Nur 56 von insgesamt über 3.000 Leipziger Straßen und Plätzen sind nach Frauen benannt. In der Südvorstadt gibt es keine einzige. Das soll sich ändern, fand der Stadtbezirksbeirat Süd und schrieb gleich einen Antrag, fünf wichtige Leipziger Frauen zu würdigen, wenn im neuen Wohngebiet am Bayerischen Bahnhof Straßen benannt werden sollen. Dafür warb am 25. Februar in der Ratsversammlung Leonie Hain.

Sie ist Mitglied des Stadtbezirksbeirats Süd für die Linkspartei. Doch auch aus der SPD gab es an diesem Tag Fürsprache für die Vorschlagsliste aus dem Stadtbezirksbeirat. SPD-Stadtrat Marius Wittwer begrüßte den Antrag ausdrücklich. Denn einige der Benennungen sollen Frauen würdigen, die für die SPD in Leipzig einmal eine wichtige Rolle spielten.

Der Stadtbezirksbeirat Süd hat seine Vorschläge sehr ausführlich begründet: „Durch den B-Plan ‚Bayrischer Platz‘ wird mindestens eine Straße (eine Hauptstraße und Nebenstraßen) im Leipziger Süden entstehen. In Leipzig mangelt es an Straßen, die nach Frauen benannt sind. Der Verein Stadt.Raum.Gestalten e.V. hat im Jahr 2022 eine Analyse der Leipziger Straßennamen durchgeführt.

Sie kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass von den 3161 benannten Straßen in Leipzig lediglich 56 davon zu Ehren einer real existierenden und historisch prominenten Frau gewidmet waren. Gerade in der Südvorstadt gibt es keine einzige Straße, welche nach einer Frau benannt ist. Die neu entstehenden Straßen im B-Plan ‚Bayrischer Platz‘ stellen eine Möglichkeit dar, die Diversität der Stadt ein Stück mehr zu würdigen.

Gemäß § 5 Absatz 4 SächsGemO ist die Benennung von Straßen und Wegen Angelegenheit der Stadt Leipzig. Für die Benennung der entstehenden Straßen möchte der Stadtbezirksbeirat Süd fünf Vorschläge für Frauen in der Geschichte Leipzigs unterbreiten:

Ingeborg Krabbe Schauspielerin, Mitbegründerin der Leipziger Pfeffermühle

Paula Kathinka Duncker (geborene Doell) Die Sozialistin und Pädagogin Käte Duncker setzte sich für bessere Bildungschancen und Lebensbedingungen vor allem der sozial benachteiligten proletarischen Kinder, Jugendlichen und Frauen ein. Sie war neben Clara Zetkin eine der Mitinitiatorinnen des Internationalen Frauentags, aktive Kriegsgegnerin, Mitglied der Spartakusgruppe, KPD-Gründungsmitglied und saß für die Fraktion ihrer Partei von 1921 bis 1923 im Thüringer Landtag. Anmerkung: Eine Straße ist nach ihrem Mann benannt. Bisher ist keine Straße nach ihr benannt.

Dr. jur. Felicia Hart (geborene Schulsinger) Felicia Hart war die erste und auch einzige Anwältin jüdischen Glaubens in Leipzig vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Johanna Caroline Julie Bebel (geborene Otto) Durch ihre Ehe mit August Bebel wurde aus der Leipziger Arbeiterin Julie Otto eine politisch aktive Frau. Während der häufigen Abwesenheit ihres Mannes durch Haft oder Reisen agierte sie als selbstbewusste Geschäftsfrau. Sie trat engagiert für die Sozialdemokratie ein und war unter dem “Sozialistengesetz” zeitweise deren “Sekretariat”. Anmerkung: Das Leipziger Gedenken bezieht sich derzeit nur auf August Bebel

