VideoBevor es in jedem Jahr zum 9. Oktober einen mehr oder minder wichtigen kulturellen Beitrag auf der Bühne am Augustusplatz gibt, ist es geübte Sitte, dass einige Ansprachen gehalten werden. In diesem Jahr fand sich neben Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, Herta Däubler-Gmelin und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vor allem mit Gesine Oltmanns eine 89er Bürgerrechtlerin am Mikrofon ein, die sonst weniger im Rampenlicht steht. Während der ungewöhnlich volle Augustusplatz die Redebeiträge aller mit Beifall bedachte, gab es bei ihrer kurzen Rede Zwischenapplaus und begeisterte Rufe.

Gesine Oltmanns ist das, was man selten in dieser Welt aus dröhnenden Männern erlebt: eine ruhige, beharrliche Frau, lebensklug und immer wieder mutig, wenn es eben nicht mehr anders geht. Wenn sich mal wieder etwas erhebt, was nichts mit dem zu tun hat, was die ersten kleinen Zirkel, persönlichen Gesprächskreise und heimlichen Treffen in den Kirchen Leipzigs im letzten und wohl aufgrund des Murmelns und Handelns großartigsten Jahres der DDR wirklich wollten.

Freiheit: in der Rede, in der Bewegung der eigenen Gedanken und des Körpers ebenso, wie in der Gestaltung des endlich wieder privaten Lebens. In der DDR und heute. Kein Abducken mehr, wenn es an der Tür klingelt, keine Angst mehr vor dem, was man sagt oder sagen könnte, nicht am Telefon, nicht unter Kollegen, nicht beim Geflüster mit dem Partner. Überall war das Denunzinatentum zu Hause, ein ganzes Land, 17 Millionen Menschen wie unter einer Glocke aus Wispern, Militarisierung, Misstrauen und Revolte.

Vom Öffentlichkeitsdrang frei, den manche – oft eher sogenannte – Bürgerrechtlerinnen von 1989 begleitet, meldete sich die heutige Mitarbeiterin der Leipziger „Stiftung friedliche Revolution“ am 9. Oktober 2018 zu Wort. „Für ein offenes Land mit freien Menschen“, hieß es damals für sie und ihre Wegbegleiter und so heißt es noch heute.

So wird man im Gestern wie im Jetzt zum Gegner jeder Tyrannei und obrigkeitshörigen Denkens, ganz gleich welcher Färbung. Weil man am Ende nicht anders kann, als dann zu widerstehen, wenn sich meist mal wieder Männer daran machen, Menschen auszusondern, wegzudefinieren und für nicht „wertvoll“ zu erachten.

So wie es wohl Gesine Oltmanns auf einer Bühne geht: hier stehe ich, aber das muss jetzt gesagt werden, ging es auch damals und bis heute – ohne freie Rede ist das Wort nur ein Flüstern unter der Bettdecke. Sodass auch Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin am 9. Oktober 2018 attestieren musste: Was sie in 45 Minuten in der Nikolaikirche über Humanismus und gegenseitige Wertschätzung zu sagen hatte, ist Oltmanns in wenigen Minuten auf dem Augustusplatz auf ihre Art auch gelungen.

Vielleicht also nimmt der damals, 1989, gerade einmal 14, 15-jährige Mann Michael Kretschmar aus dem sächsischen Görlitz wegen Gesine Oltmann echten Mut mit zurück nach Dresden in die nächsten Entscheidungen. Mehr jedenfalls sollte es sein, als nur die Eindrücke eines überraschend übervollen Augustusplatzes. Vielleicht ein Eindruck von einer Stadt wie Leipzig, in der sich vor allem die Frauen auch zukünftig nicht beugen werden, wenn wieder – ganz gleich wer – versucht, den Menschen hier die Luft zum Atmen zu nehmen. Oder gar “die Kehle zuzuschnüren”.

Video – Die Ansprachen zum Lichtfest 2018 auf dem Augustusplatz Leipzig

Es sprechen, Burkhard Jung, Gesine Oltmanns, Michael Kretschmer und Herta Däubler-Gmelin. Video L-IZ.de, 12 Minuten, 145 MB.

Video & Mitschrift: Die Nikolaikirch-Rede von Herta Däubler-Gmelin „Zur Demokratie“ 2018 beim Leipziger Lichtfest

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