Viele Leipziger kennen Franziska Wilhelm vor allem durch ihre Auftritte bei der Leipziger Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“. Doch sie beherrscht nicht nur die kleine Form der Literatur beim Slam oder in Magazin-Texten. Sie ist auch eine begnadete Romanautorin. Was noch zu beweisen war. Denn Romane kosten vor allem Zeit. Zeit, die man sich absparen muss vom sonstigen quirligen Leben. Da helfen Stipendien. Und manchmal auch ein paar Corona-Jahre, in denen Franziska Wilhelm diesen Roman zu schreiben begann, der seine Leser tatsächlich frösteln macht.

Aber aus anderen Gründen, als sie das Raumthermometer anzeigt. Denn es geht um einen Stoff, den nicht alle Menschen spüren. Manche einfach, weil es ihnen nie Probleme bereitet, mit anderen Menschen sofort Kontakte zu knüpfen. Manche, weil sie nie darüber nachgedacht haben.

Auch wenn es sie vielleicht betrifft, weil sie – wie die Mitglieder der Familie, in der Alma, die Protagonistin in dieser Geschichte, aufgewachsen ist – die Einsamkeit spüren, in die man gerät, wenn man mit einem Gehirn gesegnet ist, das mit dem gewöhnlichen Schulstoff völlig unterfordert ist und immerfort nach intellektuellen Herausforderungen sucht.

Das ist nicht nur Genialität. Es macht auch einsam. Sehr einsam, wie Alma erfahren muss, deren Mutter viel zu früh gestorben ist. Sie war der wärmende Teil ihrer Familie. Ihr Vater, ebenso ein erfolgreicher Wissenschaftler wie die anderen Mitglieder des „Kreises“, wie sie sich nennen, kann die Trauer nicht wirklich auffangen. Ohne die Mutter ist das Haus leer. Alma zieht aus, sucht in Leipzig einen Neuanfang in einer überheizten Wohnung, die ihr Vater für sie gekauft hat.

Denn sie hat nicht nur den Intellekt der Familie geerbt, sondern auch das Frösteln. Als wäre diese Empfindlichkeit der Preis für den überdurchschnittlichen Intellekt der Familie. Der aber – das erfährt man bald – ebenso mit emotionaler Kälte verquickt ist.

Almas Familienmitglieder können mit Empathie, wie es aussieht, nichts anfangen. Auch ihr Vater tut sich schwer, auch wenn er – nach Almas Weggang nach Leipzig – selbst den Ausbruch wagt, die Regeln der Familie hinterfragt, die von ihren Mitgliedern eigentlich nur kalte Rationalität und überdurchschnittliche wissenschaftliche Leistungen erwartet.

Die Einsamkeit begabter Kinder

Es ist eine Welt, die es so durchaus gibt. Die Alma aber so nicht teilen kann. Auch wenn sie selbst seit ihrer Kindheit darunter litt, dass sie sich in der Klasse ausgegrenzt fühlte, bewusst gemieden von den Mitschülern, die mit der kühlen und klugen Alma nichts anfangen konnten. Und wie es Franziska Wilhelm schildert, hat man so eine Ahnung, dass das ein wirkliches Problem ist in unserer Welt, unter dem viele begabte Kinder leiden.

Es wird zwar immer von einer „Leistungsgesellschaft“ geredet. Aber das war schon immer eine Lüge und meinte immer nur eine Gesellschaft der Ellenbogenmentalität.

Die Wahrheit ist: Begabte Kinder bleiben tatsächlich allein, wirken auf ihre normalen Altersgenossen eher verstörend. Eben auch kühl und verschlossen. Alma scheint das eher egal zu sein. Doch das ist es nicht. Das wird spätestens klar, als sie bei einer Schwimmstunde der Klasse in der Schwimmhalle mitsamt ihrem teuren, wärmenden Bademantel ins Wasser gestoßen wird und so gar nicht reagiert.

