Im Mai jährt sich der Todestag des Pfarrers und Liederdichters Paul Gerhardt (1607–1676) zum 350. Mal. Das wird gefeiert, da darf man sicher sein. Nicht nur, weil er mit seinen Liedern zu den bekanntesten Dichtern des deutschen Barock gehört. Sondern auch, weil seine Lieder in den Kirchen noch immer gesungen werden. Sie sind, seit sie zu seinen Lebzeiten erstmals gedruckt wurden, nie aus den evangelischen Liederbüchern verschwunden.
Manche Titel sind geradezu zu Volksliedern geworden. Auch wenn Paul Gerhardts Werk im 19. Jahrhundert regelrecht wiederentdeckt werden musste. Seine Lieder waren oft nur noch verstümmelt abgedruckt.
Einem für modern geglaubten Zeitgeschmack angepasst. Und es gibt ganz sicher alte Texte, die man in ihrer ursprünglichen Stilistik heute nicht mehr lesen kann. Aber Paul Gerhardts Lieder gehören nicht dazu. Im Gegenteil. Sie bestechen durch einfache und klare Bilder, durch eine Beherrschung der Versform, ihre Melodik und damit ihre Singbarkeit.
Und sie sprechen ganz elementare Gefühle in den Menschen an, sodass sich nicht nur Gläubige in ihnen wiederfinden. Gerhardt hat da einen Nerv getroffen. Und das reizt natürlich heutige Autorinnen und Autoren, seinem Werk und seinem Leben nachzuspüren.
Mal sehr erzählerisch, wie das Fabian Vogt in „Meines Herzens Lust!“ getan hat. Oder als eine Lebensreise in 50 Blicken, wie es nun die Historikerin Claudia Wasow-Kania und der Professor für Kirchenmusik Konrad Klek in diesem Buch tun. Sie konnten mittlerweile auf über 100 Jahre Forschung zu Leben und Werk Paul Gerhardts zurückgreifen.
Sie müssen auch gar nicht betonen, dass er bis heute nicht vergessen ist. Im Gegenteil: Alle seine Wirkungsorte erinnern an ihn, manche haben eindrucksvolle Denkmäler aufgestellt und partizipieren natürlich wie Lübben und Mittenwalde von seinem Ruhm.
Wenn Toleranz nicht Toleranz bedeutet
Ein Ruhm, der Gerhardt auch schon in Berlin begleitete, wo er nach seiner Rückkehr aus Mittenwalde eine Pfarrstelle an der Nikolaikirche hatte. Und die Berliner hätten ihn wohl auch nicht gehen lassen, wäre da nicht der eigensinnige Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg gewesen, der mit seinen zwei Toleranzedikten die Lutheraner in seinem Land regelrecht vor den Kopf stieß und den Pfarrern einen Eid abverlangte, den prinzipientreue Lutheraner nicht geben konnten. Eine Gewissensfrage. Auch für Paul Gerhardt, der lieber auf die Pfarrstelle verzichtete als seinem Glauben abzuschwören.
Zur Toleranz gehört nun einmal auch, die anderen in ihrem Glauben zu tolerieren. So richtig viel mit dem, was wir heute Toleranz nennen, hatten die beiden Edikte des brandenburgischen Kurfürsten nicht zu tun, der selbst – wie seine Familie – dem reformierten Glauben angehörte und damit selbst den Riss erst herstellte, der seine lutherischen Landeskinder vom reformierten Fürstenhaus trennte. Und auch wenn er die widerborstigen Pfarrer nicht einsperren ließ, stellte er ihnen nur eine Wahl, die allein ein „gnädiger“ Kurfürst wirklich als Wahl bezeichnen konnte: Sie könnten ja das Land verlassen und anderswo um eine Anstellung nachfragen.
Das klingt auch aus heutiger Perspektive nicht gut. Auch wenn Paul Gerhardts Ruhm schon 1664 so groß war, dass selbst viele namhafte Berliner für seinen Verbleib an der Nikolaikirche stritten. Und dann auch mit ihren Namen die Gerhardt-Werkausgabe von Kantor Johann Georg Ebeling zeichneten.
