Am 9. März 2026 wird aus einem gewöhnlichen Montag ein politisches Signal: Frauen* weltweit nehmen sich einen Tag frei – von bezahlter wie unbezahlter Arbeit. Alltagsroutinen werden bewusst unterbrochen. In zahlreichen Städten gehen Frauen* gemeinsam unter dem Slogan „ENOUGH! GENUG! BASTA!“ auf die Straße. Dabei sollen die weltweiten Protestaktionen vor allem Spaß machen, laut und überparteilich sein.

Auch in Leipzig wird es unterschiedliche Aktionen geben, um auf vielfältige Weise „Genug!“ auszudrücken. Der Protest knüpft bewusst an den Internationalen Frauentag am 8. März an, der 2026 auf einen Sonntag fällt – und verlängert ihn dorthin, wo er hingehört: in den Alltag.

Der Streik richtet sich gegen strukturelle Ungleichheiten – gegen patriarchale Machtverhältnisse, geschlechtsspezifische Gewalt, Femizide, systematische Benachteiligung, Diskriminierung und die Abwertung von Frauen* und allem, was ihnen zugeschrieben wird. Die Initiative versteht „Frauen*“ ausdrücklich als Vielfalt der Geschlechter (FLINTA*: Frauen*, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans-, agender Personen). Der Protest kritisiert zudem Kriege, soziale Ungleichheit sowie Zerstörung und Ausbeutung von Mensch und Natur und damit für Vielfalt und Gleichberechtigung.

Denn die kapitalistische Vernichtung von Ökosystemen ist eine direkte Folge dieser Logik, in der – so formuliert es die Politologin und Beststeller-Autorin Emilia Roig[i] – „[e]ine selbsternannte Elite bestimmt, welches Leben wertvoll ist – und welches nicht. In Ökosystemen ist Vielfalt das wichtigste Lebensprinzip – je vielfältiger ein System, desto stabiler und widerstandsfähiger ist es.“

Genug von allem

Die Aktionen hinterfragen vermeintliche Überlegenheit und ermächtigen durch Auseinandersetzung und gemeinsamen Austausch dazu, eine männliche, noch dominierende, für viele unbewusst als „normal“ geltende Perspektive zu ergänzen – um übersehene, ignorierte, abgewertete oder ausgegrenzte Sichtweisen und Lebensrealitäten – und sie wieder gleichwertig zu machen.

Bereits während der Vorbereitung auf den feministischen Streiktag spiegelten zahlreiche persönliche „Genug von“-Beiträge anschaulich und facettenreich gesellschaftliche Auswirkungen patriarchaler Mechanismen wider. Jeder Beitrag war berührend, lehrreich oder aufrüttelnd – wie der einer Leipziger Schülerin: Wer stellt die Stühle in der Schule hoch, übernimmt ungeliebte Arbeiten oder wird (heute noch) neben laute Mitschüler gesetzt?

„Was in der Schule vermeintlich harmlos beginnt, endet im Erwachsenenalter in ungleich verteilter Care-Arbeit in Eltern- oder Partnerschaften. Dass Frauen* früh daran gewöhnt werden, bestimmte Arbeiten zu leisten, für die Männer* sich nicht verantwortlich fühlen, darf nicht sein.“ Andere Stimmen fordern: „Genug vom Gender Pay Gap! Genug vom Klischee weiblicher Veranlagung und Mutterschaft! Fürsorglichkeit ist nichts Veranlagtes oder Weibliches – sie muss von allen gelernt werden!“

Oder: „Ich habe genug davon, dass patriarchale und cis-weiße Perspektiven als neutral gelten – in Bildung, in Kunst, im Fernsehen, in Politik, in Wissenschaft, im Alltag. Ich habe genug davon, dass weiße, cis-männliche Erfahrung als Maßstab von Kompetenz, Rationalität und Objektivität gilt – und ich mich in jedem Raum erst glaubwürdig machen muss.

Ich habe genug davon, dass Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat ineinandergreifen – uns ausbeuten, hierarchisieren, normieren – und unsere Kämpfe trotzdem voneinander getrennt werden, als wären sie nicht miteinander verwoben. Unsere Unterdrückung ist intersektional. Unsere Befreiung muss es auch sein.“

„Ich habe genug davon, dass ich zu wenig zeitliche und emotionale Ressourcen habe, um meine Söhne dabei zu unterstützen, seelisch gesunde, fühlende Männer zu werden. Dieses System braucht mich zwar als Psychotherapeutin, um die Mängel vorangegangener Generationen mit den Männern von heute zu betrauern. Es bietet aber keine existenzsichernden Grundlagen, die Erziehungszeit und Care-Arbeit (die nicht im dritten Lebensjahr endet) honorieren.“

Jeder dieser Beiträge – von denen hier nur ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben werden kann – trägt, begeistert und wirkt verbindend und empowernd. „Genug“ haben wurde auch als positive Botschaft verstanden: genug Mut, Wissen, Kreativität, Macht und Vertrauen haben – zum Beispiel für gesellschaftlichen Wandel, liebe- und respektvolle Erziehung, für Beziehungen auf Augenhöhe – egal ob im professionellen oder persönlichen Kontext.