Es ist die elf Jahre ältere Rettungsschwimmerin Stephanie, die sie aus dem Wasser holt und ihr beim Aufwachen ins Gesicht sagt, dass sie darüber nachdenken sollte, ihr Leben zu ändern.

Und gleichzeitig erlebt Alma erstmals in ihrem Leben, dass es Menschen wie Stephanie gibt, die ihr tatsächlich Wärme vermitteln können. Franziska Wilhelm betont zwar gern, dass ihre Geschichten aus allerlei „verrückten Ideen“ geboren werden. Doch die Idee, die ihre Alma in diesem Buch lebendig werden lässt, ist nicht verrückt.

Auch wenn die meisten jungen Menschen, die so wie Alma ins Leben gestoßen werden, eher nicht aus einer Familie von lauter Genies und Wissenschaftlern stammen. Aber trotzdem ihre Probleme haben, die Außenseiterrolle zu durchbrechen und die Menschen zu finden, die ihnen tatsächlich Wärme geben können.

Das Rätsel menschlicher Beziehungen

So ist es letztlich Stephanie, die für Alma zum Auslöser wird, das einsam gewordene Elternhaus zu verlassen und nach Leipzig zu ziehen, wo sie ein Soziologie-Studium, beginnt. Nicht nur wegen Stephanie. Auch weil sie wissen will, warum ihre Familie so ist, wie sie ist. Und wie das mit den menschlichen Beziehungen funktioniert.

Denn das wissen auch die eher normalen Leute nicht. Auch wenn sie sich wohler fühlen damit, wenn sie das Leben einfach so nehmen, wie es ist. Während Alma alles analysiert, selbst bei Partys eher die Beobachterin ist, die das Verhalten ihrer Umgebung fortwährend reflektiert.

Es aber auch benennen kann, was da vor ihren Augen passiert. Und sie merkt bald, dass sie auf andere nicht immer abweisend wirkt, dass sie zu intensiven Kontakten tatsächlich in der Lage ist, auch wenn sie nicht weiß, in welcher Weise sie auf andere wirkt. Es könnte also eine einfach spannende Leipzig-Geschichte werden, in der Franziska Wilhelm ihre Heldin die Liebe, das Vertrauen und die Wärme entdecken lässt.

Aber da ist ja noch diese unterkühlte Familie, die so gar nicht damit umgehen kann, dass erst Almas Vater einfach so in die Berge verschwindet und alle Kontakte abbricht. Und dann nutzt auch noch Alma die Gelegenheit, nach Berkeley zu fliegen, wo die Familie einen Ferienbungalow besitzt, den Alma zu ihrem neuen Zuhause ummodeln lässt. Geld hat sie ja. Der später geäußerte Vorwurf, sie sei ein Upper-Class-Girl, stimmt ja.

Was so die beiläufige Frage aufwirft: Was machen da eigentlich Kinder aus den Malocherfamilien, die zwar ein kluges Gehirn mitbekommen haben, aber nicht das Geld für einen gesicherten Start ins Leben? Das wäre Stoff für eine andere verrückte Geschichte.

Die Tücken der reinen Rationalität

Auch in Berkeley findet Alma überraschenderweise Menschen, denen sie sich öffnen kann und die ihr helfen, die Einsamkeit im Bungalow zu überwinden. Selbst eine Assistenzstelle bei einer Soziologie-Professorin bekommt sie und nutzt diese ohne viel Nachdenken dazu, den Studierenden in deren Kurs zu helfen, ihre Paper in Ordnung zu bringen und gute Ergebnisse zu erzielen.

Einer dieser Studenten ist danach wie umgewandelt, hat all seine Unsicherheit abgelegt (und auch eine Nacht mit Alma verbracht) und löst nun eine regelrechte Kettenreaktion aus. Denn auf einmal gehen Gerüchte auf dem Campus um, ein intimer Kontakt mit der gerade einmal 18-Jährigen Alma würde gleichzeitig ihre intellektuelle Begabung übertragen. Samt dem Frösteln.

