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Beim Lichtfest 2018 zeigten Eva Meitner und das Freie Orchester Leipzig, was Frauen können, wenn sie dürfen

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    Tja, wie war’s? Was werde ich sagen können, wenn mal einer fragt? Zumindest werde ich sagen können: Das Lichtfest Nr. 10 war schön. Anders schön als die anderen. Und Überraschungen hielt es auch bereit. Und vielleicht ändert sich ja was. Was anders war, wird deutlicher, wenn man die Meldung des LTM, der es organisiert, dazu liest.

    Es ist sowieso immer so, als würde die LTM GmbH jedes Jahr von einer völlig anderen Veranstaltung berichten. Und vielleicht ist das auch einer der Gründe dafür, dass etliche unter uns das dumme Gefühl haben, dass es doch nur eine Marketingveranstaltung ist.

    Die Zahlen klangen meist heftig übertrieben. Diesmal klingen sie untertrieben. Von 15.000 Besuchern schreibt die LTM. Mir kam es mehr vor. Vielleicht auch, weil wir dicht an dicht standen – und zwar weit vor der Bühne. Und die Erfahrung sagt nun mal: Wenn man so dicht auf dem Augustusplatz steht, dann sind wohl eher 30.000 da als nur 15.000.

    Wer zählt das jetzt nach?

    Mein Gefühl sagt 30.000. Viele unserer ausländischen Gäste darunter – jede Menge Spanier hinter mir (oder kamen sie aus Lateinamerika?), die das Geschehen vorn auf der Bühne emsig diskutierten. Immer wieder auch ein paar Jungspunde, die aus Nahost zu uns kamen und vielleicht etwas ganz Besonderes erwarteten – aber völlig ratlos und überfordert waren.

    Was ein kleines Problem der von Jürgen Meier inszenierten Collage offenkundig macht: Wer nicht weiß, was gerade erzählt wird und in welchen Kontext es gehört, ist überfordert. Oder findet keinen Zugang. Auch dann nicht, wenn Bilder aus den zerstörten Ländern des Nahen Ostens gezeigt werden. Übergangslos.

    Das Mittel der filmischen Collage nutzt Meier ja regelmäßig. Oft im Kontrast zum Gesprochenen. Er illustriert nicht, unterläuft damit aber auch Gewohnheiten und Erwartungen. Das ist anspruchsvoll, aber mein Gefühl sagt mir: Es überfordert auch. Wer dem unvorbereitet begegnet, der kommt bei den vielen Sprüngen nicht mit. Was auch daran liegt, dass Meier mehrere Geschichten zugleich versucht, in Bildern zu erzählen: Einmal die ganz große Geschichte, die diesmal geplant war: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland.

    Konterkariert mit einer Gegen-Geschichte: Frauenarbeit in der DDR, wirtschaftlich unbedingt nötig, dem Land hätten sonst die Arbeitskräfte gefehlt, andererseits auch begründeter Stolz der Frauen, die eben nicht nur als Mähdrescherfahrerinnen inszeniert wurden, sie fuhren diese Kombines tatsächlich. Und sind auch heute noch stolz darauf. Sie konnten alles werden in der DDR. Fast alles.

    Die Stimmen der fünf Schauspielerinnen am Rand der Bühne konterkarierten das an dieser Stelle deutlich. Denn in den Machtpositionen der DDR waren sie selten. Die Sprecherin sagte: „unerwünscht“. Was so nicht stimmt.

    Was aber daran liegt, dass die Schauspielerinnen keine künstlerischen Texte vortrugen, sondern Zitate aus Zeitzeuginneninterviews, die die LTM vor dem Lichtfest veranlasst hatte. Da hatte ich tatsächlich etwas anderes erwartet. Das gebe ich zu. Nicht solche plakativen Sätze. Wenn Zeitzeuginneninterviews nur auf solche eh schon bekannten Floskeln hinauslaufen, dann kann man sie auch sein lassen.

    Finde ich.

    Erst recht, wenn die Frauen, die das sagten, mit ihrem eigentlichen Leben dahinter verschwinden. Dass Männer sich nicht um Hausarbeit kümmerten – das stimmt für die ältere Generation. Die war ja noch anders sozialisiert. Die Generation der jungen Leute, die 1989 rebellierten, die lebte schon anders. So kenne ich das. Für die stimmt dieser Spruch schon lange nicht mehr.

