Von dem Haus, in dem die 19-jährige Engländerin Ethel Smyth im fernen Jahr 1877 Unterkunft fand, steht heute nichts mehr. Nur im Adressbuch findet man noch die Namen der damaligen Besitzer der Häuser in der Salomonstraße: Reclam, Volckmar, Dürr. Berühmte Verleger und Druckereibesitzer. Die junge Dame, die da zum Kompositionsstudium am Leipziger Konservatorium angereist war, lebte hier zur Untermiete. Aber ein Brief an die Daheimgebliebenen sagt alles zu ihrer Ankunft: „Leipzig!! Here I am!!“

So steht es auch auf der Erinnerungstafel, die die Leipziger Künstlerin Ina Henkel-Graneist gestaltet hat – farbig, lebendig. Das ist nicht nur eine Erinnerungstafel geworden. Das ist ein Signal. Zumindest an die Spaziergänger, die hier vorüberkommen.

Mehr oder weniger zufällig. Denn ein Blick auf die Leipziger Notenspur zeigt: Ethel Smyth (1858–1944) kommt da gar nicht vor. Sie wurde einfach vergessen. Was natürlich verblüfft, wo sie doch mit den anderen dort erwähnten Berühmten – von Tsachaikowsky bis Brahms – bestens bekannt war.

Die unsichtbar gemachten Frauen

Aber Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke hat recht: Die Überraschung ist groß, wie viele berühmte Frauen man in Leipzig findet, wenn man erst einmal anfängt, nach ihnen zu suchen. Die Erinnerungsgalerie ist gefüllt mit berühmten Männern. Die Frauen sieht man nicht.

Und sie werden jetzt erst nach und nach tatsächlich gewürdigt. Ein Startpunkt für diese Suche war das große Jubiläumsjahr CLARA19 2019, als Leipzig das ganze Jahr dem 200. Geburtstag von Clara Schumann widmete, mit der Ethel Smyth natürlich auch bekannt war.

Aber ein Jahr zuvor brachte die Dirigentin Eva Meitner mit ihrem Frauenorchester auf der Bühne des Lichtfestes auch schon Stücke von Ethel Smyth zu Gehör. Ja, das war das Jahr, als die angegrauten Medien der Stadt lieber einen Skandal über die auf der Leinwand zu sehenden Filmschnipsel (die tanzenden Honeckers) lostraten. Der Intendant des Lichtfestes musste gehen. Die Frauen verschwanden wieder in der Unsichtbarkeit.

Es sind immer wieder die alten Rezepte, nach denen Männer für Aufmerksamkeit sorgen.

Und so war es regelrecht angenehm, dass am Donnerstag, 28. Juli, 11 Uhr bei schönstem Sonnenschein fast nur Frauen zum Termin in die Salomonstraße kamen, die meisten vom Zonta Club Leipzig, einige Männer, die sich auch für Frauenthemen engagieren. Aber schön in der Minderheit. Das tut gut. Da wird es nicht so streng, stocksteif und eitel.

Sondern lustig. So wie auf dem Foto, auf dem Silvia Tolkmitt, die Präsidentin des Zonta Clubs Leipzig Elster, Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke und die deutsch-französische Dirigentin Eva Meitner sichtlich ihren Spaß haben beim Herunterzupfen des Tuches, das bis dahin die von der Grafikerin Ina Henkel-Graneist gestaltete Tafel verhüllte.

Wann inszeniert Leipzig wieder Ethal Smyth’ Opern?

Vorher konnten alle hören, was für emotionale Musik Ethel Smyth komponierte. Denn das demonstrierte Brunhild Fischer hingebungsvoll mit ihrer Querflöte. Und welche Bedeutung Ethel Smyth auch für Leipzig hatte, erzählten dann Skadi Jennicke und Eva Meitner.

Brunhild Fischer spielte Stücke von Ethel Smyth. Foto: Ralf Julke
Brunhild Fischer spielte Stücke von Ethel Smyth. Foto: Ralf Julke

Auch der Tag stimmte, denn es war auch ein 28. Juli, als die 19-jährige Ethel Smyth in Leipzig eintraf. Nach Leipzig kam sie, weil das Konservatorium das erste in Europa war, das auch Frauen zum Kompositionsstudium zuließ. In einer Zeit, wo die Herren der Schöpfung in der Regel noch mit ziemlich viel Verachtung auf musizierende Frauen im Allgemeinen und Komponistinnen im Besonderen herabschauten.

Weshalb wir Clara Schumann fast nur als geliebte Frau an der Seite ihres Roberts kennen und vielleicht noch als berühmte Pianistin. Dass sie aber genauso gut komponiert hat wie ihr Mann, wissen nur die Fachleute.

