Wo Autokratien erstarken, da folgt das Gespenst der Massenhypnose auf dem Fuße. Und tatsächlich zeigt nicht nur die Ekstase bei archaischen Gruppenritualen einen hypnotischen Charakter, oft ist dieser Charakter auch bei modernen Großveranstaltungen zu finden – gerade da, wo die Veranstaltung ideologisch aufgeladen ist.

Hinzu kommt heutzutage die Schnittstelle des digitalen Endgeräts, das die mögliche Manipulation auch frei Haus liefert. Aus Sicht eines gewieften Autokraten ließe sich also sagen: „Wie schön, die Gehirne der Menschen liegen offen vor mir!“ Doch ist die Gefahr einer Art massenhypnotischer Unterwerfung unserer Gesellschaft wirklich real? Schauen wir es uns an.

Grundlagen im Kopf

Stark vereinfacht können wir das menschliche Bewusstsein in zwei Bereiche teilen:

➜ Das Bewusste, wo die erfahrbare Wahrnehmung stattfindet, an die wir uns erinnern und die wir anderen beschreiben können. Dieser Bereich ist sehr klein.

➜ Das Unbewusste, in dem jene Prozesse ablaufen, die unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle liegen. Dieser Bereich ist sehr groß.

Die Hypnose dockt genau an dieser Grenze an. Sie ist ein natürlicher Bewusstseinszustand, der die eigentlich starre Wand zwischen den bewussten und unbewussten Anteilen weitestgehend auflöst, während sich die Wahrnehmung der Innenwelt zuwendet. Da wir unbewusste Prozesse nicht wahrnehmen (zumindest nicht direkt) und nicht beeinflussen können (auch hier: zumindest nicht direkt), entsteht in Fällen, in denen das Unbewusste selbstständig agiert, oft der Eindruck des Fremdgesteuert- oder Ausgeliefert-Seins.

Aus der Show-Hypnose kennen wir das anschauliche Beispiel, wenn Marko und Gaby gackernd wie die Hühner über die Bühne springen, als würden sie den Befehlen des Hypnotiseurs Folge leisten – auch wenn hierbei viel getrickst und erstaunlich wenig hypnotisiert wird. Die Sorge, dass eine solche Manipulation auch an der Masse angewendet werden könne, ist natürlich nachvollziehbar. Heute mehr denn je.

Der Begriff der Gruppenhypnose beschreibt das bei mehreren Personen gleichzeitige Auftreten dieses Bewusstseinszustandes. Ein gemeinsames Erlebnis, z.B. ein rauschhaftes Konzert, kann dabei der Auslöser sein. Methodisch ist das relativ simpel, zudem ist die neuronale Grundstruktur eines gesunden Homo sapiens willig, in einen solchen Zustand zu verfallen (oftmals mit „Zone Out″, Tagtraum oder Sekundenschlaf verwechselt).

Das „Hypnotisieren″ ist also nicht viel mehr als eine Fingerübung und lässt sich sehr einfach auf die Gruppe übertragen. Ab der anonymen Gruppengröße reden wir von einer Masse. Auch wenn der Begriff der „Massenhypnose″ landläufig die manipulative Umpolung einer Gesellschaft meint, ist sie als Begriff erst mal nur eine Erweiterung der Gruppenhypnose in den etwas größeren, gesellschaftlichen Raum.

Die Massenhypnose – eine Gefahr?

Heutzutage agieren viele große Medienanstalten als Sprachrohre und Einflussverstärker ihrer turbokapitalistischen, teilweise faschistoiden Besitzer – die technische, wirtschaftliche und ideologische Grundlage für eine hypnotische Unterwerfung der Menschheit ist also ebenfalls vorhanden. Wenn manipulative Massenhypnose ein solch fabelhaftes Werkzeug autokratischer Unterwerfung wäre… warum geschieht sie dann nicht?