Was wählt man da? Natürlich … Und genau das schreckt Almas Familie erst recht auf, die jetzt beweist, wie falsch selbst geniale Wissenschaftler reagieren können, wenn sie ein Problem ganz allein rational und mit wissenschaftlicher Unterkühlung lösen wollen. Sie überschreiten Grenzen. Auch wenn Alma damit anfangs nicht umgehen kann und wie ihr Onkel Howard anfangs geneigt ist, jede Möglichkeit zur Flucht vor dieser Familie zu nutzen.

Was sie dann beinah in eine völlig aussichtslose Situation bringt, als ihr in Aix-en-Provence, ihrem selbstgewählten Fluchtort, alle Papiere gestohlen werden. Das Bargeld geht zur Neige. Wie lange hält sie das als frisch gebackene Clocharde aus?

Aber man ahnt schon: Es geht letztlich nicht um ein Ende mit Schrecken, wie es so viele Menschen erleben, die durch eine gnadenlos materialistische Welt aus ihrem Leben geschleudert werden. Es geht um Almas Beziehung zu sich selbst, ihre Gefühle und ihre Fähigkeit, sich zu wehren. Sich gegen die Kälte zu wehren. Und zwar nicht die normale Kälte da draußen, sondern die Kälte ihrer Familie.

Die rationale Kälte, die glaubt, alles, was rätselhaft ist, mit Experimenten und klinischen Untersuchungen klären zu können. Als ob menschliche Beziehungen einfach nur ein bisschen Chemie sind oder irgendein Fehler im Genom.

Die rationalen Abgründe einer kalten Gesellschaft

Und auch wenn es hier Almas seltsame Familie ist, die „Almas Problem“ mit rationaler Kälte glaubt angehen zu können, spürt man beim Lesen, dass es letztlich ein gesellschaftliches Problem ist: der geradezu irrationale Glaube daran, menschliche Beziehungen rational durchdeklinieren und nach Nützlichkeitserwägungen klassifizieren zu können.

Was die diversen Eliten in unserer Gesellschaft ja auch tun: emotionslos, rein auf Nutzen bedacht. Und oft so eiskalt, dass selbst Almas verrückte Familie dagegen sogar lebendig aussieht. Erst recht, wenn man dann auch noch Almas verrückten Onkel Howard kennenlernt.

Irgendwie kann es hilfreich sein, so eine Familie im Hintergrund zu haben. Aber Alma lernt so einiges auf ihrer Flucht, auch dass man sich wehren muss, wenn es darauf ankommt. Und dass man nicht nur eine Sehnsucht, sondern auch ein Recht darauf hat, die Inseln der Wärme zu suchen, an denen man sich als Mensch verstanden und geliebt fühlt. Auch samt einem Intellekt, der auf andere oft befremdlich wirkt. Eben weil er sich nicht ausknipsen lässt.

Und gleichzeitig ist es so eben auch eine Geschichte über ein nicht gewähltes Außenseitertum, mit dem Alma in Aix-en-Provence auch zu spielen lernt. Das Frösteln muss kein Lebensbegleiter bleiben. Und auch kein Grund, sich vor der irren Welt da draußen zu verschanzen. Eine Welt, die selbst genug Beziehungen und Orte kennt, in denen einen das Frösteln ankommt. Eigentlich sogar das richtige Frieren, wenn eisige Rationalität Menschen wie Ersatzteile einer Maschine behandelt, die wie geölt laufen muss.

Dieses ganz und gar „übliche“ Frösteln schwingt permanent mit. Und so dürften sich auch viele Leser gemeint fühlen, wenn sie mit Alma die Suche nach Wärme miterleben.

Franziska Wilhelm „Die Geschichte des Fröstelns“, Edition Überland, Leipzig 2026, 24 Euro.

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