„Wenn sie dir keinen Platz am Tisch geben, bring einen Klappstuhl mit.“

Dabei ist die Idee, den Aktionstag zu genießen. Die kreativen Protestformen, können Räume eröffnen, in denen wir uns begegnen, austauschen und bestärken. Die Vorfreude ist spürbar und elektrisierend.

Zwischen 12 und 14 Uhr laden Leipziger Frauen* zum Klappstuhl-Sit-in mit Picknick auf dem Marktplatz ein. Um es mit Shirley Chisholm, der ersten afroamerikanischen Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus, zu sagen: „Wenn sie dir keinen Platz am Tisch geben, bring einen Klappstuhl mit.“ Wir werden es ihr gleichtun. Das Sit-in versteht sich nicht nur als Symbol für fehlende Plätze an gesellschaftlichen Entscheidungstischen. Es entwirft zugleich ein bewusstes Gegenbild: Miteinander picknicken statt konkurrieren, teilen statt ausbeuten, ins Gespräch kommen statt zu beurteilen und polarisieren. „Wir sehen uns, denn wir sind viele, die genug haben“, heißt es in der Pressemitteilung.

Ab 14 Uhr können Teilnehmer*innen und Passant*innen auf dem Augustusplatz vor dem Paulinum das „Patriarchat bestreiken“ und ihr persönliches „GENUG!“ auf den Boden malen – und damit Raum für Frauen*, ihre Anliegen und Werte einnehmen. Installationen der Gruppe „Feminist Rebellion“ sollen Denkanstöße liefern und Institutionen hinterfragen, die als Ausdruck patriarchaler Strukturen verstanden werden.

Der Streiktag versteht sich nicht als Kampf zwischen Geschlechtern, sondern als Kritik an gesellschaftlichen Unterdrückungssystemen. Patriarchale Strukturen betreffen nicht nur FLINTA* – auch Männer leiden unter normativen Rollenerwartungen, sozialem Druck und emotionalen Einschränkungen. Problematisch wird diese gesellschaftliche Gemengelage dort, wo Schuld- und Schamgefühle mit Abwertung, Dominanzstreben und einem Abspalten von Gefühlen zusammentreffen.

Dann erscheinen entmenschlichende Gefühlskälte und Gewalt über individuelle Ausnahmen hinaus, sogar als Ausdruck stabiler sozialer Muster. Das zeigt sich nicht nur in globalen Machtmissbrauchs-Skandalen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik mit Trump, Putin, Epstein & Co., sondern auch im lokalen Nachrichtengeschehen und in Alltagserfahrungen vieler FLINTA-Personen: in politischen Inszenierungen von Überlegenheit, in systemischer Gewalt – und in der wachsenden Zahl von Femiziden, wenn (Ex-)Partner Frauen töten.

Vorbild für den Protest bleibt der historische Frauenstreik der Isländerinnen von 1975, der das öffentliche Leben zum Stillstand brachte und gesellschaftliche Veränderungen anstieß. Heute übernehmen Frauen dort 63,6 Prozent der Parlamentssitze und besetzen auch außerhalb der Politik Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Forschung. Seit 2009 befindet sich die Insel durchgehend an der Spitze internationaler Gleichstellungsrankings. Eine Erinnerung daran, dass kollektiver Protest nicht nur Missstände benennt, sondern neue Bilder von Zusammenleben entwerfen und zu einer Transformation beitragen kann.

So entsteht ein Protestverständnis, das Wut, Schmerz und Lebensfreude nicht als Gegensätze begreift: laut, sichtbar, unbequem sein – und dennoch den Tag miteinander genießen. Die Initiative nennt den Aktionstag zwar einen Streik, meint jedoch keinen Streik im tarifrechtlichen Sinn. Die geplante Arbeitsniederlegung sei „kein Arbeitskampf“, so heißt es auf der Website von „Enough! Genug!“, sondern eine politische und gesellschaftliche Protestform. Einzelpersonen sind daher nicht durch das Streikrecht geschützt und müssen selbst entscheiden, ob sie eine Freistellung beantragen, Urlaub einreichen oder lediglich ihre Mittagspause verlängern.

Der 9. März 2026 soll damit weniger ein einzelner Protesttag sein als ein globales Signal: für Gleichberechtigung, Wertschätzung und strukturellen Wandel.

*Das Sternchen steht für FLINTA (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen). Feminismus, der abwertet oder ausschließt, ist keiner.

[i] Expertin in der Auseinandersetzung mit Unterdrückungsmechanismen für eine gesellschaftliche Transformation durch radikale Fürsorge.

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