Dr. Hildegard Pauline Sidonie Heyne Dr. Hildegard Heyne war ab 01.04.1921 als erste Frau Kustodin und 1922/1924 Leiterin der Graphischen Sammlung im Museum der bildenden Künste (MdbK) und richtungsweisend für die Leipziger Kunstpflege. Ihre Ausstellungen, Publikationen und populärwissenschaftlichen Vorträge verstand sie als Bildungsauftrag für die Leipziger Bevölkerung.“

Jahrhundertelang „vergessen“ und verdrängt

Leonie Hain ging in ihrer Rede auch darauf ein, warum das Missverhältnis zwischen nach Männern und nach Frauen benannten Straßen in Leipzig so groß ist. Denn es hat direkt mit der jahrhundertelangen Benachteiligung der Frau zu tun. Jedes einzelne Bürgerrecht mussten sich Frauen in den vergangenen 150 Jahren erkämpfen. Dabei spielte auch die Frauenbewegung eine zentrale Rolle, woran Linke-Stadträtin Beate Ehms am 25. Februar erinnerte.

Denn Leipzig war im späten 19. Jahrhundert die Hauptstadt der deutschen Frauenbewegung. Und trotzdem hielt sich die Stadt auch im 20. Jahrhundert sichtlich zurück, Straßen nach Frauen zu benennen. In den Köpfen kam die Gleichberechtigung der Frauen erst ganz, ganz langsam an. Tatsächlich zeigten sich die „Stadtväter“ bis vor wenigen Jahren geradezu unfähig, die Verdienste von Frauen überhaupt zu sehen. Bis heute ist man bei der Wahrnehmung besonderer Leistungen (und der Besetzung von Spitzenposten) zuallererst auf Männer fixiert,

Und das ist wichtig zu wissen, wie Leonie Hain betonte. Denn wenn nichts auf die herausragenden Frauen aufmerksam macht, dann sieht man sie einfach nicht. Dann sind sie auch im Stadtgedächtnis einfach nicht präsent.

Erst mal in die AG Straßenbenennung

Einfach so aus der Hüfte kann natürlich der Stadtrat keine Straßenbenennung vornehmen. So ein Anliegen muss seinen regulären Gang durch die AG Straßenbenennungen machen, die dann ganz konkrete Straßennamen nach Prüfung in einer besonderen Vorlage definiert.

Genau das schlug die Verwaltung dann auch in ihrem Verwaltungsstandpunkt vor – der gleichzeitig aber ausdrücklich begrüßte, dass hier markante Frauen vorgeschlagen wurden: „Wie im Antrag hervorgehoben wird, sind Frauennamen in Bezug auf die benannten Straßen und Plätze im Leipziger Stadtgebiet unterrepräsentiert.

In der Verwaltung und auch in der AG Straßenbenennung wurde sich bereits seit Längerem darauf verständigt, die Diversität der Leipziger Stadtgeschichte mehr und mehr hervorzuheben. Daher begrüßt die Verwaltung den Vorschlag des Stadtbezirksbeirats Süd und schlägt vor, den Antrag zur Beratung in die AG Straßenbenennung zu verweisen. Die Namensvorschläge des SBB Süd werden geprüft und ebenfalls in der AG Straßenbenennung beraten.“

Der Verwaltungsstandpunkt bekam – bei 13 Enthaltungen – die nötige Mehrheit. Und jetzt kann man gespannt sein, ob die vorgeschlagenen Namen tatsächlich auftauchen, wenn die Namensvorschläge für das Gebiet am Bayerischen Bahnhof konkret werden.

Nur einer hat sich an dem Tag ein wenig geärgert: Thomas Kumbernuß (Die PARTEI), der daran erinnerte, dass es ihm 2020 in einem Husarenritt gelungen war, kurzzeitig die Umbenennung der Arndtstraße in der Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße durchzusetzen. Was dann  damals schon wenig später vom Stadtrat wieder zurückgenommen wurde, weil einige Bürger auf die Barrikaden gegangen waren.

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