Nehmen wir Donald Trumps Rallye vor seiner Wahl zum Präsidenten im Jahr 2016 als Beispiel: ekstatische Massenveranstaltungen mit einer teils hypnotischen Wirkung auf das Publikum, konnten die Handlungsbereitschaft von Trumps Gefolgschaft deutlich verstärken und verhalfen dem orangefarbenen Clown auf diesem Weg zu seiner ersten Präsidentschaft.

Dabei traf die tiefgreifende Verstärkung einer hypnotischen Erfahrung auf eine willige Gefolgschaft, wo sie genau das Bewirken konnte, was Hypnose sehr gut kann: die Verstärkung eines vorhandenen Willens, Hürden abbauen, unklare Motivationen kanalisieren. Darin ist Hypnose sehr wirkungsvoll, wobei die Wirkung bei kompetenter Anwendung auch außerordentlich nachhaltig ist.

Dass aber stabile Demokraten von Trumps Veranstaltungen überzeugt werden konnten, ist nicht überliefert – die ideologische Umpolung durch Massenhypnose fand nicht statt. Denn die Hypnose ist kein Werkzeug für individuelle Unterwerfung, wie uns Hollywood so gern erzählt (z.B. „Get Out″ 2017).

Und weil Gruppen- oder Massenhypnose die individuelle Wirkung „nur″ auf eine Gruppe oder Masse erweitert, ihre grundlegende Wirkungsweise aber unberührt bleibt, kann die Vorstellung einer massenhypnotischen Fremdkontrolle letztlich als grober Unfug belächelt werden. Gerade frisch bewiesen durch das erfreuliche Midterm-Massaker an den Republikanern, das sich durch eine angebliche hypnotisch-mediale Kontrolle recht einfach hätte verhindern lassen müssen.

Wie das Unbewusste tatsächlich beeinflusst wird

Wenn Werbung mit knalligen Farben oder herzerwärmenden Weihnachtsgeschichten den Menschen das Geld aus der Tasche zieht, wenn hyperperfekte KI-Menschen auf großformatigen Plakaten für Saugroboter posen, wenn Schnaps und bunte Süßigkeiten die Quengelzone im Supermarkt beherrschen, dann kommen stark manipulative Methoden zum Einsatz – gezielt und effizient.

Auch das Unbewusste wird in der Werbung häufig adressiert, z.B. durch Musik, die bestimmte Emotionen auslösen und mit dem jeweiligen Produkt verknüpfen soll. Diese Emotionen sind der Fixpunkt der Werbung, mit Hypnose oder Massenhypnose hat das allerdings nichts zu tun.

Auch die ewig grinsenden Gesichter in der Wahlwerbung suggerieren auf der Ebene des Unbewussten, dass diese oder jene Person besonders freundlich, zugewandt, vertrauensvoll … und daher wählbar sei. Selbst die Hintergrundbilder – vom grünen Cleen-Energy-Kiez bis zur hörigen Blondine am Herd bei CDU und AfD – zielen auf die Emotionen. Auf das Vertraute. Auf das Gewünschte.

Letztlich auf ein Gefühl, das die Partei für sich nutzen will. Und das ist ja der eigentliche Vorwurf, der im schnell daherkommentierten Begriff der „Massenhypnose“ steckt: ideologisch getriebene, subtile Beeinflussung der Bevölkerung.

Wer sich nun subtiler Beeinflussung entziehen will, sollte sich dem eigenen Unbewussten zuwenden. Denn nur, wer die Sprache des Unbewussten – zumindest ein Stück weit – versteht, kann sich auch willentlich gegen subtile Formen kapitalistischer, politischer oder sonstwie ideologisierter Beeinflussung wehren.

Auch sollte man bedenken, dass das Bewusstsein oftmals nur ein Symptom unbewusster Prozesse ist (siehe z.B. Forschung am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaft in Leipzig), während die eigentlichen Triebfedern des Seins im Unbewussten liegen.

Die Nutzung der Hypnose ist gerade im Kontext des Sich-Zuwendens zu all diesen Funktionsweisen und Eigenarten des Unbewussten ein besonders effizientes Multi-Tool – nicht manipulativ, sondern echtes, persönliches Empowerment!

Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.

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