    So wird Geschichte plattgemacht und plakativ. Schade. Es tat richtig weh. Auch weil diese farblosen Sprüche mitten in die musikalische Darbietung hineingebaut waren und sie immer wieder schrill unterbrachen.

    Und das tat erst richtig weh. Denn Eva Meitner mit ihrem Freien Orchester Leipzig, dem 24 Musikerinnen angehören, zeigte an diesem Abend, was für eine Power nicht nur in so einem reinen Frauenorchester steckt, sondern auch, was für grandiose Musik Frauen komponiert haben. Denn es waren ja Stücke von Fanny Hensel, Ethel Smyth, Amy Marcy Beach und Alice Mary Smith, die zu hören waren. Natürlich romantisches 19. Jahrhundert.

    Unüberhörbar, dass sie mit den größten Komponisten ihrer Zeit auf Augenhöhe waren. Allein diese Stücke ließen schon hören, was für eine Kraft in Frauen steckt – wenn sie sich einfach das Recht nehmen, es zu tun. Und Eva Meitner hat recht, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist. Sie war richtig überrascht, als sie die Archive durchforschte und merkte, wie viel geniale Musik von Frauen ungespielt ist, von den großen Häusern und Orchestern einfach gemieden wird, weil dort Mannsbilder meinen, dass halt nur Mannsbilder gespielt werden sollten – immer dieselben.

    So funktioniert Patriarchat. Eva Meitner hat es genial gezeigt. Allein diese Darbietung hat gezeigt, dass Frauen seit 200 Jahren zu Recht darum kämpfen, endlich gleichberechtigt zu werden.

    Was sie bis heute nicht sind. Dafür sorgt – wie uns die „Zeit“ jetzt sauber recherchiert erklärte – die „Hans-Bremse“. Die Hansel sorgen dafür, dass die Hansel befördert werden, auch wenn die weder die Erfahrung noch die Professionalität der Frauen haben, die den Job schon länger machen.

    Ich hätte mir da vorn auf der Bühne also auch eine deutlich wütendere Show vorstellen können.

    Weil es eben nicht „die DDR“ war, die Frauen benachteiligt hat. Oder die abgewirtschaftete Gesellschaft. Es waren immer die Hansels. Oder die Walters und Erichs – übrigens im Verein mit den Margots – die dafür gesorgt haben, dass nur brave, opportunistische Hansel in die verantwortlichen Positionen gehievt wurden – und werden.

    Sie sehen schon, man kommt gewaltig ins Grübeln. Auch aufgestachelt durch die plakativen Sprüche der Frauen, die wirklich schlecht und gefühllos ausgewählt wurden und oft wie eine weitere öffentliche Verdammung der DDR klangen – und erst am Ende die Kurve zur Gegenwart kriegten. Denn was damals unabgegolten war, blieb es bis heute.

    Was eben auch bedeutete, dass diese platten Sprüche auch immer die grandiose Stimmung der Musik störten. Kann Absicht gewesen sein. Aber wie erwähnt: Es war die zum ersten Mal so öffentlich gespielte Musik genialer Frauen.

    Und der Applaus am Ende zeigte, dass auch die Menschen im Publikum fast alle begeistert waren von dieser kraftvollen Darbietung. Dass starke Frauen Eindruck machen und uns begeistern. Und dass ihr langer, langer Kampf um Gleichberechtigung, der in den Videoschnipseln angedeutet wurde, uns noch immer bewegt und nicht zu Ende ist.

    Und der andere Kampf, der gegen die männlichen Duckmäuser und Maulhelden, der geht auch weiter. Es lag auch eine gewisse Dramatik über dem Abend, die in ihren kurzen Grußworten besonders Gesine Oltmanns und – man staune – Michael Kretschmer in Worte fassten.

    Gesine Oltmanns natürlich in einer sehr gefühlvollen Erinnerung an die Zeit vor dem 9. Oktober 1989, insbesondere an jenen 4. September, als sie mit Katrin Hattenhauer zusammen das berühmte Transparent „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ auf dem Nikolaikirchhof entrollte. Und genau darum ginge es auch heute wieder, sagte sie. (zum Video auf L-IZ.de)

    Sind es nicht schon wieder alte, weiße Männer, die alles zurückrollen wollen? Zurück in eine Zeit, in der alles überwacht wurde und Mauern ums Land standen?