Der Nerv der Zeit
Da war Gerhardt schon 57 Jahre alt, erst 1651 hatte er überhaupt erst seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde antreten können, die Grundlage dafür, dass er überhaupt endlich eine Familie ernähren und Anna Maria Berthold heiraten konnte, die er zuvor auf seiner Hauslehrerstelle in Berlin kennengelernt hatte. Da waren seine ersten Lieder bereits gedruckt und von Nikolaikantor Johann Crüger auch vertont worden.
Ein Glücksfall, wie Wasow-Kania und Lenk feststellen können. Manchmal braucht man so einen Förderer, der einem Mut macht, nicht aufzugeben. Und einem sagt, dass die Texte stark und gut sind. Und auch den Nerv der Zeit trafen. Denn ein Großteil von Gehardts Leben fiel ja mitten in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit all seinen Verheerungen.
Auch wenn er sogar Glück hatte und keine Belagerung selbst miterlebte und auch den großen Seuchen im Gefolge des Krieges ausweichen konnte. Was ja nicht bedeutet, dass er das Leid der Mitmenschen nicht nachempfinden konnte. Seine Lieder erzählen ja davon. Und von seiner tiefen Gläubigkeit. Denn wo sollte man Trost finden in solchen grausamen Zeiten?
Was ihn auch selbst betraf, war der frühe Tod von vier seiner Kinder und seiner Frau. Ganz elementare Lebensthemen, wie sie auch Johann Sebastian Bach später gestalten sollte, der einige von Gerhardts Texten in seine Kompositionen einbaute. Da berührten sich zwei, die sich im Leben nie kennengelernt hatten.
Auch auf diese musikalische Reflexion der Gerhardtschen Lieder gehen Wasow-Kania und Klek ein. Denn gerade hier merkt man, warum seine Lieder lebendig geblieben sind und bis heute gesungen und immer wieder neu interpretiert werden. Und selbst in die Literatur ist Paul Gehardt eingegangen – als Spender von Zitaten, die in Texten etwa bei Thomas Mann anklingen.
Oder gar selbst als Figur in Günter Grass’ „Das Treffen in Telgte“. Und damit auch Leser, die Gerhardts Werk bislang nicht kennen, den Zugang zu seinen Liedern finden, haben die beiden mehrere seiner bekanntesten Texte nicht nur im Buch abgedruckt, sondern auch ausführlich interpretiert.
Lieder, die Herzen öffnen
Und natürlich widmen sie all den Dingen, die Gerhardts Leben prägten, einzelne Kapitel – so wie dem Religionsstreit in Berlin, der sehr lebendigen Lutherischen Orthodoxie der Zeit und den Stationen seines Wirkens. Man kann ihm also folgen nach Gräfenhainichen, Grimma und Wittenberg, nach Berlin, Mittenwalde und Lübben.
Und man bekommt einen Eindruck davon, wie schwer es einem damaligen Theologiestudenten fallen konnte, überhaupt eine anständig bezahlte Pfarrstelle zu bekommen. Sodass natürlich die Frage im Raum steht: Waren es nicht auch seine Lieder, die ihm Türen öffneten? Lieder, die den Menschen, die sie sangen, das Herz erwärmten in einer Zeit, die ganz bestimmt keine ruhige und friedliche war.
In Gerhardts Testament für seinen Sohn wird die Zuversicht deutlich, die Paul Gerhardt wohl auch als Pfarrer von der Kanzel verbreiten konnte, auch wenn nur vier Leichenpredigten von ihm überdauert haben. Es ist trotzdem ein selten persönliches Dokument, das im Buch genauso zu finden ist wie die Reihe der Herausgeber, die sich ab dem 19. Jahrhundert bemühten, Paul Gerhardts Lieder wieder unverfälscht zugänglich zu machen.
Sodass diese 50 Blicke eben auch ein Weltverständnis sichtbar machen, das aus heutiger Sicht einerseits fremd wirkt, andererseits zutiefst vertraut. Weil im Zentrum der Lieder immer die Tragik und die Hoffnung des menschlichen Daseins auf Erden stehen.
Claudia Wasow-Kania, Konrad Klek „50 Blicke auf Paul Gerhardt“, Evengelische Verlagsanstalt, Leipzig 2026, 19 Euro.
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