter, mit denen in der Haft ganz ähnlich umgesprungen wurde,
Und selbst als die Staatsmedien dann nicht nur seine Haftentlassung bekanntgaben und verkündeten, Havel habe in der Haft seine Sprecherfunktion für die Charta 77 niedergelegt, konnte das die Wirkung der Charta nicht mehr verhindern. Tatsächlich entfaltete sie auch vor diesem Hintergrund erst ihre Wucht.
Und eigentlich hätte Havel das genießen können. Doch nach der Haft erlebte er erst recht einen seelischen Tiefschlag. Und so war der Beginn der Niederschrift auch ein Versuch, die eigenen Dämonen zu fassen zu bekommen und das tiefsitzende Schuldgefühl, dass er am Ende doch dem Teufel auf den Leim gegangen war.
Teufels‘ Pakt
Und dabei halfen ihm eigentlich auch Gespräche mit Freunden, die selbst Haft und Verhöre erlebt hatten und wussten, wie einen die Verhöre und die Isolation zermürben und zu irrationalen Handlungen verleiten konnten. Aber wo ist die Grenze? An welcher Stelle beginnt man, sich selbst (und seine Freunde) zu verraten? Wann wird aus einem Verhör, in dem man versucht, dem Teufel keine Zugeständnisse zu machen, dennoch ein Gespräch, das einen dazu bringt, zu viel zu sagen und zuzugestehen?
Havel geht mit sich schonungslos ins Gericht, denn tatsächlich hat ihm diese erste Haft gezeigt, wie erpressbar der Mensch wird, wenn er nur noch im abgeschotteten Raum des Gefängnisses lebt und die Vorführung zum Verhör fast wie eine menschliche Begegnung wirkt.
Und Havel lässt es auch nicht bei der Haftzeit, denn selbst sein geradezu traumhaftes Verhalten nach der Entlassung kommt ihm nun suspekt vor. Als hätte er nicht sofort begriffen, wie sehr sich die Welt in den Monaten seiner Haft verändert hatte. Wie sehr sie sich verändert hatte, wurde ihm erst nach und nach bewusst.
Und er war selbst erschrocken darüber, wie leichtfertig er mit diesem nun so euphorisch erlebten Draußen umging. Auch wenn ihn das Gefühl geradezu erdrückte, dass er mit seinem Entgegenkommen in der Haft unrettbaren Schaden angerichtet haben konnte. Nicht mal an sich selbst. Sondern an der Sache.
Dass er sich dann hinsetzte und den Sommer 1977 nutzte, um all seine Erfahrungen mit Haft und Verhören zu Papier zu bringen, war für ihn auch ein Versuch, die seelische Last zu mindern, das quälende Schuldgefühl irgendwie in den Griff zu bekommen und zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass er zu spät merkte, wie ihn der Teufel umklammerte.
Ein Bild, das ihm tatsächlich in einem Traum im Gefängnis begegnete und dazu brachte, sich nun auch mit der Mephisto-Gestalt in Thomas Manns „Doktor Faustus“ zu beschäftigen.
Und tatsächlich bekam er genau dieses Buch noch kurz vor seiner Entlassung in die Zelle geschickt. Hatte auch da der Teufel seine Hände im Spiel? Die Frage stellte er sich. Und wusste wohl doch sehr genau, dass es tatsächlich das hinterlistige Spiel der Leute war, die um ihre teuflischen Praktiken, Menschen zu zermürben, sehr genau Bescheid wussten.
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