Und so ähnlich ist es auch mit den Kompositionen von Ethel Smyth, die immerhin sechs Opern schrieb, die allesamt zu ihren Lebzeiten auch aufgeführt wurden, 1906 in Leipzig auch ihre berühmteste Oper: „The Wreckers“.

„Mit der Einweihung der Gedenktafel für Ethel Smyth wird die Erinnerung an das Wirken einer bedeutenden Frauenpersönlichkeit, die in Leipzig wichtige Lebensjahre verbracht hat, im öffentlichen Stadtraum präsent. Sie war eine aktive und mutige Frau. So engagierte sie sich in England für das Wahlrecht von Frauen.

Ihre eigene Karriere verfolgte sie konsequent und ist heute wohl die bekannteste englische Komponistin unserer Zeit. So freue ich mich sehr, dass die Stadt Leipzig gemeinsam mit dem Zonta Club Leipzig Elster die Wertschätzung für Ethel Smyth mit der Gedenktafel sichtbar unterstreicht“, lässt sich Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke zitieren.

Das sagte sie natürlich am Donnerstag viel lockerer. Auch die Spickzettel brauchte sie nicht. Denn Ethel Smyth ist keine Unbekannte mehr, wie das bis 2018 noch war. Inzwischen steht die Ouvertüre von „The Wreckers“ auch wieder im Programm des Gewandhausorchesters, auch wenn sich Eva Meitner zu Recht wünscht, dass auch die Opern von Ethel Smyth wieder in Leipzig aufgeführt werden. Allein schon der faszinierenden Musik wegen.

Ethel Smyth in Leipzig

Vor 145 Jahren kam Ethel Smyth nach Leipzig, um sich hier am Konservatorium ausbilden zu lassen. Sie widersetzte sich schon damals bürgerlichen Konventionen und verfolgte konsequent das Ziel, im internationalen Musikbetrieb als Komponistin anerkannt zu werden.

Sie engagierte sich für das Frauenwahlrecht in ihrer Heimat und kämpfte immer wieder gegen Ressentiments: „Ich möchte, dass Frauen sich großen und schwierigen Aufgaben zuwenden. Sie sollen nicht dauernd an der Küste herumlungern, aus Angst davor in See zu stechen. Ich habe weder Angst noch bin ich hilfsbedürftig; auf meine Art bin ich eine Entdeckerin, die fest an die Vorteile dieser Pionierarbeit glaubt“, schrieb sie 1940.

March of the Women (Ethel Smyth) mit dem Glasgow University Chapel Choir

Während ihres Aufenthaltes in Leipzig (1877–1881) war sie Teil der hiesigen Musikszene. Ihre Oper „The Wreckers“ wurde am 11. November 1906 in Leipzig uraufgeführt und gilt bis heute als ihr wichtigstes Bühnenwerk. Zu Unrecht vergessen, erhielt Ethel Smyth 2021 postum einen Grammy für ihre Sinfonie „The Prison“.

Wobei dieses „zu Unrecht vergessen“ eher für Leipzig und Deutschland gilt. Denn es gibt noch einen Bezug, der die englische Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin mit Leipzig verbindet. Denn Leipzig war zu ihrer Studienzeit das Zentrum der deutschen Frauenbewegung.

1865 war hier der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegründet worden. Smyth hat sich später in der englischen Suffgragettenbewegung engagiert, saß für ihren Einsatz für das Frauenwahlrecht auch zwei Monate im Gefängnis. Und natürlich erzählt auch Eva Meitner mit Begeisterung davon, wie die inhaftierten Frauen im Gefängnis im Hof herummarschierten und die Hymne der englischen Frauenbewegung sangen – das von Ethel Smyth komponierte „March of the Women“.

Die Szene erzählt ja auch Volker Hagedorn in seiner großen europäischen Musikerzählung „Flammen“, in der wir neben vielen anderen berühmten Komponisten der musikalischen Moderne eben auch Ethel Smyth begegnen.

Nein, vergessen ist sie nicht. Auch wenn das Schönste an diesem sonnigen Donnerstag doch nicht passierte: Dass die anwesenden Frauen vom Zonta Club gemeinsam den „March of the Women“ singen. Das gab es dann doch vor allem aus der Konserve, aber furios begleitet von Brunhild Fischer auf der Querflöte. Und natürlich passte es trotzdem.

Initiator und Förderer der Gedenktafel war ja sowieso der Zonta Club Leipzig Elster. Und das passte natürlich in das Haus- und Gedenktafelprogramm, mit dem die Stadt Leipzig Persönlichkeiten würdigt, die mit ihrem herausragenden Wirken in besonderer Weise mit Leipzig verbunden sind.

Neben der Erinnerung an die Einzelpersonen ist auch die Sichtbarmachung der Vorbildwirkung von großen Leistungen und Engagements für die Gesellschaft wichtig.  Ein nicht ganz unwichtiges Wort: Sichtbarmachen.

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