    Und da überraschte eben Michael Kretschmer, der erstmals als Ministerpräsident Gast beim Lichtfest war und dann regelrecht emotional wurde. Und was zitiert die LTM aus seiner kurzen Ansprache? Das hier:

    „Auch der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Michael Kretschmer, zeigte sich beeindruckt von dem Bild, das sich ihm auf dem Augustusplatz bot: ‚Wenn man das das erste Mal sieht, ist man einigermaßen sprachlos‘. Auch er erinnerte an die Hoffnung von ‘89, den Wunsch etwas zu bewegen. ‚Junge Leute bekommen mit dem Lichtfest einen Moment, sich 89 bewusst zu machen. Sich bewusst zu machen, dass vieles vor 30 Jahren keine Selbstverständlichkeit war. Lassen Sie uns gemeinsam verteidigen, was erreicht worden ist und stolz darauf sein.‘“

    Als hätte er nur staatsmännisch ein paar Worte gesagt. Hat er aber nicht. Er wurde richtig emotional, erinnerte sich an sein Erleben aus dem Herbst 1989 – damals in Görlitz. Und er erinnerte daran, wie der Überwachungsstaat damals alles durchdrang. Übrigens auch die Presse.

    Und unter anderem wurde er auch sehr deutlich gegen die „Lügenpresse“-Schreihälse. Sorry: Schreihänse.

    Er ärgere sich zwar immer wieder über das, was er heute in vielen Medienberichten über sich und seine Arbeit lesen müsse. Aber das sei richtig so und etwas völlig anderes als damals, als in keiner Redaktion diskutiert wurde. Und er ging auch noch auf die jüngst auch von der L-IZ aufgegriffene Debatte um seine unglücklichen Worte zum Empfinden des Volkes und dessen Einfluss auf Gerichtsurteile ein. Im Gegenteil, betonte er jetzt: Auch die so schwer errungene Rechtsstaatlichkeit müsse mit allen Kräften verteidigt werden.

    Presse darf kritisch sein, muss sie sogar. Erst so entsteht der Dialog der Politik mit den Wählern. Eher nicht mit dem „Volk“, das einige Leute mit blassen Nasen und dicken Bäuchen jetzt wieder glauben zu sein.

    Was bleibt vom 9. Oktober 2018?

    So ein Gefühl, dass dieses Leipziger Lichtfest wirklich wichtig ist. Sogar in Schwaben, so Herta Däubler-Gmelin, die zuvor auch die Rede zur Demokratie in der Nikolaikirche gehalten hatte, schaue man staunend auf diese Leipziger Art, sich die wesentlichen Botschaften der Friedlichen Revolution immer wieder ins Bewusstsein zu holen. Samt der Tatsache, dass es sie zu verteidigen gilt.

    Das Freie Orchester Leipzig war einfach grandios. Da gilt es eigentlich weiterzumachen. Denn mit dem Schwerpunkt „100 Jahre Frauenwahlrecht“ hat das Lichtfest diesmal deutlicher als die neun Vorgänger gezeigt, dass überhaupt noch nichts erledigt ist, dass die Friedliche Revolution (genauso wie die Ereignisse von 1968 und 1918) nur ein Anfang war und viele Menschen eben noch lange nicht gleichberechtigt sind, geschweige denn emanzipiert.

    Die Hänse arbeiten ganz anders, als es sich „das Volk“ gern so vorstellt. Und sie sind immer schon da, wenn Frauen und andere nicht zum Netzwerk gehörende Menschen ihre Bewerbung abgeben. Und sie kennen alle Tricks, die warmen Sessel für Ihresgleichen zu sichern. Was am Ende jede Gesellschaft immer wieder an den Rand des Untergangs bringt, das muss auch noch erwähnt werden.

    Denn die Ruinen in den Filmclips wurden allesamt von Hänsen angerichtet, Kraftprotzen in Ämtern ihrer völligen Überforderung.

    Aber wer wüsste das besser als Frauen, die dann immer aufräumen müssen und wieder gutmachen, was die überforderten Hänse angerichtet haben?

    Video: Die Ansprachen auf dem Augustusplatz beim Leipziger Lichtfest 2018

    Video & Mitschrift: Die Nikolaikirch-Rede von Herta Däubler-Gmelin „Zur Demokratie“ 2018 beim Leipziger Lichtfest

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